Jahrgang 
3 (1868)
Seite
43
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glauben, daß ſie noch nach dem 9. November Briefe von ihm hatte. Dann mußte ſie aber ſo beſtimmt wiſſen, wie wir es heute wiſſen(unter Anderm auch aus Windiſchgrätz' Munde), daß der Vater wirklich todt war. Sie mußte dies wiſſen, ſage ich, da die ſiegreiche öſterreichiſche Camarilla, ſo oft ſie in der Geſchichte auftrat, noch niemals einer ſolchen Heldenthat, wie ſie an meinem Vater vevübt wurde, ſich zu ſchämen für nöthig hielt, nicht einmal ihren Feinden gegenüber, geſchweige denn vor ihren Freunden! Und ſelbſt, wenn ſie zwar mit Windiſchgrätz correſpondirte, von ihm aber keinen Brief nach dem 9. November, keine directe Nachricht über das Schickſal des Vaters empfangen hatte dann war es wiederum mindeſtens ein frevelhaftes Spiel mit der ſchwer errungenen Gemüths⸗

ruhe einer unglücklichen Frau, wenn die Gräfin Kielmansegge in ſolch' apodiktiſcher Weiſe das Leben eines Todten behauptete und dieſe Behauptung doch mit nichts ſtützen konnte!

Was die Gräſin darüber hinaus für Zwecke verfolgte, ob ſie, wie unſre Freunde damals beſtimmt ausſprachen, beabſichtigte, unſre Erziehung in die Hände des Ordens Jeſu zu ſpielen, dem

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ſie notoriſch angehörte darnach zu grübeln haben ich und die Meinigen uns nie geſehnt. Im Gegentheil, wir haben ihr längſt vergeben, der merkwürdigen Frau auf demSchloſſe im Plauen⸗ ſchen Grunde, und wünſchen ihrer Aſche von ganzem Herzen den Frieden, den ſie in ihrem Leben ſchwerlich beſeſſen hat.

So bin ich denn meinen Leſern blos noch Rechenſchaft darüber ſchuldig, warum ich dem Spruche:Von den Todten nur das Gute! nicht Rechnung trug und dieſe Thatſachen überhaupt ver⸗ öffentlicht habe.

Es geſchah erſtens deshalb, um das Licht der Wahrheit über dieſe dunkle Geſchichte zu verbreiten, die, wie ich hin und wieder aus Fragen, die an uns gerichtet wurden, entnehmen mußte, mit oder ohne Abſicht gefälſcht und verdüſtert worden war. Sodann aber, und das iſt mein Hauptgrund, um einen modernen Beleg mehr zu liefern zu dem trefflichen Worte des römiſchen Dichters:

Timeo Danaos, et dona ferentes!

(Ich fürchte die Danaer, auch wenn ſie Geſchenke bringen.)

Die pergola des Hotel Pagano.

Ein Reiſebild von R. Waldmüller(Ed. Duboc).

Viele Reiſende werden beim Anblick des ſchönen Bildes, welches dieſe Zeilen begleitet,* ſich mit Vergnügen des Weinlaubenganges des Hotel Pagano auf der Inſel Capri erinnern. Nicht daß ihre gewaltigen Säulen aus der marmor-verſchwenderiſchen Kaiſerzeit ſtammen: ſie ſind ſchlichtweg weiß übertünchtes Mauerwerk und weit jüngeren Datums als hundert erinnerungsreiche Trümmer ringsum. Auch der Palmen giebt es weit und breit auf Capri genug, wenn gleich wohl keine diejenige des Signor Pagano an majeſtätiſcher Pracht übertreffen dürfte. Die Ausſicht endlich iſt zwar weit und feſſelnd, aber weitere und feſſelndere Umblicke findet der rüſtige Wanderer an gar vielen Punkten dieſer reizvollen Inſel. Was der Pergola des Hotel Pagano ihren heimlichen Zauber giebt, iſt, daß ſo ziemlich jeder Beſucher Capri's vor ſeinem Scheiden noch einmal dort raſtete und mit den genoſſenen Eindrücken hier dankbar abſchloß.

Für mich knüpft ſich allerdings an dieſe Pergola noch eine Erinnerung anderer Art, und das Bild hat dieſelbe mir von Neuem in lebhaften Farben zurückgerufen.

Wir waren an einem goldnen Julitage mit einer munteren Neiſegeſellſchaft von Sorrent nach Capri herübergeſchifft und hatten wie billig zuerſt der blauen Blume der Romantik, der un⸗ vergleichlichen Grotte, unſern Bewunderungszoll abgetragen.

Nachmittags ging es nach Anacapri hinauf, dem Hochplateau der Inſel, fünfhundertundſechszig wohlgezählte Stufen. Wie allent⸗ halben um den Golf von Neapel ſind die Häuſer hier nach griechiſcher Art mit flachen, weißlichen Dächern verſehen, deren Mitte ſich auch wohl bei einem oder dem andern zu einer ſanften Kuppel erhebt. Eine bezauberndere Umſchau als von dieſen Dächern aus möchte aber weit und breit nicht wohl aufzufinden ſein, es ſei denn, man klettere bis auf die Trümmer des Caſtells Barbaroſſa hinauf. Ein gutes Auge überblickt, im Halbkreiſe wandernd, nicht nur den ganzen bunten Golf mit den Inſeln Ischia und Procida, dem langgeſtreckten Neapel, dem dampfenden Veſuv und dem vielzackigen Kalkſteingebirge, das mit weiß herüberblinkenden Ortſchaften an ſeinem meerumſpülten Fuß den Halbkreis ſchließt; es entdeckt jen⸗ ſeits dieſer pittoresken Felſenzunge noch den freundlichen Meerbuſen von Amalfi und über dieſen hinaus auch noch die blau ver⸗ dämmernden Berglinien des erinnerungsreichen Päſtum.

