dem Feſtlande,
licke
den der Pflege noch
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verwünſchte man das Joch del Carretto's. Am 12. Januar, am Geburtstage des Königs, erhob ſich Palermo. Neapel folgte bald darauf. Es erzwang am 25. Januar die Aus⸗ treibung del Carretto's, am 28. Januar die Zuſage einer Con⸗ ſtitution und ließ ſich Tags darauf die letztere, als ſie wirklich verliehen worden war, auch noch durch einen feierlichen Rundritt des Königs bekräftigen. Aber ſchon am 13. März begann die Contre⸗ revolution ihr Haupt zu erheben. Wenige Tage vorher waren die Jeſuiten aus Neapel verjagt worden. Was Wunder, wenn Liguoriſten, Dominicaner und andere dunkle Brüderſchaften ſich ſchon eines gleichen Schickſals verſahen. Ihre Angſt hatte ſich den Fiſchverkäuferinnen der Marinella mitgetheilt. Die handfeſten Vettern dieſer guten Frauen, die Lazzaroni del Mercato, von jeher mit den ärmeren Kloſtergenoſſenſchaften auf Du und Du, ließen ſich zu lärmenden Umzügen bereden, und da ihr Parteiergreifen für die Mönche von einflußreichſter Seite nachdrücklich unterſtützt wurde, ſo kam es am 13. März unter den Rufen:„Viva il Re e la Madonna del Carmine!“ zu tumultuariſchen Auftritten.
Nicht gar weit von dem königlichſten Palaſt liegt in der Hauptſtraße Neapels, im volkreichen Toledo, das prächtig ein⸗ gerichtete Café di Europa, damals der gewöhnliche Sammelpunkt der tonangebenden Liberalen. Hierher wendete ſich ein Haupttrupp der tobenden und ſchreienden Kloſterfreunde. Sie zertrümmerten die großen Scheiben, die Spiegel, die Marmortiſche, die Büffet⸗ vaſen. Dann begann der Krieg gegen die Gäſte. Die Beſt⸗ gekleideten hatten ſich zuerſt zu vertheidigen. Bald meinten die Angreifer aber beſtimmte, ihnen beſonders verhaßte Perſönlichkeiten zu erkennen, und endlich wurde ein junger römiſcher Flüchtling, der bei allen Umwälzungen der letzten Monate eine hervorragende Rolle geſpielt hatte, der damals vielgenannte politiſche Pamphletiſt Gaetano P....., zum Zielpunkte der ganzen Rotte. Er war waffenlos wie alle übrigen Gäſte des Cafs, ſetzte ſich indeſſen mit ſeinem Stocke behende genug zur Wehr und wurde nach langem erbittertem Kampfe von ſeinen Freunden aus dem blutigen Hand⸗ gemenge hinausgeſchafft und in ein Hintergebäude hinüber gerettet, von wo der Herzog von San D. und der junge Principe di L. den Betäubten und der Sprache Beraubten in Sicherheit zu bringen unternahmen.
