Jahrgang 
5 (1868)
Seite
71
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Eine Anudienz bei dem

Mit der Eiſenbahn in der freien Schweiz angekommen, durch⸗ zog ich dieſelbe zu Fuß und eilte dann raſchen Schrittes dem ſchönen Italien zu. Ausgeruht und geſtärkt im gaſtlichen Hoſpiz, drückte ich zum Dank hierfür und als einzige Belohnung den braven Vätern vom Orden St. Bernhard nochmals die Hand, blickte wiederholt rückwärts auf die Schweiz und beflügelte ſodann meinen Fuß, die prächtige Simplonſtraße abwärts ſteigend, um Italien zu erreichen. Wenig kümmerten mich die ſchwindelnden Höhen der Alpen und das Rieſigſchöne der Natur; nur vorwärts dachte mein Sinn. Nach Italien hieß die Loſung, und nach Italien hieß die Parole.

Endlich erblickte mein Auge einen hohen Marmorſtein mit der einfachen InſchriftItalia. Es war die Grenze. Schneller eilte ich nun abwärts und vorbei an den italieniſchen Zollwächtern und Carabinieri, ihnen einEvviva lialia! zurufend. Freudig und mit Enthuſiasmus wurde mein Ruf erwidert. Raſcher und raſcher ging ich durch die ſchönen Städte und Dörfer, am herr⸗ lichen Lago Maggiore entlang, nach dem glänzenden reichen Turin. Gaſtfreundlich und großherzig von der edlen und freien Stadt aufgenommen, war mein Erſtes, mich auch im königlichen Schloſſe umzuſehen. Ich ſchritt durch das Schloßthor und deſſen Hofraum. Beides war der eiſernen Gitter und der Thorflügel entledigt, gleichſam zum Zeichen, daß hier nur Friede und Einigkeit herrſche und daß man das Schloß nur der Obhut des Volks anvertraue. Eine Doppelſchildwache der activen Armee und der Nationalgarde ſtand am Hauptportale, und beide Poſten unterhielten ſich gerade ſo mit einander, als wenn ſie nur einer und derſelben innig ver⸗ bündeten Familie angehörten.

Weiter ſchreitend, gelangte ich an eine Marmortreppe, an deren Fuß ein hereuliſcher Portier, gleich einem Rieſen, in ſcharlach⸗ rothem, goldverbrämtem Rocke, mir auf alle Fragen mit einer Gefälligkeit und Höflichkeit Auskunft gab, wie es nur bei Italienern und Südländern überhaupt vorkommt. Meine Frage, ob ich wohl Audienz bei Seiner Majeſtät dem Könige erhalten könne, wurde ſchnell beantwortet. Der Portier lächelte bei dem AusdruckeSeiner Majeſtät, und ſagte einfach:Der König verweigert Niemand, wer es auch immer ſei, eine Audienz; zu dieſem Behufe habe ich⸗ mich nur in ein Buch einzuſchreiben, worauf dann das Nöthige erfolgen würde. Er wies mich ſodann an einen andern Diener, welcher mich in das Seeretariat des Königs begleitete. In einem ſchönen, aber nicht überreich geſchmückten Zimmer wurde ich hier empfangen und zum Sitzen genöthigt. Ohne mich nur zu fragen, was ich denn eigentlich bei dem Könige wolle, ließ man mich

meinen Namen in ein großes Buch einzeichnen und bedeutete mir hierauf, daß ich des andern Tags Morgens neun Uhr wieder nachfragen könne, wann die Stunde der Audienz beſtimmt ſei. Ein Diener begleitete mich abermals die Treppe hinab und be⸗ merkte mir ſogar dabei, daß ich, wenn ich morgen nicht ſelbſt kommen wolle, die Bezeichnung oer Stunde brieflich in meine Wohnung zugeſandt erhalten würde. Ich dankte jedoch für das leetere Aneroieten und antwortete, daß ich ſelbſt kommen würde, indem ich müßige Zeit genug beſäße.

Andern Tags un neun Uhr Morgens war ich wieder im Schloſſe und in dem mir bekannten Secretariatszimmer. Hier erhielt ich eine Karte, auf welcher mein Name ſtand und daß ich morgen um elf Uhr mich zur Audienz bei dem Könige einzufinden hätte. Innerhalb achtundvierzig Stunden von meiner Anfrage an ſollte ich alſo vor dem Könige ſtehen. Dies iſt gewiß ſchnell und pünktlich. hierüber, indem ich zugleich meinen werth, iſt gern geſchehen, Signor, hieß die freundliche Antwort, wenn Sie aber mit der Audienz Eile haben, ſo iſt vom Könige der Befehl gegeben, daß Jedermann allſogleich angemeldet werden

ſolle; Sie können deshalb auch, wenn Sie Dringliches haben, in wenigen Stunden zur Audienz zugelaſſen werden. Ich verneinte die große Dringlichkeit, verbeugte mich, noch mehr verwundert,

und ging dann auf dem nämlichen Wege wieder fort, den ich ge⸗

kommen war. Am nächſten Tage ſuchte ich mich in mein beſtes Ausſehen, nämlich in ein militäriſches, zu werfen. Ich beſorgte mit einer gewiſen Sorgfalt Hoar und Bart, weil ich hörte, daß auch der

Ich machte deshalb auch dem Secretär eine Bemerkung Dank beifügte.Nicht dankens⸗

V

König von Italien.

