V— 633 „Welch' ein Glück, mein Liebling! es iſt die kleine Eliſe„dann ſollen Sie das ganze Werk hören und in vollendeter Aus⸗
1 Radziwill und Du mußt ſelber hinauf gehen zum Fürſten, ihm führung, wie ich hoffe! Geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie
— ſein Kleinod zu bringen. Geh', Fréderic!“ drängte die Gräfin kommen!“
8 freudig erregt. Und eine ſchlanke, zarte Hand ſank in eine kraftvolle Männgr⸗
1 3 Aber die gewohnte Schüchternheit des Knaben war unter die⸗ hand.
t ¹ ſen Worten wieder zurückgekehrt, ſeine Erregung ſchwand, tiefe„Werde ich dann,“ fragte der Knabe ſtockend,„auch den klei⸗
n Bläſſe überzog ſein Geſicht, die langen Wimpern ſenkten ſich wie⸗ nen Engel ſehen?“.
1 der.„Ich will keinen Dank,“ ſagte er dann kurz.„Bitte, gebt„Sicher! Aber er dürfte dann wohl ein großer Engel ge⸗
r es ihm ſtatt meiner!“ Noch einen langen Blick auf das ſüße worden ſein,“ lautete die lächelnde Antwort.
e Kindergeſicht werfend legte er ſeinen Schatz in die ſchöne Hand„Darf ich das Bild noch einmal ſehen?“
1 2 ſeiner Schützerin.„Da iſt es!“
„Nun ſo geh', mein Kind, zum Flügel, man wartet ſchon Und der Fürſt zog die Goldkapſel hervor, der Deckel ſprang
5 längſt auf Dich voll Ungeduld, wir dürfen jetzt ohne Vorwurf auf und zwei dunkle Augen vertieften ſich noch einmal in das
t 3 tanzen und fröhlich ſein!“ holde Kindergeſicht.
—. Eine Schaar reizender Frauen drängte ſich um den Knaben.„Wir lieben uns ſehr,“ ſagte er mit einer Stimme, die vor
5„Lieber Chopin, kommen Sie!“ baten ſüße Stimmen und glänzende Rührung bebte,„dieſe meine einzige Kleine und ich, und können
). Augen. Man zog ihn fort an das Inſtrument. uns nicht lange miſſen. Gott ſegne ſie!“
. Eine Viertelſtunde ſpäter zeigte der Tanzſaal ein lebensvolles———
t Bild. Am Flügel ſaß der junge Chopin und ſpielte die Tanz⸗ Etwa ſieben Jahre ſpäter ſaß Fréderie Chopin in Berlin im
weiſen ſeines geliebten Vaterlandes, und die vornehmen Paare Salon des Fürſten Anton Radziwill, nicht mehr der ſcheue Knabe, 1 wirbelten durcheinander. Wie oft hatte er ſchon ſo geſpielt! Sie ein ernſter, junger Mann, ein aufgehendes Künſtlergeſtirn erſten 1 wollten ja Alle nur zu ſeinem Spiel tanzen, alle die ſchönen Ranges. Diesmal flogen nicht polniſche Frauen mit ihrer Grazie Ariſtokratinnen in dem Salon der Fürſtin Czartoriska, Potocka unter den Klängen ſeiner Weiſen an ihm vorüber, man ſaß in
4 und anderer Königinnen der großen Welt.—„Seine Finger lautloſen Gruppen umher und lauſchte jenen wunderbar ſchwer⸗ 2 ſprühen Funken!“ ſagte man ſcherzend von ihm,„wehe, wenn ſein müthigen Weiſen, die Chopin Notturnos„Träumereien der Nacht“ 4. eigenes Herz einmal in Flammen aufgeht, wie er ſetzt unſere Herzen nannte.
in Flammen ſetzt; es würde eine Feuersbrunſt werden, die Niemand Die Ariſtokratie der Geburt und des Geiſtes und die Vertreter
do löſchen kann!“ der Kunſt waren in dem Muſikzimmer des fürſtlichen Hauſes ver⸗
Und die ſchlanken Finger glitten über die Taſten bald im ſammelt, deſſen Honneurs die liebenswürdige Fürſtin machte. Man Mazurka⸗Rhythmus, bald im Pokonaiſentempo, oder im Walzertact, ſah den alten Zelter dort und den jungen Humboldt, Bern⸗
2— und die Augen glitten träumeriſch über jenes Wogen und Schweben hard Klein und Louis Berger, Varnhagen und dazwiſchen der prächtigen Geſtalten. Er ſah alle das„Neigen von Herzen eingeſtreut wie Blumen die reizenden Frauen.
