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3„Det lob' ick mir,“ ſagte der Alte beifällig nickend.
es eben nicht bloß bei der Brücke verſuchen, herüber zu kommen, ſondern übexall, wo's eben angeht.“
„Nun, an mir ſoll's nicht fehlen,“ ſagte Ambros.„Aber dann muß ich mich wundern, daß an dem Steg, den wir da unten bei der Mühl' ſeh'n, bloß die Bretter und Balken weggenommen ſind und daß man die Joch' und ſogar die Geländer ſteh'n ge— laſſen hat!“
„Du überkluger Burſch',“ entgegnete der Oberjäger,„hüte Deine Zunge und überlaſſe dieſe Anordnungen Leuten, die das beſſer verſtehen. Das Räſonniren ſchickt ſich nicht für einen Soldaten.“
„Räſonniren!“ ſagte Ambros.„Das thu' ich ja nit. Ich bild' mir nur ein, wenn über dem Waſſer da drüben mein Schatz wär' und thät auf mich warten ob ich mich wohl viel d'rum kümmern thät und aufhalten ließ dadurch, daß die Bretter auf der Brucken fehlen!“
„Ja,“ ſagte der Oberjäger ſpöttiſch,„in Deinen Bergen könnteſt Du ſo was wohl probiren— wenn drunten kein Waſſer iſt und drüben keine Schützen ſteh'n mit Zündnadelgewehren!“
„Meinetwegen,“ ſagte Ambros,„die Officier' müſſen das beſſer wiſſen. Ich fürcht' mich nit, wenn die Preußen auch herüberkommen. Zu ſtark ſind's uns nit, das weiß ich gewiß— wenn’s uns nur nit zu pfiffig ſind!“
„Alſo auf morgen, Cameraden!“ ſagte der Oberjäger, während ein fernes Trommelſignal die Stunde verkündete, in welcher es auf allen Lagerplätzen und Bivouacs zur Ruhe kommen mußte.„Legt Euch ſchlafen die paar Stunden, die wir noch vor uns haben, damit Ihr morgen gehörig dabei ſein könnt, und vergeßt nicht auf Euer Nachtgebet. Es könnte leicht das letzte ſein, das Einer verrichtet.“
Bald hatten ſich Alle auf Torniſter und Mantel zur Ruhe hingeſtreckt; wieder war weit und breit kein Laut mehr vernehmbar, als das melancholiſche Nauſchen der Saale und die immer wieder kehrenden eintönigen Rufe der Wachen, welche gleich lebendigen Uhren die Stunden der Nacht zählten, bis die letzte langſam ab
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gerieſelt war, bis das Dunkel zum Morgengrauen verblich und in den vollen Tag überging.
Die Truppen waren längſt an ihren Poſten bereit, und mit der bangen Spannung der Ungeduld flog mit der Morgenhelle die Nachricht unter ihnen hin, daß ein Häuflein Freiwilliger, das von der Barricade auf der Hauptbrücke aus auf das andere Ufer auf Kundſchaft hinübergegangen warmmit der Meldung zurück⸗ gekommen war, ſie ſeien jenſeits bereits einer Schaar preußiſcher Reiterei anſichtig geworden. Der Hall einzelner ferner Flinten⸗ ſchüſſe beſtätigte das und weckte bald die ſchlummernden Wälder auf den Höhen aus dem letzten Morgentraum des Friedens. Kampfbereit lauſchte Alles auf jeden Laut, welcher verrathen könnte, wann der Feind wirklich erſcheine und wo er zuerſt anzugreifen gedenke. Da quoll von den Hängen des Simbergs über den Thürmen und Dächern des Städtchens ein weißgrauer Qualm empor, ein mächtiger Schlag erſchütterte die Luft— die baieriſchen Kanoniere hatten den erſten Schuß abgefeuert; ſie ſahen alſo von ihrer Höhe bereits den anrückenden Gegner, und ihr wildes Hurrah⸗Rufen zeigte, daß ſie, was ſie ſahen, auch zu erreichen gewußt hatten. Es währte nicht lange, ſo donnerten die preußiſchen Batterien den Gegengruß herüber, und das Praſſeln der Häuſer und Dächer, auf welchen die erſten Kugeln einſchlugen, ließ er⸗ kennen, daß ſie nicht minder gut zu zielen verſtanden. In wenigt Augenblicken ſtürmte der Vortrab preußiſcher Füſiliere in vollem Laufe von der Höhe die Straße herab, welche gegen die ver⸗ barricadirte Hauptbrücke führte, unbekümmert um das Feuer der auf dem Straßendamme dahinter aufgeführten Geſchütze und die Gewehrſalven der Schützen, welche die anliegenden Häuſer beſetzt hatten. Bald ſtanden ſich die feindlichen Schaaren, nur durch den Fluß getrennt, überall gegenüber; Stutzen knallten, Musketen knatterten von beiden Seiten, übertönt vom Blaſen und Raſſeln der Signalzeichen, vom Rufen der Commandirenden und vom Hurrah der Schützen, welche getroffen, oder dem wilden Aufſchrei⸗ eines Verwundeten.
