Villa ſteht, die Chopin eben bewohnt, iſt die Inſel Majorca im mittelländiſchen Meere. Palmen, unter denen nun einmal
Niemand ungeſtraft wandelt, ragen ſtolz in die Luft, üppige Blüthenranken ſchlingen ſich um die Säulen der Veranda, Blumen in den brennendſten Farben duften auf den Beeten, ein Gewirr von Rieſenblättern bildet ein natürliches Lanbendach. Der Himmel iſt von den zerflatternden Schleiern eines vorübergezogenen Gewit⸗ ters bedeckt, aber große Tropfen, wie unaufhaltſame Thränen, fallen nieder. Der Muſiker iſt allein. Im Zimmer herrſcht ſüße Dämmerung; eine mattleuchtende Ampel hängt von der Decke herab. Von der Wand herüber ſchimmert eine gelbſeidene Ottomane, auf dem Marmortiſche ſteht eine Schale mit Blumen und Ranken, die weit herabhängen, Tabourets in allen Ecken, zwiſchen Fenſter und Flügel ein Schreibtiſch, bedeckt mit Büchern zund Papieren, ein Flacon dazwiſchen, darüber hingeworfen ein Battiſttuch mit Spitzen beſetzt. Vor dem etwas zurückge⸗ ſchobenen Seſſel liegt ein Sammetkiſſen und darauf ſtehen zwei kleine türkiſche Pantoffeln. Frauen⸗ oder Kinderfüße haben ſie
abgeſtreift, dieſe zierlichen rothen, mit Goldfäden und Perlen geſticken Gehäuſe. An den Wänden hängen Anſichten von Venedig, Portraitſkizzen und Zeichnungen bunt durcheinander,
über dem Flügel aber ein Aquarell: mit dunkelm Haar und Augen, Licht zu erfüllen ſcheinen.
Der einſame Spieler waii dann und wann einen Blick auf jenes Bild, das, vom Lichte der Ampel getroffen, zu leben und zu athmen ſchien, dann wieder neigte er ſich und ſchaute, ohne die Hände von den Taſten zu nehmen, hinaus in die verſchleierte Landſchaft, die der Nacht entgegenträumte, und lauſchte dem lang⸗ ſamen Tropfenfall. Es ſchien ihn zu quälen, dies eintönige Ge⸗ räuſch, eine Wolke lag auf ſeiner Stirn und die feinen Lippen zuckten. Ob er es wohl übertäuben wollte mit den mächtigen Klängen des F-moll-Concertes, der ſchönen Gräfin Potocka ge⸗ widmet, die jetzt über die Taſten rauſchten? Der letzte Satz war es, der jetzt auftrat in ſeiner ſtolzen und melancholiſchen Schönheit.
Wie ganz anders, wie ſeltſam verwandelt klang heute das Spiel Chopin's im Vergleich zu jenem Abend im Salon des Fürſten Radziwill, als die reizende Mädchengeſtalt der jungen Prinzeſſin neben ihm am Flügel ſtand! Damals war es ſchmerz⸗ liche Träumerei, ein Gewebe von Sehnſucht und Hoffnung, Wün
der Profilkypf einer Frau die das Zimmer mit ſeltſamem
ſchen und Verlangen, jetzt war die Erfüllung da, jeder Ton ſagte es klar. Jenes wunderbare„Glück ohne Ruh'“ war ein gezogen in das leidenſchaftlichſte aller Herien
Fréderic Chopin ſtand damals vielleicht noch nicht aij der Höhe ſeines Ruhmes, vba eich Paris ihn anbetete und die Augen
des muſikaliſchen Deutſchlands ſich bereits bewundernd anf ihn rich⸗ teten, aber er ſtand auf der Höhe ſeines Glückes. George S Sand, die genialſte Frau, hatte ihn nach Majorca begleitet, um felber die Geneſung des ſo ſchwer erkrankten, von den franzöſiſchen
Aerzten aufgegebenen Freundes zu überwachen. Und er genas auch unter dieſem Himmel oder— unter dieſen Augen, die Liebe vollbrachte wieder eines ihrer ſtillen ewigen Wunder, der Tod⸗
geweihte wurde dem Leben erhalten, der Kranke erholte ſich ſchneller, als ſein geliebter Dämon es zu hoffen gewagt. Sie durften ja Beide ein Traumleben führen, wie es ſchöner nicht dedach zu werden vermag— ein märchenhaftes Daſein, fern von einer lärmenden und kalten Welt, auf einer ſeligen Inſel, wo Liebe, Muſik und Poeſie ihre Schleier um die Glücklichen webten, und die ideale Natur Chopin's glaubte trotz Allem, was er in ſo früher Jugend geſehen, an eine Ewigkeit dieſer berauſchenden Seligkeit, denn
„— das Ende würde Verzweiflung ſein!
Nein— kein Ende— kein Ende!“
Und während er noch dahin fuhr auf jenem goldenen Strome
„von dem Glanze ſelig blind!“ ſchlug eine immer zu,
ſchöne das den
unruhige Frauenhand ſchon
das Buch für Titel trug:
„Zwei Glückliche auf Majorca“.
was ſie ihm ſagen wollte!
