nur Hunde mit kurzer Behaarung zu verwenden(wie ſie auch Barry beſaß), weil im zottigen Vließ der Schnee ſich zu ſehr an⸗ ſammeln und das Thier zu Boden drücken würde. Nun erſcheinen aber immer bei einzelnen Jungen ſolche lange Zottenhaare, die an die Pyrenäenſchäferhunde erinnern, und dieſe Thiere werden, als dienſtuntauglich, verkauft oder an Gönner des Hoſpizes ver⸗ ſchenkt. Hieraus ergiebt ſich auch die Unrichtigkeit der Behaup⸗ tung, daß je Neufundländer als Stellvertreter der echten Bern⸗ hardiner verwendet worden ſeien.
Als Racenmerkmale Barry's und ſeiner ebenbürtigen Nach⸗ kommen im Beſitze des Herrn Schumacher fallen vor Allem der große Kopf, der breite Nacken, die bedeutende Dimenſion des Bruſtkorbs und die weiten Rippen auf. Es giebt gewiß Hundearten, welche an Höhe der Rückenlinie die Bernhardiner übertreffen, in den obigen Merkmalen aber dürften dieſe uner⸗ reicht ſein. Der Kopf hat namentlich bedeutende Dimenſion in der Achſe zwiſchen den Schläfenbeinen, verſchmälert it zierlich nach vorn und endet in eine ungeſpaltene Naſe, die in der Form zwiſchen der Schnauze des Hühnerhundes und der Naſe der däniſchen Dogge die Mitte hält. Die Haare des Körpers ſind kurz und rauh; unter dieſer oberen Schichte zeigt ſich aber eine tiefer gelegene, mehr flaumartige, was die Hundekenner die doppelte Behaarung nennen, eine Eigenthümlichkeit, die ſich ſonſt beſon⸗ ders bei den Pelzthieren des hohen Nordens findet. Charakteriſtiſch iſt auch der Schweif von Barry; die Haare deſſelben ſind etwas länger, als diejenigen des Körpers, ohne daß aber die Ruthe zum Federſchweif wird. Das Thier trägt den Schweif immer zu Boden geſenkt und nur das untere Drittel erhebt ſich geringelt nach oben. Dieſe eigenthümliche Formation findet man ſchon bei Jungen von zwei bis drei Monaten. Die Farbe der Thiere iſt vorwiegend weiß; am Rücken, an den Flanken, dem Kreuze, auf der Stirn und den Ohren finden ſich aber große lohbraune, mit Schwarz geſprenkelte Flecken. Die Hinterſüße ſind doppelſporig. Die Weibchen ſind auffallend zart und fein gebaut, und ein neun Monate altes Männchen iſt bereits weit größer, ſtärker und kräftiger, als die erwachſene Hündin. Im Charakter ſind die Bernhardiner edel, ſtolz, großmüthig, wie die meiſten großen Hunde, auffallend ernſt und bedächtig, ihrem Herrn ausſchließlich ergeben und gleichgültig für fremde Liebkoſungen. Zur Brunſt⸗ zeit werden ſie auf dem Hoſpiz nicht ſelten ſtörriſch, bekämpfen und beißen ſich gefährlich, und nicht ſelten büßt der Unterliegende mit dem Leben.
Daß die Bernhardinerrace auf dem Hoſpiz je ausgeſtorben ſei, beruht auf Täuſchung und irrigen Angaben. Selbſt wenn die tragiſche Geſchichte vom Tode ſämmtlicher Weibchen wahr ge⸗ weſen wäre, ſo hätte dies die Fortexiſtenz der Race nicht in Frage geſtellt, da eine Anzahl Hunde in Martigny und eine andere auf dem Hoſpize des Simplon, das ebenfalls den Auguſtinern angehört, gehalten werden. Unzweifelhaft iſt dagegen, daß die Race auf dem großen St. Bernhard einer Degeneration entgegenging, ſowohl was die körperlichen, als die geiſtigen Eigenſchaften betraf; die Jahrhunderte lange Vermiſchung verwandtſchaftlichen Blutes konnte nicht ohne nachtheilige Folgen ſein. Schon lange hatte man auf dem Hoſpiz keine Thiere von der hübſchen Zeichnung Barry's, ſondern entweder ausſchließlich weiße oder einfarbig dunkel⸗ braune Thiere, deren Kopf plumper, maſſiver geworden war. Für ihren Dienſt dagegen waren ſie vortrefflich brauchbar.
Die ſogenannten Leonbergerhunde kennt Referent nicht aus eigener Anſchauung; Gewährsmänner, welche Exemplare dieſer Hunde geſehen haben, ſtreiten ihnen alle Verwandtſchaft mit den Bern⸗ hardinern ab. Im günſtigſten Falle wären ſie Bernhardiner in partibus infidelium, indem das zur Zeit dem Kloſter geſchenkte Paar ſich nicht fortpflanzte, zu Grunde ging und alſo keine Dienſte leiſtete.
