Jahrgang 
5 (1868)
Seite
72
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loſen Freiheit und Gleichheit man in Italien behandelt wird. Faſt überall behält der Italiener den Hut auf dem Kopfe und häufig wird man, ſelbſt von Behörden und in Zimmern, erſucht, ehe man ſpricht, ſich wieder zu bedecken. Mir begegnete es mehr⸗ mals, daß man ſagte, man ſpräche nicht eher mit mir, bis ich mich wieder bedeckt habe. Man ſei hier dies gewöhnt und dies ſei Sitte und Gleichheit vor dem Geſetze. Der Arbeiterſtand und dergleichen Leute halten viel auf dies Vorrecht; ſie treten häufig sans façon mit bedecktem Kopfe vor Hoch und Niedrig, vor Be⸗ hörde und Gericht.

Weil das gute Bäuerlein ſo redſelig war, ſo erfuhr man auch ſchon im Audienzſaale, was er wolle. Er hatte mämlich eine Ziege verloren und den Verluſt ſollte ihm der König erſetzen.

Nach dem Bauer aber kam eine hohe, feingekleidete, junge Dame mit einem etwa vierjährigen Kinde. Das Kind mit ſeinen großen, ſchwarzen Augen und ſeinem Lockenhaare, mit ſeinen naiven Fragen und Bewegungen ſchien die Anmuth und der Liebreiz ſelbſt. Die Mutter, denn dies war gewiß die Dame, ſchien eine Officiers⸗ wittwe. Sie war ganz ſchwarz gekleidet und ſpielte bald mit dem Kinde, bald ſuchte ſie an deſſen Kleidung etwas zu ordnen. Ein Bouquet, wohl für den König beſtimmt, hielt das Kind in ſeiner Hand. Ich ſelbſt kam neben die Dame und deren Kind zu ſitzen, denn ich war der Viertangemeldete. Nach mir kamen ein Pole und ein Ungar und dann wieder eine Dame. Dieſe Letzte von uns Sieben war eine ältere Frau oder vielleicht auch eine alte Jung⸗ frau. Jedenfalls war ſie etwas Xanthippe und zur Herrſchſucht geneigt, denn ſie wollte durchaus nicht die Letzte ſein, trotzdem, daß ſie erſt nach allen Anderen zur Anmeldung gekommen war. Der Proteſt der vergilbten und veralteten Jungfrau nützte aber nichts. Man ſprach offen, bezugnehmend auf unſere Zahl und auf die Alte ſelbſt, von böſen Sieben und bewies ihr deutlich, daß ihr nur dieſer und der letzte Platz gehöre. Sie mußte ſich, die hier wohl allein Aergerliche, in das Unvermeidliche fügen und bekam auch noch ein Lachen und Ziſchen mit in den Kauf. Wahr⸗ lich, Geſelligeres und Ungenirteres habe ich noch nie geſehen, als hier in den Zimmern des Königs. Unſere Ausgelaſſenheit war ſo groß, daß der Adjutant mehrmals mitBſt! Bſt!: erinnern mußte.

Nachdem wir Alle geordnet waren und Platz genommen hatten es war noch nicht halb zwölf Uhr öffnete ſich ſchon die innere Thür und das Königsgemach ſelbſt. Ein Kammerherr ſtand innerhalb der Thür, da, wo die Officiersſchildwache außen ſtand. Der Ruf:Avanti!e es war des Königs Stimme ertönte und Nr. 1, der Arbeiter, erhielt vom Adjutanten das Zei⸗ chen, in den innern Scçal und dann ſofort in des Königs Zimmer ſelbſt zu treten. Nur wenige Minuten blieb der Arbeiter aus, kam dann mit einem Papier und freudiger Miene zurück und ent⸗ fernte ſich. Nun kam es an den Bauern. Auch er war nur kurze Zeit bei dem Könige, klapperte bei dem Austritte mit Thalern in der Hand und ſchien ſomit ſeine Rechnung oder vielmehr ſeine Ziege wiedergefunden zu haben. Wieder rief es:KAvanti be, wo⸗ bei die junge und zarte Dame ſichtlich erſchrak, denn an ihr war nun die Reihe. Schnell und ſicher erhob ſie ſich jedoch nunmehr und ſchritt zierlichen und leichten Schrittes, mit dem Kinde an der Hand, vorwärts in des Königs Gemach. Etwas länger, als die, Vorhergehenden, blieb dieſe; ſodann kam auch ſie, ohne daß man⸗ eine beſondere Veränderung der Geſichtszüge an ihr bemerkt hätte, wieder in unſern Saal und entfernte ſich. Nur das Kind ſchien noch freudiger zu ſein und hüpfte ſpielend und tändelnd an der Mutter empor. Statt des Straußes trug das Kind eine Pa⸗ pierrolle.