König viel auf ſeinen langen Schnurr⸗ und Knebelbart und auf ſein militäriſches Ausſehen halte. Schon etwas vor elf Uhr traf ich nun ein, wo ich in den Saal der ehemaligen Schweizer, welcher, als eines der äußeren Vorzimmer des Königs, jetzt der Leibgarde zu Fuß als Verſammlungsort dient, geführt wurde. Der Saal iſt groß und geräumig, mit ſchönen Frescomalereien, Gold⸗ und Silberſachen, ſowie Möbels mit Sammet überzogen, geziert. Von dem Plafond herab hängen in ſchönſter Symmetrie fünf große Gas⸗ kronleuchter, ebenſo ſind an den Wänden noch viele Vorrichtungen für Gasflammen. An einer Thür zu den innern Gemächern des Königs ſtand ein Leibgardiſt mit einfacher, aber dennoch ſchöner und praktiſcher Uniform und Armatur als Schildwache. Dieſer Gardiſt gehörte zur Leibwache zu Fuß, bei der alle Soldaten Unterofficiersrang beſitzen. Dem gedienten Soldaten ſah man die Garde aber nicht allein an den Orden und Medaillen an, die ihn zierten, ſondern auch an ſeinen wahrhaft ſchönen Geſichtszügen und dem hohen und ſchlanken Wuchſe des Italieners. Mit dem Schlage elf Uhr erſchien aus den Zimmern des Königs ein Kammer⸗ herr und ein Adjutant und bedeuteten uns da mittlerweile alle Geſuchſteller, ſieben an Zahl, eingetroffen waren einſtweilen hier Platz zu nehmen. Nachdem man uns einiges Nöthige erklärt hatte, wurde bemerkt, daß nunmehr die Audienz beginnen werde, und daß wir nach der Reihenfolge unſerer Anmeldung und Ein⸗ zeichnung vorgerufen werden würden.

Vom Schweizerſaal aber ſah man in einen andern kleineren und offen ſtehenden Saal, in welchem es ungemein anmuthig und lieblich ausſah. außer anderen Zierrathen ſtanden auch in den Ecken des Zimmers auf vergoldeten Etagéren viele wohlriechende Gewächſe und Blu⸗ men. An der inneren Thür war von der Leibgarde zu Pferd eine Schildwache aufgeſtellt. Von dieſer Garde iſt jeder Soldat Officier und aus den beſten und tüchtigſten langgedienten Officieren der Armee ausgewählt. Dieſe Schildwache hatte etwas wahrhaft Impoſantes, man glaubte einen Kriegsgott ſelbſt zu ſehen. Auch hier war nichts mit Flitterwerk überladen; eine dunkelblaue Uni⸗ form mit ſcharlachrothem Kragen, ſilbernen Litzen, Epaulettes mit Franſen, Bandelier und Cartouchier von Silber, ſowie ein Säbel mit gerader Klinge, dienten allein als Schmuck und Waffe zu⸗ gleich. Die blaue Officiersſchärpe hing über Schulter und Bruſt und ein Federhut mit der Tricvlorkokarde bedeckte ſchräg auf den Kopf gedrückt die halbe und hohe Stirn; Schnurr⸗ und Knebelbart aber zeigten ſchon viele graue Haare; die rechte Hand des Officiers hielt den Carabiner. Auch dieſe Wache trug, wie jene der Garde zu Fuß, die Orden des Unabhängigkeitskrieges. Nach dem kleineren Saale aber kam das Gemach des Königs ſelbſt und hier ſtand die Officiersſchildwache. Wir ſaßen nun Alle, wie wir uns angemeldet hatten, ohne Rückſicht auf Stand oder Alter. Der erſte der Eingezeichneten ſchien mir, dem Aeußern nach, ein gewöhnlicher Arbeiter zu ſein. Derſelbe that aber nichts weniger als fremd, vielmehr als wenn er hier zu Hauſe und heimiſch wäre. Er ließ ſich ohne weiteres auf den erſten Sammet⸗ ſeſſel nieder. Der zweite war ein ſchlichtes Bäuerlein, der ſehr extrem-⸗demokratiſche Grundſätze haben mochte, denn währenddem alle Anweſenden im Saale die Kopfbedeckung natürlich abnahmen, behielt der Bauer den Hut auf dem Kopfe. Wir mußten Alle lachen, den Bauer genirte dies aber nicht. Er behielt noch ſo lange den Hut auf dem Kopfe, bis ihm ein Adjutant freundlich lächelnd bedeutete, daß er doch den Hut abnehmen möge, indem er ſich hier in den Vorzimmern des Königs beſinde und er auch mit dem Hute in der Hand mit dem Könige ſprechen müſſe. Der bäuerliche Demokrat nahm nun ganz gelaſſen den Hut ab und meinte, daß hier eine andere Mode als bei ſeinem Bürgermeiſter ſei. Dieſer ſpräche nie mit ihm, ohne daß er zuvor geſagt hätte: Aufgeſetzt! und er dürfe nur mit dem Hute auf dem Kopfe mit dem Bürgermeiſter ſprechen. Der Adjutant gab unter abermaligem allgemeinem Lachen nun wieder die Antwort, daß es überall Aus⸗ nahmen gäbe, und ſo beſtände auch eine ſolche hier, wo man ge⸗ woͤhnt ſei, den Hut abzuziehen; wenn er, der Bauer, aber wieder zu ſeinem Bürgermeiſter komme, ſo könne er immerhin ſeinen Hut aufbehalten. 3

Höchſt auffallend iſt es wirklich, mit welcher wohl beiſpiel⸗

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Feine Teppiche lagen hier auf dem Boden und