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Wenn man mit Recht von Tauſenden ſpricht, welche den herr⸗ lichen Thieren ihr Leben zu verdanken haben, ſo iſt das nicht ſo zu verſtehen, als ob durch ihre Vermittlung ſchon ſo Viele unter Lawinen her orgegraben worden wären. Sie finden aber Verirrte auf, die halberſtarrt am Wege liegen oder, am Weiterkommen verzweifelnd, unter Schutzdächern oder Felſenvorſprüngen ſich zum letzten Schlaf ausſtrecken; ſie belecken und erwärmen die Halb⸗ erſtarrten, muntern ſie durch freudiges Bellen zum Weiterſteigen auf und rufen Hülfe herbei, wo ihr Beiſtand nicht ausreicht. Die tiefen Fährten, welche ſie im Schnee zurücklaſſen, haben ſchon Manchen, wie die weißen Kieſelſteine im deutſchen Märchen, den Weg zu den gaſtlichen Räumen des Kloſters gewieſen. Auch ihr beſtändiges lautes Bellen bei dieſen Streifzügen hat ſchon viele Verirrte aus Todesnoth gerettet. Wenn man den Eifer ſieht, mit welchem die herrlichen Thiere dieſe Wanderungen antreten, die ungeſtümen Sprünge, mit denen ſie zum Kloſter hinſtürmen, wenn ſie Hülfe herbeiholen müſſen, und den Triumph, mit welchem ſie die Geretteten in's Hoſpiz geleiten und die Liebkoſungen für ihre Leiſtung entgegennehmen, ſo muß man mit Unwillen die Theorie derjenigen zurückweiſen, die für das Handeln der Thiere nur die gemeinſame Triebfeder des Inſtinctes annehmen. Nie iſt eine geiſtloſere und albernere Hypotheſe in der Geſchichte der Naturwiſſenſchaften aufgeſtellt worden, als die Theorie des Inſtinctes. Wer möchte bei dem, was Tſchudi in ſeinem„Thierleben der Alpenwelt“ über Barry ſagt, noch von Inſtinct ſprechen?
„Das unermüdlich thätige und treue Thier rettete mehr als vierzig Menſchen das Leben,“ heißt es darin.„Sein Eifer war außerordentlich. Kündigte ſich auch nur von ferne Schneegeſtöber
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oder Nebel an, ſo hielt ihn nichts mehr im Kloſter zurück. Raſtlos ſuchend und bellend durchforſchte er immer von Neuem die gefahr⸗ vollſten Gegenden. Seine liebenswürdigſte That während des zwölfjährigen Dienſtes auf dem Hoſpiz war folgende: Er fand einſt in einer eiſigen Grotte ein halberſtarrtes, verirrtes Kind, das ſchon dem zum Tode führenden Schlafe unterlegen war. Sogleich leckte und wärmte er es mit der Zunge, bis es aufwachte; dann wußte er es durch Liebkoſung zu bewegen, daß es ſich auf ſeinen Rücken ſetzte und an ſeinem Halſe ſich feſthielt. So kam er mit ſeiner Bürde triumphirend in's Kloſter.“
Das Convict auf dem Sanct Bernhard hat in der Regel zehn bis zwölf Hunde, nie ſo viele, wie man eigentlich bedürfte. Thiere mit langen Haaren oder ſolche, die ſonſt Fehler darbieten, werden verſchenkt oder verkauft.
Die Luft auf dem großen Sanct Bernhard iſt ungewöhnlich rauh; das Thermometer ſteigt im Hochſommer nie über ſechszehn Grad Réaumur und fällt im Winter bis auf ſiebenundzwanzig Grad R. unter Null. Vollkommen klare, nebelfreie Tage giebt es höchſtens fünfzehn im Jahre. Immer ſind die Nächte rauh, ſo daß der hinter dem Hoſpiz, der italieniſchen Seite zu, gelegene kleine Alpenſee in manchen Jahren nie aufthaut. Die mittlere Temperatur ſtimmt nach ſorgfältigen meteorologiſchen Beobachtungen mit derjenigen von der Südſpitze von Spitzbergen überein.
Es iſt bei dieſen Verhältniſſen klar, daß nur wenige Thiere in dieſer rauhen Bergeshöhe ſich akklimatiſiren, und man verſteht die Liebe und ängſtliche Sorgfalt, welche die Conventualen auf die Zucht und Exhaltung der braven, wunderbar begabten Thiere verwenden, der eigentlichen Pfadfinder des Urgebirgs. R.
3 Der moderne Prometheus auf der Anklagebank.
Geſchichtliche Scene von Ludwig Storch.
Es giebt Tage im Leben der Menſchheit, an welchen ſich irgend eine dem Anſcheine nach unbedeutende Begebenheit vollzieht, auf die Niemand ein beſonderes Gewicht legt, und eine Scene vorfällt, welche mit dem Gange der Ereigniſſe in keinem innern Zuſammen⸗ hange zu ſtehen ſcheint, und dieſe Tage nehmen in der Folgezeit doch, man möchte ſagen täglich und ſtündlich, an hiſtoriſcher Wichtigkeit zu, ſie wachſen immer bedeutender in die Geſchichte hinein, bis ſie den Nachkommen als leuchtende Heilstage erſcheinen, wo eine groß⸗ artige Geiſtesbefruchtung in der Stille vollzogen wurde, und zuletzt als große Nationalfeſttage von allem Volke gefeiert werden.
