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Iluſtrirtes Familienblatt.— Herausgeber Ernſt Keil
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Wöchentlich 11, bis 2 Bogen.
Der Schatz des Kurfürſten. Hiſtoriſche Erzählung von Levin Schücking. (Fortſetzung.)
Steitz warf einen ſcheuen Blick um ſich, als er antwortete: „Bis an die große, äußere, freiliegende Treppe vor dem
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linken Schloßflügel dort drüben, der nach dem Thiergarten hin
liegt... unter dieſer Treppe iſt der Schatz eingemauert.“ „Dort? Dort alſo! Nun— die Stelle iſt ſo gut wie eine andere. Die Hauptſache iſt, daß Sie derer ſicher ſind, Steitz,
welche Ihnen bei dem Transport und dem Vermauern halfen.“
Steitz nickte mit dem Kopf.„Ich bin's,“ ſagte er,„ich bin's... obwohl,“ ſetzte er mit leiſem Kopfſchütteln hinzu,„mir vorkam, als ob eine kurze Zeit nachher die Franzoſen mehr als je von dem Schatze redeten und die Gewißheit, daß er noch im Lande ſein müſſe, ausſprachen!... Die amtliche Verkündigung des Preiſes für die Entdeckung erfolgte ſechs Wochen nachher, zu⸗ gleich mit der Anordnung nächtlicher Patrouillen, die vom Oberſt La Croix ausging! Iſt darin ein Zuſammenhang, Menſing?“
Der Officier ſchüttelte den Kopf.
„Ich glaube nicht, daß wir dies anzunehmen brauchen, lieber Steitz,“ ſagte er.„Es iſt beſſer, wir halten an Ihrem Glauben an die Treue jener Männer feſt. Und dann, wenn wir dies thun— weshalb dann dieſe Angſt, die Sie quält?“
„Ich bin nicht zu Ende... hören Sie weiter,“ flüſterte Steitz haſtig den Officier unterbrechend.„Sie wiſſen, was der Kurfürſt von ſeinem Gelde mitgenommen, hat er Rothſchild an⸗ vertraut...“
„Ich weiß es..
„Nun wohl, vor zehn Tagen bringt mir ein Agent Roth⸗ ſchild's, der ſich als Weinreiſender bei mir eingeführt, ein Hand⸗ billet des Kurfürſten aus Schleswig. Der Mann hatte es zwiſchen die Sohlen ſeiner Stiefel genäht... es enthielt wenige Worte, nicht viel mehr als:„Ich will meinen Schatz nach Itzehoe herübergeſchafft ſehen, ohne Verzug. Er kann dem Ueberbringer, der ihn an der Grenze in Empfang nehmen wird, vertrauen und hat mit demſelben das Nähere zu berathen. Sein wohlaffectionirter Wilhelm der Erſte. Kurfürſt. Den Brief habe ich verbrannt, mit dem Manne habe ich geredet, überlegt— der Mann wartet jetzt in einem Ort an der Grenze, und ich, ich ſoll nun handeln, ich ſoll es vollführen, ich, ich allein, und ich bin ſo rathlos, ſo hülflos wie ein Kind, die entſetzliche Noth und Angſt nimmt
Vierteljährlich 15 Ngr.— In Heften à 5 Ngr.
mir meinen Verſtand, meine Ueberlegung, es kommt kein Schlaf
mehr in meine Augen, ich erſchrecke, wenn die Thür aufgeht,
ich zittere, wenn der König mich anblickt, wenn der letzte Lakai
von dieſen Franzoſen mich anruft; wenn Jemand mich an⸗ *
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ſpricht, fühle ich das Herz in mir ſtille ſtehen, als ob er ſagen würde:„Wiſſen Sie ſchon, Steitz, der Schatz iſt geſunden... o, es iſt eine Qual, über der ich den Verſtand verlieren werde... und wenn es mich nun niederwirft wenn ich krank werde, ſehr krank, Menſing, wenn ich zu phantaſiren beginne, wenn ich ſo im Fieber mein Geheimniß verrathe: was dann, Menſing, was dann?“
Der Officier blickte voll tiefer Theilnahme den gepeinigten Mann an.
„Das darf nicht ſein,“ ſagte er langſam und ſinnend,„krank dürfen Sie nicht werden.... Sie müſſen wie ein Mann dieſe Angſt, die durch Ihre erhitzte Phantaſie in's Unerträgliche ge⸗ ſteigert iſt, bekämpfen.“
„Kann ich denn das, ſo lange der Schatz da draußen unter der Treppe ſteckt und ich ihn fortſchaffen ſoll und doch nicht im Entfernteſten ſehe, wie ich's machen, was ich damit beginnen kann....“
„Sie brauchen ſich dann ja nur einfach zu ſagen: ich allein kann es nicht; alſo muß ein Anderer helfen, alſo muß es ein Anderer mit mir ausführen! Weshalb ſprachen Sie nicht eher mit mir?“
„Mit Ihnen, Menſing? Nun, Sie ſehen ja, ich habe mich Ihnen anvertraut, ich habe mein Leben in Ihre Hände gelegt, Sie können jetzt hingehen und dem Könige ſagen...“
Der Offieier legte, um Steitz die weitere Rede abzuſchneiden, die Hand auf den Arm des Inſpectors und ſagte leis und ruhig:
„Ich werde dem Könige nichts ſagen, ſeien Sie ohne Sorge! Ich habe ihm, als ich in ſeinen Dienſt übernommen wurde, in Reih und Glied den Fahneneid geleiſtet, das iſt wahr. Aber meine Exiſtenz verdanke ich meinem alten Herrn, und wenn ich das auch nicht thäte, er iſt mein wahrer rechter Herr und meine Treue gehört ihm. Und auch ſein Schatz gehört ihm und nicht dem fremden Manne da oben! Wir wollen ihm dieſen Schatz retten, Steitz!“
„Sie Sie wollen mir helfen, Menſing?“
„Ja— ich denke, ich kann's.“
„Nun, dann ſei Gott gelobt, der Sie mir ſandte. Was iſt zu beginnen, wie meinen Sie, daß es gemacht werden könnte....“
Der Officier ſtand auf und ging nachſinnend auf und ab.
„Haben Sie Geld?“ fragte er nach einer Pauſe.
„Ja, der Agent hat mir mehrere tauſend Gulden da gelaſſen, falls ich ſie zu Beſtechungen brauchte.“


