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der Auflöſung des jüdiſchen Staates allmählich hinter anderen,
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Daß das Judenthum lebt und in ſeinen Wurzeln nicht abgeſtorben iſt, können Sie in jeder Stadt und in jedem Dörfchen ſehen, wo eine Gemeinde iſt. Und warum wollen Sie es nicht leben laſſen? Wurzelt es nicht, ſo gut wie das Chriſtenthum, in einem höheren ſittlichen Inhalt, der ſich nur in beſonderen, durch Geſchichte und uraltes Herkommen geheiligten Formen offenbart, die Nie⸗ mand ſtören und ſchaden und die Mancher nur fremdartig oder lächerlich findet, weil ihm die eigenen Gewohnheiten natürlich ge⸗ läufiger und verſtändlicher ſind? Muß denn Alles über einen und denſelben Leiſten geſchlagen ſein?“
Der Mann hatte die letztere Frage mit ſo eigenthümlicher Wehmuth betont, daß der große Tondichter ſeine Hand ergriff und ſie herzlich drückte.„Sie haben mir,“ ſagte er,„eine ſchöne Stunde bereitet und ich kann Ihnen wohl am Beſten durch die Erklärung danken, daß es der Enkel Moſes Mendelsſohn's iſt, zu dem Sie geſprochen haben. Kommen Sie morgen zu mir.“ Hiermit übergab er dem Knaben ſeine Karte und war ſchnell in den Windungen der Anlagen verſchwunden.
Als der Greis mit ſeinem Knaben am andern Tage in der Wohnung Mendelsſohn's erſchien, breitete er mit thränenfeuchtem Auge und feierlicher Geberde, ein hebräiſches Gebet murmelnd, ſeine Hände gegen den Meiſter aus und empfing dann von dieſem Briefe, welche ihm ſelber eine beträchtliche Aufhülfe, dem Knaben aber auf Jahre hinaus in Berlin eine gute Erziehung nebſt aus⸗ reichendem Unterhalte ſicherten.
Dieſer Knabe iſt freilich kein Reformator der ruſſiſchen Juden, ſondern ein hochgebildeter, durch ſeine aufopfernde Menſchen⸗ freundlichkeit ſowohl, als durch geiſtvolle ſchriftſtelleriſche Leiſtungen ausgezeichneter Arzt geworden, der in der preußiſchen Stadt, wo er ſeit Jahren wirkt, ſich einer weit verbreiteten Praxis und eines hohen Anſehens erfreut. Der zeitgemäßen Reform des mittelalterlichen Judenthums, und namentlich der Aufklärung ſeiner ruſſiſchen Brüder wendet er aber, im Sinne ſeines Vor⸗ fahren, noch immer eine warme Aufmerkſamkeit zu, wie er auch alljährlich, wenn das trauliche Feſt der Laubhütten wiederkehrt, alle ſeine Lieben zu heiterem Mahle um ſich verſammelt und mit inniger Dankbarkeit der wunderbaren Schickſalswendung gedenkt, welche einſt für ihn an dieſem Abend aus dem altjüdiſchen Feſt⸗ ſegen des längſt zu ſeinen Vätern heimgegangenen Großvaters entſproſſen iſt.
Als ich vor einiger Zeit auf dem Tiſche einer befreundeten Familie das nunmehr hier beifolgend mitgetheilte Bild Oppen⸗ heim's fand, wurde ich durch eine unwillkürliche Ideenverbindung an die vorſtehende Geſchichte erinnert, welche von der Dame, der ſie Mendelsſohn erzählt hatte, niedergeſchrieben und ſeit Jahren in meinen Beſitz gekommen iſt. Was hier und da im Ausdrucke und der Abrundung der einzelnen Wendungen der Hand der Er⸗ zählerin angehört, kann füglich dahingeſtellt bleiben. Dem Geiſte ſowohl als den Thatſachen nach iſt der Vorgang keineswegs er⸗ dichtet, und kann wohl als Einleitung zu einer Erklärung alt⸗ jüdiſcher Gebräuche und Feſte dienen, die eben jetzt ſchon mannig⸗ fach ihr früheres Gepräge, die Feſtigkeit ihres Beſtandes verloren haben und in einer Kriſis, einem Uebergange zu neuer, dem Be⸗ wußtſein des heutigen Geſchlechtes mehr angemeſſener Geſtaltung begriffen ſind.
