Jahrgang 
40 (1868)
Seite
629
Einzelbild herunterladen

mehr ſicher. Ich erklärte, daß ich auf meinen Vortheil ver⸗ zichte, mein Gegner ging darauf nicht ein, es ward alſo gelooſt, und das Glück war für ihn. Er zielte kurze Zeit, ſeine Kugel durchbohrte hier meine Mütze jetzt war die Reihe an mir. Gierig durchforſchte ich ſeine Züge in der Hoffnung, einen Schatten von Todesfurcht darin zu erblicken vergeblich! Ruhig ſpeiſte er ſeine Kirſchen weiter, die Kerne mir vor die Füße ſchnippend. Dieſe Kälte erbitterte mich nur noch mehr. Wozu, dachte ich, Jemand tödten, dem ſo wenig an dem Leben liegt? Ein bos⸗ hafter Einfall durchzuckte mein Gehirn, ich ſenkte das Piſtol und rief: ‚Ich fürchte, Herr Graf, Sie ſind nicht genügend vorbereitet, vor Ihren Gott zu treten, da Ihnen das Frühſtück ſo trefflich mundet; ich will warten, bis Sie fertig ſind.

O, Sie ſtören mich nicht im mindeſten! Indeſſen wie es beliebt! Sie haben das Recht, nach mir zu ſchießen, bedienen: Sie ſich deſſen nach Gefallen, ob früher oder ſpäter, mir gleichviel!

Haben Sie das gehört? wandte ich mich nun zu den Zeugen, ‚ob früher oder ſpäter, gilt dem Herrn gleichviel, ſo werde ich heute gar nicht ſchießen!

Der Kampf war aus. Ich nahm den Abſchied und zog hierher. Jeden Tag aber gedachte ich meiner Rache und heute endlich iſt er da!

Er zog den Brief, den er am Morgen erhalten, aus der Taſche.Man meldet mir: die bewußte Perſon hat ſich vor Kurzem mit einer ſchönen, jungen Dame, in die er toll verliebt iſt, vermählt! Sie ahnen, wer die bewußte Perſon iſt! Heute noch reiſe ich zu ihm, trete ihm vor die Augen und will mich überzeugen, ob er dem Tode noch immer ſo lachend in's Auge blicken kann, wie damals, als er die Kirſchen!

Mit den Worten ſprang er auf, mit raſchen Schritten, wie ein Tiger im Käfig, durchmaß er das Zimmer. Der Diener meldete, es ſei angeſpannt, er drückte mir die Hand, ſprang in den Wagen, der nur zwei Stück Gepäck enthielt, die Reiſetaſche und den Piſtolenkaſten. Im Carriere fuhr er davon.

Jahre waren ſeit der Zeit vergangen, ich hatte Nichts von Sylvio mehr gehört und ihn faſt vergeſſen. Den Dienſt, der mir keine Lorbeern eingetragen, kein Avancement gebracht, hatte ich längſt verlaſſen und bewohnte mein kleines Gütchen im Mohilew'ſchen Gouvernement. Obwohl ich meine Wirthſchaft ſelbſt leitete, was meine Zeit tüchtig in Anſpruch nahm, ſo hatte ich doch manche freie, müßige Stunde, und da vermißte ich gar ſehr die Unterhaltung meines früheren Lebens. Woran/ ich mich am ſchwerſten gewöhnen konnte, das war die Einſamkeit des langen Winterabends. Bis zum Mittageſſen ſchlug ich meinen Tag ſo leidlich todt, ich beging die Felder, ſchwatzte mit meinem Ver⸗ walter, inſpicirte neue Bauten und ſo weiter, ſowie die Sonne aber zur Rüſte ging, wußt' ich mit mir nichts weiter anzufangen. Die paar Bücher, die ich in Schränken und Commoden vorgefunden, waren. längſt durchleſen, die Märchen und Geſpenſter meiner alten Kluſche nitza Kirolowa hatte ich bis zum Ueberdruſſe angehört, die Lieder, die meine Muſchiken zur Balalaika ſangen, machten mich melancho⸗ liſch; ſo gab's Momente, in denen ich zum Rum die Zuflucht nahm. Leider machte der mir Kopfweh, auch hatte ich Bange, ich möchte zum Verzweiflungstrinker werden, die ſchlimmſte Sorte, die es geben kann. Nähere Nachbarn hatte ich nicht, ſo verfiel ich auf das Mittel, ſpät zu eſſen, früh zu Bette zu gehen, denn damit verlängerte ich meine Tage und verkürzte die langen Abende.

Vier Werſt von meiner Beſitzung liegt das Schloß der Grafen Beloſencky, leider damals nur vom Caſtellan bewohnt; die Gräfin war nur einmal, im erſten Jahre ihrer Ehe, auf einen Monat dageweſen. Im zweiten Frühjahr meiner ländlichen, langweiligen Einſamkeit ging auf einmal das Gerücht, dieſes Jahr werde die ſchöne Gräfin mit ihrem Gatten den Sommer im Schloſſe zu⸗ bringen, und richtig, ſchon Anfangs Juni waren ſie Beide da. Die Ankunft eines reichen Nachbars iſt auf dem Lande, wo ſich Jeder ennuyirt, ein welterſchütterndes Ereigniß; die Edelleute der ganzen Gegend, ihre Diener, alle Bauern ſprechen zwei Monate vor der Ankunft des Herrn Nachbars und drei nach ſeiner Ab⸗ reiſe nur und nur von dieſem; ja, ich bekenn' es offen, die Nach⸗

