Jahrgang 
43 (1868)
Seite
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fuhr er, gegen die Bäuerin gewendet, fort,Ihr wachet und betet,

daß Ihr nicht wieder in Verſuchung fallet, denn der böſe Geiſt geht herum in der Welt wie ein brüllender Leu und ſucht, wen er verſchlinge... Es war etwas Hochwichtiges, was ich euch mit⸗ theilen wollte, und weshalb ich Euch bat, mich hier zu erwarten aber andere Geſchäfte rufen mich, die Zeit iſt ſchon zu weit vorgeſchritten, ich will meine Mittheilung auf eine andere und beſſere Stunde verſchieben. Ich werde Euch demnächſt beſuchen

ich danke dem Himmel, daß es mir endlich gelungen iſt, ein Körn lein guten Samen in Euer Herz zu ſtreuen; aber noch droht das

Unkraut es zu überwuchern, das Körnlein bedarf der Obhut und

Pflege des Säemanns von allem Unkraut aber das ſchlimmſte und gefährlichſte iſt böſer Umgang, unheilige Geſellſchaft, wovor ich Euch früher ſchon gewarnt habe. Seid meiner Worte eingedenk!

Er ging; obwohl er mit Salbung und Feuer geſprochen, hatte er doch etwas an ſich gehalten; die Nähe des ungläubigen Malers laſtete auf ſeinem Redeſtrom wie ein unbequemer Dämpfer. Auch die Bäuerin wollte mit Tonerl hiuweg, die unbekümmert um das Geſpräch indeſſen zwiſchen den nächſten Grabhügeln dahin gewandert war und ſich von einer Wermuthſtaude ein ſilbergraues Blättchen pflückte, um es an ihr Mieder zu ſtecken, gleich als er kenne ſie in dem bitteren Kraut das Zeichen und die rechte Zier für ihr leidvolles Herz.

Komm', Tonerl! rief ihr die Mutter zu. haben uns ein biſſel zu kang verhalten, wir wollen den Weg am See hin machen! Es geht wohl eine Weil' ſtreng bergauf, aber es iſt doch eine halbe Stund' näher, und wir müſſen vreinbringen, was wir verſäumt haben.

Funkenhauſer⸗Bäuerin, noch ein Wort! rief ihr jetzt der Künſtler nach, der eben ſein Malgeräth zuſammenpackte.Ich habe nicht gewußt, daß es ſo bei Euch ſteht... da hat ſich ja Manches, wie es ſcheint, ſehr geändert, ſeit ich im vorigen Som mer mit dem frommen Herrn bei Euch auf dem Funkenhauſer hofe zuſammentraf. Wenn ich auch elwas in der Ferne ſaß, ſo habe ich doch gehört, wie und was Ihr damals mit ihm geredet habt, und ich hätte nicht geglaubt, Euch heute ſo wieder zu finden.

Es müſſen Euch ja merkwürdige Dinge zugeſtoßen ſein! Aber immerhin, ich will Euch nichts einreden; bleibt bei den Gedanken und Empfindungen, die Euch bisher glücklich gemacht haben! Das Einzige aber muß ich Euch ſagen: Wenn Ihr Euch vielleicht doch beſinnen und mich als Miethsmann auf einige Wochen auf nehmen wolltet, ſo will ich es lieber offen geſtehen: Wenn der Herr da oft in Euer Haus kommt, dann bleib ich lieber draußen.