(Fortſetzung folgt.)
Ein Liebling der Berliner.
In der Werkſtätte des wohlhabenden Schloſſermeiſters Hel merding arbeitete deſſen Sohn Karl an einem neuen Wagen beſchlag ſo fleißig, daß die Funken von dem Ambos ſtoben. Da zwiſchen erzählte er den Geſellen allerlei Schnurren und Schwänke, worüber ſie laut auflachen mußten. Mit dem ihm eigenen Mienen ſpiel copirte er dazu die ganze Nachbarſchaft, den„dicken Budiker“ im Eckladen, den betrunkenen„Droſchkenkutſcher“ auf dem„Moritz⸗ platz“, den„Milchmann“ aus„Schöneberg“, den Schuſterlehrling aus dem gegenüberliegenden Keller, vor Allen aber ahmte er die berühmteſten Schauſpieler der damals noch blühenden Königsſtadt,
Den unvergleichlichen„Beckmann“ und den l(uſtigen„Plock“
Nausgezeichnet nach, daß ſeine Zuhörer Augen und Mund vor wunderung aufſperrten.
Als aber ein lauter Huſten die Ankunft des würdigen Vaters d Meiſters verkündigte, da machte der„Teufelsjunge“, wie ihn lle Geſellen nannten, ein ſo ernſthaftes Geſicht, als ob er nicht
bis Drei zählen und kein Wäſſerlein trüben könnte, indem er zu⸗
gleich mit Hammer und Feile geſchickt zu hantiren wußte.
„Hand werk hat immer einen goldenen Boden und nährt am beſten ſeinen Mann. Ein geſchickter Schloſſer iſt noch mehr werth als ſolch ein Maler, oder gar als ein Komödiant, der am Hungertuche nagen muß. Bald haſt Du ausgelernt, Karl, und denn biſt Du ein ‚gemachter Mannt.“
—„ In jedem Falle bin ich ‚gemacht',“ verſetzte der luſtige Karl, der als ein echtes Berliner Kind nicht ſo leicht einen Witz oder eine ‚ſchnoddrige Redensart’ unterdrücken konnte.
„ Ich ſehe ſchon,“ erwiderte der Vater wider Willen lachend, „daß an Dir Hopfen und Malz verloren iſt. Aber Du kennſt auch meinen Entſchluß: Zwei Jahre bleibſt. Du in der Lehre und arbeiteſt als Schloſſer, dann biſt Du frei und Dein eigener Herr.
Meinetwegen magſt Du Maler oder auch Schauſpieler werden, einem der
wenn Du durchaus ein Künſtler, das heißt ein Hungerleider wer⸗ den willſt.“
Der Sohn ſchwieg, da er wohl wußte, daß mit dem Vater nicht zu ſpaßen war, wenn der einmal ein Wort geſagt hatte⸗ Dabei blieb es auch, denn der Alte war einmal, wie die meiſten ehrenwerthen Bürger aus früheren Zeiten, ein entſchiedener Geguer von Allem, was Kunſt hieß, am meiſten aber war ihm das Theater
zuwider, obgleich er ſonſt in allen anderen Dingen ein ſehr ver⸗
ſtändiger und guter Mann war.
Um ſo mehr ſchwärmte Karl für die Bretter, welche die Welt bedeuten, und es gab für ihn kein größeres Vergnügen als eine Aufführung im Königsſtädtiſchen Theater, wo er zu den Habitués der Galerie zählte. Schon als Kind kannte er keine andere Freude, als Komödie mit ſeinen Puppen zu ſpielen, zu denen er ſich die Decorationen und Coſtume ſelbſt malte, da er auch eine entſchiedene Anlage zum Zeichnen beſaß.
Nachdem er einige Jahre das Gymnaſium beſucht hatte, wollte er durchaus ein Künſtler werden. ihm endlich der Vater auf vieles Bitten die Erlaubniß, die Ber⸗ liner Malerakademie beſuchen zu dürfen, wo er einige Zeit den Unterricht eines geſchickten Zeichenlehrers, des Profeſſor Otto, genoß und nicht unerhebliche Fortſchritte machte. Wenn Helmer⸗ ding kein Raffael wurde, ſo trug allein ſeine unbezwingliche Liebe zum Theater Schuld. Aber der Vater wollte weder von der Malerei, noch von der Komödie etwas wiſſen und erklärte kate⸗ goriſch, daß Karl zunächſt ein Schloſſer werden und mindeſtens zwei Jahre Schlüſſel, Schlöſſer und ähnliche Arbeiten verfertigen ſollte. 3
Erſt als die ihm geſtellte Friſt abgelaufen war, durfte Hel⸗ merding dem Rufe ſeines Genius folgen und mit Bewilligung des Vaters die Bühne betreten. Sein erſtes Debüt fand auf
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Nur ungern ertheilte
zahlreichen Berliner Liebhabertheater„hinten“ unter * 2 7


