Jahrgang 
8 (1865)
Seite
121
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Die gefliſſentliche Barbarei, die raffinirte Grauſamkeit, welcher die Conföderirten ihre Kriegsgefangenen,

eigenen Stammes, mißhandelt haben, ſchreien zum Himmel in

einer Zeit, wo bei allen civiliſirten Nationen auch im Kriege die

Geſetze der Menſchlichkeit zur Geltung kommen; wo ſich eben erſt eine große Reihe von Staaten dem bekannten Genfer internatio⸗ nalen Sanitätsconcordate angeſchloſſen hat; wo, ſobald die Schlacht geſchlagen, für ihre Opfer der Unterſchied ſchwindet zwiſchen Sieger zund Beſiegten; wo die Verwundeten von Freund und Feind ſich gleicher Hülfe und Pflege erfreuen; wo man die Gefangenen der Wahlſtatt nicht mehr in finſtere Kerker wirft und hinter Schloß und Riegel ſperrt wie Verbrecher, ſondern ſie kleidet und nährt und lohnt, als ſeien ſie jetzt dem eigenen Heere einverleibt. Kann irgendwer noch Sympathieen hegen für die Beſtrebungen der amerikaniſchen Se⸗ ceſſioniſten und leider hat es auch in Deutſchland an ſolchen Sympathien nicht gefehlt, noch fehlt es daran da, wo jede frei⸗ heitliche Regung als Eingriff in Rechte von Gottes Gnaden angeſehen zu werden pflegt, dies ſchwarze Buch, in welchem den Sclavenjunkern des Südens und ihrer Wirthſchaft ein unver⸗ gängliches Denkmal der Schmach geſtiftet iſt, ſollte für immer heilen von derlei Parteinahme.

In und um Richmond, der Hauptſtadt Virginiens, des Junker⸗ ſtaats par excellence, des amerikaniſchen Meckleuburgs, haben die Conföderirten zwei Hauptdepots für ihre Kriegsgefangenen. Dort befindet ſich u. A. dicht am St. Jamesſtrome das ſogenannte Libby, das, urſprünglich eine große Tabaksniederlage, jetzt vor⸗ zugsweiſe kriegsgefangenen Officieren zum Detentionsorte dient. In ſechs Zimmern von je hundert Fuß Länge und vierzig Fuß Breite waren hier mehr als zwölfhundert Officiere des Unions⸗ heeres vom Geueral bis zum Unterlieutenant monatelang zuſam⸗ mengepfercht und hatten in dieſem engen Raume, der nicht über⸗ ſchritten werden durfte, Alles zu verrichten, was zur Herſtellung der nothdürftigen menſchlichen Exiſtenz erfordert wird: zu wohnen, zu ſchlafen, zu kochen, zu eſſen, zu waſchen u. A. mehr. Es ſcheint unglaublich und doch iſt's nichts als bittere Wahrheit!

Die erſte Mißhandlung, welche die Gefangenen, Officiere wie Soldaten, regelmäßig über ſich ergehen laſſen mußten, war eine Ausplünderung von Allem, was ſie irgend Werthvolles an und bei ſich trugen. Dieſe Räuberei erſtreckte ſich ſoweit, daß den Un⸗ glücklichen oft nicht die allerunentbehrlichſte Kleidung blieb. Decken und Ueberröcke wurden faſt ohne Ausnahme weggenommen; an ihrer Statt mußten ſich die Gefangenen mit den erbärmlichſten, ſchmutzigſten Lumpen behelfen. Anfangs gab es im Libby weder Bank noch Tiſch noch Stuhl; auch war ſtreng verpönt, ſich etwa aus jenen elenden Hüllen einen Sitz oder ein Lager herzurichten! Später geruhte man den Gefangenen wenigſtens zu geſtatten, ſich der Fäſſer und Kiſten, worin ihnen allerhand Lebensmittel und Spenden aus der Heimath zukamen, als Möbel zu bedienen.

Trotz aller Vorſicht und trotz der fleißigſten Reinigungen konnte es bei ſolchem Zuſammenſchichten nicht fehlen, daß bald Jeder von Ungeziefer ſtarrte.Nachts lagen wir auf der harten Diele, nothdürftig eingewickelt in die Fetzen, die wir beſaßen, an⸗ einandergedrückt wie die Fiſche in einem Korbe, bezeugt einer der vernommenen Officiere,auf der harten Diele, die rück⸗ ſichtslos immer erſt am ſpäten Abend geſcheuert wurde, ſo daß der Boden noch triefnaß war, wenn wir uns darauf zum Schla⸗ fen hinkauerten. In jedem Zimmer ſtanden zwar zwei Oefen, allein in keinem brannte ein ordentliches luſtiges Feuer; eine Hand⸗ voll grünes Holz war der einzige Vorrath, den man für den kal⸗ ten Wintertag verabreichte.

Von der Strenge und Härte der ſonſtigen Behandlung macht ſich Niemand einen Begriff. Beſtimmte Normen, nach denen die Hausordnung im Libby geregelt war, ſchienen nicht vorhanden, die Gefangenen vielmehr einzig und allein den Launen der Ge⸗ fängnißbeamten preisgegeben zu ſein. Ein gewiſſer Major Tur⸗ ner, als Gouveyneur des Platzes, und unter ihm der Gefängniß⸗ inſpector Richard Turner, ein ehemaliger Sclavenaufſeher Sclavenpeitſche 52 nennt ihn der Bericht hatten unumſchränkte Autorität in er ſden; Beides Männer von wahrhaft teufliſcher Grauſamkeitm Naéen Namen vor der geſammten eiviliſirten Welt gebrandmarng decerden verdienen.. 4.

