Und ſiehe da, der General ſpielte dieſem Poſa gegenüber den Philipp; auch nicht mit einem Zucken der Wimper wies er das vermeſſene Wort zurück.
Befreit von den polizeilichen Beläſtigungen und wieder ein geſetzt in die bürgerlichen Rechte, ſo weit dieſe in Oeſterreich über⸗ haupt exiſtirten, führte Giskra bis zum Jahre 1861 ein zurück⸗ gezogenes Leben. Als jedoch das Regierungsſyſtem der Herren Bach und Kempen bei Solferino eine Niederlage erlitt, von welcher es ſich nicht mehr erholen ſollte, als die bedrängten Lenker des öſterreichiſchen Staates durch ſchüchterne Verſuche mit parlamenta⸗ riſchen Einrichtungen den. Zorn der Bevölkerung zu beſchwichti⸗ gen hofften, trat Giskra aus ſeiner Schreibſtube heraus, um ſich in das politiſche Treiben zu miſchen. Bei den Wahlen für die Landtage machte der Advocat zu Brünn ſeine Candidatur in einer hinreißenden Rede geltend, und erlangte die Mehrheit der Stimmen. Aus dem mähriſchen Landtage wurde er bald in den Reichsrath geſchickt, wo er eine hervorragende Stellung unter den Männern des Widerſtandes einnahm, die der politiſchen Lüge des Herrn von Schmerling, dem Vertrag mit Rom und ſonſtigen Verkehrt⸗ heiten entgegentraten.
Eine räthſelhafte und nur aus den traurigen Erfahrungen mit öſterreichiſchen Märzminiſtern erklärliche Erſcheinung iſt die, daß in der liberalen Partei ein gewiſſes Mißtrauen gegen Giskra bei aller Würdigung ſeiner Fähigkeiten niemals ganz zu beſiegen war. Aller Anerkennung der Verdienſte des begabten Mannes miſchte ſich ſtets die Beſorgniß bei, daß er gegebenen Falles die Rolle Bach's zu übernehmen ſich könnte bereit finden laſſen. Auf dieſen dunklen Argwohn beziehen ſich die Worte in der Candidaten⸗ Nede, welche Giskra den 22. März 1861 an die Wahlmänner zu Brünn gerichtet. Dieſe Worte lauten:
„Sie mögen es glauben, daß mich vor Niedrigkeit, vor Treubruch der Stolz in meiner Bruſt bewahrt.— Nur einen Stolz giebt es, der im Staate menſchenwürdig und der edel iſt, das iſt der Stolz des Bürgers und des Ehrenmannes, und dieſer iſt mein eigen und wird es bleiben, wenn auch Alles feil und niedrig würde; der ſoll die Bruſt mir ſchwellen, wenn auch Scheel⸗ ſucht und Verleumdung noch ärger an mir nagen; er wird mich
feſt und unerſchütterlich erhalten, wenn man auch mit Glanz und Ehren mich berücken wollte; er wird mir bleiben, ſo lange das deutſche Herz mir im Buſen ſchlägt, ſo lange bis ich das müde Haupt zur Ruhe neige.“
Bis jetzt, man muß es geſtehen, hat Giskra ſich von der freiheitlichen Richtung, wie er ſie nun einmal verſteht, durchaus nicht abbringen laſſen; es iſt eine Thatſache, daß Schmerling mit Verſuchungen aller Art an den Brünner Abgeordneten herange treten, daß aber die Verführungskünſte des Miniſters an der Ehrenhaftigkeit ſeines politiſchen Gegners geſcheitert ſind. Möglich wäre es wohl, daß die Geſchmeidigkeit des Benehmens, die Glätte der geſellſchaftlichen Formen den jetzigen Miniſter des Inneren in den Verdacht biegſamer Grundſätze gebracht habe; gewiß aber iſt es, daß dieſe weltmänniſche Gewandtheit Giskra's der Stadt Brünn während ihrer Beſetzung durch preußiſche Truppen von erheblichem Nutzen geweſen. Zu jener Zeit war Giskra Vorſteher der Ge⸗ meinde, und er wußte manchen Uebelſtand der ſchwierigen Lage zu beheben, manches Verdrießliche und Störende fern zu halten.
Dem König Wilhelm und ſeinem erſten Miniſter, dem Grafen Bismarck, gefiel der Verkehr mit dem Brünner Bürgermeiſter und ſie mochten gern ſich ihm freundlich erweiſen. Und ſo gelang es dieſem, ausgleichend zu wirken. Die Hauptſtadt iſt dafür dankbar und feiert ſeinen Namen. Giskra iſt in dieſem Augenblick ein populärer Mann, viele Städte, beſonders in Mähren, haben ihn zum Ehrenbürger ernannt; aber ſo populär, wie in Brünn, iſt der Miniſter wohl nirgends. Einiges Aufſehen hat es ſeiner Zeit gemacht, als Giskra zum Lohn für ſeine Verdienſte um das Wohl⸗ ergehen der Stadt Brünn den Franz⸗Joſeph⸗Orden erhielt und annahm. Die Freiſinnigen ſchrieen Zeter ob ſolcher Verlockung von der einen, ob ſolcher Weichmüthigkeit von der anderen Seite. Die Strengeren forderten von dem Freiheitsmann, daß er die monarchiſche Auszeichnung, daß er die„goldene Feſſel“ zurück⸗ weiſe. Der Bürgermeiſter war in der peinlichſten Verlegenheit. Er iſt nicht aus dem Stoffe eines Ludwig Uhland gemacht, um ſchlicht und gerade eine fürſtliche Huld zurückzuweiſen, wie es der ſchwäbiſche Dichter gethan, und doch fühlte er, daß ſeine Partei⸗ ſtellung, daß ſein Ruf eines unabhängigen Mannes durch das Bändchen an der Bruſt leiden werde. Durch eine glückliche Re⸗ densart half ſich der gewandte Mann aus der Klemme. Er er⸗ klärte angeſichts der civiliſirten Welt, daß er den Orden lediglich als eine Auszeichnung für die Stadt Brünn annehme, und— den verſchiedenſten Bedenklichkeiten war genug gethan.