Na, na, es iſt ſo arg net, als der Herr vielleicht glaubt, ſagte die Bäuerin kopfſchüttelnd und mit leichtem Lächeln.Daß die Mannerleut', wenn ſ' nur z'ſammkommen, gar ſo gern ſtrei⸗ ten! Mein Seliger iſt g'rad auch ſo g'weſen, und der Herr Cooperator, das is Einer von den gar Scharfen! Ich mag aber von all' der Streiterei net viel wiſſen, und doch im vorigen Jahr, wie er mir g'ſagt hat, ich ſoll die Preußen, die lutt'riſchen Leut' net in's Haus nehmen, wennn ich ihm da gffolgt hätt', hätt' ich mir viel Kreuz und Kummer erſpart! Der arme Narr, von dem nichts mehr übrig iſt, als die Tafel dorten an der Wand, der lebet' vielleicht heut; noch, und auf dem Funkenhauſerhof thät; eine luſtige, rüſtige Frau herumgeh'n, ſtatt dem Mad'l dort, das den Kopf hängen laßt, wie ein Heuwl, das den Zipf hat! ſſ

Wir

D

Wiſſen S', Herr Maler, der Weg geht am Funkenhauſerhof vorbei; wer einkehren will, kriegt ein freundliches Geſicht g ob's nachher der Herr Cooperator iſt oder ob Sie's ſind, Herr Maler die alte Funkenhauſerin behalt' ſchon ihren Kopf und laßt ſich keinen neuen mehr aufſetzen! Und ſo b'hüt' Gott und nix für unguet, Herr!

Sie trennten ſich. Der Maler ſchritt dem Wirthshauſe zu, wohl um ſich nach einem Mittagsmahle umzuſehen; das Paar wanderte den Steig zum See hinab, an deſſen jenſeitigem Ufer, von einer ſchönen, hochgelegenen Berghalde, der Funkenhauſerhof ſo ſtattlich herabſah, daß ihm nur Thurm und Zinnen fehlten, um für ein Schlößlein oder eine Ritterburg zu gelten. Der an⸗ muthige Weg zog ſich erſt durch etwas feuchte Wieſen und Aenger dahin, auf welchen zu beiden Seiten die Schmalzblume ihre hoch⸗ elben Rundkelche ſchaukelte, das Vergißmeinnicht ſeine blauen,

fünfſternigen Blüthen verſchüttet zu haben ſchien, und die Wieſen hyaeinthe ihre braunrothen Dolden zwiſchen einzelnen, ſtarren

und einen Grüßgott,

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Schachtelhalmen oder den glänzenden Rundblättern des Cyclamen emporſtreckte. Am Wege hin zog ſich dichtes Gebüſch von Haſel, Schlehdorn und Weinſchörl, die ihre Träubchen und rauhen Bart kätzchen wie ſpielend zu den Schmeelen und Taubneſſeln nieder⸗ ſenkten, mit denen der Wegrain bewachſen war. Hart daneben ſpielte der See mit leiſe plätſcherndem Anſchlag auf die Kieſel, und wiegte auf der ſeichten Uferfluth eine weiße Waſſerroſe mit ſaftigem Stengel und den breiten Blättern, welche um dieſelbe herumſchwammen, wie aufmerkſame, dienſtbefliſſene Diener um ihre fürſtliche Gebieterin. Unweit davon ſtand eine Gruppe ſchöner Edeleſchen, die auf dem feuchten Grunde beſonders gediehen und ihre gefiederten Blattbüſchel zu einer dichten Krone zuſammen⸗ bauſchten, ſo daß die goldglänzenden Stämme wie Säulen aus⸗ ſahen und eine kleine, ſcheinbar künſtlich angelegte Baumrotunde mit faſt undurchdringlichem grünem Schattendach bildeten. Unter derſelben war eine ſchlichte Sitzbank angebracht, zum Ausruhen wie zur bewundernden Umſchau, denn es waren wenige Plätze am ganzen Geſtade, die einen ſchöneren Ueberblick über den See ge⸗ währten. Hier lag an der linken Seite hin das Dorf mit Häuſern und Bäumen, Dächern und Thurm in anmuthiger Einbuchtung; rechts gegenüber ſprang der unten bewaldete Berg mit dem Funken⸗ hauſerhofe kräftig und wie gebieteriſch in einem ſchönen Vorhügel empor; in der Mitte aber, über den Waſſerſpiegel hin, war das ganze Bild von einem breiten, majeſtätiſchen Felsgebirge abge⸗ ſchloſſen. Das Gebüſch am Wege und die mancherlei Krümmungen deſſelben verbargen das heimliche Plätzchen, daß es der Wanderer nicht eher gewahr ward, bis er in den Schatten ſelber trat und beinahe unmittelbar vor der Ruhebank ſtand.