62

Kirſchen eſſend. Die Secundanten luden unſere Waffen, maßen die Schritte, ab, ich hatte den erſten Schuß, meine Pulſe ſchlugen aber ſo heftig, daß ich fühlte, ich war meines Schuſſes nicht

das mit dem höchſten und feinſten Luxus ausgeſtattet war.

der Entſchuldigung, daß ich die Freiheit mir genommen doch

's iſt die reine Wahrheit!

richt von dem Eintreffen des gräflichen Paares ſetzte auch mein Blut in Wallung, ich brannte vor Neugier, ſie zu ſehen, und

fiel nur dem Thiere ein, ſagte ſie,das ſonſt

gleich am erſten Sonntag macht' ich mich auf den Weg, den Ex⸗ cellenzen meine Achtung zu beweiſen. Ein reich vergoldeter Lakai führte mich in des Grafen Cabinet, Den Wänden entlang reihten ſich mächtige Bücherſchränke, ein jeder ge⸗ ziert mit bronzenen Büſten der Autoren, deren Werke er verſchloß, der marmorne Kamin trug einen breiten Spiegel, den Boden deckten türkiſche und perſiſche Teppiche. In meinem Dörfchen war ich des Anblickes ſolchen Reichthums lange entwöhnt geworden, ſo daß ich mich zu meiner Beſchämung geſtehe ich's davor faſt verlegen fühlte. Mit dem Herzklopfen des Provincialen, der bittend ſich dem Miniſter nahen will, bei dem er Audienz erlangt, ſah ich dem Eintreten des vornehmen Herrn Nachbars entgegen. Da! die Thür geht auf, ein Mann der mittleren Dreißiger, von vornehmen, edlen Zügen, tritt in's Zimmer. Mit offener, leut⸗ ſeliger Miene näherte er ſich mir, ich ſtammelte alberne Worte

ſchon unterbrach er mich:Ohne alle Complimente, Herr Nach⸗ bar! Wir ſetzten uns zu einander, und ſeine ungezwungen hei⸗ tere Weiſe beſiegte raſch meine Schüchternheit, ich begann wieder ich ſelbſt zu werden. Da kam die Gräfin, und ich ward wieder befangener, als zuvor. Der Graf ſtellte mich ihr vor, und Beide, um mir Zeit zu laſſen, unterhielten ſich zwanglos miteinander und behandelten mich dergeſtalt wie einen alten Bekannten. Ich ſchlug indeß die Bücher auf dem Tiſche auf, beſah die Bilder an den Wänden, und eines beſonders feſſelte meinen Blick, es ſtellte eine Schweizerlandſchaft dar; doch nicht die Gegend, die der Maler hingezaubert, nicht ſeine Kunſt war's, die mein Auge bannte, ſondern ein Loch, das zwei Kugeln, eine auf der anderen ſitzend, in das Bild geſchlagen.Teufel, das war ein guter Schuß, Herr Graf! rief ich aus. Und ein merkwürdiger dazu! Schütz? Auf dreißig Schritte bin ich ſicher, ein Coeur⸗As zu treffen. Wirklich? rief die Gräfin. das auch, Paſil? Es gab'ne Zeit, da ich darin Uebung hatte, ſeit fünf Jahren aber hab' ich kein Piſtol mehr angerührt. Dann halt' ich jede Wette, daß Sie ſelbſt auf zwanzig Schritt die Karte gar nicht treffen. So was will täglich geübt ſein. Der beſte Piſtolenſchütz, den ich kannte, ſchoß täglich drei Kugeln nach einer Meſſerſchneide ab; ſah er'ne Fliege an der Wand ah, Sie lachen, gnäd'ge Gräfin? ich ſchwöre Ihnen,

Sind Sie ein guter

Das iſt viel! Kannſt Du

So? Wie hieß Ihr Mann? Sylvio, Exeellenz. Den haben Sie gekannt? ſchrie der Graf, vom Stuhl aufſchnellend;den haben Sie gekannt? Sie haben Sylvio ge⸗ kannt? 3 Was ſollt' ich nicht? Waren wir doch Freunde; er lebte in Wologda mit uns wie unſer Camerad. Seit fünf Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört. Alſo auch Sie machten einſt ſeine Bekanntſchaft? Ja, ich machte ſie. Wenn Sie mit ihm befreundet waren, hat er Ihnen ſicher eine etwas ſonderbare Geſchichte mitgetheilt? Aha, Sie meinen die Ohrfeige, die er einmal erhielt? Dieſelbe. Nannte er Ihnen nicht den Namen des Gebers? Nein, Exeellenz. Von einem plötzlichen Gedanken überraſcht, ſtarrte ich den Grafen an.Sie waren's doch nicht etwa ſelbſt? Ich war es, und die Kugeln dort im Bilde ſind das letzte Andenken an ihn. O bitte, Waſil, erzähle das nicht, Du weißt, es macht mich krank, ich kann's nicht hören. 8 Nicht doch, Nadejda, der Herr hier weiß, dn i einſt ſeinen Freund beleidigte, er ſoll erfahren, wie er ſich an mir gerächt. Fünf Jahre bin ich nun vermählt. Den Honigme unſerer Ehe brachten wir hier auf dem Schloſſe zu. Ei war ich mit der Gräfin ausgeritten, auf dem Hein plötzlich ihr Pferd und will nicht weiter, ſie wir ab, wirft mir die Zügel zu und geht zu Fuß nach

4