Jahrgang 
40 (1868)
Seite
628
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Vom Weine erhitzt, vom Spiel erregt und vom Gelächter der Cameraden geärgert, ſich von Sylvio beleidigt wähnend, riß plötz⸗ lich der Lieutenant einen Leuchter vom Tiſch und ſchleuderte ihn in blinder Hitze nach unſerem Wirth; gewandt wich der dem Wurfe

aus, doch bleich vor Zorn und flammenden Auges erhob er ſich,

indeß wir Alle verlegen ſchwiegen.

Hinaus, mein Herr! rief er,danken Sie Gott, daß das bei mir geſchah!

Der Lieutenant erhob ſich gleichfalls, und mit den Worten: Fühlen Sie ſich gekränkt, Sylvio, ſo ſtehe ich Ihnen jeder Zeit zu Dienſten, entfernte er ſich.

Wir Alle zweifelten nun keinen Augenblick, daß dieſer Auf⸗ tritt blutige Folgen haben werde, und betrachteten unſeren Came⸗ raden ſchon als einen todten Mann. Kurze Zeit nur ſpielten wir noch fort, dann als wir ſahen, unſer Wirth ſei nicht mehr bei der Sache, brachen wir auf und ſprachen auf dem Heimweg von nichts Anderem, als von der Vacanz, die die Schwadron! bald haben werde.

Am andern Morgern trafen wir uns in der Reitbahn und fragten uns:iſt der Lieutenant noch am Leben? Sieh! da kam er friſch und munter ſelbſt! Zu unſerem Staunen hatte er von Sylvio keine Botſchaft erhalten.

Kopfſchüttelnd beſuchten wir dieſen nun und fanden ihn im Hofe ſeines Hauſes Kugel auf Kugel in ein Kartenblatt ſendend, das er an der Stallthür angeheftet hatte. Gleichmüthigen Weſens empfing er uns, als ob nichts vorgefallen ſei, und verlor kein Wort über das geſtrige Zerwürfniß. Dies Benehmen that Sylvio in der Achtung der Officiere großen Abbruch, denn Mangel an perſönlichem Muthe verzeiht die bewaffnete Macht, die dieſen weit über alle anderen Tugenden ſetzt, am allerwenigſten; nach und nach vergaß ſich aber die unangenehme Sache, und Sylvio erlangte ſeinen alten Einfluß, ſeine frühere Stellung in unſerem Kreiſe wieder ich allein vermochte mich nicht zu überwinden, in's alte, trauliche Verhältniß wieder zu ihm zu treten. Früher hatte mich meine romantiſche Phantaſie zu ihm hingezogen, der mir ein unenthülltes Räthſel erſchien, und ich glaube, auch er hatte vor Anderen mich bevorzugt, denn gegen mich allein enthielt er ſich der Sarkasmen, von denen er gegen meine Cameraden oft über⸗ ſtrömte, mir hatte er auch ſtets größere Offenherzigkeit erwieſen.

Nach dem fatalen Vorfall aber verließ mich der Gedanke nicht mehr, ſeine Mannesehre ſei nun befleckt! ich konnte ihm nicht mehr frei wie ſonſt in's Antlitz ſehen. Sylvio hatte zu ſcharfe Augen das nicht zu bemerken, es ſchmerzte ihn, wie es ſchien, einige Male verſuchte er eine Erklärung ſeines Verfahrens zu veranlaſſen ich wich ihr aber aus, weil ſie mir peinlich geweſen wäre, und ſo verzichtete er endlich darauf.

Bewohner großer, volkreicher Städte wiſſen gar nicht, welche Senſation das unbedeutendſte Ereigniß in einer kleinen Stadt macht. So bringt die Ankunft des Poſtwagens ſchon die Be⸗ völkerung einer kleinen Stadt in Alarm, und jeden Dienstag und Freitag war unſere Regimentscanzlei voll Officiere, denn der eine erwartete Geld von Hauſe, der andere Briefe, der dritte Zeitungen, die bald Gemeingut waren und mit Begier verſchlungen wurden, man erbrach die Siegel gewöhnlich auf der Stelle, und theilte ſeine Neuigkeiten den Cameraden mit. Sylvvio erhielt in unſerem Felleiſen auch ſeine Correſpondenz, und ſo erhielt er eines Tages einen Brief, den er voll Ungeduld erbrach. Seine Augen ſchoſſen Blitze, indem er ihn durchflog; da indeſſen jeder nur mit ſeinen eigenén Angelegenheiten beſchäftigt war, bemerkte dies Nie⸗ mand außer mir.

Meine Herren! rief er plötzlich mit lauter, erregter Stimme, ich verlaſſe Sie noch dieſe Nacht, darum bitte ich, ſchenken Sie mir heute Mittag zum letzten Mal die Ehre Ihres Beſuches! Auch Sie, Herr Hauptmann, wandte er ſich an mich,erwarte ich mit Beſtimmtheit. Stumm verbeugte ich mich, er ging, und wir verließen das Bureau mit dem Verſprechen, uns ſämmt⸗ lich zu Mittag bei ihm einzufinden.

Zur rechten Stunde war ich dort und fand die Cameraden bereits verſammelt. Wir gingen zu Tiſche, unſer freundlicher Wirth, heute von faſt nervöſer Heiterkeit, ſteckte uns bald Alle mit ſeiner frohen Laune an, die Pfropfen ſprangen, die Gläſer füllten und leerten ſich immer raſcher, und allſeitig wünſchten wir dem Scheidenden n auf den Weg. Von jedem Gaſte nahm Sylvio einzeln eundlichen Abſchied, und als ich mich endlich

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auch empfehlen wollte, hielt er mich feſt:Ich bitte Sie, ver⸗ weilen Sie noch einige Minuten, mit Ihnen habe ich noch allein zu reden!