Zu dieſen Feſten gehört auch das ſogenannte Laubhüttenfeſt, bekanntlich eines der altbibliſchen, ſchon vom moſaiſchen Geſetze (3. Buch Moſes 23, 33— 44) angeordneten Hauptfeſte der Juden, das noch jetzt in allen jüdiſchen Gemeinden mit feſtlichen Abend⸗ und Vormittagsgottesdienſten gefeiert wird. Ein Reſt eigenthüm⸗ lichen poetiſchen Schimmers, der von jenen uralten Tagen her dieſes von ſinnigen Gebräuchen durchwobene Feſt umgeben hatte, iſt ihm in allem Wandel der Zeiten und Anſchauungen auch heut' noch verblieben und in manchen Gegenden haben wir es von der chriſtlichen Bevölkerung das„grüne Feſt“ der Juden nennen hören. Urſprünglich in Paläſtina war es ein großes Nationalfeſt, das ganze Volk ſtrömte aus allen Städten und Dörfern des Landes nach Jeruſalem, das ſich, zur Erinnerung des einſtmaligen Zelt⸗ lebens Iſraels auf ſeinem Wüſtenzuge, in ein einziges Lager friſch grünender Hütten verwandelte. Dieſe Bedeutung iſt nach
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mehr im Familien⸗ und Gemeindeleben wurzelnden, mit dem Laufe
des Jahres und der Jahreszeit zuſammenhängenden Deutungen zurückgetreten.
Das Laubhüttenfeſt fällt in jenen Monat des jüdiſchen Kalenderjahrs, der ſich z. B. dieſes Mal vom 17. September bis zum 17. October erſtreckt und als ein eigentlicher Feſtmonat im Jahreslaufe der Juden bezeichnet werden muß. Die erſten zehn Tage dieſes Monats heißen die zehn Bußtage. Sie beginnen mit dem Neujahrsfeſt und ſchließen mit dem höchſten und heiligſten aller jüdiſchen Feiertage, dem ſogenannten Verſöhnungsfeſte, hebräiſch Jom Kippur, in chriſtlichen Volkskreiſen„die lange Nacht“ genannt. Iſt dieſe Zeit ernſter Betrachtungen und Ge⸗ müthsbewegungen mit den wehklagenden Melodien ihrer Buß⸗ und Bittgeſänge, mit ihren ſtrengen Faſten und feierlichen Verſamm⸗ lungen, ihren Sterbekleidern und Erinnerungen an menſchliche Vergänglichkeit vorüber— es iſt in der That eine Zeit tief ernſter Sammlung, eine Zeit der Verſöhnung und Erhebung für jedes der alten Sitte noch nicht abhold gewordene jüdiſche Haus — ſo tritt der Familienvater an einem der nächſten Tage in ſei⸗ nen Hof oder Garten, oder, wenn er Miether iſt, auf das zu dieſem Zwecke ausbedungene Fleckchen Erde und beginnt mit ſei⸗ nen dabei voller Freude behülflichen Kindern ein eigenthümliches Ge⸗ ſchäft. Es werden Pfähle in die Erde gerammt, Bretter herbeigeholt, Nägel eingeſchlagen und die Arbeiten des Hämmerns und Zimmerns, Fügens und Bauens ſo lange fortgeſetzt, bis ſich ein zierliches und luftiges, oben mit Tannenreiſig oder anderen grünen Zweigen gedecktes Häuschen erhebt, das nun, je nach dem Wohlſtande oder 3 dem Geſchmacke des Beſitzers, innerlich mit aller Sorgfalt aus⸗ geputzt, oft ſogar tapeziert, mit Tiſch und Stühlen verſehen, mit bezüglichen hebräiſchen Bibelſ guirlanden, vergoldeten Aepfeln und Nüſſen und beſonders mit jenen Reſten von farbenreichen Herbſtblumen geſchmückt wird, die mitten in aller Freude ſo ernſthaft an die ſchwindende Sommer⸗ luſt zu mahnen vermögen. Dieſes in der That meiſtens ſehr an⸗ muthig ausſehende, nach Feld und Wald duftende Häuschen, die ſtolze Freude der jüdiſchen Kinder, iſt die aus dem alten Paläſtina ſtammende Laubhütte, in welche nun die Familie während der bevorſtehenden Feiertage alle ihre Mahlzeiten und die damit ver⸗ bundenen häuslichen Feſtceremonien verlegen wird.
