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„Der Geſelle wird mich wahrſcheinlich da droben verrathen und ganz genau beſchreiben, wie ich ausgeſehen und aus welcher Richtung ich gekommen,“ ſagte ſich Wilhelm, während er Aarrfäldei den Pach thof wieder zu erreichen ſuchte,„aber was ſchadet's jetzt?!“ Als er auf dem Hofe dukan. fand er Menſing bereits in oller Verkleidung. Er ſtak im Kittel eines Schäferknechts; die ſchwarze lederne Taſche, die quer über ſeiner Schulter hing, bauſchte ſich ziemlich hoch über de Goldſäcken, welche hineingeſchoben waren. „Schlüpf' auch Du jetzt in einen ſohhen Kittel!“ ſagte Men⸗ ſing;„es liegt Ales rbereit dazu— der ganze Anzug eines Knechts— hier in der Kammer. Es iſt gut, wenn wir fort⸗ kommen, bevor die Hausmägde auf ſind!“ Eine Viertelſtunde ſpäter ſchritten die beiden jungen Männer mi ihrem erſten Goldtransport in den nebeligen Morgen hinaus. Der Tag drohte mit Regen, wie die vorigen ihn gebracht hatten. „Es iſt deſto beſſer,“ bemerkte Menſing,„der Regen wird deſto ſchneller die Geleiſe vertilgen, welche unſer Wagen über die Felder gezogen hat. Beim Brunnen ſind meine Mutter und Eliſe beſchäftigt, mit Schaufel und Rechen die Geleiſe auszulöſchen, ſo gut es geht.“ „Führt unſer Weg uns an der Stelle vorüber?“ fragte Wilhelm. „Gewiß, ich will Dich nicht fortführen auf unſern gefähr⸗ lichen Pfad, ohne daß Du Deiner Eliſe Lebewohl geſagt haſt.“ Auf dem halben Wege zum Brunnen begegneten ihnen die Frauen. Sie hatten gethan, was ſie gekonnt hatten, die Spuren des Wagens zu vertilgen, und kamen jetzt heim, weil der Morgen
vorrückte und bereits ein Arbeiter auf dem Felde ſin der Ferne ſichtbar geworden war.
Menſing drückte einen Kuß auf die Stirn ſeiner Mutter, die ihm mit bebender Lippe ihre Segenswünſche mit auf den Weg gab.
„In der zweiten oder dritten Nacht kommen wir zurück,“ ſagte er.„Laß das hintere Hofthor unverſchloſſen— ich werde an das Fenſter des Meadinnndere klopfen. Hat ſich etwas r eignet, was uns bedroht, ſo laß ein Licht hinter dem Fenſter obern Giebelſtübchens benen Das ſoll heißen:„Bleibt ntlt. So lange es brennt. man ſieht es faſt eine halbe Stunde
weit, denk' ich ſo lange es brennt, werden wir uns fern halten. Wenn man kommt und Unterſuchungen anſtellt, ſo weißt
Du, was Du zu ſagen haſt. Ich bin in der Nacht mit einem Fourgon gekommen und gleich deranf wieder weitergefahren— das iſt Alles, was Du weißt, Mutter auch bei dem Geſinde, wenn dies etwas erfahren und nachfragen ſollte Du mußt Dich ſchon ein wenig im Lügen üben, Du gutes Mütterchen.
auch wegen Eliſen, um über ſie dem Geſinde Auskunft zu geben 3 „Sorg' nicht, ich werde es ja können, da es ſo ſein muß,“
antwortete ſie„und ſo geh' nit Gott, mein Kind!“
„Geh' mit Gott!“ war auch Eliſens letz tes Wort beim letzten Händedruck zu Wilhelm dann wandte ſie ſich ab, um ihr Schluchzen zu verbergen, während die beiden jungen Männer da⸗ vongingen und nach wenigen Augenblicken in der Nebelluft ver⸗ ſchwunden waren.(Schluß folgt.)
