Jahrgang 
43 (1868)
Seite
676
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Du Dir Ein' ausſuchen kannſt. Da iſt der Niedergy'ſtettner neulich bei mir g'weſen, der meint

Nein, Mutter, von dem will ich auch nix hören, unter⸗ brach ſie Tonerl raſch.Aus der Welt will ich net; aber ich will doch einſch ichtig und ledig bleiben und will mit der Mutter forthauſe m.

Das iſt ein

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dummes Gered', das keine Heimath hat! eiferte die Alte.Wie lang' werd' ich's wohl noch treiben? Nachher biſt Du ganz allein und dazu biſt Du noch viel zu jung das thut niemal net gut!

Aber die Mutter hat's ja auch ſo g'macht! Wie oft haſt mir's erzählt, daß Du mit dem Vater net viel über ein Jahr verheirathet geweſen biſt, und daß er g'ſtorben iſt, kurz nachdem ich auf d' Welt kommen bin. Das iſt jetzt ſchon an die zwanz'g Jahr zu ſelbiger Zeit biſt Du auch noch jung geweſen, Mutter, und ganz allein, und es hat doch gut'than.

Ja ich, ſagte die Bäuerin.Ich! Bei mir iſt das was Ander's geweſen. Ich hab' Dich g'habt und mein' liebe Sorg' und Noth, Dich aufzuzieh'n, und hernach hernach hab' ich menen Mann, den Matthies, ſo viel gern g'habt; ich hätt's ihm im Grab net anthun mögen, ein' Andern zu noßenen,

Siehſt, Mutter, gerad' ſo geht's mir auch.

Ach mein, rief die Bäuerin,das iſt ein ganz ander's Korn. So lang er gelebt hat, biſt alleweil in Disputat mit ihm geweſen; jetzt, weil er todt iſt, willſt mir auf einmal is machen, Du hätt'ſt den Ambros wunder wie gern g'habt.

Wer weiß, Mutter, ſagte Toni nachdenklich,

wär' das net

möglich? Es mag wohl diemalen vorkommen, daß man erſt hintennach einſieht, wie gut und treu es Eins g'meint hat mit uns und wie ſchlecht man's ihm gedankt hat.

Mach' mir keine Flauſen vor! Ich bin kein heuriger Haſ', den man im Krautgarten fangt! Ich ſeh' wohl, Du willſt mir wwas Blau's vormachen, Du biſt alleweil noch net 3'ſcheidter wor'n, all mein Predigen und Zureden hat nichts golfin haſt alleweil noch den g'wiſſen Er in Kopf und Herz.

Und wenn's ſo wär', Mutter, ſagte Tonerl ſtehen bleibend, denn das was Unrecht's?

Wohl iſt's'was Unrecht's, rief die Bäuerin eifrig. Menſch muß für ſich ſchauen, wie ſein Weg geht, und was er unternimmt; dafür hat ihm unſer Herrgott die Augen gegeben. Drum ſoll er ſich Alles zuvor überlegen, ob er's ausführen kann, und was er net ausführen kann, das ſoll er von vornherein net anfangen und ſoll ſich s aus dem Sinn ſchlagen, und wer das net thut, und wer ſich auf a Sach' verbeint und ſteift, die net mög lich iſt, wer baardu einen Stern haben will, den er doch net haben kann, weil die Stern' feſtgemacht ſind am Firmament der ver⸗ thut und vertragt ſeine koſtbare Lebenszeit, die ihm vorg'meſſen iſt nach der ewigen Ellen, und das iſt wohl ein Unrecht, und ein groß' Unracht noch dazu, und das thuſt Du, weil Du als ein Bauernkind mit Dein' alten Huiſt ichen Glaub'n von dem luttriſchen Stadtherrn net laſſen willſt, der noch dazu Dein' nächſten Freund den Garaus g'macht hat.

Nein, Mutter, ſagte Toni treuherzig,ich will mein' Lebens⸗ zeit gewiß net verthun, ich will Alles redlich verrichten, was mein' Schuldigkeit iſt und was mir unſer Herrgott auflegt aber daß ich heirathen ſoll, das mußt net von mir verlangen, Mutter, das kann ich net. J will ja nix von Du weißt ſchon, wen ich ueia Ich laugn's auch net; denn ich kann nix dafür und weiß ſelber net, wie's ſo'kommen iſt aber ich hab' ihn halt gern, und erſt jetzt, ſeitdem der Ambros todt iſt, ſeitd dem ich weiß, daß ich den Günther auf dieſer Welt nimmer mehr zu ſehen krieg', jetzt g'ſpür' ich's erſt, wie gern ich ihn hab'. Der Eh'ſtand iſt eine heilige Sach', Mutter. Ich möcht' kein' Andern nehmen; denn ich thät' ihn doch betrügen, wenn ich ihm verſprechen thät', daß ich ihn gern haben wollt'. Ich könnt's doch net halten, Mutter, meine Gedanken wären doch allweil Du weißt ſchon, wo. Muß denn Einer Ad geſtorben ſein, Mutter, daß man ihn nimmer vergeſſen kann? Der Herr Günther, wenn er auch noch ſo g'ſund und wohlauf iſt, iſt für mich doch ſo gut, als wenn er zehnmal g'ſtorben und begraben wär' ſchau, Mutter, da denk' ich mir halt, wie Du beim Vater. Ich hab' ihn ſo viel gern g'habt; ich möcht's ihm im Grab' net anthun, daß ich ein' Andern nehmen thät'.

Sie waren

wär' Der

während dieſer Reden langſam fortgewandert.

