Jahrgang 
2 (1868)
Seite
25
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er ganz n Ihresgleichen erſchien. Bei einem Morgenbeſuche habe ich das einmal erfahren, zu welchem uns George Sand annahm, ob⸗ wohl ſie eben erſt aus dem Bette aufgeſtanden war. Sein Ver⸗ hältniß zu ihr war ein ſehr freundſchaftliches. Sie war Heine's frivo⸗ len Wendungen fremd, aber ſie hatte doch Achtung vor ſeinem Geiſte. Es fanden ſich zu dieſem Lever allmählich recht verſchiedene, aber lauter intereſſante Perſonen ein: der Muſiker Chopin, damals Günſtling der Sand, der Schauſpieler Boccage, ein geiſtvoller Mann, ein Rochefoncauld(Soſthène) mit Traditionsgedanken des franzö⸗ ſiſchen Adels, und endlich Lamennais. Zwiſchen ihm und der Sand gab es ein inneres Bündniß religiöſen Sinnes. Er überſah ihre ſinnlichen Bedürfniſſe, ſie überſah ſeine kirchlichen Anknüpfungen und Wünſche. Das ehrliche, religiöſe Herz war ihnen gemein⸗ ſchaftlich, ihr beiderſeitiges Verhältniß zu Heine war der freie Geiſt, welchen ihm Beide zutrauten und welchen Heine an jenem Morgen gegen Lamennais faſt mißbrauchte zu meinem Er⸗ ſtaunen mißbrauchen konnte, denn es gehörte dazu eine volle Beherrſchung der franzöſiſchen Sprache. Er hatte mir zugeflüſtert, daß Lamennais einmal nahe daran geweſen, Papſt werden zu können, und daß es den geſellig ſchüchternen Mann in Verlegenheit ſetzen werde, wenn das Geſpräch nach dieſer Richtung hin geleitet würde. Dies that Heine, und zwar in den mannigfaltigſten ſarkaſtiſchſten Wendungen. An jenem Morgen ſprach er franzöſiſch, wie ich es nie wieder von ihm gehört; ein Beweis, wie ſehr er Menſch der Stimmung war und wie viel Vorbereitetes in ihm zerſtreut lag, was bei erhöhter Stimmung zu einer mächtigen Wirkung geſammelt werden konnte.

Im Grunde wax es mit ſeiner deutſchen Rede nicht viel anders. Kopfweh war ſeine immer wiederkehrende Noth. Er glich oft einer hyſteriſchen Frau, die ewige Kriſen in Migräne durchmacht. Da ſprach er dann abgebrochen und wüſt, die Sätze

nur halb fertig, die nothwendigſten Worte oft mühſam ſuchend. Man meinte, eine verdrießliche Unfähigkeit vor ſich zu haben. Hunderten von deutſchen Beſuchern hat er damit den widerwär⸗ tigſten Eindruck gemacht, denn Geringſchätzung Anderer, Ungezogen⸗ heit vielfältigſter Art fehlten ſelten dabei; wohl aber fehlte Alles,

was man human nennt. Und derſelbe Menſch war in der nächſten Stunde ein ganz anderer. Körperlich wohler und gut angeregt von den Gegenſtänden des Geſprächs, oder auch nux von den Sprechenden, denen er ſchmeicheln oder die er bekämpfen wollte, entwickelte er eine Suada voll Inhalt, Raſchheit und Lebendigkeit.

