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Berg hinabzog. Unſer verſpäteter Wagen folgte der von Muſik geführten, hellleuchtenden, ſingenden, jubelnden und volkumwogten Schaar, wir ſtimmten in ihr Hoch ein vor jedem feſtlich erleuch⸗ teten Hauſe in den Straßen Eiſenachs und labten uns an dem prächtigen ächten Studentenbilde, als Alt und Jung in mächtigem Kreiſe auf dem Markte zum Schlägerklirren das„Gaudeamus“ ſang und endlich alle Fackeln in hohen Bogen auf einen Haufen flogen, während bengaliſche Flammen die Häuſer⸗ und Menſchen⸗ gruppen mit bunter Pracht beſtrahlten und von draußen der Donner von Böllern und allerlei Schießgeräth herein grüßte.
Die ſo einfach und beſcheiden angelegte Feier war zum Volksfeſt geworden, deſſen Freude die ganze Stadt erfüllte und von der Wartburg in das Herz Deutſchlands, in das Thüringer Land hinaus leuchtete.
Nach kurzer Raſt und Stärkung im Rautenkranz im Kreiſe manches lieben Genoſſen, wo wir auch dem wackern Oberbürger⸗ meiſter von Eiſenach, Röſe, unſererſeits den Dank ausſprechen konnten für die edle Weiſe, in welcher er unſer Feſt unterſtützte, er, der treue Sachſenſenior, mit unſeren Burſchenfarben ſein Rath⸗ haus geſchmückt und das Holz zu unſrem Feſtfeuer auf Stadt⸗ koſten beſorgt hatte, eilten wir zum letzten Feſtwerk des Tags, zum Commers. Die Beſchreibung des Commerſes überlaſſe ich ebenfalls unſerm Freund Keil; er wird auch die ſchönſte Zierde deſſelben, die Feſtjungfrauen, nicht vergeſſen.
In dieſen Augenblicken gehobenſter Stimmung konnte nichts uns willkommener ſein, als die Grüße, die aus jedem Theile unſeres dreigetheilten Vaterlands von treu im Geiſte mit uns feiernden Männern und Jünglingen uns telegraphiſch zugerufen wurden und deren jeder neuen Jubel in der Verſammlung anfachte. Der erſte kam vom Rechtsanwalt Beck in Lindau am Bodenſee.
Aus München rief ein Wartburgs⸗Jubilar, Oberappellations⸗Rath v. Tucher, uns Alten zu:„Gruß den Brüdern, welchen, was begeiſterter Jugendmuth erkannt, fünfzig Jahre unverrücktes Ziel geeblieben. Gott ſegne unſer theures geliebtes Vaterland und V wohne unter uns! Pereat den äußeren und inneren Feinden, die
es hindern, daß es endlich werde in rechter Herrlichkeit ein einiges freies Deutſchland. Es lebe dreimal hoch!“ Aus Lübeck, aus Graz in Steiermarck, aus Königsberg in Preußen, aus Heidel⸗ berg, Hanau, Braunſchweig, Wien ꝛc. feierten Einzelne und Ver⸗ bindungen mit uns den Burſchenſchaftsgedanken des einen und einigen Deutſchlands. Zwiſchen den Telegrammen theilte Robert Keil uns an das Feſtcomité eingegangene Zuſchriften von jetzt ſehnſüchtig nach uns Herblickenden mit, vor Allem von Riemann, dem Wartburgredner von 1817, der es bitter beklagte, daß es ihm nicht vergönnt ſei, uns Reſt der Alten noch einmal zu ſehen. — Ein anderer Wartburg⸗Jubilar, J.-W. Gründler, ſchrieb von
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Zwar iſt dieſer kühne Plan, zu deſſen Ausführung ungewöhn⸗ das bedeutendſte Kriegsmaterial gegen die dort des Winterkönigs und wahrhafte Helden Verhältniſſe wieder aufgegeben
wintern? liche Vorbereitungen, unbarmherzig herrſchende Macht gehören, vorläufig durch die Ungunſt der niſ ede e worden, allein doch wohl nur vertagt, denn das wiſſenſchaftliche Intereſſe, das ſich an ihn knüpft, iſt ja kein blos momentanes. Darum dürfte es am Orte ſein, Einiges von den früheren Ueberwinterungsverſuchen auf Spitzbergen zu berichten. Ein Winter auf Spitzbergen bleibt immer ein gar gewagtes Unternehmen, welchem enopf
worden ſind, ſo daß man es nach den verſchiedenſten und hartnäckig fortgeſetzten, doch vergeblichen Verſuchen, dort während des
auf Spitzbergen überwintern könne. Gleichwohl erſ bleibenden Niederlaſſung ſo groß, Regierung die Erlaubniß auswirkte, zum anzuſiedeln und ſie für einen die Macht deſſelben auszurüſten.
