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werde ich wohl mein Leben lang, allein zu Pferde ſieht man das nicht, und in wenig Wochen will ich den Rebellen meine Schmerzen blutig heimzahlen.
Als ich geſchoſſen war, hatte ich natürlich keinen Halt mehr, und das kurz nachher ſich bäumende Pferd warf mich ab. Ich reichte dem Major mein Schwert und bat ihn, das Commando zu übernehmen und mich meinem Schickſal zu überlaſſen. Fünf Minuten nachher war auch er vom Pferde geſchoſſen, einhundert⸗ fünfzig Mann von meinem vierhundertfünfzig Streiter zählenden Regimente deckten die Wahlſtatt, und nun wankte auch dies tapfere Regiment und zog ſich in guter Ordnung zurück und nach ihm die Buſchbeck'ſche Brigade, die hinter ihm und von ihm gedeckt lag. Schurz und Schimmelpfennig thaten ihr Möglichſtes, die Truppen zu ralliiren. Zehn Schritte hinter Schurz wurde Deſſauer erſchoſſen, ſein Adjutant v. Scille neben ihm verwundet. Kein Corps der Welt von ſo geringer Zahl und ſolcher Aufſtellung hätte den Feind aufhalten können. Der beſte Beweis iſt, daß Hooker ſeine Artillerie, vierzig Stück, auffahren und ſeine ganze disponible Macht entfalten mußte, um den von mehrſtündigem Hetzen und Laufen doch erſchöpften Feind zum Stehen zu bringen, und da mußte er ſchließlich doch noch drei Viertel Meilen auf Chancellorsville zurückfallen. Was er mit dieſer Maſſe nicht vermochte, muthet man einem durch ſein und Howard's Verſchulden überrumpelten ſchwachen Corps zu. Ich bin unparteiiſch. Mir hat Niemand nachgeſagt, noch nachſagen können, daß ich nicht Stand gehalten.
Nun zu meiner Rettung. Als ich ſchwer blutend am Boden lag und ſah, daß das Regiment wankte, rief ich den Leuten zu, ſich nichts um mich zu kümmern, und als ſpäter Lieutenant Bech⸗ ſtein und ſechs Mann mich forttragen wollten und ich ſah, daß dies nur den Rückzug beeinträchtige, befahl ich ihnen, mich meinem Schickſal zu überlaſſen. Da lag ich nun zwiſchen dem anſtärmen⸗ den Feinde und der retirirenden Diviſion. Der Gedanke, gefangen zu werden, war mir peinlich, und ſo ſchleppte ich mich auf Händen und Füßen zu den Feldverſchanzungen der Buſchbeck'ᷣſchen Brigade. Schon hatte man auf mich angeſchlagen, als die Burſchen mich erkannten, ich wurde über die Bruſtwehr gezogen und lag droben, bis auch dieſe wichen; ſo kroch ich zwiſchen zwei Feuern weiter bis zum Waldrande, wo das letzte Regiment der Buſchbeck'ſchen Brigade zund zwar Oberſtlieutenant Cantador mich gewahrte und mitleidig ausrief:„O, Oberſt Hecker!: Seine Leute ſchleppten mich eine Strecke, bis ich ſah, daß dadurch das Regiment in Unordnung käme, und ihnen befahl, mich meinem Geſchicke zu überlaſſen. Das ge⸗ ſchah und ich ſchleppte mich zehn bis zwölf Schritte weiter. Da ſtand ein Pferd geſattelt mit zerſchoſſenem Zaum, blutend aus drei Wunden, am Wege, das Auge ausgeſchoſſen, ein Streifſchuß am Knie, eine Fleiſchwunde im Backen. Darauf hoben mich einige Nachzügler, und das arme Thier, auf dem ich nicht ſaß, ſon⸗ dern hing, trollte, ſo gut es konnte, vorwärts. Ein Adjutant des Generals Slocum, der mich in der Jammerſituation fand, nahm mich mit ſich und brachte mich in der Nacht in's Feldlazareth, wo ich verbunden wurde. Kaum lag ich da, ſo kam unſer Bri⸗ gadewagon mit Ambulancen der dritten Diviſion an, in welche ich gelegt wurde, um in der Ambulance die ganze furchtbare Sonn⸗ tagsſchlacht mit zu machen. Zuerſt nach Falmouth, dann Acquia⸗Creek, dann Waſhington verbracht, befinde ich mich nun unter der treuen Pflege meines Schwagers und meiner Schweſter.