Blätter
Biſchof und Poet. Der ſchreibſelige Biſchof von Mainz, Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler, hat eine neue Flugſchrift veröffentlicht, welche den grimmigen Titel führt:„Die öffentliche Beſchimpfung der katho liſchen Kirche auf der Bühne. Ein Appell an Alle, welche Sinn für Gerechtigkeit und Ehre haben und mit ihren katholiſchen Mitbürgern auf Grund gegenſeitiger Achtung in Frieden leben wollen.“ Welches entſetzliche Werk hat nun dieſen„Appell“ hervorgerufen? Es iſt ein Luſtſpiel von Arthur Müller, das den Titel führt:„Gute Nacht, Hänschen“, und ſeit einigen Jahren unbeanſtandet über viele Bühnen gewandert iſt. In Mainz nun findet es einen rreuen Zionswächter, der ihm ein donnerndes Halt zuruft.
Das Stück ſpielt am Hofe der Kaiſerin Maria Thereſia und behan delt Intriguen, die geſponnen werden, um die Kaiſerin zu bewegen, fünf tauſend der in Portugal, Spanien ec. vertriebenen Jeſuiten außunehmen. Wie im Luſtſpiel natürlich, werden die Intriguen entdeckt und die Jeſuiten nicht aufgenommen.
Was hat nun in dieſem Stücke den Zorn des frommen Biſchofs er regt? Es iſt zunächſt folgender Ausſpruch Joſeph'’s des Zweiten, den der Verfaſſer wörtlich anführt:
„Ich bilde mir's nicht ein, ich weiß es, daß unſer Haus ſchwer geſün digt hat an unſerm deutſchen Vaterlande. An unſerm Hauſe iſt Deutſch land zu Grunde gegangen. Wer ſchützte die Kirche in ihrem Unrecht, als jener Tetzel die Lüge an die verrottete Menſchheit verkaufte, und wer ver⸗ folgte das Recht, als alle Guten dem kühnen Mönch von Wittenberg zu⸗ jauchzten? Wer war es? Unſer Haus, das Haus Habsburg. Und als das Volk und mit ihm faſt alle ſeine Fürſten aufſtanden gegen den Kaiſer, um ihr gutes Recht zu wahren, wer rief den Feind in'’s Land und warf mit ſeiner Hülfe die Deutſchen nieder? Wieder war es unſer Haus, das Haus Habsburg. So wurde Deutſchland ein Spott, ein Hohn, ein Nanb der Fremden; denn es ward ſchwach und uneinig in ſeinem Innern und lag Jahrhunderte lang in wahnſinnigem Bruderzwiſt. Wer aber ſchürte dieſen Zwiſt in's Unendliche? Zum dritten Male niſer Haus, das Haus Habsburg mit Hülfe Roms. Einſt war der König de Deutſchen Herrſcher
der Welt. Was liegt im Wege, daß er's nicht wieder merdon könnte? Das Volk iſt daſſelbe in ſeiner Treue, ſeinem Muthe, ſeiner Stärke, ſeiner Hin⸗ gebung. Aber wir, wir ſind entartet. Wer über Deutſchland herrſchen
will, muß ein deutſcher Mann ſein, ein deut tſcher Fürſt, aber kein Römling. Wir mülſſen wieder Deutſche werden, wenn wir wieder mächtig werden wollen.“
Dieſe Worte nehmen ſich allerdings ſeltſam im Munde Joſeph's des Zwei⸗ ten aus, allein zur Unehre gereichen ſie ihm eben nicht.* Dieſe Worte enthalten ein diſtoriſches Urtheil oder eine hiſtoriſche? Anſicht, die von Millionen getheilt wird. Der fromme Biſchof von Mainz muß in der That nur die Kirchenväter leſen, höchſtens noch den Syllabus und die Hirtenbriefe des Biſchofs Du panloup gegen eine gute Erziehung, daß er dem armen Luſtſpieldichter einen Ausſpruch übel nimmt, der von tauſend Anderen in weit ſchärferer Form gethan und von der Geſchich te beſtätigt worden iſt.
* Und hoffenttlich werden dieſe Anklagen jetzt auch unwahr gemacht,
was ſie bis jetzt nitht waren. D. Red.
1
L. Reimar.— Die
Inhalt: In ſengender Gluth. Von F. In Von M. M. v. Weber. I. i
Italien.— Im Hauſe Robert Stephenſon's. — Der Schatz des Kurfürſten.
un
d Blüthen.
