Ruinen von kleinen Holzhütten mit verſchiedenen Gräbern davor, auch offen im Schnee bleichende Menſchen⸗ und Thiergebeine fand. Aber trotz dieſer Menſchenopfer erhielt ſich die Compagnie über vierzig Jahre lang, da der Gewinn aus den erlegten Pelz⸗ und Fettthieren ein ſehr beträchtlicher war, bis endlich doch das ganze Unternehmen im Winter 1851 bis 1852 mit einem furchtbaren Trauerſpiele ſchloß.. 3
Während des Sommers vorher hatte ſich eine ungeheure Maſſe von
ſchwerem Treibeiſe um die ganze Hvalfiskeſpitze und die ſüdliche Küſte in
Oſtſpitzbergen feſtgeſtaut. Die Leute der ruſſiſchen Compagnie hatten ſich von ihren verſchiedenen Poſten her im Hauptguartiere geſammelt und warte⸗ ten vergebens auf das jährliche Erlöſungsſchiff von Archangel. Dieſes war auf dem Wege ſpurlos verſchwunden. Das Eis weit umher hielt alle anderen Schiffe während des Sommers ab, nahe zu kommen. Erſt zu Ende des Auguſt ſtrandeten Norweger hier und ſuchten an den Geſtaden entlang nach ruſſiſchen Coloniſten. Sie entdeckten wohl eine Hütte nach der andern, allein alle ehemaligen Einwohner derſelben fanden ſie todt und vor ihren Hütten begraben. Vor dem Hauptquartiere ſahen ſie vierzehn friſche Gräber in einer Neihe vor dem Holzhauſe, und die anderen Männer lagen inner⸗ halb ebenfalls todt, einige auf dem Flure, einer noch im Bett. Letzterer war der Vorſteher geweſen, wie ſich aus dem neben ihm liegenden Tage⸗ buche ergab. Es enthielt in furchtbarer nüchterner Proſa die Tragödie ihrer Leiden und ihres Endes.
Schon mit Anfange des Jahres hatte ſich ein anſteckender Scorbut unter den Leuten eingefunden, woran viele in ihren verſchiedenen Stationen geſtorben waren. Die Ueberlebenden hatten ſich endlich nach dem Hauptquartier geſchleppt und gehofft, durch das Schiff von Archangel bald erlöſt und befreit zu werden. Da ſich dieſe Hoffnung von Tag zu Tag, von Woche auf Woche als vergebens erwies, wurden ihre Lebensvorräthe bald erſchöpft, ſo daß ſie zum Theil vom Scorbut, zum Theil von den Qualen des Hungers allmählich hinſtarben und ſo lange begraben wurden, wie die Ueberlebenden Kraf dazu beſaßen. Endlich blieben nur noch vier übrig. Die erſten Zwei davon, welche ſtarben, konnten von den anderen Beiden ſchon nicht mehr begraben werden; ſie blieben, vor die Hütte geſchleppt, offen liegen. Die beiden Letzten legten ſich zuſammen in's Bett und erwarteten hier ihr Schickſal; der Eine war nach ſeinem Tode von dem Letzten, dem Vorſteher und Schreiber des Tagebuches, eben nur noch aus dem Bett gedrängt worden, worauf auch dieſer bald ſeinen Geiſt aus dem ausgehungerten Körper aufgab. Dies war wenige Tage vor Ankunft der Norweger geſchehen.
Die Ruſſen beſaßen ein großes Galeeren⸗ und mehrere kleine Boote am Ufer im Hafen, aber das Eis hatte jeden Gebrauch derſelben nach dem Meere verhindert, und als es gebrochen war, fanden ſich die Ueber⸗ lebenden bereits zu ſchwach und ohne Mittel, auf den Fahrzeugen ihre Rettung zu verſuchen. Die ſchiffbrüchigen Norweger benutzten nun das Galeeren⸗ ſchiff, um nach Hammerfeſt, der nördlichſten Stadt in Europa, zu ent⸗ kommen. Sie brachten das Tagebuch des letzten Ruſſen auf Spitzbergen mit, das vom ruſſiſchen Conſul in Empfang genommen und nach Archangel geſchickt ward. Von da erfuhr die Welt nach und nach von dem ſchrecklichen Schickſale und Ende der ruſſiſchen Jäger auf Spitzbergen..