3 zu Herzen“, von dem der Dichter ſagt: Neben dem Flügel ſtand eine reizende Mädchengeſtalt, das
— u Köpfchen ein wenig geneigt, in einem einfachen, weißen Kleide, das
„Ach, wie ſo eigen ſchaffet es Schmerzen! bis zur Spitze der kleinen Füße herabfloß. Die roſigen Lippen
m„ In ſolchem Gewirr widerſtreitender Empfindungen wurden ſie ge⸗ maren halb geöffnet zu einem träumeriſchen Lächeln, der ganze
boren, jene Tänze Chopin's, aus dieſer bewegten Fluth ſtiegen ſie Ausdruck des holden Geſichtes zeigte ein Gemiſch von Wehmuth
faauf, die Perlen jener Weiſen, die man ſo liebte und bei deren und Entzücken. Tief geſenkt deckten die langen Wimpern die ſeelen⸗
13 Klängen ein ſo wunderbarer Rauſch die Tänzer erfaßte. vollſten Augen, ihr Blick hing unverwandt an jenen Händen, die
A Wie ſchön dieſe kleinen Hände ſpielten, wußten damals nur eben die letzten Tacte des O-moll-Notturno’s ſpielten. Die ganze
4 Wenige. Die Meiſten ſagten:„er allein ſpielt ſo, daß wir dazu Erſcheinung erinnerte an die zarte Schönheit einer eben erblühten 1 tanzen können, wie wir eben mögen!“ Wie viel Liebesglück ſah weißen Roſe. Es war die Prinzeſſin Eliſe Radziwill. Und als der junge Chopin unter ſeinen Augen aufblühen und welken, wie Chopin geendet, begegnete er zwei Augen, die in hellen Thränen 6 früh und mit welcher tiefen heimlichen Trauer lernte er erkennen, ſtanden. Und tiefer noch als damals beim Anſchauen jenes Kinder⸗ — daß Alles vergeht und ſtirbt— und das Schönſte am ſchnellſten: bildes empfand die Künſtlerſeele vor dieſer Mädchengeſtalt:„ſie der Frühling und die Liebe.— iſt ein Engel An jenem Abend im Tanzſaal des Schloſſes Willanow ſtand. Die Prinzeſſin Eliſe Radziwill war die erſte deutſche Frau, — eine hohe Männergeſtalt lange ſchweigend und regungslos hinter die den Zauber dieſes wunderbaren Spieles und der wunderbaren 4* V dem Flügel, und daer ernſtr are. e aten mit dem Ausdruck Schöpfungen Chopin's voll empfand und ſich ihm rückhaltlos über⸗ . 3 Bewunderung die ſchlanken Finger, die da r die Taſten ließ.„Nie hörte ich ſolche Melodieen und nie werde ich Herzer⸗ 13' 1 7 gluten. Fürſt Radziwill, der geiſtvolle Muſikfreund und Kenner, greifenderes hören,“ ſagte ſie wiederholt, und während ihres Auf⸗ . 1 lauſchte ſtaunend dem Spiel des Knaben. Mit dem Sonnenſchein enthaltes in Berlin hatte Chopin keine begeiſtertere Verehrerin dort, 1 der Freude auf der edlen Stirn ſah die Fürſtin Czartoriska ihn als die junge Fürſtin. Faſt jeden Abend verlebte der Schützling M ſpäter lange mit dem jugendlichen Freunde ihres Sohnes reden, Radziwill's im Muſikſaale ſeines hohen Gönners, und man muſi⸗ 1 und ſah das Knabenantlitz freudig aufleuchten. Erſt am andern cirte dort bis tief in die Nacht hinein. Dort war es auch, wo Tage erfuhr ſie aus Chopin's Munde, wie der Fürſt ihm gedankt Chopin den Fürſten Cello ſpielen hörte, mit wahrer Meiſterſchaft, 1 1 ffr das wiedergefundene Kleinod. Anton Radziwill übernahm die und den größten Theil des„Jauſt“ und die Gretchenlieder ſang . fernere muſikaliſche Ausbildung des Knaben auf dem Conſervatorium die ſüße Stimme der Prinzeſſin. t zu Warſchau unter der Leitung des vortrefflichen Elsner. Schöne helle Tage zogen an dem jungen Muſiker vorüber; es Am Abſchiedstage ſpielte Chopin noch ſtundenlang vor ſeinem gab Stunden, wo er den Schmerz des Scheidens aus der theuern 1 ſcheidenden Gönner im Salon der Fürſtin Czartoriska, und in Heimath, an der ſeine Seele ſo leidenſchaftlich hing, vergaß. Aber dem Bouddir der gefeierten Frau lauſchten verſchiedene Freunde ſie nahmen ein Ende; Chopin zog weiter nach Frankreich. 1 ves Hauſes dieſem ſeltenen Genuß, denn der wunderliche Kdnabe Eine weiße Roſe ſchenkte die Prinzeſſin dem neuen Freunde war ſonſt nie zu bewegen, außer dem Tanz, vor einem größeren beim Abſchied.„Auf Wiederſehen!“ lächelte ſie ihm zu.. A ſ Kreiſe zu ſpielen. Kaum zwei Jahre ſpäter lagen Kränze von weißen Roſen auf Aber auch der Fürſt Radziwill ſetzte ſich an den Flügel, um den Särgen von Vater und Tochter. Fürſt Radziwill, der Com⸗ „” ſeinen dankbaren Zuhörern Bruchſtücke aus jener wunderbaren poniſt der Oſtexchöre, ſtarb in der Oſternacht des Jahres 1833, 17 Schöpfung„Fauſt“, die damals ſeine Künſtlerſeele erfüllte, zu geben, und wenige Monate ſpäter folgte ihm ſein geliebtes Kleinod.
1 und er erklärte dem erregten Chopin den Zuſammenhang des Gan⸗. = zen und den Bau des Einzelnen. Die ergreifenden Oſterchöre ſchweb⸗ Wieder ſind Jahre im ſchnellen Fluge dahingezogen. Chopin ten daher und die Augen des jugendlichen Hörers ſchimmerten freu⸗ ſpielt in einem kleinen Selon. Die Fenſter ſtehen weit offen;
dig bei dieſen Klängen aus einer beſſeren Welt. eine helle Nacht, die glühende Nacht des Südens, liegt auf N„Sie müſſen ſpäter nach Frankreich und Italien gehen und der Erde. Eine fremdartige Vegetation iſt es, die dem Auge Fumn Raſt halten bei mir in Berlin,“ ſagte endlich der Fürſt, begegnet, denn der Boden, auf dem die kleine grünumrankte 4 N——;———————————y—————-———— 1 2 4 XVI. Nr. 40.— * 8 4 8 4. 3 1 4- 85 1* “—*— ..—*.


