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ehelicher Treue, ſondern geradezu vom Gegentheil ſprachen. Da⸗ durch ward er bewogen, mir zu ſchreiben; der arme alte Mann bat mich um Verzeihung, und ich reiſte mit meiner Adele hin zu ihm. Mein guter Oheim hat mich vor einiger Zeit in ſeinem Teſtament zum Haupterben erklärt und mir ſchon bei Lebzeiten ein ſchönes Landhaus in der Normandie abgetreten. Ich hoffe, Sie werden mich im Laufe des Sommers mit Madame Wilhelm beſuchen, denn Sie, mein lieber Freund, blieben mir getreu zu einer Zeit, wo alle andern mich verlaſſen hatten.“
„Und, wenn ich es wiſſen darf!“ frug mein Landsmann, „wie eroberten Sie Ihre reizende Frau, und welch' ein Glück wider⸗ fuhr Ihnen ſchon vor der Ausſöhnung mit Ihrem Oheim?“
„Das ſollen Sie hören, denn Sie werden nicht davon ſprechen. Sie erinnern ſich wohl noch jenes ſchönen Lenztages, wo wir ein⸗ ander in den Tuilerien begegneten?“
„Wo jener Unbekannte, Herr L., Sie aufgriff?“ lachte ich.
„Richtig. Nun, der Mann ſagte lebhaft aufgeregt: ‚Mein Herr, ich habe eine Bitte, Sie dürfen ſie mir nicht abſchlagen.“
‚Und worin beſteht dieſelbe?“
„Begleiten Sie mich nach meiner Wohnung, dort ſollen Sie Alles erfahren.“
„Ich muß geſtehen,“ fuhr Dumarſais fort,„daß dieſe Forderung mich frappirte. Kurz angebunden erwiderte ich: ‚was ſoll ich in Ihrer Wohnung? Ich habe keine Luſt Abenteuer zu beſtehen.“
„Aber lieber Herr, es handelt fich ja nur um ein Geſchäft, ein ſolides, ich denke, daß Sie es nicht von der Hand weiſen werden. Folgen Sie mir nur; ich wohne Rue Nivoli, alſo ganz in der Nähe.“
Jetzt war ich neugierig geworden. Was konnte mir in einer ſo belebten Straße am hellen Tage geſchehen? Uebrigens hatte ich ja auch meinen Stockdegen bei mir. So ging ich denn mit dem Manne, welcher mich in ſeine Wohnung führte, in ein reizendes Cabinet, das ein Künſtler bewohnen könnte. Hier nannte er ſich mir, zog einen langen Papierſtreifen aus der Taſche, nahm mein Maß und verſchwand, um bald nachher mit einem höchſt eleganten Anzuge zurückzukehren.
Erzeigen Sie mir die Gunſt, dieſen Anzug anzulegen—“
„Aber, Herr L., wozu ſoll— 2
Sie werden Alles erfahren, ſoͤbald Sie angekleidet ſind.“
Hierauf ergab ich mich in mein Schickſal und vertauſchte meine abgetragenen Kleider mit den neuen. Als ich fertig war mit Ankleiden, führte Herr L. mich vor einen großen Spiegel und ſagte ſtolz: ‚Nun, mein Herr, wie ſehen Sie jetzt aus?
„Ich ſollte meinen, nicht ganz übel.“
„Was? Wie ein junger Gott! Dazu Ihr Anſtand, Ihre Art, ſich die Handſchuhe anzuziehen, man ſollte ſchwören, Sie wären von Adel oder ein Künſtler!“
„Das Letztere zu ſein, kann ich mich nicht rühmen, aber das Wörtchen ‚de“ darf ich vor meinen Namen ſetzen.“
„Sie entzücken mich, Herr von—
„Dumarſais,“ ſchaltete ich ein.
Ah, jetzt weiß ich, ließ Ihr Herr Oheim nicht bei R. arbeiten?
„Allerdings.“
„Haha, das iſt ja köſtlich! Hat keinen Geſchmack, dieſer R. Nun weiß ich auch, daß— daß— verzeihen Sie, Herr von Dumarſais, daß Sie nicht reich ſind.⸗
Leider muß ich ſagen: ſo iſt es!“
Nun, deſto beſſer für mich; erzeigen Sie mir die Ehre, eine Flaſche Wein mit mir zu trinken, wir können dabei den Contract entwerfen.“
Wein will ich mit Ihnen trinken, aber was wollen Sie mit einem Contract, Herr L. 2“
Der Wein ſtand auf dem Tiſch, Schreibgeräth daneben, Herr L. ſchenkte mir ein, dann ſich und fing an zu ſchreiben. Es ging ihm gut von der Hand und bald las er mir Folgendes vor:
L., Directeur des Kleidermagazins in der Rue Rivoli, und Herr von Dumarſais ſchließen freiwillig nachſtehenden Vertrag: Herr L. liefert Herrn von Dumarſais ein Jahr hindurch unent⸗ geltlich jeden Monat oder, wenn es Herr L. für gut findet, noch
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öfter einen vollſtändigen neuen Anzug nebſt dazu gehöriger Wäſche; dafür verpflichtet ſich Herr von Dumarſais, dieſe Anzüge täglich zu tragen, bei ſchönem Wetter mehrere Stunden ſich auf den be⸗ ſuchteſten Plätzen und Promenaden zu zeigen, die erſten Kaffee⸗ häuſer zu beſuchen und wöchentlich zwei bis drei Mal in den erſten Hotels zu diniren. Ferner verpflichtet ſich Herr von Du⸗ marſais, bei ſchönem Wetter im Boulogner Wäldchen zu reiten und ſich mit andern jungen Herrn von Stande bekannt zu machen. Da Jeder, der Geſchmack hat und etwas vom Anzug verſteht, ſich nach dem Magazin erkundigen wird, aus welchem Herr von Dumarſais ſeine Garderobe entnimmt, ſo hat derſelbe das Lſche zu nennen, als ſolid und billig zu preiſen und ſeine Freunde zu Herrn L. zu ſühren. Zur Beſtreitung ſeiner Ausgaben empfängt Herr von Dumarſais monatlich fünfhundert Franken.“
Wilhelm und ich lachten laut.
