bettelt haben und ſich zur Ruhe ſetzen wollen, gegen runde Summen in klingender Münze verkauft.
Die patentirten Bettler kennen ſich natürlich alle ſehr genau, ſchließen untereinander Offenſiv⸗ und Defenſiv⸗Bündniſſe und ſtiften Vereine, welche die Ausbeutung mitleidiger Seelen auf Commandite betreiben. Auch ver⸗ heirathen ſie ſich untereinander, und es dürfte ſich vielleicht der Mühe loh⸗ nen, die verſchiedenen Heirathscontracte näher zu unterſuchen, die dieſen ſonderbaren Ehebündniſſen in der Regel zu Grunde liegen. Die Heiraths⸗ anſprüche eines patentirten Bettlers müſſen ſich nach ſeiner größeren oder geringeren körperlichen Verunſtaltung richten; je entſtellter und verſtümmel⸗ ter er iſt, deſto bereitwilliger und freundlicher werden ihm ſeine Genoſſin⸗ nen entgegenkommen. Hat er einen Buckel, ſo verleiht ihm dieſe holde Un⸗ zierd e ſchon gewiſſe Rechte; iſt er dazu vielleicht auch noch lahm, ſo wachſen ſeine Anſprüche bedeutend; iſt er aber etwa gar noch einäugig oder ganz blind, dann hat ſein Glück keine Grenzen mehr und die glänzendſten Hei⸗ rathen werden ihm von allen Seiten angetragen werden, denn nur eine Bettlerin, die ebenfalls mindeſtens bucklig, lahm und blind iſt, oder eine, die ſich bereits ein anſtändiges Sümmchen erbettelt hat und deren Säckel pehin geſpickt iſt, wird es wagen, ihre Hand in die ſeinige zu legen und, auf ſeinen Bettelſtab geſtützt, an ſeiner Seite weiter zu betteln.
Ich trat mit meinem Begleiter in die Kirche. Hier fanden wir bereits eine ziemlich zahlreiche Verſammlung, in der ich auch ſofort verſchiedene bekannte Geſichter entdeckte, deren abſtoßender und widerlichemlnblick mich ſchon öfters zur Verzweiflung gebracht hatte, und ich muß geſtehen, daß ich am liebſten mich ſofort wieder empfohlen hätte; aber ich überwand dieſe Schwäche, meine Neugierde gewann wieder die Oberhand, beſonders da mein Beglei⸗
ter mir zuflüſterte:„Ich will Ihnen vor allen Dingen die Braut vorſtel⸗ len!“ Ich ließ mich alſo in Gottes Namen zur Braut führen und fand
ein kleines, buckliges, ſchrecklich blatternarbiges Weibchen, das halb blind war und ſich zur Noth auch ganz blind ſielen. konnte; Monſieur Ariſtide nannte ihr meinen Namen und fügte hinzu, daß ich mich für die ſchätzbare Zunft, deren ſchönſte Zierde ſie ſei, ſehr lebhaft intereſſire. Auf dieſe Ver⸗ ſicherung hin geruhte ſie mir ſehr freundlich zuzulächeln, das heißt, ſie ſchnitt ein Geſicht, das ein Faun beneidet haben würde, und machte mir eine ſehr zierliche Verbeugung, die ich nach beſten Kräften erwiderte.„Nun zum Bräutigam!“ raunte mir mein treuer Begleiter zu. Der Bräutigam ſaß mit übereinander gekreuzten Beinen, nach türkiſcher Manier, in einer Art von Nollſeſſel, in dem er faſt ganz lund gar verſchwand; nachdem ich ihm vorgeſtellt war. erhob er ſich halb und grüßle mich ſehr höflich; nun erſt bemerkte ich, daß er ein ganz verwachſener und auf die unglaubl. ichſte Weiſe verkrüppelter Zwerg war. Der Anbäick dieſes ſonderbaren Brautpaares brachte mich auf die ſehr nahe liegende Vermuthung, daß es ſich hier doch wohl nur um eine Convenienzheirath handeln könne; mein trefklicher Freund beſtärkte mich denn auch ſofort in dieſer Vorausſetzung, indem er mir mitt heilte, daß Braut und Bräutigam Sprößlinge der beiden berühm⸗ teſten Bettler Dynaſtieen von Paris ſeien, die in auf und abſteigender Linie fortwährend die beſten Bettelſtellen der Hauptſtadt inne gehabt hätten.
