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fromm? Faſt möcht' ich fürchten, daß mich zu Haus ein Un⸗ glück erwarte!“ Ich lachte ſie aus, und indem ich neben ihr herritt und ihr Pferd am Zügel führte, erreichten wir das Schloß. Da bemerk' ich eine fremde Droſchke auf dem Hofe, ich frage, wem ſie angehört, und man ſagt mir, ein Herr, der ſeinen Namen nicht habe nennen wollen, erwarte mich hier im Cabinet. Ich begab mich zu ihm. In dieſer Ecke ſaß ein beſtaubter, langbärtiger Mann, forſchend betracht' ich ihn.
„Du kennſt mich wohl nicht mehr, Herr Graf?“
„Sylvio!l!“— Ich geſteh's, meine Haare ſträubten ſich empor.
„Ich bin nun an der Reihe!“ knurrte er, ein Piſtol aus ſeinem Kaſten ziehend, ‚biſt Du jetzt bereit?“
Stumm neige ich mein Haupt, ſein Recht ihm zuerkennend, meſſe zehn Schritte ab, ſtelle mich in jene Ecke und bitte ihn, raſch zu enden, ehe meine Gattin wiederkehren könné.
„Ich kann nicht deutlich ſehen, laß erſt Lichter kommen.“
Ich klingelte, man brachte das Verlangte. Ich ſtellte mich zum zweiten Mal an meinen Platz. Er zielt— ich zählte die Secunden. Nach einer Minute etwa— mir däuchte ſie ein Jahr⸗ hundert— ſagt er: ‚Nein, das gefällt mir nicht! Ich bin es nicht gewohnt, auf Unbewaffnete zu ſchießen, d'rum fangen wir von vorne wieder an! Komm', ziehen wir um den erſten Schuß!'
Mein Kopf verwirrte ſich, ich glaube, daß ich mich anfangs ſträubte, daß wir zwei Hettel aus ſeiner von mir durchſchoſſenen Mütze zogen— ich hatte wiederum den erſten Schuß.
. haſt ein teufelmäßiges Glück, mein lieber Graf! ſagte er Mit einem Lächeln, das ich nie vergeſſen werde; dann— ich weiß nicht, wie's geſchah— ich ſchoß und traf ſtatt meines Gegners hier dies Bild.“
Des Grafen Antlitz war purpurroth geworden, das der Gräfin leichenblaß.
„Nun erhob Sylvio ſein Piſtol,“ fuhr der Graf fort,„und
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von ihm zu erwarten. Mit einem Male ſpringt die Thür auf, und Nadeſda ſtürzt mit einem Schrei an meine Muſt. Ihre Gegenwart gab mir die Beſinnung wieder, ich brecheſh ein helles Gelächter aus:„Kleine Thörin,“ ſagte ich, ſiehſt Dußticht, daß wir nur ſpaßen? Es gilt'ne Wette. Wie kann 1 nur ſo furchtſam ſein? Hel trink' ein Glas Waſſer, dann ko
daß ich Dir einen alten Freund vorſtellen kann.“
Sie ſah mich angſtvoll, zweifelnd an.„Mein Ihrer Seele Seligkeit beſchwör' ich Sie,“ wandte ſie ſich an Sylvio, ziſt's wirklich nur ein Spaß?
Verſteht ſich, ſchöne Gräfin,“ höhnt ſie Syloio,„lauter Spaß! Wir Beide haben’s in Gewohnheit mit einander Spaß zu treiben. Eines ſchönen Abends ſchlug Ihr Herr Gemahl mich in's Geſicht— aus Spaß! Das andere Mal ſchoß er mir eine Kugel durch die Mütze— auch aus Spaß! Heut', wiederum aus Spaß, fehlt mich ſein Schuß zum zweiten Male, dort ſitzt die Kugel, die er mir beſtimmte, in dem Bilde! Jetzt aber will ich auch'mal ſpaßen!'
Bei dieſen Worten hebt er wieder ſein Piſtol zur Höhe mei⸗ nes Herzens. Da wirft mit lautem Schrei Nadejda weinend ſich zu ſeinen Füßen.
Schämſt Du Dich nicht?: zu, ‚ſchieß, mach' ein Ende 1
„Nein,“ ſagt er und ſetzt den Hahn in Ruhe, zich hab' Dich zittern ſehen— Du fürchteſt den Tod!'
Damit wandte er ſich zur Thür, auf der Schwelle aber dreht er ſich nach dem Gemälde hin, ſpannt den Hahn, und ohne erſt zu zielen, gab er Feuer. Daß ich an ſeiner Sicherheit nicht zweifeln möge, hatte er ſeine Kugel auf die meine drauf geſetzt. Meine Leute wagten nicht ihn aufzuhalten, in ſtummem Schrecken ließen ſie ihn ziehen. Sylvio habe ich nicht wieder geſehen, er hatte wieder Dienſt genommen und iſt, wie ich höre, in Sebaſtopol
ruf' ich bei dieſem Anblick ihm
dies Mal, das ſagte mir ſeine Miene, hatt' ich keine Schonung! gefallen.“
Aus den vier Wänden des jüdiſchen Familienlebens.
Nr. 2.