So wird denn begreiflicher Weiſe ein gut Theil der Tagesgeſchäfte Anacapri's auf den Dächern abgethan. Wir ſahen dort Wäſche bügeln, Kinder wiegen, Haare ſtrählen, Weizen dreſchen, Hanf zum Trocknen ausbreiten, Roſinen, Feigen und Apfelſinen dörren, Netze flicken, Körbe flechten und was ſonſt den Weibern einer Fiſcherbevölkerung noch an häuslichen Ver⸗ richtungen zufällt. Auf dem letzten Dache des Ortes ſaßen

* Wir verdanken das Bild der Güte des Herrn Alphons Dürr, der ſich durch die Veröffentlichung des Prachtwerkes:Die Inſel Capri. In Schilderungen von F. Gregorovius, in achtzehn Bildern von K. Lindemann⸗Frommel ein Verdienſt um Aiteratur und Kunſt erworben hat.. D. R.

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zwei in Trauer gekleidete junge Frauen, Beide mit dem Be⸗ ſticken eines blauſeidenen Gewandſtücks beſchäftigt, wie man deren wohl der Madonna oder einer andern Schutzpatronin zur beſſern Unterſtützung eines Anliegens verehrt. Sie blickten kaum von ihrer Arbeit auf und unterſchieden ſich dadurch ſehr vortheilhaft von einem unten in der Hausthür ſtehenden und überlaut lachen⸗ den Weibe, das hinter ſeinem breiten Rücken einen Männerhut von Stroh verſteckt hielt und dem danach Suchenden, einem etwa fünfundzwanzig- bis dreißigjährigen jungen Mönche, alle denkbaren Streiche ſpielte. Unſer Cicerone, welcher die unfeine, übrigens recht hübſche Frau vertraulichen Tons als Donna Agata an⸗ ſprach, machte der Sache ziemlich eigenmächtig ein Ende, und der wieder zu ſeinem Hut Gelangte man rief ihmFra Arcangeli! nach ſchloß ſich uns an. Er trug eine Art ſchwarzen Kloſter⸗ habits, dazu braungelbliche Sandalen und ſeinen ſchmalen Kopf bedeckte jener breiträndrige Hut von wettergebräuntem Reisſtroh. Sein Bart war ein gut Theil lichter als das lange nußbraune Haupthaar und reichte faſt bis auf die graue Hanfſchnur hinab, welche die Hüften des freundlich lächelnden Mannes umgürtete. Beſonders eigenartig war die Farbe ſeiner Augen, etwa wie ein ſtumpfes Marmorgrau. Durch lange ſchwarze Wimpern beſchattet und von feinen Brauen überwölbt, wirkten ſie trotz ihrer matten Farbe bedeutend und charakteriſtiſch, eine Wirkung, die freilich, ſo⸗ bald er redete, nicht Stich hielt.

Daß der ſonderbare Mann nicht ganz klaren Geiſtes war die harmloſen unter den ſogenannten Pazzi läßt man im Süden ja frei umher gehen war uns ſchon eine geraume Weile nicht zweifelhaft geweſen. Aber allem Anſcheine nach beſtand ſeine Störung einzig in ſeiner völligen Unfähigkeit, irgend eine Beziehung zwiſchen ſich und den Vorgängen der Gegenwart zu empfinden. Er lebte im Mittelpunkte einer Begebenheit, die bereits vor einer Reihe von Jahren geſchehen ſein mußte, und wenn man dieſen ſeinen Standpunkt erſt heraus gefunden hatte, konnte man ſeine Reden kaum noch für wunderlich gelten laſſen. Da ich nachträglich Ge⸗ legenheit gehabt habe, von kundiger Seite bis in die kleinſten Einzelnheiten berichtigen zu laſſen, was von ihm unklar erzählt denn er war ſofort in's Erzählen gekommen oder aber von mir irrig verſtanden worden ſein mochte, ſo gebe ich nachſtehend die Geſchichte, wie man ſie mir mitgetheilt hat. In wie fern der junge Mönch berechtigt war, ſich als den Beichtvater der Bethei⸗ ligten anzuſehen, wird am Schluſſe feſtzuſtellen ſein. Der Säu⸗ lengang ſelbſt iſt heute noch unverändert. Im Volksmunde hieß der Weingang damals einfach die Pergola; die Maler dagegen haben dieſe Pergola immer nur nach ihrem lebedigen Schmucke, der Palme, benannt.

Die franzöſiſche Februarrevolution vom Jahre achtundvierzig hat bekanntlich im Königreiche beider Sicilien ſchon einen Monat früher vorgeſpukt. Jenſeits des Faro, in Sieilien, war man der Gewaltherrſchaft Viale's ſatt und müde; dieſſeits des Faro, auf