Jahrgang 
5 (1868)
Seite
70
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herrſchte in der Stadt. Blücher trat mit dem Ortspfarrer Ahles, der im vollen Ornate erſchien, an der Spitze ſeiner Officiere in die Kirche. Ahles hielt eine begeiſterte Anrede an die Schiffer, und der preußiſche Major v. Klücks ertheilte den Verſammelten ſeine In⸗ ſtructionen zur Förderung des Truppenübergangs. Jubelnd ſchwuren die Männer von Caub Gehorſam und Treue und erklärten ſich zur kühnen That bereit. Ahles ſprach darauf ein kurzes Gebet, in dem er den Segen des Himmels für das fpatriotiſche Werk er⸗ flehte. Mit dem Glockenſchlage Zwölf durchſchnitten die erſten Kähne die eiſigen Wellen, und in kurzer Friſt ſpannte eine zum größten Theil improviſirte Schiffbrücke ihren Arm über den winter⸗ lichen Strom.

Die Füſiliere(zweihundert Mann) eines Brandenburgiſchen Regiments beginnen den Uebergang um drei Uhr, und während die franzöſiſchen Poſten drüben in guter Ruhe ihren Wachtdienſt ver⸗ ſchlafen, ſpringen die Brandenburger am jenſeitigen Ufer hinauf und ihr begeiſtertes Hurrah miſcht ſich mit den Schüſſen der plötzlich ermunterten Wachen. Erſt jetzt erwidern die heldenmüthigen An⸗ greifer das Feuer; aber nicht lange währte hier der Widerſtand, die Feinde flohen, die Bahn war geöffnet, der Siegeszug der wieder⸗ erwachten Nation begann. Eingedenk dieſer That ehre jeder deutſche Vorüberfahrende das wunderliche Felſenneſt Pfalz als ein Denk⸗ mal der vaterländiſchen Geſchichte.

Warm muß es in jener Neujahrsnacht eben nicht geweſen ſein, denn Blücher ſoll, nach einer ziemlich verbürgten Anekdote, zu einem etwas dünnen und noch ſehr jungen Lieuteäant v. Falken⸗ ſtein geſagt haben:Sie armer Junge können mir ooch dauern! Mich iſt's nich ſo kalt! Worauf ihm der an ſeiner Ehre ge⸗ kränkte Lieutenant derb und beſtimmt das Erſuchen ausſprach, den Jungen zurückzunehmen, was denn auch Vater Blücher ohne viele Umſtände und von Herzen that.

Zum Gedächtniß jenes Uebergangs erhebt ſich am linken Rheinuſer an der Stelle, wo die erſten Preußen daſſelbe betraten, eine eiſerne Tafel mit Gedenkſtein und der Inſchrift:Im Jahre des Heils 1813 am 31. December um Mitternacht zog ſiegreich

an dieſer Stelle Fürſt Blücher von Wahlſtatt, Feldmarſchall ge⸗

naunt Vorwärts, mit ſeinen Tapfern über den Rhein, zur Wieder⸗ geburt Preußens und des deutſchen Vaterlandes. Errichtet im November 1853 von Ferd. Diepenbrok und C. Denzin. Das Jahr 1864 feierle das fünfzigjährige Jubiläum dieſer Waffenthat, bei welcher Gelegenheit die noch lebenden Schiffer, welche in jener Nacht thätig mit eingriffen, von dem König von Preußen und dem Herzog von Naſſau decorirt wurden. An der Eingangspforte zur Pfalz aber ward 1864 eine Metalltafel eingelaſſen, deren In⸗

ſchrift meldet: Zur Befreiung Deutſchlands von drückender Fremdherrſchaft ging hier in der Nacht vom 1. Januar 1814 der Feldmarſchall Bllcher mit der ſchleſiſchen Armee über den Rhein, und die Schiffer voon Caub förderten kräftig das Werk der Befreiung bei dieſem Rhein⸗ übergang. Dieſe Taſel wurde geſtiftet bei der Feier des fünfzig⸗ V jährigen Gedenktages am 31. December 1863.

Schon im März des Jahres 1793 war übrigens hier unter König Friedrich Wilhelm dem Zweiten ein preußiſches Corps über den Rhein gegangen.

An der weſtlichen Spitze der Pfalz thront noch als Schild⸗ halter der Löwe des pfälziſchen Wappens, den Schild erhoben und in Vertheidigungsſtellung, als habe er ſeines Herrn Rechte zu ſchützen gegen alle drohenden Angriffe.

Die Pfalz, die gerade an dieſer Stelle, nahe unterhalb des ſogenannten wilden Geſährts, ihren früheren Dienſt als Eis⸗ brecher noch heute mit Erfolg verſieht, iſt in der Winterzeit ein gefährlicher Platz. So ward bei dem fürchterlichen Eisgange am 30. Januar 1850 dem erwähnten pfälziſchen Löwen die Schwert⸗ klinge entriſſen, die er bis dahin mit der einen Pranke in treuer Anhänglichkeit geſchwungen hielt. Bei jenem Eisgange war die Pfalz Zeuge eines Ereigniſſes, das leicht hätte ſehr tragiſch werden können. Der Schiffer Engel von Caub, der im Orte ſelbſt keine Wohnung fand, erhielt von der Behörde die Er⸗ laubniß, zeitweilig die ehemalige Commandantenwohnung in den Burgräumen mit ſeiner Familie zu beziehen. Er begab ſich über den feſtgefrorenen Rhein nach Caub, um Lebensmittel her⸗ beizuſchaffen, und plötzlich, unvermittelter als dies ſonſt wohl zu geſchehen pflegt, ſetzten ſich die Eismaſſen des Stromes in

