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und Stege waren abgeworfen, die große ſteiner Brücke aber in der Mitte durch ein Bollwerk abgeſchloſſen, einiger Entfernung dunkle Geſchützmündungen gähnten, bereit, den andrängenden Feinden das Verderben entgegenzuſchleudern. Ddie Vorbereitungen waren beinahe vollſtändig getroffen. Trupp⸗ weiſe hatten die Soldaten am Ufer dahin in den Gärten, unter den Arcaden der Curgebäude und in den Büſchen an der Saale ent⸗ lang ſich aufgeſtellt und waren geſchäftig, ſich für die Nacht ein⸗ zurichten; denn da die Ankunft der Preußen jeden Augenblick er⸗ wartet werden durfte, wurde nicht mehr in die Quartiere zurück⸗ gekehrt, ſondern befohlen, ſie im Bivouac zu erwarten. Es war abgekocht und die Abendmahlzeit raſch beendigt; wie allmählich die Finſterniß immer tiefer und tiefer hereinbrach, wurden hie und da erlöſchende Feuer ſichtbar, die wie unheimliche Wächteraugen aus dem Dunkel hervorglotzten.
Bald laſtete, wie vor dem Ausbruche des Gewitters, über dem ganzen Thalgrunde ſchwüles, düſteres Schweigen, nur von dem eintönigen Rufe der Wachen und der verhallenden Antwort wie von fernem Rollen des Donners unterbrochen.
Bei einer Abtheilung baieriſcher Jäger, welche etwas weiter ſtromabwärts an einem Grasabhang gelagert war, ging es da⸗ gegen noch ziemlich laut und fröhlich her. Die Aufſtellung war unweit einer Mühle genommen, und durch Gebüſch und die Kronen einiger Lindenbäume ſo ziemlich gedeckt, falls die immer trüber werdende Nacht ihre Drohung verwirklichen und ſich in Regen entladen ſollte. Die kurzen Stutzen mit den dunkel an⸗ gelaufenen Haubajonneten und dem ſchwarzen Niemenwerk waren in Pyramiden zuſammengelehnt; daneben ſaß die Mannſchaft auf ihren Torniſtern, im Kreiſe gereiht, in deſſen Mitte ein mattes
Feuer zu Kohlen herabgeglommen war. Frühreife Kartoffeln, von einem der nächſten Felder geholt, brieten an der Gluth und
ſchienen eine Art Nachtiſch bilden zu ſollen, während Einer der Jäger mit ſo lauter Stimme vorſang, als ſteckte er noch in der Bergjoppe und nicht in dem blauen, grüneingefaßten Rocke, als ſäße ſtatt des Helms noch der leichte, grüne Jägerhut mit Feder und Gemsbart auf ſeinem Kraushaar. Obwohl er durch den Anzug etwas verändert ausſah, hätte doch, wer ihn etwa aufge⸗ ſucht, in dem Burſchen Ambros wiedererkannt, wäre es auch nur an der haſtigen Gelenkigkeit geweſen, mit welcher er von Zeit zu Zeit in den Zwiſchenräumen des Geſanges den Abhang hinanlief, um bei den nächſten Poſten nachzufragen, ob keine neue Meldung gekommen, oder auf den Wunſch der Cameraden unter den unfern liegenden zerſteeuten Häuſern der Vorſtadt ein Wirthshaus aus⸗ zufinden und einen erſehnten Labetrunk herbeizuſchaffen; es ſchien, als ſei es ihm unmöglich, lange an einem Orte, in derſelben Stellung und bei der gleichen Beſchäftigung auszuhalten, wie Einem, der eine wichtige Wendung ſeiner Geſchicke erwartet, und
ihr, wenn auch nicht eben freudig, doch mit Spannung entgegen⸗ ſieht, weil er von ihr die Löſung eines Geheimniſſes hofft und das Aufhören eines unerträglich gewordenen Zuſtandes erwartet.
Eben war er wieder an ſeinen Platz zurückgekehrt, und für einen Augenblick hatte ſich tiefes Schweigen auf die Verſammelten herabgelaſſen; ſie waren in allerlei Gedanken vertieft, und wie es bei einer Truppe, die noch nie im Feuer geweſen, wohl erklärlich iſt, mochten die Meiſten, Jeder nach ſeiner Weiſe, es überdenken, daß ſie am Vorabend des Tages ſtanden, an welchem ſie zum erſten Male einem ernſten Kampfe mit allen ſeinen möglichen Folgen entgegengehen ſollten. Es waren meiſt Bauernburſche, welche das Loos unter die Fahne gerufen hatte, darunter ein paar Handwerker, Bürgersſöhne aus kleineren Städten, welche mit ſchwerem Herzen ihr Gewerbe zurückgelaſſen hatten, weil ſie nicht im Stande waren ſich einen Erſatzmann zu kaufen. Etwas ſeit⸗ wärts ſaß eine feinere, ſchlanke Geſtalt, deren Haltung und Aus⸗ ſehen den von ſeinem Arbeitstiſch weggeriſſenen Studenten ver⸗ muthen ließ. Er hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſummte eine alte Volksweiſe vor ſich hin zu den Worten des bekannten NReeiterliedes:
„Morgenroth, Morgenroth,
3 Keuchteſt mir zum frühen Tod!“
„Das iſt ein trauriger Geſang für einen Soldaten,“ brach ihn Ambros.„Das lautet ja, als ob's ſchon zum Ein⸗ graben ging',“ und mit friſcher, wenn auch etwas gedämpfter
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Stimme begann er eines ſeiner heimathlichen Lieder zu ſingen,
daß die Cameraden, aus ihren düſteren Gedanken aufgeweckt, ſich
bald ihm zuwendeten und in den am Schluſſe immer wieder— hinter welchem in kehrenden Jodler einſtimmten. Ambros ſang:
unter⸗
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„Jetz ſteck' ich drei Federn Verkehrt auf’n Huet,
Und den möcht' ich ſeg'n, Der mir's'ra'nehma thuet!