Wie das geſchehen ſollte, war freilich nicht leicht zu ſagen. Man überſieht den Umfang ſolcher Volksbewegungen ſelten, während ſie noch im Gange ſind. Wie ein Nebel auf dem Meere hüllen ſie die davon Ueberraſchten plötzlich ein und Niemand weiß, wo ihre Grenze iſt. So beriethen die beiden Edelleute denn auch lange vergebens, in welcher Weiſe Gaetano nach irgend einem Verſteck zu transportiren ſri. Vielleicht ſchon in demſelben Augen⸗ konnten ihre eigenen Häuſer geſtürmt und geplündert werden. Der gewöhnliche Zufluchtsort aller in Neapel Verfolgten, die Clauſur eines der vielen Bettelklöſter, war für dieſen Ver⸗ folgten natürlich unzugänglich. Dennoch konnte Gaetano— das ließ ſich bei der Heftigkeit des neapolitaniſchen Volkscharakters vorausſetzen— wohl kaum in Jahr und Tag ſich wieder in Neapel auf die Straße wagen.— 4
Ein Mann, welcher dem Vater des Prinzen zu den großen Feſten des Palazzo di L. die Wachskerzen zu liefern pflegte, half aus der Noth. In Neapel werden unglaublich ſchwere Laſten auf dem Kopfe getragen. Zerbrechliche Gegenſtände, ſie mögen noch ſo gewichtig ſein, werden faſt nie anders transportirt. Man ſieht maſſiv gearbeitete Commoden, Secretaire, Schränke, ja ganze Cla⸗ viere hoch in der Luft über die Köpfe des Toledo⸗Gedränges dahin ſchweben. Don Saverio, der biedere Lichtgießer, ließ daher den allmählich wieder zur Beſinnung Gelangten in eine große Kirchen⸗ lichterkiſte packen, adreſſirte das Frachtſtück an ſeinen Schwager, Don Nicola auf Capri, wies die beiden Edelleute an, in welcher Weiſe ſie ihm, Saverio, die Bürde auf die rothe Wollenmütze heben ſollten, und trug den eingeſchachtelten Pamphletiſten dann wohlbehalten nach dem Molo. Hier war bereits ein zuverläſſiger Marinaro gedungen worden, und ſo ſchiffte ſich der aus ſeiner engen Haft Erlöſte unter der Obhut eines Dieners des Prinzen nach dem Eiland des Tiberius ein.
Am ſelben Abend noch ward das Reiſeziel erreicht. Don Nicola nahm den von ſeinem Schwager warm empfohlenen Patienten ehrerbietig auf, und ſein Töchterchen Tereſina, zumeiſt la Biondina genannt, ſowie deren Stiefmutter, Donna Agata, beeilten ſich, ſehr Bedürftigen mit häuslichen Mitteln,
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Weihwaſſer und Amuletten auf's Beſte zu verſorgen. Das Haus des Don Nicola war eines der höchſtgelegenen in Anacapri, es bildete den letzten öſtlichen Ausläufer des Oertchens, ſteckte nicht, wie die andern, zwiſchen Nachbarhäuſern, und begünſtigte ſolcher Art das Unbeachtetbleiben Gaetano's. Das hätte übrigens auch ſonſt kaum Schwierigkeiten gemacht. Man pflegt ja überall im Süden Krankheiten womöglich durch Luftwechſel zu curiren, und daß ein in dem ſchwülen Neapel Erkrankter auf dem wind⸗ umſtrichenen Capri Geneſung ſuche, konnte nicht auffallen. Als ein Solcher hatte Don Saverio ihn aber ſeinem Schwager empfohlen.
So blieb nach dieſer Seite denn für Gaetano nichts zu wünſchen. Und auch die Hausgenoſſen wurden ihm, der ſich raſch einzuleben pflegte, ſchon nach kurzer Zeit lieb und angenehm. Biondina, die Herzensgüte ſelbſt, war trotz ihrer fünfzehn Jahre — in Italien etwas Seltenes— noch ganz Kind; dabei zwar ohne alles Schulwiſſen— kaum daß ſie buchſtabiren konnte— aber gewitzt und mit einem Anflug neckiſcher Laune, die den Patienten wohlthuend an eine ihm im gleichen Alter entriſſene Schweſter er⸗ innerte. Die Stiefmutter, Don Nicola's dritte oder vierte
