ſer Zeit gern The Hengist of Railways zu nennen und mit Frreuden zu ſehen, wie ihrem„Eroberer des Eiſenbahnweſens“ auch V fürſtliche Reichthümer zuſtrömten, daß die Wahl der Nation ihn in's Parlament berief, die Königin ihm Gelegenheit bot, ſtolz⸗ 1 beſcheiden die Ernennung zum Baronet abzulehnen, und ſo den V großen Landsmann auch der Glanz, der der Größe gebührt, um⸗ gab. Stephenſon reiſte, wenn er durch England fuhr, auf allen Stationen von ehrerbietig wartendem Perſonal der Bahn, ſtolz auf ihn blickendem Publieum begrüßt, mit wahrhaft fürſtlichem Geleit; zur See in mit allem Luxus, den Geſchmack, Technik und Rieeichthum vereinigen können, ausgeſtatteter eigener Nacht.
Dieſe Yacht erlangte ihrer Zeit eine Berühmtheit durch die Muniſicenz, mit der ſie ihr Beſitzer der aſtronomiſchen Expedition, die 1850 der Aſtronom Piazzi Smith nach dem Pik von Tene⸗ riffa unternahm, ein volles halbes Jahr lang auf ſeine eigenen Koſten zur Verfügung ſtellte und ſo das Zuſtandekommen dieſer ſo erfolgreichen Unternehmung möglich machte.
Meine ſchon 1844 angeknüpften Beziehungen zu dem großen Manne hatten ſich nie ganz gelöſt, und in mancher bedeutſamen Frage war ich glücklich genug geweſen, ſein gewichtiges Urtheil herbeiziehen zu können. Stephenſon's Rathſchäge waren ſtets die eines bedeutenden Menſchen. Sie bezogen ſich faſt niemals, eng und klein, auf einen vereinzelten Fall, ſondern ſie deckten immer eine ganze Kategorie von Vorkommniſſen und ſind mir ſtets werthe und zuverläſſige Vorbilder und Geleiter geblieben. Dieſe Beziehungen ſollten mit etwas anderem Localtone im Jahre 1851 durch einen Brief ſeines Freundes Lindley, dem Hamburg ſeine unver⸗ gleichlichen Sielbauten verdankt, aufgefriſcht werden. Lindley hatte mir dieſen Brief mitgegeben, als ich, um die erſte große In⸗ duſtrie⸗Ausſtellung und die Britannia⸗Brücke zu ſehen, im Auguſt 1851 nach England ging. Stephenſon war unwohl, auf dem Lande, von London abweſend, als ich an ſeinem prächtigen Hotel in Grosvenor⸗Square vorſprach. Doch ließ ich den Brief zurück. Schon gab ich es auf, den Verehrten bei dieſem Aufenthalt in England wieder begrüßen zu können; da erhielt ich ein Billet von ſeinem General⸗Agent,„alterego“ und, factotum“ Starbuck, der mir anzeigte, der Meiſter werde am 8. September in Bangor an der Britannia⸗Brücke ſein.