Seit der Zeit hat Niemand wieder den Muth gehabt, einen Winter in dieſer furchtbaren Eiswildniß zuzubringen, oder nur Anderen zugemuthet, es zu verſuchen. Die deutſchen Helden der Wiſſenſchaft, welche ſich jetzt zutrauen, es wieder mit dieſem Feinde aufzunehmen, werden daher, kommt die von Peter⸗ mann angeregte Nordpolexpedition ſpäter wirklich noch zu Stande, Urſache
haben, ſich nicht nur gegen alle unvermeidlichen und ſicher neun Monate ausharrenden tödtlichſten Gewalten des arktiſchen Winters doppelt und dreifach auszurüſten, ſondern auch daran zu denken, daß ein Heer von Eisbergen die Küſten ringsum den ganzen Sommer hindurch gegen jede Annäherung eines befreienden Segel hartnäckig verſchließen könne.
Seltſame Geburtsſtätte. Ich bin genau Hefreuddeeit der Gräfin M., einer liebenswürdigen jungen Frau, die leider kinderlostiſt und ihre ganze etwas überſchwängliche Zärtlichkeit auf eine Menge kleiner geflügelter Sänger
übertragen hat, welche in großen Volièren in ihren Zimmern herumflattern.
Als ich dieſelbe neulich beſuchte, fand ich ſie unten auf der Treppe ſtehend, bemüht, einen ſtattlichen, buntglänzenden Hahn, der ſich mit aller Gewalt und Liſt dagegen ſträubte, zur Thür hinaus zu ſcheuchen. Das prachtvolle Thier wies muthig alle Angriffe der Gräfin mit hochgeſchwungenen Flügeln und trotzigem Kollern zurück, während es ſein kluges Auge nicht einen Augenblick von ſeiner Widerſacherin abwandte. Ich ſah erſtaunt und
lächelnd bald die hübſche Frau, bald den ſtreitbaren Vogel an, indem ich der erſteren aber zu Hülfe kommen wollte, wehrte ſie mir und wies mich mit der Bitte zurück, ihrem beſten Freunde ja nichts zu Leide zu thun. Als der Hahn nach manchen Bemühungen endlich ſich doch bequemt hatte, auf den Hof zurückzukehren, erzählte mir die Gräfin folgende Geſchichte über denſelben.
„Ich habe ein paar Lachtauben, die ich zärtlich liebe. Im vorigen Jahre hatten dieſe ein Ei, welches der Täuberich leider zertrat. Die arme Taube war darüber ſo betrübt, daß ich ihr aus Mitleiden ein Hühnerei unterlegte. Tag und Nacht ſaß die Getröſtete nun frohen Muthes auf dem Neſte und brütete emſig wie vorher; da nun aber bekanntlich die Tauben eine kürzere Brütezeit haben, als die Hühner, ſo verließ die Taube, ihrem⸗ Naturtriebe folgend, das Ei, als die gewöhnliche Zeit um war.
Es dauerte mich, das junge Leben in demſelben grauſam zu Grunde gehen zu ſehen, und ich beſchloß daher, zu verſuchen, ob ich daſſelbe nicht ſelbſt ausbrüten könnte Gedacht, gethan. Ueber acht Tage trug ich daſſelbe unter meiner Achſelhöhle mit mir umher, es erwärmend und ängſtlich be⸗ hütend; kaum gönnte ich mir den nöthigſten Schlaf, aus Furcht, das Ei zu zerdrücken, und ſiehe da,— denken Sie ſich meine Freude— nach Verlauf
einer Woche fühlte ich Leben in der zarten Hülle— das gelbe Küchelchen pickte ſich an das Tageslicht hervor!
