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ein wachſamer Hofhund an, als wolle er dadurch beruhigen und zeigen, daß er auf ſeinem Poſten ſei. Wie ein anderer Wächter hob ſich über das Kirchendach, über Häuſer und Baumwipcfel der Kirchthurm mit ſeinem runzelvollen, verwitterten Mauergeſicht em⸗ por, aber ſo weit er in die Dorfgaſſen niederſah, regte ſich's nir⸗ gends mehr und nur aus drei Fenſtern drang noch dämmernder Lichtſchein— im Wirthshauſe, wo noch ein paar ungenügſame Zecher hinter Krug und Karte ſitzen mochten; im Pfarrhofe, wo der Pfarrer noch einſam über Gebet und Brevier wachte, und am äußerſten Ende des Dörfchens, über die Mühle hinaus unter zer⸗ ſtreuten kleinern Häuſern in dem ärmlichſten und kleinſten unter denſelben.
Leichtſinn, Andacht und Sorge waren allein noch nicht zitr Ruhe gegangen.
Der ſchwache Lichtſchein kam noch aus der Wohnſtube der niedrigen Hütte und vermochte kaum, ſich unter dem weit herab⸗ VWreichenden Strohdach und durch die kleinen, trüben Fenſter auf den ſchmalen Wiesfleck zu ſtehlen, welcher an der Seite hinzog; der ſpitz zulaufende hohe Vordergiebel ſtand gegen die Straße zu, voom grellen Mondlicht übergoſſen. Das Licht, von einer kleinen
Oellampe kommend, reichte nicht aus, auch nur den engen und 1 4) 8
niedrigen Raum der Wohnſtube zu erhellen; im Halbdunkel auf der Ofenbank kauerte ein Mädchen hinter dem Spinnrade, am Siſche ſaß ein alter Mann, ein geſchnitztes Kreuzbild von weißem Lindenholz in der Hand, an welchem er mit einem kurzen Meſſer
ſorgſam und mit ſichtbarer Anſtrengung ſchnitzelte. Die Augen waren an den Rändern geröthet und wund, und über den ſtarken wweißen Brauen lag eine Kummerwolke, welche ahnen ließ, daß es nicht blos die Mühe der Arbeit geweſen, was ſie wund gemacht. Der Kopf des Alten war faſt gänzlich kahl, nur ein ſchwacher
gerunzelt und wetterhart, aber voll klugen, faſt ſchwermüthigen Ausdrucks. Auch in der Stube war es ſtill, wie draußen, nur die Schwarzwälder Uhr an der Wand ging und das Rad ſchnurrte.
Das Mädchen hatte ſchon mehrmals nach dem Alten hinüber⸗
Kranz weißen Haares umgab noch die Seiten; das Geſicht war
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geblickt, als wollte ſie das Rad bei Seite ſchieben und ihm näher treten; immer aber ſchien etwas ſie davon abzuhalten. Endlich legte der Mann die unvollendete Schnitzerei vor ſich auf den Tiſch und drückte die Handballen vor die Augen.„Es geht nicht mehr, ich muß aufhören!“ ſagte er.„Die Augen brennen mich wie Feuer und verſchwimmen... es iſt, als wenn ich Alles durch einen Flor ſähe, der immer dichter wird...“
„Sollteſt Dich halt nit ſo anſtrengen, Vater,“ antwortete von ihrem Platz aus die Spinnerin.„Hab' Dich ſchon oft genug darum gebeten! Du ſollteſt Dir mehr Ruhe vergönnen und ſollteſt bei Tage ſchnitzen!“
„Als wenn ich das nicht ohnehin ſchon thäte!“ erwiderte der Alte.„Wenn ich auf dem Felde draußen bin, benutz' ich jeden Augenblick, den mir das Hüten läßt, und ſetze mich unter einen Baum oder auf einen Zaun und hole den Schnitzzeug aus dem Anhängſack, aber das Vieh iſt ſo unruhig... weiß der Himmel, wenn wir Wölfe in der Gegend hätten, oder Bären, ſo glaubte ich, ſie ſpürten ſolch' ein Beeſt... So muß ich eben doch die Nacht zu Hülfe nehmen; Du weißt ja, auf was es ankommt, der Friedberger Jahrmarkt iſt vor der Thür’... da muß ich trach⸗ ten, daß noch ein Dutzend fertig wirdh..“
„Freilich, Vater!“ erwiderte das Mädchen,„Maria Geburt iſt nicht mehr weit, da muß die Gilt gezahlt werden und die halbe Anleit... aber Du brauchſt Dich deswegen doch nicht ſo anzuſtrengen, Vater! Ich werd' heut noch fertig mit meiner Spin⸗ nerei; ich hab' den letzten Strähn auf der Spule— dann iſt's wieder ſo viel Garn, daß es ein ordentliches Stückl Leinwand ab⸗ geben thät... hab' freilich gedacht, ich wollt' Dir eine neue Pfoad(Hemd) machen, Vater, und ein friſches Bettgewand, aber wenn's nicht geht, müſſen wir mit dem alten forthauſen. Ein Jahrl halt's wohl noch aus; ich will das Garn an die Wirthin
verkaufen, die hat mich ſchon drum angered't,— damit kar
zahlen, Vater, und werden wohl auch noch ein paar Kreu bleiben für den Winter!“ (Fortſetzung folgt.)