Genug, der fromme Biſchof von Mainz findet in dieſem Ausſpruche eine„Beſchimpfung“ der katholiſchen Kirche. Der treue Zionswächter wendet ſich, nachdem er ſo den Geiſt des Stückes charakteriſirt hat, zu der Handlung deſſelben. Und da entdeckt er denn, daß die Thatſachen im Stücke nicht wahr, daß ſie erdichtet ſind, und nennt das Stück eine Lüge, einen
„entſetzlichen Betrug am Publicum, wie ſich kein größ erer und frecherer denken läßt.“(Als Gewährsmann, d daß die Handlung nur erdichtet iſt, dient ihm ein„angeſehener“ Wiener Gelehrter, Herr Dr. Sebaſtian
Brunner. Dieſer Herr iſt allerdings berichtigt durch ſeine fanatiſchen Schmähungen des Proteſtantismus.) Im Definiren hat es der fromme Biſchof von Mainz noch nicht weit gebracht Eine Lüge iſt eine Behauptung, die man für wahr hinſtellt, wiſſend, daß ſie falſch iſt. Ein Dichter giebt aber ſeine Dichtung für Erfindung, für ein freies Spiel ſeiner Phantaſie. Wie kann da von einer Lüge die Rede ſein? Iſt die Braut von Meſſina eine Lüge, weil die Handlung erfunden iſt? Sind Wallenſtein, Don Carlos Lügen, weil ſie von der hiſtoriſchen Wahrheit abweichen? Der Dichter lügt nie, er kaun höchſtens irren, wenn er von der pſychologiſchen Wahr⸗ heit abweicht. Doch die Kenntniß ſolcher Wahrheiten können wir von dem frommen Biſchof von Mainz nicht verlangen, ſie ſtehen ja nicht im Syllabus.
Nach der Verdammung d des Luſtſpiels ergeht ſich der Freiherr von Ketteler in bitteren Klagen über die gedrückte Stellung der Katholiken in Deutſch⸗ land, über die Intoleranz, die man Jegen ſie übe. Es ſteht wirklich ſo gedruckt; der Leſer darf es glauben. Der Zuſtand der Katholiken bei uns iſt nachgerade unerträglich geworden. Solch eine Beſchuldigung wagt ein Kirchenfürſt auszuſprechen. Wir wollen uns nun hier nicht auf die oben ſtehende Definition der Lüge beziehen, ſondern dem frommen Biſchof das dichteriſche Recht der Erfindung, der freien Phantaſie zugeſtehen. Allerdings geht dieſe Beſchuldigung nun verblümt gegen die Freiſinnigen, welche nicht mehr auf„des Paſtors Wort“ ſchwören, allerdings meint der Kirchenfürſt, die Frommen unter den Proteſtanten würden ebenſo angefeindet, allerdings zuit er zum Kampfe gegen die Freiſinnigen. Allein er kann ſich tröſten.
Die Freiſinnigen, die ihren Verſtand nicht mehr unter verrottete An⸗ ſchauungen und die Macht des Buchſtabens beugen wollen, bilden Gott ſei
Dank eine übergroße Mehrzahl in eſern geiſteshellen Vaterlande, allein ſie ſind keine kämpfende Partei und ſie gehen nicht darauf aus, Proſelyten zu machen. Sie überlaſſen es der immer mehr erwachenden Vernunft der Menſchheit, Licht in die Finſterniß zu bringen.
Ein ſeltſames Zeichen der Zeit iſt aber dieſe Broſchüre. Ein Kirchen⸗ fürſt donnert gegen ein Luſtſpiel.„So viel Lärm um Nichts!“ könnte man ſagen, wenn der Biſchof ſeine Arbeit nicht mit den Worten ſchlöſſe „Lieber Kampf und Martyrium, das muß die Parole des ganzen katholiſchen Volkes in Deutſchland werden.“
Nach ſechs Seiten voll ſchöner Reden über die Toleranz der Aufruf zum Kampfe! Freilich die katholiſche Kirche nennt ſich ja die„ſtreitbare, kämpfende“— und im vorigen Jahre ſind trotz aller Proteſtationen des
Hiſtoriſche Erzählung von Levin Schücking.
Stadtraths und der Bürgerſchaft ſechs Jeſuitenpatres von dem Biſchof Ketteler nach Mainz berufen worden.
„Wie Wölfe werden ſie uns verjagen,
Wie Füchſe werden wir wieder kommen.“ R. B.
nſelburg im Rhein. Mit Abbildungen.— Eine Audienz bei dem König von — Ein Bild deutſcher Volksluſt. Von Fr. Hofmann. Mit Abbildung. (Fortſetzung.)— Blätter und Blüthen: Wſähof und Poet.
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