Frau, erſt zwanzig und einige Jahre alt, immer zum Lachen
aufgelegt, hübſch genug, vielleicht ſchon etwas zu robuſt, füle ihren Platz im Haushalt ſo beiläufig und obenhin aus, als ſei ſie nur eben auf Beſuch eingeſprochen und habe daher keine rechte Arbeit zur Hand. Sie muthete Niemandem etwas zu, Alles ging, wie es eben gehen wollte, und da Jedermanns Bedürfniſſe höchſt geringfügig waren, ſo hatte das Leben in der ſonnigen Caſa di Nicola einen überaus ſorglos vergnüglichen Anſtrich. Der ältliche Hausherr ſelbſt freilich, immer mit dem wohlgebürſteten Cylinder auf dem graugeſprenkelten Kopfe, paßte in dieſes Bild nicht hinein. Eigentliches Arbeiten war zwar nicht ſeine Liebhaberei, wohl aber liebte er arbeiten zu ſehen. Zu Frau Agata's Glück entſchädigte ihn für das, was er in ſeinem Hauſe nach dieſer Seite hin vermiſſen mochte, die emſige Rührigkeit ſeiner Bienen. Den halben Tag ſaß er denn auch in dem Cactusgarten, jenſeits des Kirchleins Sta. Brigida, allwo er ſeine buntbemalten Bienenkörbe bei der ihm befreundeten Wirthſchafterin des Pfarrers eingemiethet hatte. Er trieb einen anſehnlichen Wachshandel, bereiſte als Käufer mehrere Male im Jahre alle wachsproducirenden Orte der Terra di Lavoro und nahm es für eine Artigkeit, wenn man ihn als Don Cera, zu Deutſch Herr Wachs, anſprach, unter welchem Namen die meiſten ſeiner Lieferanten ihn ſogar nur kannten. Uebrigens wäre dem durch ein behäbiges Daheim verwöhnten Gaetano denn doch Manches wohl im andern Lichte erſchienen, hätte ſich Sabino, der Diener des Prinzen, nicht als der unermüdliche Alles⸗ könner erwieſen. Er beſorgte die Küche, er buk Brod, er ſing Vögel, er fing Fiſche und wußte jeder Minute irgend einen fröhlichen Ertrag abzugewinnen. Donna Agata wollte er in ſeiner Heimath Ischia ſchon als kleines Mädchen gekannt haben, und wenn ſie ſelber auch von ihren ſeltenen Beſuchen bei einem dortigen Pathen ſich ſeiner durchaus nicht erinnern konnte, ſo ließ ſie ſich's doch gern gefallen, daß der ſchelmiſche Burſche zwiſchen dem unanſehn⸗ lichen Kinde von dazumal und der jetzigen Donna Agata„di Cera“ die artigſten Vergleiche anſtellte.
Das Alles nahm ſich anmuthig genug aus. Mit Gaetano ſelbſt ſtand es aber dennoch nicht zum Beſten. Er war durch ſeine Verbannung aus Neapel nicht nur jenem behäbigen Daheim entriſſen worden, er hatte auch ſie, die es ihm ſchaffen half, Donna Beata, ſein liebes Weib, in Neapel zurückgelaſſen, eine Römerin, ſeine Landsmännin, ſein Augapfel, ſein Abgott, wenige Jahre jünger als er, der er ſelber erſt eben zwanzig zählte. Als Gaetano, von deſſen kleiner Hausfrau das Café di Europa nie etwas erfahren hatte, ſo unverhofft zur Flucht genöthigt worden war, hatte ſich der junge Prinz di L. für Donna Beata's Sicherheit zu ſorgen erboten. Der Prinz war aber, trotz mancher vortreff⸗ lichen Eigenſchaften, ein zweifelhafter Frauenbeſchützer. Sobald Gaetano daher die Feder wieder führen konnte— in der ganzen Caſa di Nicola verſtand ſich ſonſt Niemand auf dieſe Fertigkeit— gab er ſeiner Frau von allem Vorgefallenen ſelber Nachricht und entbot ſie nach Capri. Aber es kam keine Antwort, und auch als er wieder und wieder ſchrieb und, um alle unklaren Verhältniſſe kurz abzuſchneiden, Anordnungen wegen einer gemeinſamen Rückkehr nach Rom zu treffen verſuchte, blieb jedes Lebenszeichen von Donna Beata aus.
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