Zur Feier dieſer bedeutungsvollen und wichtigen politiſchen irath war der geſammte Heerbann der Bettler Ariſtokratie aufgeboten und ver— ſammelt worden: Lahme, Blinde, Bucklige es war eine förmliche Muſterkarte aller menſchlichen Gebrechen. Die Trauung ging mit großem Auſtande und vieler Würe vor ſich; da aber, wie es ſcheint, die Herren
Bettler auch us. em Handwerke nicht laſſen können, ſo wurde * hen Handlung eine kleine Bettelei organiſirt. wunter Geſichterſchneider ſeines Metiers, welcher
rchen Plätzen bereits viel Anerkennung genoß, ging mit einem Teller herum, um, wie er laut rief, eine Collecte für die„Armen“ zu machen. Die Bettler, ziemlich erſtaunt ſich ihrerſeits auch einmal ange⸗
bettelt zu ſehen, erwieſen ſich jedoch ſehr großmüthig und des Geſichterſchneiders gelang vollkommen.
Nachdem die Trauung vollzogen war, beſtieg die ganze Hochzeitsgeſellſchaft ſehr elegante Miethwagen, die in großer Anzahl vor der Kirche bereit ſtan⸗ den, und man begab ſich nach den Höhen des Montmartre, wo in einem gut renommirten Reſtaurant dieſes Stadttheiles, dem ſogenannten Elyſée⸗ Montmartre, ein ſtattliches Hochzeitsmahl hergerichtet war. Sofort wurde denn auch Platz genommen und während der erſten Gänge verhielt ſich die Geſellſchaft ziemlich ruhig und anſtändig; wurde ſehr wenig geſprochen,
agegen deſto mehr gegeſſen, und ich hatte Gelegenheit zu bemerken, daß alle
dieſe Herrſchaften, wenig vertraut mit den Gebräuchen unſerer modernen Civiliſation, für Meſſer und Gabeln eine ganz entſchiedene Verachtung an den Tag legten und ſich, nach orientaliſcher Sitte, ihrer Finger häufiger bedienten, als dies nach unſeren Anſchauungen und Begriffen angemeſſen erſcheint.
Sehr bald aber artete das Hochzeitsmahl in ein wüſtes Gelage aus. Man ſchrie und tobte, ſchlug mit den Meſſern auf den Tiſch, zertrüm merte Gläſer, vergoß Saucen, brüllte nach friſchem Wein, erzählte obſcöne Geſchichten. Endlich wurden die Kehlen geſtimmt und es erſchallten in möglichſt falſchen Tonarten möglichſt unanſtändige Lieder; zum Schluß, nmachdem der Nachtiſch aufgetragen war, ſprang der Geſichterſchneider, den
glückliche Collecte, die er in der Kirche unternommen, in die beſte
verſetzt hatte, auf eine Bank und kündigte eine Gratisvorſtellung an. Anerbieten wurde von ſämmflichen Anweſenden mit Jubel auf⸗ und der Grimaſſier gab ſeine Fratzen zum Beſten. Hierauf
der Ball. Das Orcheſter war eigenthümlich zuſammengeſtellt: ein Leierkaſtenmann, eine lahme Flöte und ein verkrüppelter Geiger ſich erboten, ihren Genoſſen zum Tanze aufzuſpielen. Welch eine Welche Tänzer! Buckligen, die Krüppel, ſogar die Lahmen
die Speculation
die Laune Dieſes genommen eggun
atten Muſik! Die Deutſche Blätter, Bilder
Vaters
Safons. 41
literarlſch⸗politiſches
Tiro III.: Der Chorrock in Waffen
ans
Literariſche Wochenſchau
holten ſich ihre Tänzerinnen und ſprangen wie die Tollen im Saale herum. Das Toben, Schreien, Drängen, Stoßen wurde immer wilder. Es war, als ob alle dieſe Leute von der Tarantel geſtochen worden wären; man ſah nur noch verzerrte, grimaſſirende Geſtalten, Arme, die in den Lüften fochten, und Beine, die ſich in den verwegeniſtent, unglaublichſten Entre Chats verſuchten. Ich hatte genug und flüchtete mich, ſo ſchnell ich konnte, aus dieſem wirren, chaotiſchen Durcheinander, das immer bedenklichere Dimenſionen anzunehmen ſchien. Monſieur Ariſtide, der treulich an meiner Seite geblieben war, zog ſich benfalls mit mir zurück.
