Jahrgang 
8 (1865)
Seite
120
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Das ſchwarze Buch

Ausplünderung der Kriegsgefangenen. und Hungerdelirien. Tag und Nacht ohne Obdach.

Nichts kann die Unſittlichkeit der von Nordamerifa's Süd⸗ ſtaaten verfolgten Politik und das Princip, auf das ſie gebaut iſt, treffender kennzeichnen, als eine Schrift, die unlängſt in Philadelphia veröffentlicht, doch nicht in den Buchhandel gekommen iſt. Zwar ſträuben ſich die Haare empor, zwar ſtockt uns das Blut in den Adern, wenn man die Seiten dieſes Buches durchblättert, das der Redaction der Gartenlaube von officieller Seite übermittelt wurde, aber es verdient in weiteſten Kreiſen die höchſte Beachtung, denn es ſoll Zeugniß ablegen von der Barbarei der ſüdſtaat lichen Kriegsführung und die Unmenſchlichkeiten der ſclaven züchtenden Junker in Virginien und Carolina, in Georgien und Miſſiſſippi vor der geſammten civiliſirten Welt an den Pranger ſchlagen zur ewigen Verdammung alles Junkerthums jenſeits und diesſeits des Oceans. Von wie viel Blut und Hunger und Siech thum, von welchem unfaßbaren Jammer erzählen die glatten Velinblätter des Buches, erzählen Geſchichten ſo grauſiger Natur, daß ſich die ausſchweifendſte Phantaſie eines Senſationsnovelliſten kaum ſolche Schauerſcenen und Schauerdetails erſinnen und aus malen könnte und daß man ſich verſucht fühlen müßte, das Ganze für die Ausgeburt eines wahnwitzigen Gehirns zu halten, wäre das Buch nicht eine amtliche Publication und mit allen Be weiſen und Belegſtücken verſehen, welche an der Glaubwürdigkeit des Dargeſtellten leider nicht den leiſeſten Zweifel aufkom men laſſen!

Schon nach den erſten Schlachten des amerikaniſchen Krieges war der Norden voll von beängſtigenden Gerüchten über die Be handlung, welche die Rebellen-Behörden den gemachten Kriegsge fangenen zu Theil werden ließen. Jeder dieſer aus der Haft entflohenen oder ausgelöſten Gefangenen brachte die gräßlichſten Berichte heim von der Grauſamkeit und Barbarei des Feindes, ſo daß ſich ſchon damals die Gemüther des nordſtaatlichen Publi cums in höchſter Aufregung befanden. Wo ein Krieg plötzlich in ſo ungeheuere Dimenſionen hinaus wächſt; wenn mit einem Male Tauſende von Gefangenen die Lager von Freund und Feind über ſchwemmten, die beide ihre millitäriſchen Ueberlieferungen und Erinnerungen nur einer um Generationen rückliegenden Vergangen heit zu entnehmen hatten: konnten Anfangs große Uebelſtände und Mißbräuche nicht ausbleiben, bis in dieſer Beziehung die nothwendigſten Anordnungen und Vorkehrungen getroffen waren. Allein der Kampf hatte nachgerade ſchon länger als drei Jahre gewüthet, beide Parteien waren inzwiſchen längſt mit den Bräuchen und Geſetzen des militäriſchen Lebens vertraut worden, hatten alle Mittel und Anſtalten kennen gelernt, wodurch die moderne Civi liſation Unmenſchlichkeit und Schrecken des Kriegs zu mildern ver ſteht und dennoch liefen Woche für Woche immer beängſtigendere Nachrichten von der Barbarei der Conföderirten ein, welche, wie man hörte, die unglücklichen Gefangenen aus dem Norden vor Froſt und Hunger ſchaarenweiſe in den Kerkern dahinſterben ließen; man erfuhr, wie bei der letzten Gefangenenauswechſelung ganze Boote voller halbnackter lebendiger Skelete, die zerfreſſen waren von Koth und Ungeziefer, Schiffe voller Jammergeſtalten, ſiech und ſterbend oder invalid für's Leben, gegen wohlgenährte und gutge kleidete Männer eingetauſcht wurden, die geſund und kräftig aus der nordiſchen Haft in die Reihen der Ihrigen heimkehrten.

Nunmehr mußten ernſtliche Schritte geſchehen, der täglich ſteigenden allgemeinen Erbitterung gerecht zu werden. Der Congreß ſelbſt konnte nicht länger unthätig bleiben; er ſetzte eine Com miſſion nieder, den Thatbeſtand feſtzuſtellen und zu ermitteln, ob und in wie weit jene grauenhaften Hiobspoſten auf Wahrheit beruhten.

Ehe jedoch das Ergebniß dieſer Erhebungen veröffentlicht war, hatte auch die ſogenannte Sanitäts⸗Commiſſion der Ver⸗ einigten Staaten, ein Verein menſchenfreundlicher und ſachkundiger Männer, der ſich die Aufgabe geſtellt hat, das Sanitätsweſen der im Felde ſtehenden Armee zu organiſiren, die Verpflegung ihrer Verwundeten und Kranken zu leiten und zu überwachen, und Treffliches leiſtet, ſeinerſeits ebenfalls beſchloſſen, eine gründliche und unparteiiſche Unterſuchung jener Scheußlichkeiten in Gang zu bringen. Zu dieſem Behufedie wahre Körperbeſchaffenheit

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DerSclavenpeitſcher als Gefängnißinſpector. Jeden Morgen Erfrorene.

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der Sclavenjunker.