auf flüchtiger Rheinreiſe an dieſer Inſelburg vorübereilt, legt ſich

toſende Bewegung. An den Rückweg war nun nicht mehr zu denken. Der Eisgang war plötzlich ſo gewaltig, daß die Pfalz haus⸗ hoch unter Waſſer geſetzt wurde, die Schollen thürmten ſich, das ganze äußere Gebäude überragend, auf, die Stadt Caub ſelbſt war in kaum einer halben Stunde gleichfalls gänzlich überſchwemmt. Aus der oberſten Thurmluke des Mittelbaues der Pfalz aber ſtreckten Frau und Kinder des Schiffers flehend die Hände empor, jammernd um Rettung und Hülfe. So verging die Nacht. Keine menſchliche Hülfe war hier möglich. Wer konnte es wagen, dem wüthenden Strom bei Eisgang zu trotzen! Caub und ſeine Umgebung, ein⸗ gezwängt zwiſchen den Felſen der Lurlei und den Stromſchnellen des wilden Gefährts, haben ſtets die Wirkungen eines Eisgangs am gefahrdrohendſten zu beſtehen. J. Dabei ſchwankte der Mittel⸗ thurm der Pfalz in dem tobenden Elemente wie der Maſtbaum eines Seeſchiffes. Der nächſte Morgen endlich brachte der beun⸗ ruhigten Einwohnerſchaft Caubs die Kunde, daß die Eingeſchloſſenen auf der Pfalz noch lebten, und am Nachmittag gelang es dem geängſtigten Vater, bis an die Außenwerke zu rudern, von wo er ſich an einer über der Eingangspforte angebrachten Schiffsrolle zu den Seinen emporzog. 5

Zur Zeit iſt die Pfalz unbewohnt. Sie diente unter Kurpfalz auch eine Zeitlang als Staatsgefängniß, hatte einen Commandanten und wurde dann zum Magazin für verſchiedene Gegenſtände degra⸗ dirt; da aber die Ratten und Mäuſe nichts verſchonten, was irgend vertilgbar war, ſo mußte auch dieſe Benutzung aufgegeben werden. Jetzt ſteht ſie gänzlich leer.

Die äußere Anſicht der Pfalz iſt ziemlich bekannt. Wer aber

unwillkürlich die Frage vor: Wie das Felſenneſt im Innern aus⸗ ſchauen mag? Nun, die Gartenlaube giebt in der beifolgenden Illuſtration eine getreue Abbildung des Innern dieſes wunder⸗ lichen Gebäudes und zwar des Hofraumes gleich hinter der Ein⸗ gangspforte.

Der Nachen legt an den neuenKrippen wie die Schutzbauten der Rheincorrection am ganzen Strome heißen anz wir klettern die Felsplatten hinauf und bahnen uns einen Weg⸗ durch den angeſchwemmten Triebſand auf der Inſel. Wie ehedem die Falkenau mit grünem Buſchwerk umgeben war,das dem Com⸗ mandanten mußte mit zu einem Garten dienen, ſo hat man auch im letzten Jahre wieder verſucht, das längſt durch die Stromſchnellen hinweggeriſſene Strauchwerk durch ein Weidicht zu erſetzen. Wir ſteigen die hölzerne Zugtreppe hinauf; rechts derſelben befindet ſich die oben erwähnte Gedenktafel. Den ganzen inneren Burgraum umgiebt eine Holzgalerie, und ein geräumiger Hof umſchließt den mächtigen Mittelthurm, der noch bis zur oberſten Spitze zu be⸗ ſteigen iſt und eine prachtvolle Ausſicht nach allen Seiten gewährt. Im Burghofe befindet ſich ein überdeckter, mehr denn dreißig⸗Fuß tiefer Brunnen, welcher ein vortreffliches Quellwaſſer ſührt. Er liegt weſentlich tiefer als das Rheinbett. Die ſämmtlichen Räum⸗ lichkeiten im Innern ſind über alle Erwartung ausgedehnt, Auch heute noch hätte eine Compagnie Raum in dem Gemäuer, wenn ſchon zur Zeit nur zwei bewohnbare Zimmer ſich vorfinden, die ehemalige Commandantenwohnung und das engeGemach der Pfalzgräfinnen, welches man dem Fremden als eine Abſonderlich⸗ keit zu zeigen pflegt.

Schon der alte rheiniſche Antiquarius von 1775 erzählt: Es ſollen in den älteſten Zeiten in dieſem Schloß die Pfalz⸗ grafen ſeyn gebohren worden, zu welchem Ende ſich die ehemaligen Pfalzgräfinnen in dieſen Ort begeben und ihre Kindbetten allda aushalten mußten. Wer, der jemals Deutſchlands ſchönſten Strom bereiſte, hätte nicht von dieſer Sage gehört? Eine Vertau⸗ ſchung der edlen Sprößlinge des pfalzgräflichen Geſchlechts ſollte durch dieſe Abſperrung verhindert werden. Allein dies Blättchen aus dem poetiſchen Erinnerungskranze der Pfalz müſſen wir ihr leider rauben. Jene Tradition iſt eben nur Sage. Wenn auch der Dichter Simrock ihr ein poetiſches Gewand verlieh und mancherlei für die Wahrſcheinlichkeit der Sage anführt, ſo läßt der Geſchichts⸗ forſcher Simrock doch ſchließlichihren hiſtoriſchen Gehalt auf ſich beruhen.

Wer bei Gelegenheit einer Rheinreiſe es irgend einzurichten vermag, verſäume alſo nicht, nach Requiſition des Schlüſſels zur

Pfalz bei dem Amtsdiener Studer in Caub, dem alten Gemäuer einen Beſuch abzuſtatten. 4 Hl.

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