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Jugend, die Fülle des noch aufſtrebenden Lebens ihr Anrecht gegen den Schmerz behauptet; ihr Antlitz war wieder blühend geworden; ſchön und ſtattlich ſtand ſie da im feierlichen Trauer gewande; aber das Braun ihrer Augen war einen Ton dunkler geworden, und der Mund war ſo ernſt und feſt geſchloſſen, als ſollte er nie mehr ſich zu heiterem Lachen öffnen und jene lieblichen Grübchen bilden, die ihn ſonſt ſo anmuthig gemacht hatten. Geraume Zeit waren ſie ſo geſtanden; die Uhr vom Kirchthurm mahnte mit dröhnendem Schlage an die eilig fliehende Zeit. Die Bäuerin ſchloß ihr Gebet, bezeichnete Stirn und Mund mit dem Zeichen des Kreuzes und ſprengte Weihwaſſer auf den Boden. „Der Herr Cooperator kommt net,“ ſagte ſie.„Er wird wohl aufg'halten worden ſein. Komm', Tonerl! Wir wollen geh'n.“
Schweigend wollte die Tochter der Aufforderung und dem Beiſpiel der Mutter folgen, als, durch die Reden aufmerkſam gemacht, der Maler ſich umwendete und, die Beiden jetzt erſt ge⸗ wahrend, grüßend näher trat.„Ei grüß Gott!“ rief er.„Das iſt ja ein angenehmes Zuſammentreffen! Iſt das nicht die Fun⸗ kenhauſer⸗Bäuerin?“ 3—
„Wohl bin i das,“ ſagte die Frau mit einem Seufzer,„und ſind Sie net der Maler, der luſtige, der im vorigen Jahr bei uns auf'm Hof oben war?“.
„Freilich,“ rief der Künſtler, indem er die dargebotene Hand faßte und ſchüttelte.„Es freut mich, daß Ihr mich wieder erkennt, aber mit der Luſtigkeit, gute Frau, hat es nicht mehr viel zu bedeuten! Was wir ſeither erlebt haben, iſt für einen Menſchen, der hinter der Stirn nicht trockenen Schwamm und unter dem Bruſtlatz nicht einen fühlloſen Stein hat, ſo bitter geweſen, daß wohl geraume Zeit nöthig iſt, es zu verwinden, wenn es je völlig verwunden werden kann. Ihr habt es ja auch erfahren; ich ſeh' es an Euren Kleidern und hab' auch davon gehört, daß der Krieg auch Euch einen lieben Verwandten geraubt hat.“
„Leider, leider— Gott geb' ihm die ewige Ruh'!“ ſagte die Frau, indem ſie ſich die Augen mit der Schürze trocknete.„Mein Vetter Ambros, meiner Mutterſchweſter Sohn. Es iſt g'ſchwind ganz einſam worden auf dem Funkenhauſerhof ſeit dem vorigen Sommer.“
„Das glaub' ich wohl,“ ſagte der Maler,„einſam mag es ſein, aber immerhin noch ſchön, immerhin ſeid Ihr noch zu be⸗ neiden, welche keine Schranke, kein Beruf von der herrlichen Natur um Euch her trennt! Das iſt der beſte Troſt, daß die Natur ſich nicht verändert. Mag der Menſch ſich noch ſo furchtbar an ihr verſündigen, in ihrer Erhabenheit überſieht ſie den Frevel und verhüllt ihn mit noch ſchöneren Blüthen als zuvor. Wo nähme ich die Kraft her, das Leben noch zu ertragen, ohne ſie? Darum will ich mich dieſen Sommer auch ſo recht nach Herzensluſt an ihr laben! Wie wär's, Funkenhauſerin, wenn Ihr mich zu Euch nähmet? Ihr habt Raum genug im Hauſe, und ich bin ein ſtiller, genügſamer Miethsmann.“
„Du lieber Gott,“ ſagte die Bäuerin mit einem leichten Seufzer,„Platz hätten wir freilich g'nug; aber es iſt am beſten, wenn Jedes für ſich ſelber bleibt.“
„Warum doch?“ lachte der Maler entgegen.„Wenn die Weltordnung es ſo gewollt hätte, ſo würde ſie es auch gewiß darnach eingerichtet haben, daß Jedes für ſich wie in einer Muſchel eingeſchloſſen lebte. Weil es aber nicht ſo iſt, iſt das der beſte Beweis, daß es nicht ſo ſein ſoll. Darum ſollen die Menſchen mit einander leben und ſollen einander leben helfen. Ich denke, es muß mitunter gar zu einſam ſein auf dem Funkenhauſerhofe; Ihr ſeid jetzt die Gäſte gewohnt von früheren Jahren her. Ihr ſagtet mir ja ſelbſt, daß eine preußiſche Familie bei Euch gewohnt hat, die wird heuer wahrſcheinlich doch nicht kommen...“
„Nein,“ ſagte die Funkenhauſerin mit etwas unſicherem Tone,„die kommen wohl ſo bald net wieder.“ Die Bewegung in den Zügen und der Stimme der ſonſt ſo ſtarken Frau entging dem gewandten Künſtler eben ſo wenig als die Haſtigkeit, mit welcher Tonerl, um ihre vorſtürzenden Thränen zu verbergen, ſich gegen die Wandtafel abwendete und an derſelben herumſtudirte, als leſe ſie deren Inhalt, den ſie doch längſt auswendig wußte, zum erſten Male.