Als ich am nächſtfolgenden T Tage in den Nachmittagsſtunden zufällig an der Kirche von St. Sulpice vorüberging, gewahrte ich das junge Ehepaar auf dem gewohnten Bettelplatze ſitzend und eifrig beſchäftigt, mit aner kennenswerther Philoſophie und ſichtbar gutem Appetit die erſte gemein⸗ ſchaftliche Bettelſuppe zu verzehren.
Beitrag zu Schiller's Charakteriſtik. In der dreiundvierzigſten Nummer des verfloſſenen Jahrgangs der Gartenlaube befindet ſich eine Notiz mit obiger Ueberſchrift, die eine irrige Anſicht von dem Charakter unſeres edelſten Dichters enthält. Ich ſchmeichle mir daher mit der Hoff nung, daß mir eine, wenn auch etwas ſpäte, Berichtigung geſtattet werde Wo es ſich um die Ehrenrettung auch eines ganz gewöhnlichen Menſchen handelt, darf eine Berichtigung nie als zu ſpät oder veraltet betrachtet wer den. Um wie viel mehr iſt dies aber der Fall, wenn ein Schatten auf die Lichtgeſtalt eines der edelſten geiſtigen Vertreter einer großen Nation ge worfen wird.
In der betreffenden Notiz heißt es, daß Schiller in den„Räubern“ aus perſönlichem Groll gegen zwei Schweizer Junker den Canton Grau⸗ bünden als„das Athen der Räuber und Diebe“ bezeichnet und daß er ſogar den Namen des einen der beiden unliebſamen Junker, die ſeine Mitſchüler waren— des Herrn von Peſtalozzi nämlich— aus gleichem Grunde in eine Mordſcene in„Wallenſtein's Tod“ verflochten habe.
Der Schreiber jener Notiz meint in Bezug auf Graubünden, jene Gegenden hätten ſich von jeher der tiefſten Sicherheit und Ruhe er freut“. Nun, ſo ganz richtig iſt dieſe Behauptung eben nicht. Mau denke nur an die grauſamen und räuberiſchen Vorfälle, die der religiöſe Fanatis mus zur Zeit des dreißigjährigen Krieges in der unmittelbaren Nachbarſchaft von Graubünden hervorgerufen.