Ich blieb. In tiefem Schweigen ſaßen wir, unſere Tſchibuk rauchend, auf ſeinem Divan; Sylvio's Fröhlichkeit war verſchwunden, tiefe Bläſſe bedeckte jetzt ſein Antlitz, die Augen aber glühten durch die Wolken des Tabakrauches, die er von ſich blies. So verfloſſen einige ſtumme Minuten, dann brach er endlich das Schweigen, das mir ſchon anfing peinlich, beängſtigend zu werden.

.Zwiſchen uns Beiden bedarf's der Aufklärung, begann er mit rauher, ſtockender Stimme;der Anderen Meinung über mich kümmert mich wenig, Sie aber habe ich lieb und mag bei Ihnen keine falſche, üble Meinung hinterlaſſen. Sicherlich hat Sie's befremdet, daß ich damals den Trunkenbold nicht, wie's ihm gebührte, zur Rede ſtellte, nicht wahr? Das war wohl auch die Urſache, weshalb Sie ſich von mir zurückgezogen? Sehen Sie, Hauptmann, leicht könnt' ich mein Verfahren auf Rechnung meiner Großmuth ſetzen, allein ich lüge nie! Wär' ich im Stande geweſen, ihn ohne jedes Riſico von meiner Seite auf den Sand zu ſetzen, wäre mein eigen Leben ohne jegliche Gefahr dabei geblieben, ich hätte ihm wahrlich ſeines nicht geſchenkt!

Entſetzt beinahe von ſolcher cyniſcher Aufrichtigkeit ſtarrte ich ihn an, ein ſolches Geſtändniß hatte ich nicht von ihm erwartet.

Ich ſehe Ihr Erſtaunen, fuhr er fort,ich aber mußte ſo handeln! Ich hatte kein Recht dazu, mein Leben auf's Spiel zu ſetzen, denn vor ſechs Jahren erhielt ich einen Backenſtreich, und der mir ihn gab, iſt noch am Leben.

Mein Befremden wuchs.

Sie haben nach einer ſolchen Beleidigung ſich nicht ge⸗ ſchlagen? frug ich ernſt.Trennte Sie ein unüberſteigliches Hinderniß von Ihrem Feind?

O, wohl ſchlug ich mich, und hier iſt der Beweis! Aus einer Schachtel nahm er eine alte Huſarenmütze, gerade über der Stirn war ſie durchlöchert.Hören Sie weiter! Ich ſtand beim Czernomo⸗ riſchen Huſarenregiment, war gewöhnt ſtets in Allem der Erſte zu ſein, und in meiner Jugend war's guter Ton zu toben und zu lärmen, ſo war ich denn der ärgſte Lärmer. Man pries damals die unverzagten Trinker, ich beſiegte den tollen Dolgorucky, der um ſeine Völlerei beſungen worden iſt! Duelle gab's in unſerem Regimente jeden Tag, bei jedem derſelben war ich betheiligt, ſei es als Kämpfer, ſei es als Secundant, die Cameraden ſchätzten mich hoch, und unſer Chef betrachtete mich als ein unheilbares Uebel, womit das Regiment behaftet ſei. Ich ruhte bereits ſtolz auf dieſem Lorbeer, als ſich ein junger Graf zu unſerem Corps ver⸗ ſetzen ließ. In meinem ganzen Leben habe ich keinen vom Glück Begünſtigteren geſehen! Jugend, Geiſt und Schönheit, großer Reichthum vereinten ſich in ihm. Sie können ſich denken, welche Stellung er bald in unſerm Kreis erhielt! Ich fühlte es, mein Thron begann zu wanken. Der Graf hörte bald überall meinen Namen nennen; war von einem luſtigen, tollen Streich die Rede, ich war's geweſen, der ihn ausgeführt; er wurde begierig, meine Bekanntſchaft zu machen, er ſuchte meine Freund⸗ ſchaft, ich aber, eiferſüchtig auf meinen präſumtiven Nachfolger im Renommée des Löwen, wies ihn kühl zurück. Lächelnd nahm er die Abweiſung hin, ich aber, davon beleidigt, fing an ihn zu haſſen. Ihn kümmerte das wenig, mich aber machte ſein Erfolg bei den Cameraden, wie bei den Damen völlig raſend. Ich ſuchte Händel an ihm, aber er blieb kalt, erwiderte all meine Stachelreden mit noch witzigeren Bonmots und lachte mich aus, und was das Allerſchlimmſte für mich war, hatte alle andere Lacher auf ſeiner Seite. Endlich auf einem Balle, den ein Landedelmann der Umgegend unſerer Garniſon uns gab, konnte ich meinen Haß nicht länger meiſtern, ich ſah auch hier ihn wieder als das verzogene, vorgezogene Schooßkind aller Damen, zumal der Frau vom Hauſe, der ich ſelbſt zu Füßen lag, das ſtieß dem Faß den Boden aus, und ich raunte ihm in einer Quadrille eine brutale Beleidigung in's Ohr. Die konnt' er freilich mit einem Witzwort nicht vergelten und ſchlug mich in's Geſicht. Einige Damen fielen vor Schreck in Ohnmacht, man trennte uns und Beide verließen wir den Ball.

Mit Sonnenaufgang ſtand ich auf dem Kampfplatz, mit un⸗ geduldiger Spannung den verhaßten Feind erwartend. Endlich kam er mit ſeinem Zeugen angeſchlendert, die Uniform am Säbel

über die Schulter tragend, aus ſeinem Käppi luſtig, ſorglos