In al ſehen ptigen Gefangenenſtationen des Südens beſtand,

mit nähern; näher als drei Fuß Brüder ihres

durfte Niemand an dieſe herankom⸗ men. Wie ſchwer, oft geradezu unmöglich, wurde die Beobachtung dieſes Geſetzes in ſo überfüllten Räumen, wo Alles in quetſchen⸗ der Enge beiſammen war, daß wider Willen Einer den Andern ſtieß und drängte! Wie barbariſch war ſeine Handhabung, wenn zufällig oder ahnungslos einer der Gefangenen die gezogene Grenze überſchritt! Auf der Stelle, ohne daß vorher der geringſte War⸗ nungsruf oder auch nur ein Zeichen erfolgte, feuerte die im Hofe poſtirte Wache auf den Unglücklichen. Tag für Tag faſt knatter⸗ ten dergleichen Schüſſe, Tag für Tag faſt ſanken Gefangene todt oder ſchwer verwundet zuſammen!Auf einen Yankee zu feuern wurde zu einer Art vonSport bei den conföderirten Soldaten, welche den Gefängnißwachdienſt zu beſorgen hatten. Man ſah, wie ſie, den Hahn ihres Gewehres geſpannt, nach den Fenſtern ſpähten und lauerten, ob ſich kein Ziel für ihre Kugeln böte. Oft genug warteten ſie dieſe Gelegenheit nicht einmal ab. So hatte ſich eines Tages ein gefangener Officier, Lieutenant Hammond, in einen engen Breterverſchlag begeben, der gar keine Fenſter, ſon⸗ dern nur eine Spalte in einer ſeiner Wände hatte. Plötzlich ward der außen ſchildernde Soldat durch dieſe Lücke Hammond's Hut gewahr, ſofort legte er die Muskete an und ſchoß. Er hatte tiefer gehalten, um das Herz des Gefangenen zu treffen, glücklicher Weiſe ſprang jedoch die Kugel an einem Nagel ab und traf nur das Ohr und die Hutkrämpe des Officiers. Als ſämmtliche Ge fangene über dieſe Brutalität bei Major Turner Beſchwerde führ⸗ ten, gab dieſer kurz und höhniſch zur Antwort:Meine Leute müſſen ſich üben, und die Schildwache ſagte übermüthig:Ich hatte gewettet, daß ich, noch ehe ich von Wache käme, einen Yankee todtſchießen wollte. Damit war der Vorfall abgethan, und keine Behörde nahm weiter Notiz davon. Noch kannibaliſcher hauſte man in einem benachbarten andern Gefängniſſe, das Kopf an Kopf voll ſtak von Rekruten. Vierzehn bis fünfzehn dieſer furchtbaren Schüſſe des Tages gehörten dort nicht zu den Seltenheiten! Auch in Danville in Virginien, das ebenfalls eine große Anzahl von Kriegsgefangenen beherbergte, war die Wirthſchaft nicht menſch⸗ licher. Einer ſeiner Gefangenen ſtand eben dicht an dem Platze, wo er Nachts ſein Lager hatte, das ſich zufällig unweit des Fen ſters befand, und ſprach mit einem Mitgefangenen. Unachtſamer Weiſe hatte er währenddem die Hand auf das Fenſterbret gelegt. Auf einmal knallt ein Schuß, und der arme Burſche fällt mit zer⸗ ſchmettertem Schädel todt zu den Füßen ſeines Cameraden nieder. Von ihrem Poſten aus hatte die Wache ihn nicht ſehen können, wahrſcheinlich aber hatte ſie ſeinen Schatten bemerkt und war dann in die erforderliche Diſtanz zurückgetreten, um ihr Ziel ſchußgerecht zu bekommen.

Beinahe jeder Officier hatte von dieſem grauſamenSport der ſüdſtaatlichen Soldaten zu erzählen. Auf manche war zu wiederholten Malen gefeuert worden und einer beſchwor, daß er vor ſeinen eigenen Augen fünfhundert ſeiner Cameraden auf ſolche Weiſe todt oder bleſſirt habe niederſtrecken ſehen. Ein Offieier wurde von der Schildwache erſchoſſen, als er durch das Fenſter einem glücklich abziehenden Cameraden ſeinen Abſchiedsgruß zu⸗ winkte!

So entſetzlich, ſo unglaublich dieſe Barbareien ſind es war bei Weitem noch nicht das Schlimmſte, dem ſich die armen Dulder ausgeſetzt ſahen. Ach, wie Mancher mochte den Gefährten beneiden, den die Kugel der Schildwacht mit einem Schlage von den Martern erlöſte, welche die Unmenſchlichkeit des Feindes über ſie verhängte! Wahrhaft herzbrechend, über alle Worte empörend ſind die Scenen von Mangel und Hunger, wie ſie, nach dem einſtimmigen Zeugniß ſämmtlicher Befragten, in allen dieſen ſüdſtaatlichen Militärſtationen die ſtereotype Tagesordnung aus⸗ machten. 4

Ein handgroßes Stückchen Weizen⸗ oder Maisbrodes und vier Loth Rindfleiſch waren die Nation, welche reglementsmäßig jeder gefangene Officier täglich erhalten ſollte. nur auf dem Papiere, in Wirklichkeit fand in Quantität und Qualität der Nahrung die allergrößte Willkürlichkeit ſtatt.Bei Gott im Himmel, äußerte einer habe di Pferde in meines Vaters Stalle um ihr Futter beneidet! A

ernſtlich ſie auf die Dauer die Geſundheit gefährden mußte, ſcheint

wie in viek mit wthäuſern, das Verbot, ſich den Fenſtern zu

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zu gut und zu reichlich

gedünkt zu haben⸗ an verringerte und

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