Die zweite Beſchuldigung ſind wir im Stande widerlegen. Der Schreiber der erwähnten Notiz führt nämlich an, habe, um ſich an Herrn von Peſtalozzi zu rächen, dem ſchottiſchen Buttler in dem zweiten Auftritt des fünften Actes von„Wallenſteins folgende Worte in den Mund gelegt:
„Nun denn, ſo geht und ſchickt mir Peſtalutzen,
Wenn ihr's verſchmäht, es finden ſich genug.“ und abermals weiter unten, wo von Terzky's und Illo's Rede iſt:
„gerade
noch beſtimmter zu Schiller Mörder Lod“
Ermordung die
———„Dort wird man ſie Bei Tafel überfallen, niederſtoßen; Der Peſtalutz, der Lesly ſind dabei.“
Der Verfaſſer ſagt:„Peſtalutz, wie der Name von Schiller’s Quäl geiſt in der ſchweizeriſchen Depravation lautet, iſt auch hier gewiß nicht vhne Abſicht geſetzt“ u. ſ. w. Hierin hat man wohl Recht, aber die Abſicht iſt eine 2wohlbegrundete, hiſtoriſche, wie überhaupt viel mehr hiſtoriſches Detail in Schiller's Wallenſtein enthalten iſt, als die Welt noch zu ahnen ſcheint. Peſtalutz iſt nämlich kein aus Neckerei boshaft eingeſchalteter Name, ſondern ein wirklicher, deſſen Träger in der blutigen Kataſtrophe von Eger ebenfalls eine Rolle ſpielte. Es Sgab im Terzky'ſchen Regiment einen Hauptmann Peſtalutz der ſammt andern Offieieren von Buttler in die Verſchwörung gegen Wal lenſtein gezogen wurde. Als Beleg für unſere Angabe verweiſen wir anſtatt auf die urſprünglichen nicht leicht zugängliche i Quellen auf Stelle in einem neuern Werke, in Förſter’s„Wallenſtein’s Proceß“, Seite 158 der Hauptmann Peſtalutz unter den Mitverſchworenen führt iſt.
Der Dichter hatte die anderen höheren Officiere, die in die Verſchwö rung verflochten waren, in ſeinem dramatiſchen Meiſterwerke entweder per ſönlich vorgeführt, oder doch erwähnt, mit Ausnahme der engliſchen L ffi ciere Birch und Brown, deren Namen zu unpoetiſch geklungen habe n wür⸗
elile wo
ange
den. Peſtalutz aber klingt nicht 3 proſaiſch und paßte wohl in'’s Mekrum; es war daher natürlich, daß der Dichter dieſen Namen von Buttler gebrau chen ließ, um den Anengſchkuſſenen Mördern mit ſeiner Concurrenz zu
drohen. 3 Schließlich ſei mir noch die Bemerkung geſtatset, daß, wenn ich dieſen Gegenſtand ausführlicher beſprochen habe, als Manchem gerade nöthig ſchei nen dürfte, dies vorzüglich geſchah, um die Berichtigung ſo nachdriicklich. wie möglich zu machen. Wenn ich bedenke, wie morm groß die Anzahl der Leſer iſt, durch deren Hände die„Gartenlaube“ geht, ſo ſcheint mir die Befürchtung nicht ungegründet, daß wir in irgend einer nächſteus erſchei nenden deutſchen Literaturgeſchichte die angeführten Puufte als Beweiſe ſü Schiller 8 Unverſöhulichkeit und rachſüchtiges Temverament fuden Flrften. Die Herren Doctoren Janſſen und Klopp, die leider bereits ſo viel dazu beigetragen haben, den Namen unſeres Schiller auch im Tnelaude 34 verunglimpfen, würen wohl nicht die Letzten, von einer ſolchen Anklage brauch zu machen. Der Schreiber der Notiz ſcheint freilich den Nanfſonen Charakterzug be ſchönigen zu wollen, Andere, wir möchten faſt ſagen deutſch feindliche Deutſche, würden äber der Sache eine ganz midone Farbnng 5 London, Januar-1865. Prof. Dr. Buchhe
„ Leipzig, 1844.
Sonntagsblatt, enthalten in Nr. 6 des laufenden Jahrgangs: Der Chorrock in— Hazpinger und D Aus der Polizeiwirthſchaft einer deutſchen RXpublik.
Der kleine Sohn eines 9½
Donai im Kriege von 1809.— Um ſchau: Aus den Ne⸗
1 III. 5
Von Wilhe Im Andreä.
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80 -
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