(Fortſetzung.)
Tonerl hatte die Augen niedergeſchlagen, und die Hände in den Schooß legend, ſpielte ſie mit dem Schürzenbande.„Ich dank' Ihnen recht ſchön dafür,“ ſagte ſie.„Ich bin ſchon froh, wenn Sie mich net ganz vergeſſen haben.“
„Wie könnt' ich das!“ rief Günther feurig. ſelbſt nicht, wie das zugeht, aber nachdem ich von Dir fort war, erkannte ich erſt, wie ſehr ich mich an Dich gewöhnt hatte! Der Gedanke an Dich hat mich auf Schritt und Tritt begleitet, und ich konnte die Zeit nicht erwarten, wo wir wieder in den Süden kommen würden, zu Euren ſchönen Bergen!“
Tonerl ſah ihn mit aufleuchtenden Augen an.„Net wahr,“ ſagte ſie,„es iſt ſchön in unſere Berg'— es iſt ſchön in meiner Heimath, in mein' lieben Baierland?“
„Gewiß!“ entgegnete Günther.„Es iſt ein Garten unter den Ländern— in dem die ſchönſte Blume blüht, wenn es auch nmur eine duftige Feldblume wäre! Wie aber iſt es mit Dir?
Haſt auch Du meiner gedacht?“
„Ich?“ antwortete ſie befangen.„Ich hab' zu ſo was keine Zeit gehabt. Es giebt immer ſo viel Arbeit, und bei der Arbeit muß man ſeine Gedanken bei einander haben.“
„O, ich war eben auch nicht müßig,“ rief Günther wieder, „aber ich habe doch die Zeit gefunden, an Dich zu denken. Ich that es während der Arbeit. Jede ländliche Verrichtung, die ich vornehmen ſah, erinnerte mich an Dich. Wenn der Hahn im Hofe krähte, erinnerte ich mich, wie ich Dich auf dem Funken⸗ hauſerhofe geſehen hatte, mitten unter Deinem Hühnervolke ſtehend, und wie ſich Dir die Tauben auf Kopf und Schulter ſetzten, und wenn es Abend wurde, ſah ich Dich, mit der Sichel in der Hand und die friſche Grasbürde auf dem Kopfe, von der Wieſe hereinkommen, wie das erſte Mal als wir uns begegneten. Ich habe Abends nach der Arbeit an Dich gedacht und Morgens vor derſelben. Wenn man will, bleiben immer gar viele Minuten übrig.“
„Wir haben keine Uhr, die ſo genau geht,“ entgegnete Tonerl ausweichend.„Wir können uns nur nach der Sonn' richten.“
Günther ſchwieg und ſah ſie einen Augenblick von der Seite an.„Du willſt nicht antworten, wie es ſcheint,“ ſagte er dann. „Du willſt nicht Ja ſagen, weil Du das wahrſcheinlich nicht kannſt, und ſcheuſt Dich doch auch Nein zu ſagen, weil Du denkſt, daß es mich verletzen würde. Freut es Dich denn gar nicht, daß ich wieder da bin?“
„Ich müßt' lügen, wenn ich auf die Frag' Nein ſagen wollt',“ erwiderte ſie nach einigem Beſinnen.„Alſo iſt's wohl geſcheidter, ich ſag's Ihnen, wie's iſt. Ja, es freut mich, und ich bin recht froh, daß Sie wieder da ſind.“
„Nun, ſiehſt Du,“ rief Günther entzückt,„ſo hab' ich Dich gern. Das iſt das liebe, offene Weſen, das mir immer an Dir ſo wohl gefallen hat. Ach warum—“
Er brach ab und verſtummte; auch ſie fand ſich nicht be⸗ wogen, um die Fortſetzung des unvollendeten Satzes zu fragen. Eine Pauſe von ein paar Minuten trat ein, in welcher Jedes nach anderer Richtung an die Berge hinanſah, als wäre dort Wunder irgend etwas Merkwürdiges zu ſehen.
„Ich habe Dir auch ein Buch mitgebracht zum Andenken. Den ‚väterlichen Rath an meine Tochter’, den Du im vorigen Jahre bei meiner Schweſter geſehen, und worin Du ſo gerne ge⸗ leſen haſt.“
„Ach mein!“ erwiderte ſie Wenigſte davon verſtanden.“
„Das ſchadet nicht. Du wirſt es öfter leſen und dann Alles verſtehen. Siehſt Du, ich habe das Buch in meiner Jagd⸗ taſche mitgebracht.“
Er hatte dabei den Rückſack geöffnet und einen in ſchwarzes Leber mit Golddruck ſauber gebundenen Band hervorgeholt, den Tonerl ſchüchtern und neugierig ergriff, indem ſie vor dem An⸗ faſſen die Fingerſpitzen an der Schürze abwiſchte.
„Aber das iſt ja viel zu koſtbar für mich!“ rief „Und warum haben Sie'’s denn ſchwarz gemacht? Di
beſchämt.„Ich hab' ja das
ſie lachend. as ſieht ja
— ⸗(38 Süden und Rorden.
Eine baleriſche Dorfgeſchichte von 1866. Von Herman Schmid.