Natürlich änderte ſich nach dieſer Notiz mein ganzer übriger Reiſeplan, und am ſiebenten, flog ich durch das im ganzen ſaftſtrotzenden Schmucke eines engliſchen Hochſommers leuchtende Wales dahin, den rieſigſten und kühnſten Werken der neuen In⸗ genieurkunſt, den Eiſenbrücken bei Conway und Bangor zu. Beide bilden feſte Eiſenpfade über Meeresarme in Form viereckiger, aus ſtarkem Eiſenblech zuſammengenieteter, mächtig verrippter Tunnels, die mit ihren Enden auf den Pfeilern ruhen und durch welche die Züge mit einem Dröhnen und Donnern hinſchießen, das ſich zu dem Lärm, den ſie in einem gewöhnlichen Tunnel erregen, ver⸗ hält, wie ein Schlag auf einen Tamtam zu dem auf einen Stein. Zu dem Staunen über die Gewalt des Genius, der den Gedanken zu dieſem Rieſenwerk empfing und ausbildete, geſellte ſich ſchon beim Anblick der kleineren Brücke bei Conway die Bewunderung V für den zarten Reſpect, den der Meiſter bei ſeinem Baue vor
der Schönheit der Natur an den Tag gelegt hat. Faſt unter der prachtvollen Ruine des alten Conway Caſtle, an deren majeſtäti⸗ ſchen alten Rundthürmen die feuchte Seeluft weithin wehenden, tief V
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herabhängenden, grünen Epheu hegt, führt ſeine mächti,e Brücke hin— und kein Epheublatt hat der Meiſter bei ſeinem Rieſen⸗ knicken laſſen! Sorgſam iſt der Fels gehöhlt ond wieder untermauert worden, um da oben Nichts von der alten Herrlich⸗ keit zu ſtören. Er war eben der Sohn des Mannes, der in eine gerade Eiſenbahnſtrecke eine ſchlanke Curve legte, weil er es nicht über's Herz bringen konnte, eine gar zu ſchöne Ciche nieder⸗ ſchlagen zu laſſen, die in der Richtung derſelben lag. Welch Bei⸗ ſpiel für ſo viele unſerer Techniker, deren Geſinnung ſich oft ſo bar⸗ bariſch zeigt, die eines Sappeurs, wenn das unwichtigſte Or⸗
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gan ihrer rwerke mit der Exiſtenz von irgend etwas Schö⸗ nem der Welt in Conflict kommt! Ich fand in Bangor die Stadt voll der Nachricht, daß der Meiſter des gigantiſchen Baues, der ſich dort, dicht vor der Stadt, thurmhoch über das blaue brau⸗ ſende Meer nach der Inſel Angleſea hinüberſtreckt, am kommenden Morgen dort eintreffen werde. Wiſſen Sie?“ fragte mich beim Gruße gleich die Wirthin
„W des George⸗Hotel,„der große Ingenieur kommt morgen!“ Sie
nannte keinen Namen, ich war ein Gentleman— ich mußte ja wiſſen, daß kein Anderer als Stephenſon gemeint ſein könne. Ein angenehmer Schotte, mit dem ich dinirte, äußerte:„Wir wer⸗ den morgen die Brücken ſehen,— das iſt merkwürdig— aber Jeder kann ſie ſehen. Aber wir werden auch die Perſonification des Zeitgeiſtes, wir werden Stephenſon ſehen, und das iſt Glück!“ Und wie bin ich am andern Morgen von den Ladies and Gentlemen beneidet worden, die ſich an der Britanniabrücke verſammelt hatten,„um den großen Mann zu ſehen“, da ich an ſeiner Seite nach Bangor zurückſchreiten durfte! Im hellſten Sonnenglanze des nordiſchen Sommers ging ich am folgenden Tage, von einem Brückenwächter geleitet, auf dem Dache der unabſehbaren Rieſenröhre dahin, um Stephenſon zu ſuchen, der „irgendwo auf der Brücke“ ſein ſollte. Schwindelhoch, thurmhoch und in der That auf den ſchlanken Thürmen der Pfeiler ruhend, liegt das zweihunderttauſend Centner ſchwere, gewaltige Eiſenrohr über dem vierzehnhundert Fuß breiten Arme des St. Georgs⸗Canals, der die Inſel Angleſea von der Weſtküſte von