Tode verurtheilte
Sie wurden denn auch wirklich hin
ſehen.
blickten, umklammerten ſie die Kniee des ten mit herzzerreißenden Tönen, daß ſie ſtatt hier vor Kälte ſterben wollten. Der die Compagnie erwirkte für ſie Begnadigung.
Kurz darauf machten Ru unfreiwilligen Verſuch, auf Spitzbergen zu überwintern. Sie ſich hierher gerettet und beſaßen außer ihren Kleidern nur ein und Pulvervorrath für etwaige Schüſſe. e dem Winter aufzunehmen. Sie bauten eine Hütte,
lieber in England
ſchon viele Menſchenopfer gebracht
Winters mit der Macht des Feuers und der Civiliſation gegen die abſolute Herrſchaft des Eiſes und des Schnees zu kämpfen, lange Zeit für ganz unmöglich hielt, daß irgend ein menſchliches Weſen g ſchienen die Vortheile einer daß eine engliſche Compagnie ſich von der Verbrecher dort Winter mit allen möglichen Mitteln gegen
übergebracht und mit Haus, Lebensmitteln und Brennmaterial reichlich ver⸗ Aber als der Capitain ſich zur Abreiſe rüſtete und die armen Sünder im heulenden Sturme auf die furchtbaren Eisberge hinter ihnen Schiffsbefehlshabers und jammer⸗ am Galgen, Capitän ließ ſich erweichen und
vier deshalb berühmt gewordene Ruſſen den hatten
Gewehr Doch entſchloſſen ſie ſich, es mit ſchoſſen einige Renn⸗
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Deutſche Wiſſenſchaft auf Spitzbergen. Auf Spitzbergen über⸗
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Heidenheim am Hohen Kamm in Baiern, daß er neununddreißig Jahre lang den 18. October gefeiert habe auf ſeinen einſamen Berg⸗ werken in den Wäldern Mexicos, wie mitten unter den Kaffeebäu⸗ men und Zuckerfeldern, an den glühend heißen Ufern des Montezuma, wie auf der Grenze ewigen Schnees, und heute rufe er aus den Buchenwäldern ſeiner Heimathberge uns Alten ſein Glückauf zu!— Vom Reichstag des Norddeutſchen Bundes riefen zwei Jubilare, Lette und Bernhardi aus Heſſen, uns zu:„Was wir in der Ju⸗ gend erſtrebt, beginnt ſich zu erfüllen im Alter!“
Wohlthätige Ruheminuten gewährte der treffliche Geſang einer Eiſenacher Liedertafel, bis endlich der Gipfelpunkt jeder Commers⸗ freude winkte: der„Landesvater“, bei welchem unſere Feſtjung⸗ frauen bewieſen, daß ein deutſches Mädchen ſelbſt Klinge und Pokal mit Anmuth zu führen weiß und wie vaterländiſche Begeiſterung das Weib ſo hoch erhebt. 2
Es war längſt Mitternacht vorüber, als die meiſten von uns Alten der jüngeren Generation das Feld der Feſtfreude allein über⸗
ließen; aber es dauerte lange, bis wir von der Thür des Saales
uns trennen konnten: der Blick war zu labend auf dieſe von den Wogen des edelſten Jubels getragenen Schaaren,— und der Blick war zu wehmüthig, weihs der letzte war auf einen ſolchen Jubel.