Dumarſais ſtimmte herzlich in dieſes Gelächter ein und fuhr fort:„Ich lachte damals auch und fragte Herrn L., ob er klug ſei?
„Vollkommen!“ entgegnete er. ‚Mein gefährlichſter Concurrent, Herr R., hat mir meine beſten Kunden entzogen durch Reclamen aller Art. Ich habe es herausgebracht, daß er einige Künſtler von Ruf beſtochen hat, ſeine mittelmäßige Arbeit zu tragen und zu empfehlen. Da kam ich auf einen ſublimen Gedanken, ich““— hier lächelte Dumarſais, ſtrich ſeinen zierlichen Schnurrbart und fuhr mit drolliger Beſcheidenheit fort—„ſuchte mir einen jungen, tadellos ſchönen Mann; in Ihnen, Herr von Dumarſais, habe ich denſelben gefunden. Ihre ſchlanke Geſtalt wird meine Anzüge in das gehörige Licht ſtellen, und da Jeder eitel iſt, ſo denkt auch Jeder, daß ich im Stande bin, durch Kleider, die aus meinem Atelier hervor⸗ gegangen ſind, ſeine Figur zu verſchönern. Schlagen Sie mein Anerbieten nicht aus, Herr von Dumarſais!
Nun, ich nahm es an, ging und ritt ſpazieren in den ſchönen Anzügen, führte Herrn L., der ſich zwar Director nennt, aber ſelbſt zuſchneidet und ſein Handwerk gründlich verſteht— viele Kunden zu und lernte in einer Geſellſchaft, in der mir meine glänzende Garderobe Einlaß verſchaffte, meine Adele kennen. Sie liebte mich; daß ich arm war, machte ihre Liebe zu mir nicht ſchwächer.
Ich errang ihre Hand und kündigte Herrn L. an, daß ich Paris verlaſſen und den Contract, vier Monate vor Ablauf, löſen müſſe. Er war ſehr betrübt und weigerte ſich auch das Geld zu nehmen, das ich ihm zurückerſtatten wollte. Erſt ſeit ich ihm ver⸗ ſicherte, daß ich jetzt reich ſei, ließ er ſich einige tauſend Francs von mir zurückzahlen, denn ich habe ihn geſtern beſucht.“
„Und wie geht es dem ſpeculativen Manne?“
„Vortrefflich; alle Kunden, welche ich ihm zugeführt habe, ſind ihm geblieben, da ſeine Arbeit gut iſt; auch hat er jetzt einen berühmten Sänger zum Lockvogel gefunden, und da er oft bei ſchönem Wetter ſpazieren geht, wird er ſchon wieder einen jungen Mann auftreiben, welcher ihm würdig ſcheint, ſeine Erfindungen zur Schau zu tragen.“
„Nun?“ ſagte Wilhelm und ſah mich mit ſchelmiſchem Lächeln an.
„Du haſt Recht, mein Freund, mit Deinem Spruch; freilich iſt in Paris nicht Alles Gold, was glänzt, aber bei Alledem: Paris iſt die chancenreichſte Stadt von der Welt, wie Du ſagſt.“
Kleiner Briefkaſten.
Dame in Coſel. Ihre hübſchen Gedichts haben an der betreffenden Stelle ſehr freundliche Aufnahme gefunden. Leider müſſen wir Ihnen zu⸗ gleich mittheilen, daß E. Marlitt durch ein anhaltendes Unwohlſein an der Vollendung der neuen Erzählung:„Reichsgräfin Giſela“ noch behindert iſt— wir hoffen nicht langamehr..
An unſere Leſer. Bitte, bitte, hören Sie auf zu ſegnen! Die Fluth der auf unſere„Rechenaufgabe“ in Nr. 7 der Gartenlaube einlaufenden Auflöſungen ſchwillt zu ſolcher Höhe an, daß wir nicht mehr Zeit und Hände genug haben, um die betreffenden Briefe und Telegramms— denn auch
ſolche ſind gekommen!— zu öffnen. Daß ſich unſer Exempel wegen ſeiner
Leichtigkeit zu keiner Preisaufgabe eignete, wußten wir übrigens im Vor⸗ aus; wir gaben es nur, weil wir glaubten, die einkleidende Form des Scherzes werde unſere Leſer nicht minder anſprechen, als ſie uns ſelbſt anſprach. D. Red.
Inhalt: Ein Wort. Novelle.— Der Lehrer eines großen Schülers. Mit Illuſtration.— Der Pfadfinder im Hochgebirge.— Der moderne Prometheus auf der Anklagebank. Eine geſchichtliche Scene von Ludwig Storch.— Nachtfeſte der Lagunenkönigin. Von Friedrich Hofmann. Mit Illuſtration.— Pariſer Bilder und Geſchichten. Wie man in Paris ſein Glück macht.— Kleiner Briefkaſten.
Quittung der eingegangenen Beitröge für Oſtpreußen in nächſter Nummer.