„Ich begreife
aus wie das große Buch, das der Meßner bei der Todtenvigil hat oder bei der Seelmeß'!“ „Wenn es Dir nicht gefällt, will ich es anders binden laſſen. Haſt Du eine Farbe, die Dir die liebſte iſt?“ „Wie Sie nur ſo fragen können! Freilich hab' ich eine Leibfarb', und das iſt blab(blau), und das ſchon von wegen der Bedeutung. Das Schwarz das iſt der Tod und die Traurigkeit
und die Feindſchaft— das Blau aber das bedeut't die Treu;
und die Beſtändigkeit, und dann— iſt denn das Blaue net auch die Farb' von mein' lieben Baierland?“
„Du ſollſt einen blauen Einband haben,“ rief Günther haſtig.„Du ſollſt ein Zeichen der Treue haben, der Beſtändig⸗
keit und der—“ Wieder erſtarb ihm das Wort auf der Zunge;
auch Tonerl war unruhig geworden und rückte unbehaglich auf ihrem Sitze hin und her.„Du biſt ſo befangen, Mädchen,“ be⸗ gann er wieder nach einiger Zeit.„Du ſiehſt immerwährend um Dich— erwarteſt Du Jemand, oder iſt Dir meine Gegenwart läſtig?“ „Nein,“ ſagte ſie, indem ſie nach dem Schürzenzipfel haſchte, erwart' Niemand, und Sie ſind mir auch gar net läſtig, es wär' mir doch lieber, wenn Sie gingen.“
„Nun, das nenn' ich wenigſtens offen geſprochen!“
„Soll ich nicht?“ fragte ſie und richtete die großen, dunklen Augen feſt auf ihn.„Sie ſagen ja, daß Ihnen g'rad' das an mir ſo g'fallt. Sehen S', ich kann Ihnen gar net ſagen, wie mich das freut, daß Sie zu mir'kommen ſind und haben mir „Grüß Gott' g'ſagt, bevor die Andern alle kommen.... Aber eben deswegen mein' ich halt— es wär' juſtament net noth⸗ wendig, daß's die Andern alle wiſſen.“
„Ah, ich verſtehe Dich,“ ſagte Günther lächelnd und ſich erhebend.„Du willſt den Schein vermeiden.“
„Wenn ich aufrichtig ſein ſoll— ja.“ „So ſage mir auch, warum? Und welcher Schein wäre das, den Du vermeiden möchteſt?“
Tonerl lachte fröhlich und doch nicht ohne Verlegenheit auf. „Nix für ungut,“ ſagte ſie dann.„Aber das iſt eine tappete Frag'. Das können Sie ſich ja an die Finger abbeten... wenn die Andern alle kommen und finden uns allein bei einander, müßten ſie denn net denken, daß— daß wir Zwei—“
„Daß wir Zwei einander gut ſind?“ ſagte Günther, indem er näher trat und ſeinen Arm leiſe um ihre Hüfte legte.„Es wäre wohl möglich, daß die Leute ſo etwas denken würden— wäre Dir denn dieſer Schein ſo ſehr zuwider?“
„Gehen S' fort, Herr Günther,“ ſagte Tonerl herzlich,„ich bitt' Ihnen gar ſchön.“
„Antworte mir zuerſt! Dann will ich gehen. Schein Dir ſo ſehr unangenehm?“
„Gehen Sie aber nachher g'wiß?“ fragte ſie, indem ſie ihm mit offenem Lächeln kindlich in's Geſicht ſah.„Verſprechen S' mir das?“
„Ja.“
„ich aber
raſch
Wäre dieſer
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„Dann will ich Ihnen autworten,“ ſagte ſie,„und ſag' Ihnen, daß mir aller Schein zuwider iſt.... Ich halt's überall lieber mit der Wahrheit.“ Damit hatte ſie mit einer raſchen, neckiſchen Bewegung ſich aus ſeiner halben Umſchlingung befreit und war in die Hütte
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und Am Ohne die St Vorwan
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ſe ein ſehen,
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liebſten b. einſ ffahr'
Glüc dne( wir u 3 der 5 Mutt —
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entflohen. Unſchlüſſig ſah ihr der junge Mann ein paar Augen⸗ blicke nach, als ob er mit dem Entſchluſſe kämpfte, ihr zu folgen. Dann blickte er nach allen Seiten herum, und als er nirgends
veine Spur von Menſchen bemerkte, eilte er raſchen Schrittes wieder
dem Walde zu, aus dem er gekommen war. Es gelang ihm auch, denſelben zu erreichen, ehe die erwartete Geſellſchaft auf der Blümelalm eintraf.
Dieſe war inzwiſchen ſchon ziemlich weit im Bergwalde hinangeſtiegen und machte eben auf einer Naſenblöße Halt, auf welcher eine majeſtätiſche Buche ihre Arme, wie ein Zelt zur Raſt bei gutem und zum Schirm bei ſtürmiſchen Wetter, ausbreitete.
Daneben ſtand ein durch ebenſo anſehnliche Höhe und eine ſtatt⸗„ liche Krone ausgezeichneter Wildkirſchbaum und unter ihm ein
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