Ach, ſie ſetzte ſchon die Feder an, „Die Rückkehr nach Paris“. jene bewegte Welt,
um ein neues zu beginnen: George Sand ſehnte ſich zurück in die ſie vor wenig Monden um des Freundes willen verlaſſen, und während er noch ſeine ſüßeſten Träume träumte, war ſie längſt erwacht und lan darüber nach, wie ſie es ihm ſagen wolle, das grauſame Wort:„Wir mſſen heim⸗ kehren— oder ſcheiden!“
Noch immer fielen draußen die Tropfen, noch immer war die Geliebte nicht heimgekehrt von ihrem Spaziergange, regel⸗ mäßige Streifzuge, auf denen er ſie ja, ſeiner Schwäche wegen, nie begleiten durfte. So lange hatte ſie ihn noch nicht allein gelaſſen! Es war ſo todeseinſam um ihn her und wie Todesfurcht legte es ſich auf ſeine kranke Bruſt. Geiſterhaft ſchaute das Bild auf ihn nieder. Und der Gedanke ſtand auf:„Wie wenn ſie ſtürbe und ihn auf einmal verließe— wie wenn ſie nie wieder⸗ kehrte?“ Seine ſchmerz liche Wehmuth löſte ſich in Thränen, die Thräſtn wurden zu Tönen, die Finger Chopin's berührten die Taſten, die bleiche Stirn ſenkt e ſich tiefer und tiefer: das wunder⸗ bare Präludium in Des-dur entſtand in jener Stunde, mit ſei⸗ nen niedertropfenden Ges und As.
Er hörte nicht, der Träumer, wie ſich Schritte nahten, wie die Thür geöffnet wurde und ſie auf der Schwelle erſchien, die
Heißerſehnte, um die er ahnungsvoll ſchon jetzt weinte, wie ſie leiſe zum Flügel ſchlich, das ſchöne, üppige Weib, eine Blüthen⸗ ranke durch das Haar gewunden, im leichten weißen Kleide mit dem Goldgürtel, in dem ein kleiner Dolch blitzte, Blumen in den Händen, den breitgeränderten Strohhut am Arme, helle Tropfen in den Locken. Sie war gekommen mit dem feſten Entſchluß ihm zu ſagen:„laß uns eilig brinnlihien, ich arltage dieſe Luft und dieſe Ruhe nicht länger.“ Und noch Vieles war es, ſo Vieles, Und aun ſtand ſu wie gebannt plötz⸗ lich dieſen Klängen gegenüber, und mußte zuhören, wie er um ſie weinte, und glühenden Tropfen gleich fiel ihr Ton um Ton auf's Herz. Und als der letzte verhallt war, da ließ ſie die Blu⸗ men aus ihren Händen auf die Taſten fallen, ſchlang die Arme um den Freund und flüſterte halb lachend, halb ſeufzend:„Freund, armer Freund, ich habe Dich zu lenge allein gelaſſen und nun ſiehſt Du Geſpenſter! Verzeihe mir!“
Wo war das Dunkel nun geblieben, wo die Todesfure die Thränen? In roſigem Licht ſchwamm ja das ſtrahlende, ge volle Angeſicht der geliebten Frau vor ſeinen Blicken Lippen hauchten berauſchende Worte in ſein Ohr.
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Draußen fielen noch die Tropfen, wer achtete länger Die kleinen Frauenfüße ruhten wieder in den goldgeſtickten— und die üppige Geſtalt auf den Polſtern der Ottomane; Fret Chopin aber ſaß neben ſeiner Scheherazade und bat leiſe:„„ erzähle Du mir eine Geſchichte undaab nicht wieder von wi
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Wer ſähe ſie nicht verſchiedenen Schöpfungen Chopin's, ſein Herz und Leben bedeut tungsvoll geworden? führeriſch lächeln und im Tanze ſorglos dahinfliegen, jene reize. den Polinnen aus dem Salon der Fürſtin Czartoriska und dem Schloſſe Willanow! Wie Fieber zuckt und glüht es in jedem Tacte ſeiner Mazurken, Walzer und Polonaiſen. Aus dem Adagio des F-moll-Concerts ſchauen uns die dunkeln Augen der Gräſin Potocka an, das Engelsgeſicht der Prinzeſſin Eliſe, und in ſeinen Balladen erſcheint manch anderer bezaubernder Frauenkopf ohne Namen. In jenem B-moll-Scherzo aber, dieſem Byron’ſchen Gedicht in Tönen, mit ſeinem wilden Jubel und derwalfelndin Weh grüßt ſie her⸗ über, jene gefährliche, hinreißende Frau, die ihn„im Dunkeln allein gelaſſen“— aber länger als an jenem Abend auf Majorca, und um die er geweint in ſeinem Des-dur-Präludium und— bis zu ſeinem Tode.
auftauchen und vorüberſchweben jene Frauengeſtalten, die
E. P.
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die wunderſchönen Rahmen der Notturnos umſchließen
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