Jahrgang 
40 (1868)
Seite
632
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geheimen Seelenpunkte mit einander verknüpften Menſchen erſt ſchweigend durch eine Seitenſtraße, bis ſie in eine ſtille Gegend des ſchönen Stadtparks kamen, der ſich bekanntlich wie ein friſcher und blühender Kranz um die ehrwürdigen Straßen des alters⸗ grauen Leipzigs windet. Hier unter den hohen Bäumen, die der milde Herbſtwind noch nicht entblättert hatte, blieb Mendelsſohn ſtehen und ſagte:Wie Sie vorhin bemerkten, mein Lieber, iſt Ihre Heimath im Innern Rußlands, ſehr fern von hier. Allerdings, lieber Herr, in einer kleinen Stadt an einer der fernſten Grenzen des Reiches.

Und dort haben Sie von Mendelsſohn gehört?

Nicht blos gehört von ihm, lieber Herr, ſchon in früher Jugend habe ich alle ſeine Schriften geleſen, die hebräiſchen und die deutſchen, und mich in unſerer dortigen Wüſtenei mühſam an ihnen herangebildet. Mendelsſohn's Werke und die Werke ſeines großen Freundes Leſſing hatte mein Großvater ſchon vor vielen Jahren aus Deutſchland mitgebracht. Seitdem ſind ſie ein Erb⸗ ſtück unſerer Familie geblieben, das wir bewahren und benutzen wie einen heiligen Schatz. Aber ich kann Ihnen noch mehr ſagen, mein Herr; an dem Feſte, das wir heute feiern, es iſt unſer Laub⸗ hüttenfeſt, hat einſt mein Graßvater in Geſellſchaft Leſſing's als Gaſt am Tiſche des Weltweiſen geſeſſen und ihn ſagen hören: Es kommt eine Zeit, und ſie iſt nicht ſo fern, als man glaubt, wo die Juden nicht mehr Fremde ſein werden in ihrem Vater⸗ lande. Das werden ſie aber nicht von außen her erlangen, durch fürſtliche Gnade und weltliche Gunſt, ſondern nur durch die Macht der fortſchreitenden Bildung. Dieſe Macht der Bildung ſehen wir jetzt leiſe wachſen und wenn ſie einſt ſtärker geworden ſein wird, als alle Gewaltigen der Erde, werden auch die Juden ſchon durch ihre eigene Anſtrengung lebendige und liebevoll ſich anſchließende Glieder der großen Volksfamilie geworden ſein, mit der ſie durch Geburt und Erziehung, durch Sprache und Sitte verwachſen ſind. Das hat Moſes Mendelsſohn damals an ſeinem Tiſche geſagt und ſeine Vorausſagung hat ſich für Deutſchland bereits erfüllt. Die Deutſchen jüdiſchen Stammes haben in ihrem Er⸗ löſungskampfe geſiegt, nicht durch Verleugnung ihrer väterlichen Religion und Sitte, nicht auf dem Wege der Gunſt und der äuße⸗ ren Gewalt, ſondern durch den Geiſt der Bildung, der Veredlung und des arbeitsvollen Strebens, den vor kaum ſiebenzig Jahren ein kleines, verwachſenes Männlein durch ſein Beiſpiel und ſeine Lehre in ihnen erweckt hat. Bei uns freilich ſieht es in dieſer Hinſicht noch ſchlimm aus und erſt jetzt fängt es langſam an zu tagen, man lieſt wenigſtens ſchon die hebräiſchen Schriften Mendelsſohn's und noch läßt ſich nicht abſehen, welche Verände⸗ rungen der Einfluß des jüdiſchen Reformators durch die zahlreichen Schüler, die er unter den ruſſiſchen Juden gefunden, in der geſammten Welt des Oſtens bewirken wird. In Deutſchland iſt man, wie ich höre, ſchon vielfach über den Standpunkt Mendels⸗ ſohn's hinausgewachſen. Für Rußland und Polen aber werden wir ihn jedenfalls noch eine hohe Bedeutung gewinnen ſehen.