Der neue Cäſar und ſeine Mutter.* Von J. Marmor.
Auch das ſtille Conſtanz ſollte, wie wir wiſſen, nicht das dauernde Aſyl bleiben für die vertriebenen Napoleoniden, die Kö⸗ nigin Hortenſe und ihren Sohn Louis Napoleon. Die Diploma⸗ tie ließ ſie auch hier nicht in Ruhe; das zurückgezogene Leben der Königin, die faſt ganz von der Außenwelt abgeſchnitten war, ver⸗
ſbe ſie machte. Man mißgönnte ihr den Aufenthalt in einer
Stdt, die beinahe einem Verbannungsorte glich, und da man keinen vernünftigen Grund im Benehmen der Königin fand, um ſie davon zu entfernen, ſo ſchritt man ganz einfach zur Anwendung von Gewalt. Es wurde dem Großherzog Carl von Baden bedeutet, daß er ſeine Verwandte aus ſeinem Staate verjage. Bald erſchien eine Perſon ſeines Hauſes, Herr von Frank, welcher den Auftrag erhalten hatte, der Königin deſſen Bedauern auszudrücken, daß er ſich in der traurigen Nothwendigkeit befinde, ſie um ihre Ab⸗ jeiſe zu bitten. es nicht genug beklagen, daß ihr Gemahl durch die großen Mächte in die peinliche Lage verſetzt ſei, Hortenſe aus dem Lande wertreiben zu müſſen.
Frauen eine Verſchwörung gegen die bourboniſche Monarchie erblicken wolle. Hortenſe ertrug dieſe Verfolgung, wie ſie Alles er⸗ ttrug, mit Ruhe, Ergebung und Würde und ſagte dem Herrn von
Nxeank zu, ſich ſobald wegzubegeben, als die rauhe Jahreszeit und
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(hre zarte Geſundheit dies geſtatten würden.
von Streng am 10. Februar 1817 den im angrenzenden Canton
ſſend Gulden gekauft und ließ dieſe Beſitzung dann nach ihrem Geßomacke herſtellen Nur ſehr ungerid⸗ hhr die Ruhe nach dem
die Königin ihren Aufenthalt, der erglugewährt hatte. Die Erziehung Aineingen,
*S. Gartenlaube 186.
hinderte nicht, daß man immer und immer wieder falſche Berichte
des Prinzen war hier ihre erſte und vorzüglichſte Sorge und Hauptbeſchäftigung geweſen, wie ihre Zärtlichkeit für ihn ihr leb⸗ hafteſtes Gefühl. Sie gab ihm, wie dem Leſer auch ſchon be⸗ kannt, ſelbſt Unterricht im Zeichnen und Tanzen, weil es an Leh⸗ rern dazu mangelte. Am Samstag jeder Woche gehörte er ganz ſeiner Mutter an: es wurde dann alles von ihm durch die ganze Woche Erlernte wiederholt, ob es Lateiniſch oder etwas Anderes war, das der Königin fremd ſtand. Sie wollte ihrem Sohn durch die Auf⸗ merkſamkeit, welche ſie auf die geringſten Einzelnheiten verwendete, beweiſen, daß ſie ihr Intereſſe allen ſeinen Fortſchritten zu⸗ wende. Weil Louis von einer ſolchen Lebhaftigkeit war, daß es der
ganzen Leichtigkeit ſeines frühzeitigen Verſtandes bedurfte, um Et⸗
an; allein der Prinz entſchlüpfte ihm oft. Die Großherzogin Stephanie von Baden könne
Ja, nicht einmal ein Beſuch ſei möglich, veil Herr von Talleyrand im Zuſammenkommen der beiden fürſtlichen
Von allen Seiten gedrängt, hatte ſie unterdeſſen vom Baron
khurgau am untern Bodenſee gelegenen Arenenberg um dreißig⸗
was zu lernen, ſo war es ſchwieriger, ihn zu überwachen, als zu unterrichten. Der gute Abbé Bertrand wandte allen ſeinen Eifer Die Königin fühlte daher, daß es feſterer Hände bedürfe zur Leitung dieſes unabhängigen Charakters. Was den Verſuch des armen Abbé noch ſchwieriger machte, war jene Schnelligkeit des Geiſtes, welche auf der Stelle eine Antwort fand und welche immer verlangte, daß man 6. den Grund angebe von dem, was man von ihm forderte.
Einſt hatte der Abbé wiederholt die Befolgung einer W. ſchrift verlangt, wogegen ſich ſein Zögling hartnäckig ſträubte. Erſterer aber feſt auf ſeinem Befehl beſteht, läuft der Prinz d von und ergreift ſeinen Säbel. Bertrand klagt bei der Mutter, di den Sohn auf eine feierliche Weiſe züchtigen und demüthigen will. Er wird am folgenden Morgen in's Zimmer der Königin beſchie⸗ den, wo er niederknieen und in Gegenwart ſeines Lehrers eine ernſte Strafpredigt hören muß. Nachdem ein Diener ſeinen Säbel zerbrochen und die Stücke vor ihn hingelegt hatte, mußte er dem Abbé Abbitte leiſten.
Die Morgenſtunde brachte die Königin meiſt allein in ihrem
Zimmer zu, mit Abfaſſung ährer Denkwürdigkeiten beſchäftigt. Die
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