Ein ſolcher Tag iſt der 29. Januar 1774. Es wurde an dieſem Tage keine große Schlacht geſchlagen, kein bedeutender Menſch geboren, keine wichtige Entdeckung gemacht, es geſchah nichts weiter, als: ein einfacher anſpruchsloſer Gelehrter, ein edler Menſch und verehrungswürdiger Greis wurde vor dem oberſten Gerichts⸗ hof Englands von einem gemeinen, frechen und übermüthigen Rabuliſten zum größten Gaudium der vornehmen Richter öffentlich geſchmäht und mit Koth beworfen, und der Verunglimpfte ſchwieg zu der ihm angethanen brutalen Ehrenkränkung. Das war Alles.
Und doch ſteht dieſer Tag bei den auf ihre Freiheit und ihre wachſende Macht ſtolzen Bürgern der nordamerikaniſchen Union als einer von denen, an welchen die Saatkörner der republikani⸗ ſchen Freiheit, des Glückes und Wohlſtandes und der politiſchen und moraliſchen Größe ihres Vaterlandes ausgeſtreut wurden, bereits in hohem Anſehen und wird einſt, wenn die aus jener Saat emporgewachſene Frucht zur höchſten und ſchönſten— jetzt kaum geahnten— Herrlichkeit gediehen ſein wird, als ein politiſch⸗ moraliſcher Siegesfeſttag gefeiert werden zum tröſtlichen Beweis für alle vergewaltigten edlen Menſchenherzen, daß wahre Tugend und echte Humanität, wenn auch erſt von Gewalt und Liſt nieder⸗ gehalten und in der Entfaltung ihrer Kräfte geſtört, zuletzt doch ungehemmt ihren Triumphzug zum hohen Ziele halten, Freiheit durch Wahrheit und Gerechtigkeit.
Georg der Dritte war 1760 als zweiundzwanzigjähriger Jüngling ſeinem Großvater Georg dem Zweiten als König von Großbritannien und Irland gefolgt. Er war weder von Haus aus ein guter Menſch. noch hatte er eine gute Erziehung erhalten. Wer die tiefer liegenden Fäden, aus welchen ſich die Schickſale der Völker zur Weltgeſchichte zuſammenweben, mit ſcharfem Auge
verfolgt, darf die Behauptung ausſprechen, ſo paradox ſie auch klingen mag: im herzoglichen Reſidenzſchloſſe zu Gotha und mehr noch in dem längſt verödeten Luſtſchloſſe Friedrichswerth, zwei Stunden nordweſtlich von Gotha, liegen die erſten Saatkeime und von da laufen die erſten zarten Wurzeln der nordamerikaniſchen Freiheit aus. Hier wuchs nämlich Auguſte, Tochter des Herzogs Friedrich des Zweiten von Gotha, unter den Augen ihres Vaters auf, deſſen ultraabſolutiſtiſche Grundſätze ſie, die ſelbſt beſchränkten Geiſtes war, einſog, um ſie nachher, als ſie die Gemahlin des Prinzen Friedrich Ludwig von Wales und Mutter und Vormünderin des ſchon im zwölften Lebensjahr vaterverwaiſten Prinzen Georg geworden war, auf dieſen überzutragen. Wenn man die Charaktere, Liebhabereien und Beſtrebungen jenes Herzogs von Gotha, eines geradezu lächerlichen Halbgotts und aufgeblaſenen Affen des vier⸗ zehnten Ludwig's von Frankreich, und ſeines Enkeks, des Königs von Großbritannien, vergleicht, ſo wird man die Aehnlichkeit über⸗ raſchend finden und den pſychiſchen und phyſiſchen Zuſammenhang Beider zugeben müſſen.
Die abſolutiſtiſch ſtolze Prinzeſſin von Wales ſuchte unter allen engliſchen Lords den abſolutiſtiſch geartetſten zum Erzieher ihres Sohnes aus, Lord Bute, unſeligen Andenkens, und ſo wurde der Prinz mit jenem Haß und jener Verachtung der freien Inſtitutionen des engliſchen Volkes erfüllt, deſſen conſtitu⸗ tioneller König er werden ſollte und deſſen abſoluter König zu werden er mit Zuſtimmung ſeiner Mutter und ſeines Erziehers ein ſtarrſinniges verwegenes Verlangen zeigte. Am meiſten war ihm der kecke jugendliche Freiheitsgeiſt der engliſchen Colonien in Nordamerika zuwider, und in dieſer Antipathie wurde er von der in den beiden Parlamentshäuſern ſitzenden hohen Ariſtokratie des Landes bereitwilligſt ſecundirt. Die Lords waren mit dem Könige einverſtanden, daß dieſer„frevelhafte“ amerikaniſche Geiſt auf jede Weiſe gebrochen und gedemüthigt werden müſſe, und die zu jeder Gewaltthat geneigte Regierung wählte dazu jene verkehrten Mittel, welche noch immer in der Weltgeſchichte zum Gegentheil deſſen geführt haben, was ſie bezwecken ſollten; ſie ſetzte gewiſſenloſe ge⸗ waltthätige Statthalter in die Provinzen, die im Geheimen an⸗ gewieſen wurden, die Conſtitutionen derſelben durch alle erdenk⸗ lichen Mittel zu beſeitigen, wenigſtens illuſoriſch zu machen. Dieſe Werkzeuge der nach abſoluter Herrſchaft in Amerika lüſternen
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