Jahrgang 
13 (1865)
Seite
202
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Die blutige That Tawanka's erregte in Mackinaw einen allge⸗ meinen Schrei der Entrüſtung, und die Behörden des Ortes er⸗ griffen ſchleunigſt energiſche Maßregeln, um des myſteriöſen Mör⸗ ders habhaft zu werden, indeſſen verloren ſie bald deſſen Spur,

der Inſel mitgegeben hatte, die alle Schlupfwinkel der Umgegend

auf offenem See von einem heftigen Sturme überfallen wurden, der ihr Boot unaufhaltſam nach Mackinaw zurücktrieb. Erſt nach Verlauf einiger Jahre wurde der Häuptling in Ontonagon ver⸗ haftet, wohin er ſich begeben hatte, um von dort aus die Gräber ſeiner Väter zu beſuchen, denn die Sehnſucht nach den alten Wohn⸗ ſitzen iſt bei den Indianern oft unwiderſtehlich. Sein alter Freund, der Canadier, der nicht vermuthen konnte, daß Tawanka jemals zurückkehren würde, hatte aber in ſeiner angeborenen Plauderhaf⸗

Als Carl Maria von Weber durch ſeinenFreiſchütz ſich ſchon längſt den glänzendſten Ruhm, die Verehrung und Liebe der ganzen deutſchen Nation erworben hatte und in Berlin eben ſeine Euryanthe einſtudirte, kam ſein damaliger Chef, der Intendant und Kammerherr von Lüttichau, daſelbſt an und wohnte mehreren Proben bei. Der Cavalier war im höchſten Grade befremdet von der allgemein offen und laut Weber entgegengebrachten Verehrung, der wahrhaften Huldigung, mit der ſich ihm nicht allein geiſtige, ſondern auch höchſte Vornehmheiten der Geburt näherten. Als er mit Weber und Lichtenſtein das Theater nach der zweiten Gene⸗ ralprobe verließ und ſah, daß nicht allein das Perſonal allent⸗ halben vor dem Meiſter ehrerbietig den Hut zog, ſondern ſogar das Publicum, das ſich, um Weber zu ſehen, vor dem Ausgange ſind Sie denn wirklich ein berühmter Manne!! Und doch verwendeten ſich Männer, die den Genius zu ſchätzen wußten, für die Verleihung des Civil⸗Verdienſt⸗Ordens an Weber bei dem damaligen Miniſter von Einſiedel zwei Mal ver⸗ geblich. Dieſer Miniſter, Graf Detlev von Einſiedel, hatte überhaupt ganz eigene Begriffe von dem, was des Menſchen Würde beſtimmt. Als es ſich am ſächſiſchen Hofe darum handelte, dem nach Kopenhagen zurückgekehrten Thorwaldſen einen Orden zu verleihen, wurde auf Einſiedel's Betrieb die Claſſe deſſelben lediglich nach des unſterblichen Meiſters Rang als däniſcher Staatsrath beſtimmt, und als Grund für die Verleihung des Ordens bezeichnete man nicht den Wunſch, dem der Welt leuch⸗ tenden großen Kunſtverdienſte zu huldigen, ſondern des Meiſters Verdienſt und Bemühung beim Unterricht zweier junger Sachſen!!! Wenn aber ſeltſamer Weiſe ein Theil des Hofs und Adels in Dresden denn ſchöne Ausnahmen gab es auch da die Ehre, welche ihnen der Beſitz eines ſolchen Genius verſchaffte, nicht zu würdigen verſtand, ſo wurde der Meiſter reichlich für die Nichtbeachtung entſchädigt durch die Liebe und Verehrung, welche ihm von Hoch und Gering gezollt wurde, ſobald er außerhalb des Weichbildes von Elb⸗Athen ſich blicken ließ.

Als der Maeſtro auf ſeiner Reiſe nach Bad Ems in Wies⸗ baden bei Tafel ſaß, begegnete ihm folgendes anmuthige Abenteuer, das er ſeiner Gattin berichtet:

Es ſaß ein Dr. Horn neben mir, ein höchſt gebildeter Mann und großer Muſikfreund. Nachdem wir über Literatur und viele Dinge recht intereſſante Geſpräche geführt hatten und er bemerkte, daß ich aus Sachſen ſei und daß er früher in Leipzig ſtudirt hatte, ſo frug er mich nach tauſend Dingen. Die Tafelmuſik brachte dann endlich das Geſpräch auch auf den Freiſchütz ꝛc. Ich wich auf's Künſtlichſte allen Fragen aus, die mich hätten verrathen .können, bis denn endlich der Mann ganz erſtaunt, mich in Allem ſo zu Hauſe zu wiſſen, nach meinem Namen frug; nun, das iſt ein ehrlicher Name, und ich konnte alſo nicht verſchweigen, daß ich Weber heiße.Weber? rief er ganz geſpannt, ‚Gottfried We⸗

ber? Nein, ſagte ich. ‚Alſo aus Berlin? Der iſt lange todt. ‚Alſo, mit einer Pauſe, wie Jemand, dem ein freu⸗

diger von Weber, ſagte ich ganz ruhig, indem ich mir einſchenkte.