Es war nur eine kurze Strecke Weges, welche Mutter und Tochter bis zum Eſchenbühl zu wandern hatten, und dennoch brauchten ſie geraume Zeit, denſelben zurückzulegen; was ſie ein⸗ ander zu ſagen hatten, war nicht viel, aber gewichtig genug, um ſie immer wieder zum Verweilen zu veranlaſſen.

Glaubſt Du, daß ich ſchier errathen kann, ſagte die Bäuerin, was der Cooperator uns hat ſagen wollen?

Ich glaub', ich kann's auch, Mutter, nickte Tonerl entgegen. Da iſt die Lieſ, die Tochter von dem armen Maier Haus Du kennſt ſie ja. Die iſt mein' Cameradin g'weſen, wie wir mitein⸗ ander in die Schul''gangen ſind. Seitdem ſind wir aber aus⸗ einander'kommen und haben keine zehn Wort' mehr miteinander g'ſprochen. Ich bin daheim; ſie iſt im Pfarrhof im Dienſt. Der geiſtliche Herr hat neulich ein Wört'l davon fallen laſſen, daß man net hochmüthig ſein ſoll gegen ſeine Jugendfreund von der Schul' her, wenn ſie auch arm ſind. Ich hab' net gleich verſtanden, was er damit hat ſagen wollen, aber ein paar Tag' darnach iſt mir die Lieſ' begegnet, iſt ſtehen geblieben und hat mir ordentlich den Weg abg'wart't. Sie hat mich tröſten wollen, weil ich meinen Hochzeiter verloren hätt, ich ſollt' es machen, wie ſie, ſie hätt, den beſſern Theil erwählt und ſich den himmliſchen Bräutigam ausg'ſucht, ſie wollt' ſich nächſtens einkleiden laſſen als Kloſterfrau auf'm Reitberg.

Er hat mir auch ſchon ſo ein Schlauderwörtl'geben, ſagte die Funkenhauſerin,und wie iſt nachher Dein Sinn wegen dem Kkoſter?

Du haſt es vorhin g'ſagt, Mutter, entgegnete Toni,daß es bei uns auf'm Funkenhauſerhof ſo gar einſam iſt es kann auf dem Reitberg auch net einſamer ſein; alſo glaub' ich, daß es mich net hart ankominen thät', im Kloſter zu ſein; aber ich glaub' halt doch, ich hab' keinen Beruf dazu. Ich bin anu's Arbeiten ge⸗ wöhnt und könnt' das müßige Leben net vertragen, und was das Beten anlangt, das kann ich bei uns daheim g'rad' ſo gut, wie wann ich aufm Reitberg eing'ſperrt wär', und vielleicht noch beſſer Beten und Traurigſein, ſetzte ſie nach kleiner Pauſe wiederholend mit leichtem Seufzer hinzu.

Es iſt mir lieb, daß Du ſo red'ſt, ſagte die Bäuerin; zwar, was die Traurigkeit angeht, wegen der laß. ich mir kein graues Haar wachſen, die vergeht wieder. Aber wie ſoll's ſonſt werden mit Dir? Du weißt, daß ich Dich nie genöthigt hab'; aber ich hätt' Dich ſchon lang gern verſorgt g'wußt und hätt' gern Nichtigkeit gemacht mit dem Funkenhauſerhof, und jetzt iſt's mein erſter Gedanken, wenn ich in der Früh' aufſteh', und der letzte, mit dem ich mich niederleg! es iſt einmal net Gottes Willen geweſen, daß Du mit dem Ambros zuſamm'kommen biſt; aber

es giebt noch g'nug richtige Mannerleut' und brave Burſchen, wo 3 8