Jahrgang 
3 (1868)
Seite
42
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Ich coxpreſpondire mit Windiſchgrätz. Alſo das iſt wirklich wahr?

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Hörten Sie davon? 8

Ja, ja öfters. Doch, Frau Gräfin, haben Sie auch nach der Kataſtrophe einen Brief von dieſem Manne?

Auch nach dem neunten November! ſagte ſie feierlich. Nun denn, Frau Gräſin beantworten Sie mir die eine, die einzige Frage: Glauben Sie, wiſſen Sie, daß er noch lebt? Ich kann Ihnen, antwortete die Gräfin mit einer eiſigen Nuhe und Sicherheit,nur die Antwort auf dieſe Frage geben: Der Diplomatie iſt Alles möglich! Siegt Koſſuth, ſo wird Blum frei!

Bei dieſen Worten ſank meine Mutter überwältigt auf's Kiſſen zurück, einen Augenblick umſonſt nach Faſſung ringend.

Aber dann war' ihr, wie wenn mit einem Male von dieſem undurchdringlichen Geſicht vor ihr eine verſchönernde Maske geriſſen würde, ſo grinſend höhniſch ſchien die Gräfin ſie anzublicken, wäh⸗ rend dieſelbe ihre Augen mit der Hand bedeckt hielt. Sie wollte ſich von der Wahrheit dieſes Anblickes überzeugen und fuhr raſch empor. Das Talglicht flackerte heftig dech als ſie der Gräfin feſt in's Geſicht blickte, gewahrte ſie einen ſo mütterlich beſorgten Ausdruck, daß ihr ganzer Zorn wieder entwaffnet wurde und ſie ſicher annahm, ſich getäuſcht zu haben.

Vergeben Sie mir, ſprach die Gräfin leiſe,wenn ich Sie wider Willen aufgeregt haben ſollte aber ich kann Ihnen nicht mehr ſagen; laſſen Sie mich alſo abbrechen und ſchlafen Sie recht wohl. Damit entfernte ſie ſich.

Meine arme Mutter war Anfangs zweifelhaft, ob ſie nicht ſogleich aufſpringen und mit uns das Haus verlaſſen ſolle. Allein wozu konnte dieſes Weib ſich nicht möglicher Weiſe entſchließen, wenn ſie ahnte, daß meine Mutter argwöhnte? Es hätte dann leicht zu einer Scene kommen können, die bei der furchtbaren Auf⸗ regung meiner Mutter vielleicht tödtlich gewirkt. Sie entſchloß ſich daher zu bleiben aber nie, nie wieder mit der Gräfin ein Wort über ihre Verhältniſſe, ihren Verluſt zu ſprechen. Erſt gegen Morgen fand ſie ein Stündchen unruhigen Schlummers.

Wir ſtanden ſpät auf. Unterdeſſen war die Reiſetaſche mit der Wäſche im Schloſſe abgeliefert worden. Warum wir ſie nicht am Abend erhielten, erfuhren wir nicht. Die Gräſin war merk⸗ würdig einſilbig und übler Laune. Gegen Mittag endlich ſetzte ſich die Gräfin einen ungeheuren Strohhut auf, an dei wir Jungen uns ſichtlich erquickten; das war ihre ganze Toilette und mun wurde der Weg ugch Dresden angetreten, natürlich, den Principien der Gräfin gemäß, zu Fuß. Wir Knaben ſchritten mit der Gräfin und der Reiſetaſche voran, die Mutter mit der Kleinen hinterdrein, und wenn uns Leute begegneten, ſah die Mutter ſie oft ſich einander bedenklich anblicken und, auf die Gräfin deutend, fragen:Wo will denn Die mit den Kindern hin? Obſchon wir auf dieſen Tag zu Bürgermeiſter Klinger eingeladen waren, beharrte die Gräfin auf ihrer Einladung für den Mittag. Wir ſagten alſo bei Klingers ab und die Gräfin ſetzte es durch, daß Fräulein Bertha Klinger auch ihr Gaſt wurde. So kamen wir nach Stadt N...... g. Als wir dort eintrafen, verließ ein vornehm ausſehender Herr, mit Orden ꝛc., gerade das Hotel, mit dem die Gräfin einige leiſe Worte wechſelte. Später erfuhren wir, daß es der ſpaniſche Geſandte geweſen ſei.

Es war ein unheimliches Diner, das wir dort in der zwei⸗ ten Etage apart einnahmen: die Gräſin einſilbig, die Mutter ge⸗ drückt, das Fräulein ſchüchtern, wir Knaben übermüthig, Ida vom Marſche ſo ſchläfrig, daß ſie nach dem zweiten Gang ſchon einnickte und die Mutter, als die Gräfin eben im Begriff war, einen edlen Magyaren zu entkorken, ſie aus dem Zimmer führen mußte, um ſie im Ankleidezimmer auf ein Sopha zu legen. Um dahin zu gelangen, mußte man an der Treppe vorüber. Vom Fuße derſelben ließ ſich ein Wortwechſel zwiſchen einem Manne in der Amtstracht der Diener der ſächſiſchen Kammern und einem offenbar groben Kellner vernehmen, der verſtummte, ſobald die im höhern Stock geöffnete Thür wieder geſchloſſen und Stimmen laut wurden. Der Diener in der Amtstracht kam lebhaft die Treppe herauf, auf meine Mutter zu und fragte, nachdem er wahrſcheinlich ihre Trauerkleidung gemuſtert hatte:

Ich bitte um Vergebung wenn ich nicht irre, ſo ſind Sie Frau verwittwete Blum.