Sie würden mich auslachen, Sie Spötter, wollte ich Ihnen ſchildern, was ich empfand, wie ich mich über das kleine, zarte Weſen freute, dem ich gewiſſermaßen das Leben gegeben hatte, das meinem alleinigen Schutze an⸗ vertraut war; ſorgfältig packte ich daſſelbe in ein Käſtchen mit Watte und Federn und pflegte und fütterte es. Zu meinem Bedauern aber fing nach wenigen Tagen ſchon das Thierchen zu kränkeln an. Es wurde matt und matter, und ſo blieb mir nichts weiter übrig, als es wieder an ſeiner alten Stelle in Penſion zu geben. Das half. Der Hahn gedieh, wuchs heran und ward ſchön und groß; dabei iſt er dankbar und iſt mir treu ergeben. Schon von ferne erkennt er meine Schritte, meine Stinnne. Mit geſchwunge⸗ nen Flügeln und freudigem Krähen begrüßt er mich ſchon von Weitem und läuft mir nach wie ein Hund. 3
Täglich beſucht er mich in meinen Zimmern; er kräht und ſcharrt ſo
lange vor der Thür, bis ich ihn einlaſſe und ihm ſeine gewohnten Lecker⸗
biſſen reiche, aber beſonders eigenthümlich iſt es, daß das dankbare und kluge Thier nirgends lieber ſitzt, als auf meiner Achſel, der Stätte ſeiner Geburt. Und nun lachen Sie, mein Herr, ſo viel Sie wollen, über meine zärtlichen Gefühle gegen meinen Schützling,— was wollen Sie— bin ich nicht ſeine Mama, habe ich ihn nicht ſelbſt ausgebrütet?“ H. H.
Bonapartiſtin und Legitimiſtin. Julie Récamier, die ſeltene Frau, die durch ihre Schönheit wie durch ihre Tugend ſo berühmt war, traf im Jahre 1821 in Rom mit der reizenden Königin Hortenſe zu⸗ ſammen. Beide Frauen kannten ſich ſchon in Frankreich zur Zeit des höchſten Glanzes Napoleon's des Erſten, in Rom aber durften ſie nicht mit einander umgehen, weil die Bourbonen wieder allmächtig waren und Julie Récamier fürchten mußte, ſich und ihre Freunde, zu denen Chateau⸗ briand und der Herzog von Montmorency gehörten, aus der Gunſt derſelben zu verdrängen, wenn ſie mit einer„Bonaparte“ verkehrte. Die beiden ſchönen Frauen liebten ſich jedoch aufrichtig, und namentlich wollte die edle Récamier der geſtürzten Königin nicht den Troſt ihres Umgangs entziehen; ſie verabredeten deshalb heimliche Zuſammenkünfte wie ein Liebespaar. Bald trafen ſie ſich tief verſchleiert in irgend einer Kirche, bald im Coliſeum oder in einer Gemäldegalerie. Einmal aber gingen Beide ganz gleich ge⸗ kleidet, in einem Domino von weißem Atlas mit Roſen bekränzt, auf einen Maskenball und machten ſich das Vergnügen, fortwährend ver⸗ wechſelt zu werden. Der ſtrenglegitimiſtiſche franzöſiſche Geſandte war der Cavalier der ſchönen Récamier, Jerome, Exkönig von Weſtphalen, der von Hortenſe. Ohne daß beide Herren es merkten, hatten die Damen ihre Rollen getauſcht und der Geſandte führte die Königin am Arm, Jerome die Récamier, wobei die Unterhaltung die pikanteſten Wendungen annahm. Die Verwechſelten erregten jedoch den Zorn des düpirten Diplomaten und mußten in Folge deſſen ihren unſchuldigen heimlichen Umgang aufgeben. Später hat die Königin Hortenſe, die den Glanz ihres Sohnes nicht er⸗ lebte, der Récamier den Spitzenſchleier in ihrem Teſtamente vermacht, welchen ſie bei den Zuſammenkünften in Rom trug.— v.—
Karl Vogt, der berühmte Naturforſcher und unſer hochgeſchätzter Mitarbeiter, hat nun auch hier in Leipzig eine Reihe von Vorleſungen be⸗ onnen, die ſich mit dem von den ÜUltramontanen in Aachen ſo brutal befeindeten, hoch intereſſanten Thema, der Urgeſchichte des Menſchen, be⸗ ſchäftigen. Es hieße mehr als Eulen nach Athen tragen, wollten wir über den Werth dieſer Vorleſungen, ihren gediegenen Inhalt wie über. ihre geiſtvolle Form und den hinreißenden Vortrag nur ein Wort heifügen; wir ſehen voraus, daß auch hier ſich ereignet, was in Köln und Elberfeld und anderswo eintrat, wo ſchon nach der dritten und vierten Vorleſung auch die weiteſten Säle des Ortes nicht mehr ausreichten, die Zahl der Beſucher zu faſſen.
