Jahrgang 
5 (1868)
Seite
79
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Ah das iſt er, da iſt der Wagen! rief der Oberſt erregt und machte einen Schritt, dorthin zu eilen, von woher das Geräuſch erſcholl.

Im ſelben Augenblick hatte Menſing ein⸗Reiterpiſtol aus ſeiner Bruſttaſche hervorgezogen. Er ſetzte es mit geſpanntem Hahn dem Oberſten auf die Bruſt.

Noch einen Schritt weiter, und ich jage Ihnen eine Kugel durch die Bruſt, Obriſt La Croix! ſagte er.

Sacré! fluchte der Oberſt, ſeinen Säbel fallen laſſend... er ſah, daß ſein Gegner die Ueberlegenheit der Waffe für ſich hatte.

Sie werden mir Ihr Ehrenwort geben, fuhr Menſing fort,daß Sie mir ruhig in's Haus folgen und dort anhören werden, was ich Ihnen zu ſagen habe... Ihr Ehrenwort... binnen zwei Minuten. oder ich tödte Sie bei meinem Ehrenwort!Nur eine Bewegung mit Ihrem Arm, als ob Sie mir das Piſtol aus der Hand ſchlagen wollten... und Sie haben die Kugel im Leib!

Deſperater Schurke! knirſchte der Oberſt in ſeiner Wuth.

Hab' ich Ihr Wort oder hab' ich's nicht?

Zum Teufel, ich gebe es Ihnen! Was fragen Sie, da Sie ſehen, daß ich muß?

So kommen Sie... hierher in's Haus!

Der Oberſt folgte Menſing führte ihn in's Haus, in das Wohnzimmer neben dem Flur, und hier wies er auf den Stuhl, den eben Eliſe eingenommen.

Der Oberſt ſetzte ſich, die wuthblitzenden Augen auf Menſing richtend, der ihnen gefaßt und ruhig begegnete.

Menſing ſetzte ſich an die andere Seite des Tiſches; er legte das Piſtol vor ſich nieder, ohne den Hahn zur Ruhe zu ſetzen.

Was ich Ihnen zu ſagen habe, Oberſt La Croix, hub er an,iſt kurz gefaßt dies: Der Fourgon enthält den Schatz des entflohenen Kurfürſten. Ich habe mich entſchloſſen, dieſen Schatz ſeinem Eigenthümer zu retten. Ich weiß, daß es nur auf Gefahr meines Lebens geſchehen kann. Deſto weniger Federleſens werde ich dabei mit dem Leben Anderer machen, die mir hemmend in den Weg treten. Sie begreifen das?

Vollkommen!

Sie begreifen alſo die Bedeutung dieſes Piſtols für Sie, der Sie weniger gut bewaffnet, wie ich ſehe, noch im Ballcoſtum

ſind? Ich begreife auch das! Aber Ihre Leute werden Ihnen folgen Sie hoffen dar⸗

auf, daß ſie jeden Augenblick da ſind?

Ich hoffe darauf; ſie würden mich bald gerächt haben, mein Herr Lieutenant.

Möglich! Doch iſt das Gerächtwerden ein ſchlechter Troſt für einen Todten! Laſſen Sie uns deshalb eilen, zu Ende zu kommen.

Menſing faßte raſch unter den Tiſch und hob einen der Beutel darauf; er legte ihn neben das Piſtol.

In dieſem ledernen Sack, ſagte er dabei,ſind fünfzig⸗ tauſend Thaler in gutem, vollwichtigem Gold. Eine Summe, faſt doppelt ſo groß als der Preis, der auf die Entdeckung des Schatzes geſetzt iſt. Und hier daneben iſt das geladene Piſtol. Ich aber, mein Herr Oberſt, das werden Sie einſehen, bin in einer Lage, worin ich mein Heil nur durch raſches und rückſichtsloſes Handeln finde. Alſo Eins oder das Andere. Wenn Sie ruhig heimkehren und dabei auch Die, welche Ihnen auf Ihrem Rückwege begegnen mögen, mit ſich zurücknehmen wollen; wenn Sie mir Ihr Ehren⸗ wort geben wollen, daß Sie mich weder ſelbſt, noch durch Andere, weder direct noch indirect verfolgen oder hindern werden, mein Vorhaben auszuführen und dem früheren Herrn dieſes Landes ein Eigenthum zu ſichern, das nur ihm gehört und Niemandem in der Welt ſonſt. dann ſind dieſe fünfzigtauſend Thaler für Sie! Wo nicht, ſo iſt es die Kugel in dieſem Laufe, und, wenn ſie fehlt, die zweite in dieſem!

Menſing zog dabei den Griff eines zweiten Piſtols aus ſeiner Bruſttaſche hervor.

Der Oberſt betrachtete ihn mit einem eigenthümlichen Zucken der Geſichtsmuskeln ſein Auge irrte von Menſing's Zügen zu dem ſchweren Lederbeutel und zu der Mündung des Piſtols und wieder zu Menſing's Zügen, worin er nichts als den entſchloſſen⸗ ſten und drohendſten Ernſt wahrnahm.

helm nachblickte.