Noch mehr Anſtoß als die Ordensverleihung erregte die Er⸗ nennung Giskra's zum Präſidenten der zweiten Kammer durch den Kaiſer. Der Abgeordnete war in Verzweiflung. Er hatte ſo eindringlich und ſo häufig für das Recht der Kammer ge⸗ ſprochen, ihren Vorſitzenden ſelbſt zu wählen, und nun ſoll er mit ſich ſelbſt und ſeiner bekannten Ueberzeugung in Widerſpruch eine Ernennung annehmen, deren Charakter er laut für unzuläſſig er⸗ klärt hatte. Und auf der anderen Seite war der Kaiſer, durch Herrn von Beuſt bewogen, ſo gnädig geweſen, zu dieſer Ernen⸗ nung ſich herbeizulaſſen; konnte da Dr. Giskra dieſe Huld Seiner Majeſtät zurückweiſen? Nimmermehr. Auch aus dieſer Bedrängniß wurde ein Ausweg gefunden. Nach einem Abkommen mit Baron Beuſt konnte Giskra ſeinen politiſchen Glaubensgenoſſen ſagen, er habe die Ernennung nur unter der Bedingung angenommen, daß ſpäter den geſetzgebenden Verſammlungen die Wahl ihrer Präſi⸗ denten überlaſſen bleiben werde. Unerbittliche verweigern freilich trotz der geſtellten Bedingung den Ablaß dem ehemaligen Präſi⸗ denten. Sie meinen, daß in Widerrechtliches auch nicht vorüber⸗ gehend gewilligt werden darf. Allein was wollen derlei Catonen mit den öſterreichiſchen Verhältniſſen anfangen?
Dr. Giskra iſt ein Kind ſeines Vaterlandes, dem er nach Kräften dient. Die Handhabung der Gewalt hat noch nicht nach⸗ theilig auf ſeinen Sinn und ſeine Denkweiſe gewirkt. Er iſt, wie er war, und wird, ſo hoffen wir, nicht nur das hartnäckige Mißtrauen einiger Kreiſe zu beſchämen wiſſen, ſondern in des ganzen Volkes Vertrauen ſich um ſo feſter ſetzen, je kräftiger er auf dem von ihm mit Entſchiedenheit betretenen Kampffelde gegen den Ultramontanismus vorgeht und die geſammte geiſtliche und weltliche Concordatsritterſchaft in Oeſterreich unter die Gewalt
des Geſetzes beugt.
Unter den verſchiedenen auffallenden Geſtalten, die dem Neu ling im Hinterwalde des amexikaniſchen Weſtens Fragen auf die Lippen drängen, wird ihm in Maryland und Pennſylvanien, in Ohio und Indiana und bis zum Miſſiſſippi namentlich die eines Bauern wunderſam vorkommen, der in ſeiner Tracht ein Gemiſch aus Vater Abraham, Goethe, wie er vor dem Schauſpielhaus in Weimar in Erz ſteht, und einem beliebigen transatlantiſchen Pflanzer iſt. Ein ſchwarzer Filzhut mit ungewöhnlich breiter, völlig flacher Krempe bedeckt den Kopf. Der Körper ſteckt in einem Frack mit Stehkragen, biberſchwanzförmigen Schößen und nur einer Knopfreihe, wie Urgroßvater ihn trug, als er Urgroßmuttern zur Frau nahm. Ueber die Bruſt fließt ein Patriarchenbart herab,
wunderliche heilige.
1. Deutſche Wiedertäufer im Hinterwalde.
und auch das Haupthaar ſcheint nur den Kamm, nicht die Scheere zu kennen. Im Winter hüllt ſich die ſonderbare Erſcheinung in einen ebenfalls alterthümlich geſchnittenen weißen Mantel.
Treten wir in die Wohnungen der eigenthümlich gekleideten Männer, ſo lernen wir in ihnen und den Ihrigen ein biederes, gaſtfreies Geſchlecht kennen, das meiſt in guten Verhältniſſen, bis⸗ weilen in der Fülle des Reichthums, ein harmloſes Leben lebt. Der Hausvater wird uns, ſobald die Rede auf Religion kommt, entweder auf Engliſch oder in jenem Gemiſch von Pfälzeriſch und Engliſch, welches man Pennſylvanier⸗Deutſch nennt, zu überzeugen ſuchen, daß wir zum Urchriſtenthum zurückkehren müſſen, daß man dabei den Weg nicht verfehlen kann, wenn man die Bibel in allen
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