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Kleiner Briefkaſten. 3— G. B. in St. P... g. Die heutige Nummer unſeres Blattes er⸗ füllt Ihren Wunſch und die Wünſche ſehr vieler Abonnenten der Gartenlaube: ſie bringt Ihnen das lebenswahre Portrait von E. Marlitt. Wollen Sie ein ſolches aber zugleich Ihrem Album einverleiben, ſo nehmen Sie gefällig Noti Preih von 5 Ngr.— ebenfalls von Herrn Chr. Beitz in Arnſtadt ange⸗ fertigt worden ſind. Die Verlagshandlung der Gartenlaube iſt ſehr gern erbötig, ihr direct oder im Wege des Buchhandels zugehende Beſtellungen auf dies Portrait auszuführen.— Dagegen ſind wir leider für jetzt noch
nicht in den Stand geſetzt, die Lebensſchickſale der hochbegabten Schriftſtellerin
unſeren Leſern zu erzählen.
R. T. in M. In der neuen Novelle von Levin Schücking „Der Schatz des Kurfürſten“ haben Sie durchaus kein Werk der bloßen Fiction vor ſich, vielmehr ſind die in der Novelle auftretenden Hauptper⸗ ſonen, Inſpector Steitz(nicht Seitz gedruckt), Lieutenant Menſing ꝛc., wirklich geſchichtliche Perſönlichkeiten, ebenſo wie der Autor die hinſichtlich des kurfürſtlichen Schatzes erzählten Einzelheiten und Epiſoden genau der Wahrheit gemäß becichtet hat.
Mrs. E. C. in Dublin. Ihr Brief an Frau Dr. Beta in Berlin, jetzt Hirſchelſtraße 35, in Betreff ihres Penſionates für junge Damen iſt wahr⸗ ſcheinlich wegen des Umzugs der Genannten nicht an ſeine Adreſſe gelangt. Wir bemerken bei dieſer Gelegenheit, daß alle Aufragen, die in Folge einer früheren Notiz in der Gartenlaube über dieſes Penſionat an uns ergangen ſind und noch kommen könnten, am kürzeſten an Frau Dr. Beta ſelbſt gerichtet
werden und daß in der Familie unſeres alten Mitarbeiters beſonders gün⸗
ſtige Gelegenheit für geſunde, tüchtige Ausbildung geboten wird.
Inhalt: Der Schatz des⸗Kurfürſten. Hiſtoriſche Erzählung von Levin Schücking. „Goldelſe“ und„das Geheimniß der alten Mamſell“.— Ein denkwürdiger Beſuch. Fragment
Erinnerungen an Heinrich Heine. Von Heinrich Laube.
Legitimiſtin.— Karl Vogt.— Kleiner Briefkaſten.
G rungen. II.— Drei unvergeßliche Herbſttage. einem Mitjubilar. Mit Abbildung.— Blätter und Blüthen: Deutſche Wiſſenſchaft auf Spitzbergen.— Seltſame Geburtsſtätte.— Bonapartiſtin und
(Fortſetzung.)— Das Portrait der Verfaſſerin von aus unſern Familienpapieren. 3 3 Erinnerungen an das Wartburgfeſt⸗Jubiläum von
davon, daß photographiſche Bildniſſe im Viſitenkartenformat— zum
„wie in einigen Exemplaren irrthümlich
Von Hans Blum.—
b
Verantwortlicher Redacteur Ernſt Keil in Leipzig.— Verlag von
Ernſt Keil in Leipzig. Druck von Alexander Wiede in Leipzig.
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