Wales trennt. Selbſt wie eine Schöpfung, die nur der Allmacht gelingen zu können ſcheint, ſteht das Bauwerk ohne Gleichen, mit feinem Formenſinn, ſeiner ungeheuern Gliederung gemäß, aus Elementen ägyptiſchen Styls in hohem Ernſte aufgebaut, an beiden Ufern von rieſenmäßigen Sphinxen bewacht, in der tief⸗ blauen Meeresfluth zwiſchen paradieſiſchen Küſten. Mitten auf der Hauptröhre ſtehend, erſchüttert von dem vor mir entrollten Bilde, entfuhr mir der Ausruf:„Iſt die Welt wirklich ſo ſchön? iſt der Menſch ſo werth, ſie zu bewohnen?“ Tief drunten die tiefazurne, mit weißem Schaum um die Brückenpfeiler brandende— Fluth und auf ihr vor der friſchen Morgenbriſe hingleitende ſanftgeneigte, ſchwellende Segelmaſſen tragende Schiffe. Wie die Vögel des Himmels ſchauen wir von der Himmelhöhe der Brücken⸗ röhre hinab auf das ſchlanke Spierenwerk der darunter hin⸗ rauſchenden Dreimaſter. Vor uns ſtehen die zauberiſch feinen, ſtreng geometriſchen und doch ſo unnachahmlich graziöſen Linien von des großen Telford Wunderwerke, der Menai⸗Kettenbrücke, die, nur eine Viertelmeile von der Britanniabrücke entfernt, die Chauſſee ſeit dreißig Jahren über dieſelbe Meerenge führt, über welche die letztere die Eiſenbahn trägt. Von welch großer an⸗ regender Wirkung iſt der Contraſt der Formen dieſer beiden Meiſterſtücke der neuern Brückenbaukunſt, die der Blick gleich⸗ zeitig umfaßt! Feenhaft fein, wie aus Sonnenfäden gewebt, bogig, leichtgeſchwungen, ſcheint die Brücke Telford's über dem Waſſer zu ſchweben, während Stephenſon's Bau maſſig, ge⸗ waltig, unerſchütterlich in ſcharfen, geraden Linien und Kanten darüber her ruht und ſie mit unermeßlichem Gewichte bedrückt und beherrſcht. Rechts von beiden Brücken heben ſich, hinter! einem Vorlande wie ein Garten Gottes voll wundervollen Baum⸗ ſchlags, goldenen Feldern und lachenden Villen, die nobeln Linien des höchſten Berges in England, des Snowdon, im ganzen Zauber der feinblauen Luftperſpective der engliſchen Küſten, und der Meeresarm öffnet ſich breit und azurn ſonnig hinaus in das offene Meer, während links, ſanft lehnan in prachtvoller Bewaldung, 1 ſo friſchgrün, wie auch nur an den Küſten Englands möglich, das Angleſea⸗Ufer anſteigt, von der Brandung mit feinen, ſcharfen, weißen Linien eingegürtet. Welche Gewalt des Culturdranges der Menſchheit, die ſolche Wege über das Meer legt! Welche Provinzen, die ſie vereinen! Iſt die Welt ſo ſchön? Strebt der Menſch ſo ſtark zum Menſchen? „Mr. Stephenſon erwartet Sie an der Oſtſeite der Brücke,“ ſprach uns ein Clerk an, während ich und der junge Schotte, der ſich mir angeſchloſſen hatte, einen Augenblick ſchauend ſtanden. Raſch ſchritten wir auf der Röhre, dann auf dem Gerüſt hin, das damals noch hier und da an der Brücke angebracht war, und indem wir das Piedeſtal eines der ungeheuern, die ſchwarzgähnende öſtliche Oeffnung der Röhre, wie den Eingang zu einer Pyramide, bewachenden Sphinxe umſchritten, befanden wir uns plötzlich Angeſicht gegen Angeſicht mit dem großen Meiſter, der mit Edwin Clark und noch einigen ſeiner Jünger und Beamten zwiſchen den rieſigen Pranken des ruhenden Ungeheuers ſtand. Er hatte die Ellenbogen auf eine dieſer Tatzen geſtützt, den Hut abgenommen und ſchaute nach ſeinem Werke endor. arh Blick auf das vollendete Wunderwerk lag weder Enthuſias i noch heiteres Genügen, ſondern nur ernſtes auf ſich beruhe Erwägen, objectives Schauen des Gethanen. 8