„Was iſt das?“ ſagte er, indem er Beide betroffen betrachtete. „Da hab' ich die unrechte Saite berührt, wie es ſcheint, habe ſchmerzliche Erinnerungen aufgeweckt, und Ihr habt wohl gar unangenehme Erfahrungen mit Euren Gäſten gemacht! Nun,
dann müßt Ihr mir eben verzeihen. Ich konnte das nicht wiſſen, und ich will Euch auch nicht weiter drängen. Aber das werdet Ihr doch erlauben, daß ich einmal auf Beſuch bei Euch ein⸗ ſpreche?“
„Gewiß,“ rief die Bäuerin treuherzig,„kommen Sie nur! Sie haben ſo was Gewiſſes an Ihnen, daß man Ihnen net wohl feind ſein kann.“
„Gut,“ ſagte der Maler,„ich komme, dann lernt Ihr mich näher kennen und gewöhnt Euch vielleicht doch noch an mich, daß Ihr mich als Euren Gaſt aufnehmt. Ich will Euch in Eurem Leben und Weben in nichts ſtören, und wer weiß, ob ich Euch nicht hier und da helfen oder Euch gar tröſten kann. O, ich ver⸗ ſtehe mich darauf trotz dem beſten Doctor; ich beſitze eine Uni⸗ verſalmixtur, die für Alles hilft, von der will ich Euch geben.“
„Ein ſolches Trank'l wär' freilich net zu verachten,“ ſagte die Bäuerin trübſelig,„aber es giebt halt Sachen, für die kein Krant g'wachſen iſt, ſo wenig wie für den Tod!“
„Das iſt nicht wahr,“ ſcherzte der Maler weiter,„und wenn Ihr mir folgt, will ich's Euch beweiſen, daß es nicht ſo iſt. Ich mache aus meiner Cur gar kein Geheimniß, mein Mittel koſtet nichts und wächſt überall, Sommer wie Winter, und beſonders bei Euch auf dem Lande da iſt es zu haben, wenn man nur den Fuß vor die Thür ſetzt und die Augen aufmacht. Die Univerſal⸗ tinctur iſt die herrliche, ewige Natur um uns herum! Wer es verſteht, ihr nahe zu kommen und ſie ſo recht zu begreifen, der kann ſo wenig für immer unglücklich ſein, als es in der Natur immer Winter bleibt. Der Schnee und der Schmerz ſind alle zwei gleich vergänglich— wenn ſie aber vergangen ſind, kommen aus ihnen die friſchen Quellen, die in's Land herunterrieſeln und wieder friſch machen, was erſtarrt und vertrocknet war. Die Natur—“—
„Sie thun ſehr Unrecht, mein Herr,“ unterbrach ihn die feierliche Stimme des Cooperators, der inzwiſchen auf dem Gras⸗
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boden ungehört herangekommen war,„Sie begehen ein Vexbrechen,
wenn Sie die Gewandtheit Ihrer Rede mißbrauchen, um dieſe einfachen Gemüther mit ſolchen Worten zu verwirren und irre zu leiten. Nicht da hinaus müſſen Sie das Auge des Leidenden lenken, nicht auf die vergängliche Schöpfung, ſo ſchön auch ihr wechſelndes Gewand erſcheinen mag! Auf den ewigen, allein nicht wandelbaren Schöpfer müſſen Sie dieſelben verweiſen, auf ihn, vor dem alle Creatur verſchwindet, wie ein Waſſertropfen vor der Sonne! Nicht aus der Natur quillt Troſt und Erauickung, ſondern nur aus Gott allein.“—— Der Maler ſtand ruhig und ließ den forſchenden Blick vom Antlitz des Eifernden bis auf die Sohle nieder gleiten; dann deutete er in die wunderbare Landſchaft hinaus und rief:„Und
wo iſt Gott, wenn nicht in der Natur? Sie iſt aus ihm und —
was wäre er ohne ſie?“ „Entſetzlich!“ rief
„Welche Grundſätze!
götterung der Natur!
er junge Prieſter mit aufblitzenden Augen.
as iſt offenbare Läſterung, heilloſe Ver⸗ Das ſind die Früchte jenes falſchen Lich⸗
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tes, jener Scheinbildung, mit welcher Ihr kalter und unfrucht
barer Norden prahlt, und womit er auch unſeren warmen, gemüthvollen Süden verpeſten will „Sie thun mir zu viel Ehre an, wenn Sie mich für einen Nordländer halten,“ ſagte der Maler mit gutmüthigem Spotte, „meine Wiege ſtand zufällig tief im Süden, in Oeſterreich aber Sie brauchen ſich weder für dieſe guten Frauen noch um meinetwillen ſo zu erhitzen. Jedenfalls aber dächte ich, die nord deutſche Bildung, die Sie ſo ſehr ſchmähen, hätte ſich doch in letzterer Zeit glänzend bewährt.“ „Aber der Glanz wird vergehen,“ rief der Geiſtliche eifrig, „er wird verſchwinden, wie er gekommen iſt, und ſeide Spur wird nicht mehr zu ſehen ſein, wie die des Nordlichts am Horizont! Triumphiren Sie nicht über dieſe vorübergehenden Erfolge! Der
Himmel läßt oft wunderbare Fügungen und Prüfungen zu; aben ſeine Langmuth ermüdet endlich. Dann greift er nach der Waße und hält ſie zwiſchen Aufgang und Niedergang, gegen einan zu wägen, was wahr und falſch iſt! Doch,“ unterbrach er ſ
einlenkend,„gehen Sie immerhin Ihre Wege, mein Herr! Er.
wird mir nicht einfallen, Sie belehren und von denſelben ab⸗ bringen zu wollen, aber ſuchen Sie nicht die Schäflein der m anvertrauten Heerde zu verlocken, ſonſt dürfte ich doch Mittel
finden, dieſelben vor Ihnen zu ſchützen! Und Ihr, meine Lieben,“
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