Seine Stimme war Tenor, weich und angenehm, wenn er guter Laune war. Er konnte dann fein ſchmeicheln und ſo liebens⸗ würdig ſein, wie er's mit Franzoſen war, auch mit denen, die ihm gleichgültig waren. Sein Auge war nicht groß, aber ſehr fein. Es ſchloß ſich auch noch zur Hälfte, wenn ſein Antlitz in Bewegung gerieth. Trotzdem war es ſehr beredt, und beſonders für alles Schalkhafte und Schlimme äußerſt hülfreich. Ebenſo ſein Mund, welcher die abwechſelnden Stimmungen treulich begleitete. Er ſpielte eine große Rolle im Geſicht, da Heine immer ſauber und vollſtändig raſirt war. Ich habe ihn nie mit einem Barte geſehen. Sein länglich volles Geſicht war von zartem Teint und wohlgefärbt, das weiche Haar blondbraun, die Naſe leicht gebogen und gut geformt, Stirn und Kinn kräftig. Der ganze Kopf, reich ausgebildet, trat Einem entgegen wie der Kopf eines ſinnlichen Weltgeiſtlichen, oder auch wie der eines hinterhaltigen Diplomaten, welcher geneigt iſt, die wichtigſten Dinge raſch und beiläufig ab⸗ zufertigen. Dieſer Kopf ſaß auf einem kurzen Halſe und auf einem mittelgroßen Körper, welcher wohlgenährt, ganz ohne Taille und von weißem, ſchönem Fleiſche war. Seine Hände namentlich waren weiß und fleiſchig. Nichts an ihm vielleicht der etwas platte Fuß ausgenommen erinnerte an den Typus der jüdi⸗ ſchen Race. nachläſſigte, und trug feine Wäſche. Bewegungen etwas Weiches und Geſchmeidiges, ſo daß man auf den Gedanken kam, er habe viel mit Frauen verkehrt. Das war denn auch ſo. Eine große ſinnliche Reizbarkeit hat ihn durch's ganze Leben begleitet, und ihr hat er nachgegeben bis zur Schwäche, bis zur Schwächung ſeines Lebensmarks. Die grimmige Krank⸗ heit, welche ſchon 1846 begann und ihn ein ganzes Jahrzehnt zu Tode gepeinigt hat, iſt von einer Beſchädigung des Rückenmarks ausgegangen und hat keine Heilung zugelaſſen.

1839 und 1840, die Zeit, während welcher ich faſt ein Jahr perſönlich mit ihm verkehrt, war noch frei von jeder ſchweren

Ueberhaupt war in ſeinen

Er erſchien immer ſauber, auch wenn er ſich ver⸗

körperlichen Sorge. Er war glücklich und heiter, ſoweit er dies eben ſein konnte bei einem Weſen, welches für ſeine Sicherheit und ſeinen Ruhm Tag und Nacht ſorgen zu müſſen glaubte, welches der Mehrzahl gebildeter Menſchen ſchlechte Abſichten und tief angelegte Intriguen zutraute. Er hatte etwas von einem Raubthier, das ununterbrochen auf der Hut iſt, und hierin am meiſten zeigte ſich ſeine Herkunft von einem verfolgten Geſchlechte. Wenn ich ihn mahnte, dieſe Unruhe doch endlich einmal aufzu⸗ geben, dann rief er halb grimmig, halb komiſch:Wie kann ich aus meiner Haut, die aus Paläſtina ſtammt, und welche von den Chriſten gegerbt wird ſeit achtzehnhundert Jahren! Das Tauf⸗ waſſer von Langenſalza hat daran nichts verbeſſert, und der Aus⸗ druck ‚ewiger Jude hat tauſendfache Bedeutung!

Um dieſe Zeit 1839 hatte er ein Liebesverhältniß zu einem Eheverhältniſſe erhoben. Das heißt im Pariſer Sinne, welcher dazu weder Zeugen noch Autoritäten in Anſpruch nimmt und trotz dieſer fehlenden Beſtätigung zu den Pflichten der Mo⸗ nogamie ſich bekennt. Er ſtellte ein junges, ſtattliches Mädchen als ſeine junge Frau vor. Sie war eine volle Figur mit heiterem runden Antlitz und von angenehmem Weſen. Heine hatte die größte Freude an ihrem naiven fröhlichen Naturell und hat dieſe Freude an ihr nie verloren. Stets, bis zu ſeinem letzten Athem⸗ zuge, hat er ſich glücklich geprieſen in ihrem Beſitze, und er ſelbſt hatte immer etwas Naives und Kindliches, wenn er von ihr er⸗ zählte und ſie ſchilderte. In keinem andern Verhältniſſe habe ich ihn ſo viel kleine liebenswürdige Züge und Wendungen enthüllen ſehen, welche aus ſeinen beſten Gedichten mit Kindesaugen hervor⸗ blicken.