Wieder erſcholl der bekannte RufAvanti!, diesmal, wie mir ſchien, noch ſtärker, als zuvor. Es galt jetzt alſo mich ſelbſt. Bei mir machte jener Ruf jedoch gerade die umgekehrte Wirkung, wie bei der Dame. Er erinnerte mich an die volle und helle Stimme eiues Feldherrn und eines Patrioten. DasAvanti! war hier für mich das Commando eines gewaltigen Kriegers, der ſeine Truppen vorwärts ſendet zur Schlacht. Des Königs Ruf ermunterte und ermuthigte mich. Naſch und freudig mich erhe⸗ bend, eilte ich feſten und ſicheren Schrittes durch die Gemächer, um mich dem König vorzuſtellen. Jetzt ſtand ich vor ihm und jetzt erſt konnte ich deſſen Gemach überblicken. Es war freundlich und ſchön. Es ſchien ein Arbeitszimmer des Königs, denn viele

Papiere und Bücher ſah man in demſelben. An e Tiſche ſaß ein Secretär mit der Feder in der Hand. Der ſelbſt, eine hohe und ſtattliche Geſtalt, mit einem großen nd dichten Schnurr⸗ und Knebelbarte, trug einen einfachen Civil⸗ oder Jagdrock. Nur ein einziges Bändchen es war das Band zur Erinnerung an den Unabhängigkeitskrieg zierte ein Knopfloch des Rockes. Die Geſichtszüge des Königs ſchienen auf den erſten Blick ſtreng und markirt, doch ſprach bei näherer Betrachtung eine ungemeine Gutmüthigkeit und Leutſeligkeit aus den Augen des Monarchen. Er ſtand gerade aufrecht, wie ein Soldat, ſich nur mit einer Hand auf einen großen runden Tiſch ſtützend. Auf dem Tiſche ſelbſt lagen wieder viele Papiere und unter einem marmor⸗ nen Briefbeſchwerer zeigten ſich auch verſchiedene Banknoten. Eine große ſilberne Schüſſel war faſt voll von Thalern, eine andere mehr tellerartige flache Schüſſel war angehäuft mit Goldſtücken. Zur Seite des Königs ſtand ein graubärtiger General in voller Uniform und mit vielen Orden geſchmückt. In einer Ecke des Zimmers aber lag auf einem einfachen Teppiche ein großer Jagd⸗ hund und ſchlief den Schlaf des Gerechten. Der treue Hund mochte wohl wiſſen, daß ſein Herr und Gebieter nichts zu fürchten habe. Im Ganzen zeigte das Zimmer weniger Luxus und Reich⸗ thum, als die beiden äußeren Säle. König, General und Seeretär richteten bei meinem Eintritt die Augen feſt auf mich und ſchienen nicht unangenehm berührt zu ſein. Schritte auf den König zu und brachte nach einer kurzen Kopf⸗ neigung ſogleich mein Anliegen vor.Beae! ſagte der König, Sie zeigen ſich als Mann und als Soldat. Melden Sie ſich morgen bei einem Adjutant und nun addio! Indem ich mich abermals etwas verbeugte, trat ich einige Schritte rückwärts und entfernte mich, um meinem Nebenmanne, dem Polen, und den noch Uebrigen Platz zu machen. Somit war die Audienz ſchnell und leicht beendigt.

Ich bemerke ausdrücklich, alſo vor der Ueberſiedelung nach Florenz ſtattfand, zur Zeit, als der König noch in der höchſten Volksgunſt ſtand. Jetzt iſt das anders. Man zürnt dem König, die Garde grüßt ihn nicht mehr ſo enthuſiaſtiſch wie früher und eer ſelbſt iſt um Vieles verſchloſſe⸗ ner, zugeknöpfter. Nur im engſten Kreiſe ſeiner Vertrauten thaut er auf und es mag wahr ſein, was neulich der Mailänder Corre⸗ ſpondent der Independauce mitgetheilt.Ich glaube, erzählt die⸗ ſer,man macht ſich über Victor Emanuel viele Illuſionen außer⸗ halb Italiens. Man denkt ſich ihn gewöhnlich wie einen biedern Landjunker, großen Nimrod und ‚flotten Kerl, der ſeine Miniſter regieren läßt und nur hier und da auf der Bühne erſcheint, wenn er die Kanonen der Schlachten donnern hört. Die, welche dies behaupten, befinden ſich im tiefſten Irrihume. Der König be⸗ ſchäftigt ſich viel mit Politik, er hält ſehr ſeſt an ſeinem König⸗ reich Italien und hat nicht immer ſo große Luſt abzudanken, wie die Blätter häuftg ausſpreugen. Und noch mehr, er hat viel röthere Anſichten oder wenigſtens Geſchmad für rothe Anſichten und ihre Vertreter, als die Royaliſten ſeines Parlaments. Er verabſcheut durchaus nicht die Corporale der Linken, und ich würde Sie ſehr in Erſtaunen ſetzen, wenn ich Ihnen die ‚Fortſchrittsmänner neunle, die er jede Woche einmal zu Tiſche einladet. Neulich weaen Crispi und Nicotera dabei. Letzterer hat ſelbit folgende Epiſode der lieblichen Safelgeſpräche berichtet. Man trank tüchtig. Der König neckte Nicotera mit ſeinem ‚eiligen Rückzug nach Neapel. Dieſer wurde ärgerlich und ſagte:

‚Unter ſolchen Umſtänden wären Sie Majeſtät!

Ich brauche gar keine Courage zu haben, ſagte lachend der König, ‚dazu ſind die Rothjacken da.

Die Mentana noch röther gemacht hat, ſagte Crispi ſehr beißend.

auch fortgelaufen,

‚Nun wir zahlen's den Leutchen noch einmal heim, er⸗ widerte Victor und ſein Geſicht verdüſterte ſich. Und darauf

declamirte er eine der furchtbarſten Tiraden Alfieri's gegen die Franzoſen, welche betanntlich der Turiner Poet ärger als den Tod haßte..

Die Verſe ſind gut, ſagte Nicotera.

Und wir werden ſie einmal in Proſa überſetzen, ſprach lachend der Monarch, der offenbar ſehr guten Vino d'Aſti bei Tiſche führt. u. G.

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Ich aber trat bis auf drei

daß dieſe Audienz noch in Turin,