Der Mann hatte dieſe lange Erklärung nicht ſo fließend, nicht ohne einen ſtarken Anflug von polniſch-jüdiſchem Accent und wohl auch nicht ganz in denſelben Worten, aber mit einer Wärme des Herzens und der Ueberzeugung geſprochen, die ſeinen Zuhörer mit ehrfurchtsvoller Achtung erfüllte. Wie er da im vollen Lichte des Mondes mit dem weißen, lang auf den ſchwarzen Kaftan herabwallenden Barte vor ihm ſtand, lag in ſeiner ganzen Er⸗ ſcheinung etwas Propheten⸗ und Apoſtelhaftes. Auch der bleiche Knabe, der die Hand des Sprechenden ergriffen und ſich kindlich an ſeinen Arm gelehnt hatte, ſchaute mit ſeinen ſtillen und tiefen Augen bewundernd zu ihm auf. Der Greis aber ſtrich dem Enkel die Wange und fuhr fort:Wenn Gott mich gelingen läßt, was ich mit dieſem da vorhabe, wird er nicht blos glücklicher werden, als ſeine Väter waren, ſondern auch vollenden helfen, was ſie um⸗ ſonſt begonnen haben. zurückkehrt, wird er die Herzen ſchon geöffnet finden. Noch hängen ſie mit fanatiſcher Strenge an dem Unweſentlichen, an all' dem verwilderten Aberglauben, den Irrthümern und Mißbräuchen, die ſich in den Jahrhunderten grauſamer Verfolgung wie eine harte Kruſte um den Kern unſerer Religion gelegt und viele ihrer ſchönen und ehrwürdigen Gebräuche bis zur Häßlichkeit entſtellt haben. Um dieſe Kruſte allmählich zu erweichen, brauchen wir begeiſterte Lehrer und ein ſolcher Lehrer, ſo denke und hoffe ich, ſoll dieſes Kind hier werden. Darum habe ich ihm auch jetzt in

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Wenn er aus Deutſchland als ein Mann

Deſſau das Stübchen gezeigt, in dem einſt der dritte Moſes ſeines Volkes geboren wurde.

Sie haben wirklich das Geburtshaus Mendelsſohn's be⸗ ſucht?

Unverändert ſteht es im Hofe eines kleinen Hauſes noch auf derſelben Stelle, wo es vor mehr als hundert Jahren geſtan⸗ den hat. Als ich es betrat, fühlte ich ein tiefes Wehe in meinem Herzen und doch einen Stolz. Denn ein elendes Stübchen iſt's, lieber Herr, ein armſelig Stübchen, wie es wohl ſelbſt in jenen Zeiten nur die ärmſten Familien bewohnt haben können. Es muß aber ein hoher und himmliſcher Glanz geweſen ſein, der einſt durch dieſe Behauſung ſorgenvoller Dürftigkeit geleuchtet hat; wie hätte ſonſt der ſchüchterne Sohn des von Noth und Elend gebeugten deſſauiſchen Schreibers jener hohe und reine Charakter werden können, als den ihn die geſammte Mit⸗ und Nachwelt gekannt und bewundert hat? Mag die große Welt, in die er mit dem vierzehnten Jahre getreten, ſeinen Geiſt geſchult und ſein Wiſſen bereichert haben, die Keime zu allen Tugenden ſeines Herzens, ſeine ſeltene Milde und Menſchenfreundlichkeit hat er, bei dem damals völlig abgeſchloſſenen Leben der Juden, ſicher nur aus dem engen Dunkel des jüdiſchen Elternhauſes mitgebracht. Das Loos dieſer gedrückten Menſchen, denen man alle öffentlichen Schulen und Bildungsanſtalten und eigentlich jeden ehrlichen

Erwerb verſchloß, war in jenen Tagen noch vielfach ein hartes,

ein ſehr hartes, lieber Herr!

