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Es giebt noch keinen Ruhm für den deutſchen Techniker! Noch iſt das Wiſſen, das die Körper von der bindenden Macht der Schwere befreit, den Gedanken ſo ſchnell als er entſteht um den Erdball wandern läßt, das uns kleidet, nährt und behauſt, in denjenigen Kreiſen der civiliſirten Welt, in denen der Ruhm ent⸗ ſteht und wohnt, jenem Können nicht ebenbürtig erklärt worden, welches die Geiſter ſchmückt und die Seelen erquickt. Noch iſt die Technik nicht ſalonfähig in der guten Geſellſchaft, noch iſt die gute Erziehung nicht verpflichtet von ihr Notiz zu nehmen. Geht durch die Säle einer Bilderſammlung. Alle die erſten Fragen, die ihr vor den hohen Werken thun hört, gelten dem Namen des Meiſters, der ſie ſchuf, die zweiten erſt dem Gegenſtande des Werkes; wohlweislich fragt der Hörer im Concert: von wem iſt dieſe Sonate? ehe er ſich erlaubt, ſie göttlich oder trivial zu finden. „Haben Sie den neueſten Roman geleſen?“—„Von wem?“ lautet die ſofortige Erkundigung. Jede Koſtſchülerin oberer Claſſe eines Penſionats würde erröthen, die nicht einige Notizen aus dem Privatleben Mirza Schaffy's, oder Homer's, oder Firduſi's, oder ſonſt eines Dichters, von dem man wenig weiß, zu citiren wüßte, jedes gebildete Ladenmädchen kann ſich gar nicht darin irren, daß die Geheimniſſe von Paris von Eugen Sue, Soll und Haben von Freytag, und der Werther von Goethe iſt.
Und nun fragt im ſelben Augenblicke, wo ihr dieſe präciſen Auskünfte erhalten, den vielgewiegten Diplomaten, der eben eine hochwichtige Depeſche von Paris nach New⸗York abgeſendet, alſo um den halben Erdball herum, dem Laufe der Sonne um einen
Im Hauſe Robert Stephenſon's. Von M. M. v I.
halben Tag voraus, und die Antwort zurückerhalten hat, ehe er
von ſeinem Dejeuner aufſteht, fragt ihn, wer der große Mann ſei, der dem Eiſen gelehrt hat, Eiſen auf Befehl des Menſchen⸗ willens anzuziehn; fragt den vielgereiſten Kaufmann, der heut mit dieſem Geſchäftsfreunde in Paris, morgen mit jenem in Berlin die Conjuncturen vertraulich Auge in Auge beſpricht; der euch, wenn ihr ihm von den herrſchenden Stürmen und ſeinen Sendungen nach auswärts ſprecht, mit dem Schmunzeln der Sicherheit ant⸗ wortet:„Ich habe per Dampfer verladen“; fragt ihn, wer die Männer geweſen ſeien, die den Dampf, den er gedankenlos täg⸗ lich aus ſeinem Theekeſſel aufſteigen ſah, der Apokalypſe gemacht habe, auf dem die Menſchheit ihren Zie⸗ len zubrauſt; fragt die hochwohlerzogene Dame, die in ihrem von ſüßen Parfüms durchdufteten, tageshell erleuchteten Salon in prachtvoll farbiger Robe ihre Geſellſchaft in Erſtaunen ſetzt, indem ſie alle Geigengaukler und Clavierequilibriſten der Neuzeit bis zum zweiundzwanzigſten Range hinab an den roſigen, beringten Fingern herzählt— fragt ſie, wer die Leute waren, die es verſtanden, den dunkeln Kohlenlagern drunten den Blumenduft, den Sonnenglanz, die Farben der jahrtauſendalten Vorzeit abzugewinnen, die jetzt als Parfüms, als Gaslicht, als Seidenpurpur ihren Salon füllen, ihre zierliche Geſtalt ſchmücken— ſie werden alle, alle Nichts, oder Wenige ſehr wenig von allen den Männern wiſſen. Und doch ſind dieſe nicht weniger Evangeliſten des Weltgeiſtes, als die größten und beſten Denker und Schöpfer in irgend einem Bereiche des Wahren und Schönen. Aber noch gilt die Technik der civi⸗ liſirten Welt, und vornehmlich in Deutſchland, als unbequemer Eindringling aus den Schichten der materiellen Arbeit da drunten, noch wird ſie im Staatsleben unmündig gegängelt— nicht ohne Schuld der Techniker, fügen wir gerecht hinzu, die es bei dem Streben nach fachlicher Tüchtigkeit noch allzuſehr ver⸗ geſſen, daß wir Gentlemen ſein müſſen, wenn man uns unter Gentlemen gelten laſſen ſoll—; noch iſt die Technik nicht zutritts— berechtigt in der wahrhaft guten Geſellſchaft, und deshalb ſteht noch in der Technik der Name der Meiſter nicht als ſchützender Geiſt neben den Werken wie in der Wiſſenſchaft und Kunſt. Und daher haben nur einzelne Namen aus ihrem großen ſegenvollen Bereiche den Weg zu den Scichten der civiliſirten Geſellſchaft gefunden, in denen der Ruhm zwar ſelten geſäet, aber immer ganz
ein geerntet wird.
dn Redern edorzugten Namen ſind an den Fingern einer Hand du Rhein und wenn ſie gleich zu den Beſten gehören, ſo G zurch das gaje Träger derſelben faſt immer es eben ſo ſehr .