Ja, zu dienen.

Ich habe ein Billet an Sie, ſagte er flüſternd, als von drinnen Stimmen laut wurden,von Dr. n.

Warten Sie auf Antwort?

Wenn's Ihnen gefällig wäre.

Sie erbrach das Siegel und las:

Werthe Frau!

Sie ſind in fürchterlichen Händen! Kommen Sie ſogleich mit Ihren Kindern und Bertha K. in meine Wohnung. n. Iſt der Herr Doctor noch in der Kammer? Jetzt wird ſie geſchloſſen ſein. Ich ſoll ihm die Antwort Hauſe bringen. So ſagen Sie, ich würde in einer Viertelſtunde dort ſein. Der unterzeichnete Name war ſo bedeutend, das Gewicht ſeiner

nach

Meinung ſo beſtimmend, daß die Mutter, von allen Höflichkeits⸗

rückſichten abſehend, ſofort aufbrechen zu müſſen meinte.

Wir Knaben waren nicht wenig verwundert, als wir einem hoffnungsvollen Deſſert durch die Nachricht entriſſen wurden, daß wir Alle ſofort aufbrechen müßten, da eine ſehr dringende ernſte Nachricht eingelaufen wäre. Die Gräfin dagegen nahm dieſe Bot⸗ ſchaft mit großer Ruhe auf, als etwas längſt Erwartetes. Der Abſchied war ſehr kühl auf beiden Seiten. Fräulein Klinger ver⸗ ließ das Speiſezimmer etwas nach uns. Wir glaubten zu be⸗ merken, daß die Gräfin ſie etwas zurückhielt und ſie zuſammen flüſterten.

Anf der Straße angekommen, ſah das Fräulein ſcheu zurück und ſagte dann zu unſerer Mutter:

Das muß eine ſehr, ſehr böſe Frau ſein!

Warum denn, mein Kind?

Sie ſagte mir, wenn Sie etwas über ſie, ihre Verhältniſſe und Reden ſagen würden, ſo ſolle man Ihnen nicht glauben, denn es wäre hier oben nicht richtig mit Ihnen. Dabei legte die Gräſin den Finger an die Stirn.

Ich verſtand den Sinn dieſer Worte nicht ganz, aber der Ernſt in meiner Mutter Zügen, wie ſie die Lippen an einander preßte und in langen Zügen athmete bei dieſer Mittheilung, ließ mich ahnen, daß ſie ſich tief und ernſt gekränkt fühle.

Bei Dr. fanden wir viele Freunde des Vaters verſammelt. Man gab uns ſogleich warme Milch zu trinken, unnützerweiſe, denn vergiftet waren wir natürlich nicht. Nachdem wir Alles er⸗ zählt, was uns begegnet war, und zahlloſe Hypotheſen über die Abſichten der Gräfin mit uns aufgeſtellt worden, ging ein von den anweſenden Freunden unterzeichneter Brief nach Plauen ab, worin die Gräſin gewarnt wurde, jemals wieder ſich um uns zu bekümmern, widrigenfalls alte dunkle Geſchichten wieder hervor⸗ geſucht werden würden, die wohl zu ihrem eigenen Beſten beſſer begraben blieben, und wir haben auch nie mehr direct oder indirect ein Lebenszeichen von ihr erhalten.

Ich würde den Boden der reinen Wahrheit verlaſſen und mich auf das ſchlüpfrige Gebiet der Hypotheſe begeben, wollte ich meinen Leſern ſagen, welcher Art denn die vollen Abſichten der Gräfin mit uns und welcher Art jene alten dunkeln Geſchichten waren. Bis zu einem beſtimmten Grade freilich liegt dieſe Ab⸗ ſicht ſo klar zu Tage, daß ich keine Hypotheſe, ſondern einen ein⸗ fachen Schluß aus wahren Thatſachen ausſpreche, wenn ich ſage, daß die Gräfin die beſtimmte, vollbewußte Abſicht hatte, meine Mutter durch den Glauben, daß verwirren, mindeſtens ihre durch die Leiden der letzten Monate tief

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erſchütterte Seelenruhe von Neuem wieder in der ungeheuerlichſten,

grauſamſten Weiſe zu ſtören. Daß die Gräſin dieſe Abſicht mit voller Klarheit und mit Vorbedacht auszuführen verſuchte, das ſchließe ich aus folgender

einfachen Thatſache. Die Gräfin behauptete, daß ſie mit Windiſchgrätz

correſpondire, und ſuchte aus dieſer Behauptung meiner Mutter den ſchlagendſten Beweis zu liefern, daß ſie über meines Vaters wahres Schickſal auch am beſten orientirt ſein müſſe. Dieſe Be⸗

hauptung war nun entweder eine Lüge, und in dieſem Falle liegt

ihre Argliſt auf der Hand, oder aber wovon ich feſt überzeugt bin die Gräfin correſpondirte wirklich mit Windiſchgrätz. Ich bin deshalb dieſer Ueberzeugung, weil ich einmal keinen ver⸗ nünftigen Grund kenne, eine Behauptung ohne Weiteres für eine Lüge zu erklären, und ſodann weil die Gräfin Kielmansegge mit der zu Prag in den czechiſchen Unruhen erſchoſſenen Gattin des

Fürſten Windiſchgrätz eng befreundet geweſen iſt. Ich will auch

unſer Vater noch lebe, geiſtig zu

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