DasNankeeſchießen ein Soldatenexercitium. Hungersnoth Es giebt keinen Ausdruck für unſern Hunger.

der Gefangenen zu conſtatiren, die neuerdings durch Auswechſelung aus der Haft in Richmond und ſonſtwo innerhalb der Linien der Rebellen befreit wurden erwählte man im Mai des vorigen Jahres einen aus ſechs Mitgliedern beſtehenden Ausſchuß, dem neben drei der erſten mediciniſchen Autoritäten von Phila⸗ delphia und New⸗York unter Andern der Gouverneur des letztern Staates angehört und außerdem von Unionswegen ein Deputirter

United States Commissioner beigegeben ward.

Ohne Säumen unterzog ſich der Ausſchuß ſeiner ſchwierigen Aufgabe. Der Reihe nach beſuchte er die verſchiedenen Hospitäler, worin die aus ſüdſtaatlicher Kriegsgefangenſchaft Entlaſſenen Unter kunft gefunden hatten, vor allen die von Baltimore und Anna⸗ polis in Maryland. Am letztern Orte allein beherbergten die zu ſolchem Behufe umgewandelten weitläufigen Räumlichkeiten der Marineſchule und des St. John's⸗Collegiums über drei Tauſend, Officiere und Soldaten aller Waffengattungen und Grade, ſämmt⸗ lich erſt vor Kurzem aus der Gefangenſchaft erlöſt.

Das Schauſpiel von Elend und Leiden, das ſich hier von Zelle zu Zelle, von Zelt zu Zelt, von Bett zu Bett den Unter⸗ ſuchenden bot, ſpottet jeder Beſchreibung! Es beſtätigte nicht nur die ſchlimmſten Befürchtungen, es überſtieg ſie; es übermannte ſelbſt die Aerzte der Commiſſion, die bekennen mußten, noch nie⸗ mals ähnlicher Jammerſcenen anſichtig geworden zu ſein. Kein Bild, ſelbſt die Photographien nicht, welche man von einigen der charakteriſtiſchſten Krankenerſcheinungen nehmen ließ, grauſenerregend wie ſie ſind, vermögen nur annähernd das Furchtbare des Ein drucks wiederzugeben, welchen der Anblick von Hunderten leben diger Leichen, von buchſtäblich zu Gerippen abgezehrten und aus gehungerten Geſtalten machte, die nur durch matte, kaum bemerk bare Bewegungen verriethen, daß noch Athem in ihnen war. Gräßlicher aber als alles Dies, gräßlicher als die kuochigen, hohl wangigen Geſichter, die in ſtumpfer Apathie wie Halbidioten die Vorübergehenden aus den Kiſſen heraus anſtarrten; gräßlicher als die geſchwollenen, durch Beulen und Wunden, durch Löcher und Narben verunſtalteten Leiber, von denen Beine und Arme herabhingen, dün ner, als die Glieder fünfjähriger Knaben, welche mühelos die Hand umſpannt entſetzlich, wie die Erſcheinung eines grauſigen Spu kes, die uns nicht mehr aus den Augen kommen will, die uns auf Schritt und Tritt verfolgt, im Wachen und im Schlafen, war ein Moment, das ſämmtlichen dieſer Unglücklichen angehörte, denen in Baltimore, wie jenen in Annapolis, dem Reconvalescenten, der ſich langſam im Lazarethgarten erging, wie dem Todſiechen, wel cher den Kopf nicht mehr vom Pfühle aufrichten konnte, es war der Ausdruck äußerſter Troſtloſigkeit in Augen und Zügen, ein Blick unüberwindlicher Melancholie, als hätten ſie ſammt und ſonders eine Periode höchſter phyſiſcher und geiſtiger Qual durch leben müſſen, die jedes Lächeln für immer aus ihren Geſichern verſcheuchte. Wo dies nämliche Merkmal Allen gemeinſam war, allen den Tauſenden, welche in der Gefangenſchaft bei den Rebellen geſchmachtet hatten, da konnte von zufälligen individuellen Zuſtänden nicht mehr die Rede, da mußte eine allgemeine, immer und überall wirkende Urſache vorhanden ſein, der jener unvertilgbare und un⸗ vergeßliche Ausdruck entſprang, und wer auch von der Commiſſion vernommen wurde, Stabs⸗ und Suhalternofficiere, Sergeanten und Gemeine, und die Wahrheit ſeiner mündlichen und ſchriftlichen Ausſagen und Antworten feierlich beſchwor, Alle hatten un⸗ veränderlich die nämliche Jammergeſchichte zu erzählen: von Hunger und Mangel, von Schmutz und Obdachloſigkeit, von Kälte und Froſt, von Martern ohne Zahl und ohne Beiſpiel!

Der Bericht der Commiſſion liegt vor uns mit jenen ſchreck⸗ lichen Photographien als Titelbildern und dem geſammten Material von eidlich erhärteten und officiell beglaubigten Zeugniſſen und Beweiſen als Anhang, ein ſtattlicher Octavband. Es iſt das Buch, von dem wir oben ſprachen und welchem die nachſtehenden Mitthei⸗ lungen, hie und da wortgetreu, entnommen ſind. Der uns zur Verfügung geſtellte Raum geſtattet freilich blos da und dort hin⸗ einzugreifen in die Maſſe der geſammelten Thatſachen und Einzel⸗ heiten, doch wir fürchten, den Leſern wird auch ſo ſchon des Gräß⸗ lichen genug und übergenug geboten ſein.