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zu dem Geiſterröſſe
Weber.
dem Reize einer meiſt mehr oder weniger verdächtigen, ſtets aber pikanten, mit ihrer Hauptleiſtung verknüpften Anekdote, als dem wirklichen Werthe der erſtern zu verdanken, daß ihr Name unter Tauſenden erwählt wurde. Die Geſchichten vom Cirkel des Archimed, vom Apfel Newton's, von dem Froſchſchenkel Galvani's, von Thee⸗ keſſel Watt's, vom Mörſer Berthold Schwarz's ſind die eigent⸗ lichen Handhaben, an denen die Welt den Ruhm dieſer großen Männer anfaßt. Andere Namen wieder macht die Unablüſſigkeit, mit der, Menſchenalter hindurch, die Tagesgeſchichte ſie an die trockene Regiſtrirung von bedeutſamen Friedensthaten für das öffentliche Wohl knüpft, doch endlich den Ohren jenes Publicums zugänglich. Es ſind dies meiſt ſolche, die von mehreren Genera⸗ tionen bedeutender Techniker hintereinander getragen werden.
Zu den letzteren gehört der Name Stephenſon, den ein großer Vater dem großen Sohne mit gleicher Kraft des Geiſtes vererbte. Die Keime, die das Genie des Vaters trieb, hat das des Sohnes mit gleicher Energie kraftvoll entwickelt. Wir ſehen in den ver⸗ ſchmolzenen Exiſtenzen dieſer beiden Männer einen der in der Ent⸗ wickelungsgeſchichte der Menſchheit ſo ſeltenen Fälle, wo das Regiment der Welt es ſich gleichſam zum Vorwurf geſetzt zu haben ſcheint, eine große Erfindung durch Licht und Wärme eines Genius vom Samenkorn bis zur Blüthe zu treiben und, da hier⸗ für die Dauer und die Leiſtungskraft eines Menſchenwirkens nicht ausreichte, dieſelbe ſchon im nächſten Nachkommen zu repetiren. Beide Stephenſon's, Vater und Sohn, ſind Geiſter jener feſten, klarblickenden, reinwaltenden Art, die der Engländer gern als die ſeinem Volk ſpecifiſch eigene betrachtet und mit dem ſtolzen Namen „ſtarker angelſächſiſcher Geiſt“ bedeutſam kennzeichnet. Das, was von Eiſenbahnen vor der That des älteren Stephenſon exiſtirte, war weniger eine Baſis für ſein Schaffen, als ein Vorſpiel für daſſelbe. Die Eiſenbahn wurde erſt zum Rüſtzeug des Geiſtes der Civiliſation durch die Erfindung der ſchnellen Locomotive. Mit den langſam dahinkriechenden„Puffing Billy's“ der alten nordengliſchen und ſchottiſchen Kohlenbahnen wäre ſie ewig nichts weiter als nützliches Laſtthier der Induſtrie geblieben.
Georg Stephenſon, der Vater, erdachte die Locomotive, die den Menſchen fünf Mal ſchneller durch die Welt trug, als er ſich vordem jemals bewegt hatte— und die Diſtanzen in der mate⸗ riellen und Geiſterwelt ſchrumpften mit einem Schlage auf ein Fünftel zuſammen; das Leben wurde länger, die Lebenskreiſe größer, die Grenzen weiter. Robert Stephenſon, der Sohn, verdoypelte die Eilkraft des Apparats ſeines Vaters, verzehnfachte ſeine Fähigkeit, Laſten zu bewegen— und die dauernde Hungersnoth verſchwand aus der civiliſirten Welt, die Völker ſtrömten ineinander, der Krieg erhielt neue humanere Formen, der unermeßliche Wagenzug, der aus der Provinz der Kohlen Wärme in die Provinz des Getrei⸗ des geführt hatte, trug Brod aus dieſer in jene zurück. D menſchliche Exiſtenz trat in eine neue Phaſe, in deren Anfang wir uns erſt befinden. Robert Stephenſon's koloſſale Leiſtungskraft umfaßte den ganzen ſich mit ungeahnter Schnelligkeit ausbreitenden Bereich ſeiner Erfindung. Er baute die Bahnen auf allen Haupt⸗ arterien des engliſchen Verkehrs, als oberſter techniſcher Leiter der⸗ ſelben, war Orakel und in allerhöchſter Inſtanz angerufener Be rather bei faſt allen größeren Eiſenbahnanlagen, nicht allein des europäiſchen Continents, ſondern auch in Afrika und Amerika, und leitete endlich, bis in das Detail perſönlich, die mächtige Fabril von Locomotiven, die ſein Vater im Jahre 1822 begründet hatte und aus der ſeitdem über zweitauſend ſolche Maſchinen unter dem Einfluſſe ſeines zeichnenden und rechnenden Stiftes, eine jede immer die Vorgängerin an Kraft, Schnelligkeit, Reife der Conſtruction, Tüchtigkeit der Ausführung und Eleganz der Erſ ung übertref fend, hervorgegangen ſind. 1
Die in ſeine letzte Lebenszeit fallenden Pläne und Ausfüh⸗ rungen, welche, bei aller Weisheit und allem Wiſſensreichthum der Conception und Durcharbeitung, in ihrer Erſcheinung etwas von der Großheit der Ideen eines Pharaonen haben, gewähren das anmuthende Schauſpiel eines Lebens, das, bis zur Abberufung des Meiſters von ſeinem irdiſchen Wirkungskreiſe, an Freiheit und Größe des Schaffens gewinnt. Die Engländer pflegten ihn in die⸗