Die Schlacht war furchtbar. Du kannſt Dir von dem Ge⸗ ſchoßhagel und dem Getöſe der Feuerwaffen keinen Begriff machen. Auf zehn Schritte verſtand Einer den Andern nicht. Bei Chan⸗ cellorsville mähten Hooker's Batterien die Rebellen zu Hunderten. Ich ſchätze den beiderſeitigen Verluſt an Verwundeten, Todten und Vermißten auf mehr als vierzigtauſend Mann. Es war offenbar die blutigſte Schlacht dieſes Krieges. Ich freue mich, daß ich nicht verkrüppelt werde und wieder mit kann und für die Schmerzen von den Canaillen ſo viel wie möglich zur Hölle zu ſenden vermag.
als er im Jayſo ziemlich au fait. Da Du noch nicht fort⸗ wurde, kamen wir, da iawenn ich Dich nicht perſönlich ſehen ſollte, liche Berührung, zogen
wenig an. Es fanden ſogar alter Freund. Ss grißt e rungen ſtatt. Unſere äußere Dein
auch der tiefere Kern unſers 2 Friedrich Hecker war, em froy. Als er zum Bewußtz Napoleoniſcher Gewat
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und wurde dann nach dem Weſten geſchickt, woſelbſt er unter General Grant die Schlachten in der Nähe der blutgetränkten Gegenden von Chattanooga und Chicamauga mitſchlug. Auch über dieſe Kämpfe ſchrieb mir Hecker einen höchſt intereſſanten Brief, welchen ich hier wörtlich mittheile: „Lookout⸗Valley, Tenneſſee, 21. December 1863. Mein lieber Freund! Nach fünfundzwanzigtägigem Fechten und Marſchiren ſitze ich wieder in meinem Zelte auf einer Waldhöhe des Raccoon⸗Gebir⸗ ges, mir gegenüber die alte Felſenburg der Cherokee's, der weit hinaus in's Land ſchauende Lookout-⸗Berg, an deſſen Fuß der Tenneſſee-Fluß mit vielfachen Krümmungen ſich hinwindet und ſe dem der Lookout- und Chattanooga⸗Bach in raſcher Strömung zu⸗ münden. In der Ferne Berg an Berg bis weit hinein nach Nord⸗ carolina, und dort in der Ebene liegt Chattanooga mit ſeinen Zeltlagern und Forts. Sonderbare Gebirgsformationen, ſenkrechte Felswände erheben ſich aller Orten, nahe am Gipfel, der in einem Hochplateau endet, mit fruchtbarer Erde bedeckt, von Quellen berieſelt und mit Farmen bedeckt. Ich hätte nie geglaubt, daß Amerika ſo wundervolle Scenerien aufzuweiſen habe, wie ich ſie in Maryland, Virginien, Kentucky, Tenneſſee, Alabama und Georgia ſah. Zwi⸗ ſchen dem vierunddreißigſten und fünfunddreißigſten Breitengrade i*ſt es aber recht winterlich, und ich habe mehr gefroren im ſon⸗ nigen Süden, als in Illinois. Wenn man ſich ſagt, was aus dieſem ſchönen Lande hätte werden können, fans die freie weiße Arbeit es befruchtet hätte, erkennt man erſt den ganzen Fluch der Sclaverei, die nun, Gott Lob! in den letzten Zügen liegt. Ich weiß nicht, ob Du meinen Brief erhalten,* worin ich Dir meldete, wie ich mit noch offener Wunde dorthin eilte, wo ich durch täg⸗ liches Aneifern meiner Leute und Verfolgung