Jetz werd' ich mir kaffa
An Ring und a Büchs,
Der Ring g'hört zum Rafſa(Naufen), Zum Schießen die Büchs!
Die Büchs trifft in d' Fern,
In der Nähet der Ring—
Kommt's her, wer a Schueid hat! Mir is's fredi(gleichwohl) ein Ding.”“ r
Ueber dem Singen und der allgemeinen Luſtigkeit hatten die Burſche nicht gewahrt, daß, durch die laute Unterhaltung herbei⸗ gezogen, der Oberjäger herangetreten war. Es war ein älterer, ſchon etwas beleibter Mann, der in den langen Friedensjahren ſich in Ehren die wollenen Borten auf dem Kragen erworben hatte und der Vater und Liebling der ganzen Compagnie war. „Recht ſo, Cameraden,“ ſagte er,„das iſt die Art, die ſich für richtige baieriſche Soldaten ſchickt, wenn ſie dem Kampfe entgegen⸗ gehen! Ein fröhliches Lied macht ein fröhliches Herz— da werdet Ihr morgen auch gutes Muthes ſein, wenn's in's Feuer geht.“
„Ho, warum ſollten wir nit?“ rief Ambros lachend.„Ich
meinestheils, ich kann's kaum erwarten, bis's zum Dreinſchlagen kommt.“. „Nun,“ ſagte der Oberjäger,„ich bin ſchon meine fünfzehn Jahre Soldat und werde mich gewiß nicht ſchlecht finden laſſen und meinen Mann ſtehen— deswegen aber könnt' ich doch nicht ſagen, daß ich mich auf das Dreinſchlagen freute. Du bildeſt Dir wohl ein, eine Schlacht ſei als wie eine Rauferei bei Dir daheim auf der Kirchweihe?“
„Sei's wie immer,“ ſagte der ehemalige Student;„es iſt traurig genug, daß es ſo weit hat kommen müſſen, und daß wir Deutſche nun Deutſchen als Feinde gegenüberſtehen.“
„Deutſche?“ rief Ambros.„Ich hab' mir ſagen laſſen, die Preußen ſollen gar keine richtigen Deutſchen ſein, und wenn ſie s auch wären, ich kann ſie einmal nit leiden und ich freu' mich drauf, wenn wir einmal an's Abraiten(Abrechnen) kommen.“
„Ho, ho,“ fragte der Student lachend,„was haben die Preußen wohl Dir ſo Beſonderes zu Leide gethan?“
„Mir?“ fragte Ambros, und es ward ihm wieder heiß um den Kopf.„Iſt's etwa nit g'nug, was ſie uns Allen miteinander anthua? Iſt's nit g'nug, daß ſie uns ſo in'’s Land fallen und unſern König zwingen wollen, daß er thun ſoll, wie ſie's haben wollen— blos deswegen, weil ſie ſich für die Stärkern halten? Ich mein', das thät' ſchon langen, daß wir ſie mit blutige Köpf, heimſchicken! Aber ich hab⸗ auch für mich ſelber was auszumachen mit ihnen. Ich bin derum und d'ran g'weſen, mich auf einem prächtinga Hof hinzuſetzen und ein reicher, richtiger Bauer zu werden. Aber ich hab' Alles hinten gllaſſen und bin freiwillig zu'gangen und als Erſatzmann eing'ſtanden für an Andern, nur daß ich meine Rechnung gleich machen kann.“ 1
„Nun, und was haben ſie Dir denn gethan?“ fragte der Student wieder.
„Das kann ich kein! Menſchen ſagen,“ erwiderte Ambros⸗ trotzig nach einigem Beſinnen.„Aber ich ſpürs inwendig in mirf und werd's geſpüren, ſo lang mir das Herz nit ſtill ſteht.. 1. Es geht auch ſonſt kein' Menſchen was an, als mich ſelber!“
„Je nun,“ begann der Student,„wer weiß auch, ob es morgen wirklich zum Kampfe kommt? Ein ſo berühmtes, von allen Nationen beſuchtes Bad wie Kiſſingen gehört zu den neutralen Orten, welche im Kriege gewöhnlich verſchont bleiben. Ich meine auch, gehört zu haben, als ſei zwiſchen Oeſterreich und Preußen hierüber ein eigener Vertrag abgeſchloſſen worden. So kann es wohl geſchehen, daß es bei der bloßen Aufſtellung bleibt und der Kampf auf anderen Punkten ſich entwickelt.“—
„Wär' mir nit lieb,“ rief Ambros.„Am liebſten möcht! ich auf der ſteinernen Brucken hinter dem Verhau ſteh'n, damit ich 1 gleich Einer von die Erſten wär', die mit denen Preußen zu thun kriegen.“ 4 „Es ſcheint, Dich juckt das Fell gehörig,“ vief der Oberjäger. Aber ſorge nicht, daß wir nicht auch vollauf zu thun bekommen!
„ A. Ich denke, wenn die Preußen über den Fluß wollen, werden ſie
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