Am Morgen des Neunzehnten, es war ein wochenmarktbelebter Sonnabend, kamen die Feſtgenoſſen noch einmal im Erholungs⸗ ſaale zuſammen, wir Alten, um noch ein paar letzte Worte an einander und an die jüngeren Feſtgenoſſen zu richten und dann zu ſcheiden. Heute trieb das erregte Herz Manchen auf die Rednerbühne, der ſie bisher Anderen überlaſſen hatte. Vor Allen ließ Loholm hier das noch immer jugendhelle Feuer ſeiner kampf⸗ erprobten Seele aufleuchten und erſchütterte Alt und Jung. Doch auch der Humor brach ſich Bahn. Klopfleiſch eitirte ihn durch ſeine Mittheilungen aus Oken's Iſis über das erſte Wartburgfeſt, und als ſich gar ein Zeuge jener Zeit und ganz abſonderlicher Feſtjubilar in dem alten Tambour der anweſenden Muſik vor⸗ fand, der vor fünfzig Jahren beim Feſtzug die Trommel ge⸗ ſchlagen, ſo gab dies ſogar Anlaß zu einem nochmaligen freu⸗ digen Hoch. Die herbeigekommene Scheideſtunde, die Abfahrt der meiſten Alten mit den Mittags⸗Bahnzügen, gebot ein plötzliches „Ende“. Wir Greiſe ſahen uns zum letzten Mal in die Augen, ſchloſſen uns zum letzten Mal in die Arme. Thränen rannen auf alte und junge Wangen, als Loholm's letzter Wunſch an ſeinen Buſenfreund laut wurde:„Wenn Du meinen Tod erfährſt, ſo halte mir in Deiner Familie ein ſtilles Trauergedächtniß; ſtirbſt
Du vor mir, ſo will ich für Dich daſſelbe thun.“—„Lebt wohl — lebt wohl auf immer!“—„Wiederſehen dort in der ewigen Wartburg!“
glätter und Blüthen.
thiere mit ihrem Gewehr und dann anderes Wild mit Pfeil und Bogen, die ſie ſich aus Treibholz und Harpunen gemacht hatten. Vögel und Füchſe wur⸗ den in Fallen und mit Netzen gefangen. Auf dieſe Weiſe gewannen ſie nicht nur Lebensmittel und warme Felle zur Kleidung, ſondern auch Waffen gegen die Angriffe unzähliger Eisbären So gelang es ihnen, ſich ſechs Jahre lang nicht nur am Leben, ſondern auch geſund zu erhalten und zwar auf dem verlaſſenſten und troſtloſeſten Theile der Inſel. Im ſechſten Jahre ſtarb einer von ihnen und die anderen Drei verfielen endlich in Verzweife⸗ lung, aus welcher ſie noch zu rechter Zeit durch ein zufällig nahendes Schiff erlöſt wurden. Während ihrer langen Verbannung hatten dieſe armen Robinſons ſo viele Bären, Rennthiere, Seehunde und koſtbare Füchſe ge⸗ tödtet, daß der Ertrag von Fellen und Thran ſie zu wohlhabenden Leuten erhob. Dieſe reiche Ausbeute bewog eine Anzahl von Speculanten, in Archangel eine Compagnie zu bilden, um die Reichthümer der Inſel durch Erlegung von Seehunden, Walroſſen, Rennthieren und Polarbären zu Gelde zu machen. Zu dieſem Zwecke rüſteten ſie eine Anzahl von unternehmenden Männern und Jägern aus und coloniſirten ſie in Gruppen von zwei bis fünf Mann auf verſchiedenen Küſten und Nebeninſeln Spitzbergens. Dieſe Coloniſten ſtanden unter einem Oberaufſeher mit dem Hauptquartiere auf der Spitze von Hvalfiske, wo die verſchiedenen Jäger jährlich die von ihnen erbeuteten Felle und Thranvorräthe abliefern mußten. Im Mai jedes Jah⸗ res ſchickte die Compagnie ein Schiff mit neuen Vorräthen und Mannſchaf⸗ ten hinüber und löſte die dort überwinterten Coloniſten ab, denn zwei Winter hinter einander hielt es Niemand ſo leicht aus, ſo daß ſie immer nur einen um den andern dort zu verleben vermochten. Im Jahre 1858 lebte noch zu Kola in Lappland ein weißbärtiger Ruſſe, der nicht weniger als fünfunddreißig Winter auf dieſeWeiſe zugebracht hatte. Freilich waren während dieſer Zeit viele Hunderte ſeiner Cameraden von den ſtechenden Waffen des arktiſchen Winterkönigs niedergemordet worden, ſo daß der
Engländer Lamont, der Spitzbergen vor einigen Jahren auf Hunderte von Meilen an der Küſte durchforſchte, nicht ſelten in dieſen furchtbaren Einöden