der Bewegungen der Armeen einen neuen Schlachttag eroberte, indem ich noch am letz⸗ ten Schlachttag richtig bei Gettysburg eintraf, wo wir die Rebellen furchtbar ſchlugen, den Feind durch Südpennſylvanien und Mary⸗ land nach Virginien hinein verfolgten und am 25. September Marſchordre hierher erhielten, in der hellen Mondnacht, 28. bis 29. October, bei Wahatchie kämpften, die feindlichen Poſitionen auf den Hügeln mit dem Bajonnet erſtürmten; wie meine Brigade von zwölf bis fünf Uhr von den Höhen des Lookout mit den weit⸗ tragenden Parrots beſchoſſen wurde und nach Anlegung einiger Feldbefeſtigungen kurze Raſt in den Berglagern hatte, um die glorreiche Schlacht bei Chattanooga zu ſchlagen. Meine Brigade beſteht aus Dir theilweiſe bekannten Regi⸗ mentern, dem fünfundſiebzigſten pennſylvaniſchen, deſſen Oberſt Mah⸗ ler, früher Officier in Baden, bei Gettysburg fiel; dem achtund⸗ ſechszigſten New⸗Yorker, ſeit der Entlaſſung Bourry's von Stein⸗ hauſen commandirt; meinem Regimente, dem zweiundachtzigſten Illi⸗ nois, und dem achtzigſten Illinois. Es iſt mir zugeſagt, daß ich acht Regimenter zugetheilt erhalten ſoll. Die Schlacht bei Chattanooga war, was Plan und Manövriren anbelangt, ein Meiſterſtück Grant's. Eine ſüperbe Action!“ Um nicht zu ſehr in Einzelheiten der im Allgemeinen ſchon bekannten Schlacht einzugehen, überſpringe ich hier eine Stelle in Hecker's Brief, der dann fortfährt:„Hier fiel mancher unſerer Braven. Darunter auch Fritz Keßler, Sohn meines alten Weinheimer Wahlmannes, und im Hoſpital zu Chicamauga fand ich in einem Zimmer Oberſt Mongelin mit einem Arm, Capitain Kiefner mit einem Arm und einem Bein, Capitain Malter mit einem Bein und Fritz Ledergerber mit zer⸗ ſchoſſenem Fuße, lauter liebe Freunde aus Belleville und Lebanon. Mit noch einer Brigade beordert, Longſtreet's Vereinigung mit Bragg unmöglich zu machen, wurde ich befehligt, nach der Cleve⸗ land⸗Dalton⸗Eiſenbahn zu rücken und ſie zu zerſtören, was com⸗ plet gelang, und die helle Lohe der brennenden, aufgehäuften Schwellen, Brücken und Gebäude leuchtete zum Rückmarſche und nun ging's in Eilmärſchen über Cleveland, Athen, Laudon gegen Knoxville, dem hartbedrängten Burnſide zu Hülfe. Ein wahres Haſentreiben! Kaum hatten unſere Kanonen angefangen zu brum⸗ men, ſo riß auch der Feind aus. Wir ließen ihm nicht Zeit, die „ Brücke über den Hiwaſee vollſtändig zu zerſtören, warfen raſch Mannſchaften in Kähne und in ein gebrechliches Flachboot und nah⸗ em Eiſenbahnwagen mit dem von uns lange entbehrten Mehle⸗ Se Locomotive mit dem anderen Theile des Zuges ent
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Laf i*ſt mir dieſer Brief nicht zugekommen. V ,
— 1 hatten wir die theilweiſe zerſtörte Brücke hergeſtellt; 7