Wenn ich für das Geld meine Dienſtpflicht verrathe, wer ſteht Ihnen dafür, daß ich nicht auch mein Ehrenwort ver⸗

rathe? 3 Ich glaube an das Ehrenwort eines guten Soldaten das Sie, Oberſt...

So könnte ich auch an das Ihrige glauben, das ich mir auch ausbitten müßte...

Ich verſtehe Sie und ſehe, daß Sie gewählt haben! fiel Menſing hochaufathmend ein.Ja, Sie können an mein Ehren⸗ wort glauben, daß nie Jemand dieſen Handel erfahren ſoll.

ich werde ſchon deshalb nie vergeſſen, was ich Ihnen ſchuldig bin, weil Sie mir eine der größten Wohlthaten erweiſen, die ein Menſch dem andern erweiſen kann. weil Sie mir die Noth⸗ wendigkeit erſparen, einen Mord zu begehen! Nehmen Sie das Geld! Es gehört Ihnen!

Der Oberſt zog es mit raſchem Griff an ſich und ſtand auf.

Der Teufel mag lange wählen, ſagte er plötzlich auf lachend.Lieutenant Menſing, ich will Ihnen wünſchen, daß Sie glücklich durchkommen! Von mir ſollen Sie nichts mehr zu be⸗ fahren haben. Aber täuſchen Sie ſich nicht darüber, wenn Sie auch mit mir fertig geworden ſind, verfolgt werden Sie doch die Sache wird doch ruchbar werden und ich kann meine Mou⸗ chards nicht hindern, zu ſpüren. Es wäre ſchade um Sie, wenn man Sie faßte und füſilirte. Sie ſind ein Menſch von reſpecta⸗ bler Entſchloſſenheit. Aber der König würde gegen einen ſolchen Deſerteur keine Gnade kennen. Alſo nehmen Sie ſich in Acht

und Adieu!.

Ich habe Ihr Ehrenwort, Herr Oberſt, antwortete Men⸗ ſing;Ihre Mouchards ängſtigen mich nicht!

Sie haben mein Wort!

Der Oberſt ging und Menſing begleitete ihn auf den Hof.

Das Pferd ſtand draußen an der Thür angebunden der Müllerburſche hatte ſich aus dem Staube gemacht.

Menſing hielt das Pferd und den Beutel, während der Oberſt aufſtieg dann reichte er dieſem die goldene Laſt hinauf Oberſt La Croix verbarg ſie unter ſeinem Mantel und ritt mit einem letzten lakoniſchenAdieu! davon, über den einſam und ſtille daliegenden Hof.

Menſing blickte ihm hoch und frei aufathmend nach.Dem Himmel ſei Dank! ſagte er.Der wäre unſchädlich gemacht! Und nun ſehen wir nach unſerem Schatze!

ſind doch

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Der Schatz war für's Erſte gerettet. Menſing eilte auf die Felder hinaus, und beim Grauen der Dämmerung fand er bald den Fourgon und Wilhelm, Eliſe und die Mutter beſchäftigt, die ſchweren Kiſten in den Brunnen zu verſenken, der etwa nur ſechs Fuß Tiefe hatte. Er ſelbſt griff wacker zu, und bald war Alles geſchehen; die Oeffnung des Brunnens wurde mit Feldſteinen aus⸗ gefüllt und überdeckt.

Wilhelm nahm nun ſein Geſpann und fuhr damit in der Richtung eines nordweſtlich, nach Caſſel hinaus liegenden Dorfes. Noch bevor er dies Dorf nach einer halben Stunde erreicht hatte, begegnete er einem auf ſein Geſchäft ausziehenden Metzgergehülfen.

Wollt Ihr ein ſtarkes Trinkgeld verdienen? redete er ihn an.

Weshalb nicht?

So fahrt dieſen Wagen auf die Wilhelmshöhe in den Marſtall.

Wem gehört der Wagen?

Dem König.

Ah und ich ſoll ihn auf die Wilhelmshöhe bringen?

Ja. Aber Ihr ſollt ſagen, Ihr hättet ihn ſo, wie er iſt, ohne Führer hier in dem Felde haltend gefunden, und da Ihr an der Krone daran das königliche Eigenthum erkannt, brächtet Ihr ihn zurück. Wollt Ihr das?

Der Menſch ſah ihn mißtrauiſch an.

Wollt Ihr nicht, ſo finde ich ſchon einen Andern, der ſich das Trinkgeld verdient!

Nein, nein, gebt nur die Zügel her!

Wilhelm ſprang vom Bock und ließ den Menſchen aufſteigen, der mit dem Wagen weiter dem Dorfe zufuhr, aber, von Zeit zu Zeit ſich zur Seite beugend, verwundert dem zurückeilenden Wil⸗