Die Bäuerin wollte eben erwidern, als ſie die Baumgruppe traten und hart vor der Ruhebank ſtanden, von welcher ſich bei ihrem Anblick zwei ebenfalls in tiefe Trauer getleidete Frauen⸗ geſtalten erhoben und ihnen, überraſcht wie ſie, gegenüber⸗ ſtanden.

Es waren ihre einſtigen Sommergäſte, Frau Schulze mit dem Fräulein.

Beide Parteien trauten ihren Augen kaum; beide ſtanden wie feſtgebannt; die Blicke wurzelten auf einander, Keines war vor Ueberraſchung eines Wortes mächtig. Auch die beiden Fremden hatten ſich ſehr gegen das vorige Jahr verändert, und es war nicht blos die ſchwarze Tracht, welche dieſe Veränderung hervorbrachte. Frau Schulze hatte viel von dem früheren, behäbigen Ausſehen verloren, das ſonſt ihre Erſcheinung ſo angenehm und gefällig ge⸗ macht hatte. Alwine war faſt nicht mehr wiederzuerkennen. Ihre Bläſſe hatte nicht zuzunehmen vermocht, wohl aber war ſie noch hagerer geworden; das Antlitz war wie durchſichtig, als ob das Feuer der wunderbaren Augen, das mit noch überirdiſcherem Glanze daraus hervorſtrahl te nahe daran ſei, die immer dünner werdende Körperhülle, hinter der es brannte, zu durchbrechen und dieſelbe abzuwerfen wie einen verbrauchten Schleier. Alwine war ſehr ſchwach, ſie mußte ſich beim Gehen auf den Arm der Mutter ſtützen, und doch that ſie auch das ſo leicht, daß ihr Gang faſt wie ein Schweben erſchien; ihre in den Arm der Mutter gelegte Hand war keine Laſt, ſte war wie ein Band, an welchem die Mutter hielt, damit ihr der Engel nicht zu früh entſchwebe.

Eines Pul ſes Dauer ſtanden ſich die Frauen ſo gegenüber, dann trat die Funkenhauſerin bei Seite in das Gras des Weges, um dieſen den Fremden freizulaſſen; das Geſicht nach dem See hinausgewendet, ſtand ſie und ließ dieſelben ohne Gruß oder Zeichen der Beachtung an ſich vorübergehen. Toni hatte einen Augenblick geſchwankt, ob ſie die Begegnenden anſprechen ſollte; dann aber wendete auch ſie ſich ab und langte zuckend nach der Stelle, an welcher der Wermuthſtrauß in ihrem Mieder ſteckte, als ob es ihr dort einen Stich gegeben habe mitten in's Herz. Auch Frau Schulze und Alwine gingen weiter; dann blieben Beide ſtehen, blickten ſich einen Moment in die Augen und wandten ſich dann, den fortſchreitenden Bäuerinnen nachzuſehen; ſchon hatten dieſe den Ausgang des Eſchenhains erreicht, als ihnen Frau Schulze nachrief:

Wie, Funkenhauſer⸗Bäuerin, ſagte ſie,iſt es denck mög⸗ lich, daß wir ſo an einander vorübergehen? Wir haben ſo lauge in Eurem Hauſe gelebt, wir waren ſo gern dort und verlebten mit Euch ſo viele ſchöne Stunden Ihr ſeid uns auch gut ge⸗ weſen, und nun ſollen wir uns nicht einmal begrüßen und anein⸗ ander vorübergehen, wie vollkommen fremde Menſchen? Wir ſind als Feinde, im Zorne voneinander gegangen, fuhr ſie fort, als die Funkenhauſerin zwar ſtehen blieb, aber ohne näher zu treten.

Wir hätten das nicht thun ſollen, es wäre vielleicht Manches zu

verhindern geweſen, wenn wir es nicht gethan hätten. Wollen wi auch jetzt wieder ſo auseinander gehen, da wir doch wohl gewiß wiſſen, daß wir uns nicht mehr wiederſehen?

Die Bäuerin ſtand noch immer unbeweglich und ſchwieg; Toni hatte ſich abgewendet und ſtarrte nach dem Funkenhauſerhofe hinauf.

Wir Beide, begann Frau Schulze wieder,haben Euch ſo wenig ein Leides gethan, als Ihr uns wir tragen keine Schuld an dem Unglück, das Euch begegnet iſt. Das haben Mächte ge⸗ than, denen wir Frauen nicht zu gebieten vermögen, und in deren Walten wir uns einfach ergeben müſſen; aber wir fühlen mit, was Euch begegnet iſt! Glaubet mir, wenn ich Euch ſage, daß es uns gleich ſchwer getroffen hat wie Euch!

Was? Ihnen auch? rief die Bänerin, jetzt näher tretend, während Toni noch weiter bei Seite trat und, als ob ſie eine leichte Schwäche anwandelte, ſich an die Sitzbank lehnte.Wie

ſoll ich denn das verſtehen, Frau Schulze? Und jetzt ſeh' ich's erſt, daß Sie auch in der Klag' ſind! Sie haben alſo auch Jemand verloren, wie wir Da darf und will ich wohl net

weiter fragen, wer's iſt, den Sie verloren haben, ohne dem einbilden fuhr ſie nach kurzem Schweigen näher tretend fort. haben Recht, Frau Schulze Leidonsgefährten und müſſen net ſo aneinander vorbeigehen. Wir ſind ja Alle heutige2 Menſchen; wie bald iſt's um Einen gy'ſchehen, und man kann nix mehr gut machen, und wenn's Einen noch ſo

ich kann mir's

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