verſammelt hatte, das Haupt entblößte, rief er aus:Weber,

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da die ausgeſchickten Beamten, denen man einige Chippewas von

tigkeit den Bewohnern des Städtchens gegenüber ſchon öfters geäußert, daß Niemand anders der Mörder Jones' ſein könne, als der Häuptling, der aus ihm unbekannten Gründen dem Nankee Rache geſchworen habe. So wurde Ambroſe wider ſeinen Willen zum Verräther an dem Indianer. Als dieſer von dem Sheriff

verhaftet wurde, machte er durchaus keinen Verſuch, die That zu

genau kannten, unverrichteter Sache zurückkehren mußten, weil ſie

Schreck den Athem verhält, ‚doch nichtCarl Maria

* Carl Maria von Weber. Ein Lebensbild von Max Maria von Webex. Leipzig, Ernſt Keil, 1864. ** 8 3

leugnen; er legte im Gegentheil ein offenes Geſtändniß ab, indem er behauptete, einen Act der Gerechtigkeit geübt zu haben. Ver⸗ gebens bot man ihm Leben und Freiheit an, wenn er Land⸗ meſſer der Regierung nach der Silberinſel führen wolle; die glänzendſten Verſprechungen waren nicht im Stande, ihm das Geheimniß zu entreißen. Ruhig und gelaſſen hörte er ſein Todes⸗ urtheil an und ebenſo reſignirt ſchritt er nach der Richtſtätte, wo ihn die verhängnißvolle Schlinge erwartete.

Noch einmal der Meiſter desFreiſchütz.

Da hätteſt Du ſehen ſollen, wie der Mann, wie vom Donner ge⸗ rührt, fünf Minuten unbeweglich ſtill und ſtarr ſaß und endlich,

indem ihm die Augen feucht wurden, ganz andächtig ſtill ſprach:

‚Was hat mich Gott für ein Glück erleben laſſen!' Du weißt, liebe Lina, daß die größten, dickſten Weihrauchwolken weder meine Naſe kitzeln, noch meinen Sinn afficiren. Aber hier, ich geſtehe es, mußte ich dem Schöpfer innig ergeben danken, daß er mir Macht gegeben, ſo tief eines guten Menſchen Herz zu ergrei⸗ fen, und daß wohl kein beſſerer Lohn mir je wieder geboten wer⸗ den wird.

Weber, ſind Sie denn wirklich ein berühmter Wenn?! Nun, ſo fragte ſchon zu jener Zeit außer Dresden wenig gebildeter Menſch deutſcher Nation mehr. Hat doch nach kein Operncomponiſt die allgemeine Gunſt der muſikaliſchen in vollerem Maße gewonnen, als unſer Meiſter. Seine Werke ſind bekannt und leben fort auf den Bühnen, im Concertſaale, im Haus und in den Herzen aller echten Muſikfreunde.

Von ſeinem äußeren Leben hingegen end von dem inneren Getriebe ſeines Geiſtes, von den Leiden und Freuden ſeines Her⸗ zens, von dem Menſchen Carl Maria von Weber, wußte man bisher ſo gut wie nichts. Die mitgetheilten wenigen Züg wer⸗ den das dem Leſer ſchon gezeigt haben.

Die Erſcheinung der von ſeinem

Sohne geſchriebenen

Biographie des Meiſters* mußte daher ſeinen zahlreichen Ver⸗

ehrern höchſt willkommen ſein. Nun kommt mir aber bei allen Memoiren und Lebensbeſchreibungen jedesmal gleich die fatale Frage: wird darin die unbedingte Wahrheit zu verneh⸗ men ſein? Von einem Autobiographen wenigſtens, das ſteht feſt, iſt ſie nicht ohne mannigfache Modificationen zu erwarten. Es

giebt keinen Menſchen ohne Schwächen und Fehler, und keinen.

der ſich durch das ungeſchminkte Geſtändniß derſelben in den Auger ſeiner Zeitgenoſſen oder der Nachwelt wirklich herabſetzen möchte Dergleichen wird daher entweder verſchwiegen, oder wenn es be kannt und nicht zu leugnen iſt, in einer Weiſe dargeſtellt, daß es nicht als freie That des Charakters, ſondern als Nöthigung un⸗ beſiegbarer Umſtändel und damit entſchuldbar erſcheint. Glaub⸗ würdiger kaun eine Lebensbeſchreibung durch einen Andern ge⸗ rathen, vorausgeſetzt, daß dieſer im Beſitz aller Materialien dazu iſt, Geiſt genug hat, um in alle Tiefen ſeines Objects einzudrin⸗ gen, und Muth genug, alles Geſehene rückſichtslos darzuſtellen. Dürfen wir aber eine ſolche Biographie von Mar Maria von Weber, dem Sohne des Meiſters, erwarten? Leichter geſteht ein edler Menſch ſeine eigenen Schwächen ein, als daß er die Schwä⸗ chen ſeiner Angehörigen der Welt preisgäbe. Es war aber ſchon a priori anzunehmen, daß auch das Leben unſeres Meiſters nicht lauter Licht ſein werde. Denn wie es überhaupt keinen vollkom⸗ menen Menſchen giebt, ſo iſt ein ſolches Exemplar auch unter den Künſtlern nicht und um ſo weniger zu finden, als die unerläß lichen Eigenſchaften des Genius zur Hervorbringung echter Kunſ werke, glühende Einbildungskraft, reizbares Gefühl, ſtarle Sina lichkeit, zugleich gefährliche Eigenſchaften für das ſittliche Lebe, ſind und die Künſtler überdies gern die Meinung hegen, ihn/ ſei etwas mehr nachzuſehen, als andern Menſchenkindern. 1

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