Herr Schumacher, Gutsbeſitzer bei Bern, der von jeher ein großer Hundefreund geweſen war, beſchäftigte ſich ſchon ſeit drei⸗ zehn Jahren mit der Züchtung von Bernhardinerhunden. Nach dem Grundſatz der Inzucht verfahrend und immer Barry als reinſten Racentypus betrachtend, wählte er zur Fortpflanzung immer ſolche Individuen, die an Geſtalt, Größe und Farbe dem großen Ahnhund am ähnlichſten waren. So gelangte er vor ungefähr zwei Jahren zu Thieren, welche an Reinheit der Race den Hunden auf dem Hoſpiz weit überlegen waren und wie Doppel⸗
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gänger des alten Barry ausſahen. Ein prächtiges Paar dieſer
Thiere machte er im Jahre 1866 dem Kloſter zum Geſchenke und brachte ſie ſelbſt in die Priorei von Martigny, im Kanton Wallis, wo die ältern Conventualen des Hoſpizes ſich aufzuhalten pflegen. Der älteſte der frommen Väter, der Barry noch ge hant und ver⸗ pflegt hatte, wurde beim Anblick der neuen Ankömmlinge zu Thrä⸗ nen gerührt.„Mein Gott, das iſt ja der alte Barry!“ rief er aus und freute ſich, daß der alte verloren gegangene Typus wieder gefunden war. Das Männchen jenes Paares, gleichfalls Barry genannt, wurde, als es fünf Viertel Jahre alt geworden war, zum Dienſte auf dem Hoſpize verwandt, entwickelte ausgezeichnete Eigenſchaften und galt nun als der beſte Hund des Kloſters. Die Thiere haben ſich ſeither vermehrt und die Jungen ſollen allen Anforderungen entſprechen. Damit iſt die herrliche Race wieder in ein neues Stadium getreten, durch friſches Blut verjüngt und ihre Zukunft iſt geſichert. Bei der letztjährigen großen Ausſtellung in Paris hatte Herr Schumacher ein Paar ſeither gezüchteter Bern⸗ hardiner ausgeſtellt und erhielt für dieſelben den erſten Preis. Trotz der ſeltenen Schönheit dieſer Thiere wäre ihnen vielleicht dieſe Auszeichnung nicht zu Theil geworden, hätte nicht ein Document des hochw. Herrn J. G. Rochernaire, Priors auf dem Hoſpiz des großen St. Bernhardsberges, die Reinheit der Race derſelben bezeugt. Seitdem hat ſich die allgemeine Aufmerkſamkeit dieſen Bernhardinern des Herrn Schumacher zugewandt und eine Menge von Abkömmlingen ſeiner Zucht iſt nach England, Frank⸗ reich und ſelbſt nach andern Welttheilen verkauft worden.
Die Thätigkeit der Bernhardinerhunde auf dem Hoſpize be⸗ ſchränkt ſich während der drei bis vier Sommermonate auf den Empfang und die Begrüßung der Fremden. In den acht bis neun Wintermonaten dagegen fängt ihre Bedeutung als Pfad⸗ finder und Menſchenerretter an; ſie müſſen dann täglich wenigſtens zwei Mal den Weg vom Hoſpiz gegen Martigny und auf der italieniſchen Seite gegen Aoſta zurücklegen, bis man zu menſch⸗ lichen Wohnungen gelangt. Ihre Aufgabe iſt, kleinen Karawanen als Führer zu dienen, Verirrte auf den rechten Weg zu bringen, Verunglückten beizuſpringen und von Lawinen Verſchüttete aufzu⸗ ſpüren. Für dieſe Dienſtleiſtungen iſt ihre Hülfe geradezu unent⸗ behrlich. Von gebahnten Wegen iſt in jenen Einöden, wo der Schnee oft eine Höhe von vierzig Fuß erreicht, natürlich keine Rede, und ſelbſt die Conventualen und die Knechte des Kloſters würden trotz der genaueſten Terrainkenntniß bei Nebel und Sturm ſich ohne den nie fehlenden Spürſinn dieſer Thiere nicht zurecht finden.
Die in allen Reiſehandbüchern ſtehende Angabe, daß die Hunde gewöhnlich ohne menſchliche Begleitung auf ihre Streifereien ausgehen, iſt unrichtig; ſtets wird ihnen wenigſtens ein Knecht mitgegeben. Bei außerordentlichen Anläſſen, Nebel, Ungewitter, Schneeſtürmen und dergleichen, macht ſich aber faſt die ganze Ein⸗ wohnerſchaft des Kloſters mit den Hunden auf den Weg, mit Tragbahren, Stärkungsmitteln und allen Erforderniſſen für Un⸗ glücksfälle ausgerüſtet.
Nie werden weniger als zwei Hunde, und zwar ein älterer, wohlabgerichteter, mit einem jüngeren, auf die Streiferei ausgeſandt; der ältere iſt dann gleichſam der Lehrer und Mentor des jüngeren, und der letztere wird in Folge dieſer gemeinſchaftlichen Ausflüge zur Dreſſur geeigneter. Die Anordnung hat aber auch den Zweck, damit der eine Hund, wenn dem andern und ſeinem menſchlichen Begleiter ein Unglück zuſtoßen ſollte, Hülfe herbeirufen kann. Das ſchöne Werk der Menſchenliebe, dem ſich die frommen Mönche des heiligen Bernhard auf dem Mons Jovis hingeben, iſt nämlich mit großen Gefahren verbunden. Viele erliegen den Beſchwerden des anſtrengenden Berufes und des rauhen Klimas, und mehr als einer dieſer Edeln hat unter Lawinen und im Schnee des Hochgebirgs ein frühes Grab gefunden.
Zu den gewöhnlichen Patrouillen werden nur männliche Hunde genommen; ihr weit kräftigerer Körperbau macht ſie dazu ge⸗ eigneter. Die Weibchen haben nebſt der feineren Organiſation auch noch den Fehler weiblicher Neugierde. Jeder ſchwarze Fleck ſeitwärts vom Pfade muß unterſucht und berochen werden und verleitet ſie zu zeitraubenden Zickzackwanderungen, während die Männchen, von ſolchen Schwachheiten unangefochten, ruhig den geraden Weg der Pflicht gehen. Gerade dieſe Neugierde macht hinwiederum die Weibchen für ſolche Fälle zu werthvollen Spürern, wo ein Unglück geſchehen iſt und wo es ſich darum handelt, die Opfer raſch aufzufinden.
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