Das Laubhüttenfeſt beginnt am fünften Abend nach dem Aus⸗ gange des Verſöhnungstages und dauert neun volle Tage, von denen die zwei erſten und letzten ſogenannte heilige Feſte, die fünf mittleren nur Halbfeiertage ſind. Wenn namentlich am erſten Abend die Familie nach beendigtem Gottesdienſte aus der Synagoge heimkehrt und das noch friſche grüne Häuschen von hellem Kerzen⸗ und Lampenlichte beleuchtet iſt, wenn der Hausvater den dreifachen Segen über den Wein, über das Feſt und über die Hütte ſpricht und die Hausgenoſſenſchaft ſich in feſtlicher Kleidung zum Mahle um den Tiſch gruppirt, gewährt das an ſich einfache Ganze wirklich einen ſo charakteriſtiſchen Anblick glücklichen Friedens und traulicher Heimlichkeit, wie er von Meiſter Oppenheim, dem berühm⸗ ten Genremaler des altjüdiſchen Familienlebens, in unſerem Bilde ſo vortrefflich aufgefaßt und in treuer, wahrhaft künſtleriſcher Weiſe wiedergegeben iſt. In größeren wie kleineren Städten iſt denn auch früher herkömmlich an dieſem Abend die ganze chriſtliche Bevölkerung auf den Beinen geweſen, um die Laubhütten zu ſehen. Ja, ſelbſt die Kinder königlicher und fürſtlicher Familien wurden zu dieſem Zwecke mit ihren Hofmeiſtern in die Häuſer vornehmer Juden geſchickt, wo ihnen aus goldenen Bechern der Wein kredenzt und von ſilbernen Schüſſeln die Leckerbiſſen der jüdiſchen Tafel gereicht wurden. Denn wenn die religiöſen Gebräuche verrichtet und die Tiſchgebete geſprochen ſind, pflegt man das Verweilen in der Laubhütte durch weltliche Munterkeit zu würzen, und oft tönt noch in ſpäter Stunde Geſang, heiteres Geſpräch und Gelächter heller Mädchenſtimmen aus den erleuchteten Räumen in die Nacht hinaus.
Außer der Laubhütte kennt dieſes Feſt noch einen anderen gleichfalls ſchon im moſaiſchen Geſetze angeordneten, alſo ebenſo uralten Brauch, den Feſtſtrauß, der aus hohen, am unteren Ende mit Myrthe und Bachweide umwundenen Palmenzweigen beſteht. und zu dem auch ein ſogenannter Paradiesapfel gehört,„Frucht vom Baume Hadar“, wie ihn die Bibel nennt. Dieſer Strauß wird, trotz des hohen Preiſes, noch heute von jedem dem Geſetze
ergebenen Juden angeſchafft, er gehört am Laubhüttenfeſte zu den
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prüchen, bunten Lampen und Papier⸗
Erforderniſſen eines ehrbaren Hauſes und chriſtliche wie füdiſche
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