Als Felix Mendels ſohn einſt an einem mondhellen Septemberabend über den ſogenannten Brühl in Leipzig ſchritt, ſtieß er im auf⸗ und abwogenden Gewühl der charakteriſtiſchen Gruppen, welche zur Meßzeit dieſe verkehrsreiche Gegend bevölkern, auf die patri⸗ archaliſche Geſtalt eines greiſen Juden, der eben ſegnend ſeine
Hände auf das niedergebeugte Haupt eines vor ihm ſtehenden.
Knaben legte und dieſen ſodann mit zärtlicher Innigkeit in ſeine Arme ſchloß.
Derartige Genrebilder aus dem jüdiſchen Religions⸗ und Familienleben gehören während der Meſſe auf dem Leipziger Brühl nicht zu den Seltenheiten und die Vorübergehenden beachten ſie kaum. Für den gemüthreichen und leicht erregbaren Tondichter aber hatte die niemals von ihm geſehene maleriſche Scene etwas ſo Feierliches und Ergreifendes, daß er überraſcht ſtehen blieb und die kleine Gruppe im Lichte des Vollmonds betrachtete. Dem Greiſe war der theilnahmvoll auf ihm ruhende Blick des Fremden nicht entgangen. Er griff verlegen an ſeinen breitkrämpigen Hut und ſagte:„Verzeihen Sie, mein Herr, wir beginnen heut Abend eines unſerer hohen Feſte, wo es Brauch iſt, unſeren Kindern und Enkeln den Segen zu ertheilen. Aber wir ſind hier fremde Leute und nur auf enge Schlafſtätten angewieſen. Darum müſſen wir häufig von unſeren Gebräuchen auf der Straße verrichten, was ſonſt in der eigenen Behauſung geſchieht.“
Der ruhige, gebildete Ton und das ziemlich reine Deutſch, in welchem dieſe Worte von einem ärmlich gekleideten polniſchen Juden geſprochen wurden, erhöhten die Aufmerkſamkeit des Com⸗ poniſten. Er richtete ſein Auge auf das bleiche Geſicht des neu— gierig zu ihm aufblickenden Knaben und erwiderte in ſeiner jovialen Weiſe:„Es hat mich gefreut, daß Sie den Knaben ſo lieb haben und daß er Ihre Liebe ſo herzlich erwidert. Aber er ſieht ſchwächlich und leidend aus. Warum haben Sie ihn ſo weit her mit ſich gebracht?“
„Damit er ein Menſch werden ſoll, lieber Herr, was bei uns zu Hauſe, im Innern Rußlands, nicht möglich iſt,“ entgegnete
jenem Abende auf
Das Laubhüttenfeſt.
„er iſt meiner Tochter Sohn, ein gutes und fleißiges Kind, die Freude unſeres Lebens, es koſtet uns großen Schmerz ihn von uns zu laſſen, aber bei uns iſt's noch finſter, da muß er mit all' ſeiner Luſt und Liebe verloren gehen. Darum habe ich meine letzten Groſchen zuſammengerafft und ihn mit nach Deutſchland genommen. In Berlin iſt eine große und reiche Judengemeinde. Dort will ich mit ihm zu wohlhabenden Glaubensgenoſſen von Thür zu Thür gehen und ſo lange ein Bettler ſein, bis ich ihm einen Platz in einer guten Schule und den nothdürftigſten Unterhalt verſchafft habe. Für das Weitere wird Gott und ſein guter Wille ihm beiſtehen. Iſt doch auch
wehmüthig der alte Mann;
der große Weltweiſe Moſes Mendelsſohn einſt als ein blutarmer,
ſchwächlicher Judenknabe nach Berlin gekommen und doch nach überſtandener Noth und Kümmerniß einer der verehrteſten Männer ſeines Vaterlandes und kein Licht in ſeinem Volke geworden. Mögen ſeine Tugenden meinem verlaſſenen Kinde ein Vorbild bleiben, ich erzähle ihm täglich davon und kann ihm in unſerer Lage nichts Beſſeres zurücklaſſen.“
Felix Mendelsſohn ſuchte die Bewegung zu verbergen, welche dieſe plötzlichen Erinnerungen an ſeinen Großvater in ihm her⸗ vorriefen. Einer Berliner Dame aber, welcher er ſpäter den ganzen Vorgang erzählte, legte er das Geſtändniß ab, daß an den Straßen Leipzigs zum erſten Male eine Regung edlen Ahnenſtolzes durch ſeine Seele gezogen ſei, daß er zum erſten Male ein Gefühl wehmüthiger Erhebung empfunden, bei dem Gedanken nicht an den jetzigen Glanz und Einfluß ſeines Hauſes, ſondern an ſeinen inneren Zuſammenhang mit jener geiſtigen und ſittlichen Kraft, welche in dem verfolgten jüdi⸗ ſchen Stamme Jahrhunderte hindurch dem Haſſe einer Welt ge⸗ trotzt, bis ſie endlich in dem ſtillen Dunkel eines armen Deſſauiſchen Judenhauſes zu einem hell und warm in die Geiſter und Herzen leuchtenden Strahl ſich angeſammelt hatte. Wer ermißt das ge⸗ heimnißvolle Walten des Volks⸗ und Familiengeiſtes, die innere Erbſchaft der Geſchlechter? wer konnte ihm, dem chriſtlich erzogenen
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