Er war durchaus lieb und gut und fein und liebenswürdig mit ſeiner ſogenanntenkleinen Frau. Daß ſie nichts von ſeinen Schriften verſtand, war für ihn ein Triumph.Sie liebt mich perſönlichſt, und die Kritik hat dabei gar nichts zu thun! rief er vergnügt. In der That war das ſehr drollig, wenn ſie fragte, ob es denn wahr wäre, daß ihr Henri ein berühmter Dichter ſei? Sie fand das ſehr anmuthig und wollte mit der Zeit auch Deutſch lernen. Ich erinnere mich nicht, daß ihr dieſe Zeit gekommen wäre. Heine war aber doch darauf bedacht, ſie auch ſyſtematiſch in Kenntniſſen und Bildung weiter zu bringen: er gab ſie in ein Penſionat und beſuchte ſie nur Sonntags. Eines Sonntags nahm er uns mit. Die jungen Penſionärinnen hätten einen kleinen Ball, und wir ſollten ſeinekleine Frau tanzen ſehen. Sie war bei Weitem die größte unter allen, tanzte aber zum Entzücken ihres Mannes mädchenhaft und graziös, wie der kleinſte Backfiſch. Wie glücklich war er damals, wie unbefangen im Zauberkreiſe der Nei⸗ gung! Jede Stufe der fortſchreitenden Schulbildung gab ihm Stoff zu luſtigen Betrachtungen, beſonders in Geographie und Ge⸗ ſchichte. Daß ſie die Reihe der ägyptiſchen Könige jetzt beſſer aus⸗ wendig wußte, als er ſelbſt, und daß ſie ihn belehrt habe über den wunderlichen Vorfall mit der wolleſpinnenden Lucretia, das fand er reizend über die Maßen.

In ſo behaglicher Epoche ſeines Lebens hatte er das pole⸗ miſche Buch über Börne geſchrieben, treu ſeiner innerſten Natur, immer auf dem Kriegsfuße zu bleiben und für jede Stunde ſich eines ſiegreichen Feldzugs fähig zu erweiſen. Lächelnd gab er mir das Manuſcript und war ſehr erſtaunt ob meiner Beſtürzung. Ich war aus tauſend Gründen dagegen. Zunächſt aus ſtrategiſchen im Sinne der liberalen Operationsarmee. Wozu dieſen Zwieſpalt der liberalen Kräfte enthüllen und erweitern?! Ganz ohne Noth und Zwang. Alsdann aus literariſchen Gründen. Ich ſuchte ihm auseinander zu ſetzen, wie tief der Unterſchied ſei zwiſchen ihm und Börne, der Unterſchied der Aufgaben und Fähigkeiten; daß Börne einen Parteikampf zu führen gehabt und mit ſcharfem Talente, mit unleugbarer Bravour geführt; daß Heine dagegen größere Fähigkeiten, größere Aufgaben zu löſen habe. Das Schick⸗ ſal des Menſchen, nicht blos das Schickſal des Staatsbürgers, ſei ihm überantwortet für ſein Talent und ſeinen Geiſt. Heine ver⸗ leugne ſeinen weiteren Beruf, wenn er ohne dringende Nöthigung ein Duell aufführe wegen perſönlicher Differenzen in untergeord⸗ neten Dingen.

Es war umſonſt. Der Trieb nach perſöulicher Rache, oder wenigſtens nach perſönlicher Genugthuung, war zu ſtark in Heines Naturell.Aug' um Auge, Zahn um Zahn, war jüdiſch⸗bibliſch tief eingeprägt in ſein Weſen.Nun denn, ſchloß ich nach tagelangen Debatten,wenn Du alſo dem Gelüſte abſolut nicht