Um ſo mehr iſt es allerdings zu bewundern, entgegnete Felix mit anſcheinender Ruhe,daß ſie bei ſo großem innerem und äußerem Drucke noch Charaktere, wie Mendelsſohn, aus ſich erzeugen konnten. Alle Berichte der Zeitgenoſſen rühmen ſeine hohe Tugend und Weisheit, den Zauber ſeiner Perſönlichkeit. Nicht Wenigen iſt er ein Vorbild geworden. Doch fiel es mir auf, daß Sie ſeinen Vater einen Schreiber nannten, in den Biographien heißt es, er ſei ein Lehrer geweſen.

Es iſt möglich, daß er auch unterrichtet hat, aber ſeinem eigentlichen Berufe nach war er ein Schreiber. Man weiß ſonſt überhaupt wenig von dem Manne, obwohl er der Vater und Er⸗ zieher eines berühmten Mannes, der Ahnherr einer ſo ausgezeich⸗ neten Familie geweſen, iſt nicht einmal ſeine Abſtammung bekannt und ſein Grab nicht mehr aufzufinden. Aber ein Schreiber war er, das ſteht feſt, und ein in der Gemeinde wegen ſeines ſtillen und makelloſen Wandels ſehr hochgeachteter Mann. Wiſſen Sie, was ein Schreiber iſt? Es waren dies früher die einzigen Künſt⸗ ler unter den Juden. Auf Pergament ſchrieben ſie die großen Thorahrollen und häufig auch die Gebetbücher, welche bei unſerem öffentlichen Gottesdienſte benutzt werden. Finden Sie einmal Ge⸗ legenheit, in einer Synagoge oder Bibliothek ein ſolches zuweilen auch mit farbigen Anfangsbuchſtaben und Miniaturbildern ge⸗ ſchmücktes Werk zu betrachten, ſo werden Sie inne werden, daß zu dieſer Arbeit nicht blos wiſſenſchaftliche Kenntniß und eine Art künſtleriſcher Fertigkeit, ſondern auch Geſchmack, Schönheitsſinn und vor Allem jene unbeſchreibliche Geduld gehörte, wie ſie nur fromme Begeiſterung den Menſchen früherer Zeiten verliehen hat. Ich erwähne den Umſtand, weil er nicht unwichtig iſt. Sollte von einer ſolchen künſtleriſchen Thätigkeit nicht auch etwas in die Denkungsart und die Sitten Mendel's übergefloſſen ſein und auch in die Seele ſeines Kindes ſchon frühe jenen Sinn für das Feine und Geordnete, das Anmuthige und Schöne gepflanzt haben, der ſpäter ein ſo wirkungsreicher Grundzug ſeines Weſens ge⸗ blieben iſt? Wie oft mag der arme Vater noch in ſpäter Nacht

bei düſter brennender Lampe in ſeinem erbärmlichen Zimmer ge⸗:

ſeſſen und mit erhobenem Gemüthe, betend zugleich und ſchreibend, den Urtext jener Pſalmen auf Pergament gezeichnet haben, die ſpäter ſein Sohn in's Deutſche übertragen... Und ſein Urenkel in Muſik geſetzt hat, wollte ſohn den Mann unterbrechen.

Sie mir da eröffnen, und ſie erregt mich tiefer, als Sie vielleicht glauben. Aber mir liegt noch eine Frage auf dem Herzen: Sie glauben alſo wirklich, daß das ſeit Mendelsſohn wiederum in eine Bewegung gerathene Judenthum in den europäiſchen Ländern noch eine Zukunft habe?

Ich glaube es mit Tauſenden und abermals Tauſenden

meiner Brüder und Schweſtern, die heute mit mir unſer fröhliches Laubhüttenfeſt feiern, wie mit Unzähligen, die es nicht mehr feiern.

Mendels Er verſchluckte aber jede derartige Bemerkung und ſagte nur:Es iſt eine weite Gedankenreihe, die

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