entſagen kannſt, dann adle es wenigſtens durch eine Zuthat, welche über Börne hinaus ragt!“
„Wie das?“.
„Setze mitten in dieſe Juvectiven hinein einen Berg, welcher Deine höheren und weiteren Anſchauungen der Welt erhebend dar⸗ ſtellt. Sein Inhalt wird den Leſern die Ueberzeugung einflößen, die Polemik vor und hinter dieſem Berge ſei eine leichte Zuthat, welche erklärt und entſchuldigt werde durch Dein perſönliches Be⸗ dürfniß, hiſtoriſch vollſtändig zu ſein, hiſtoriſch aufzuräumen.“
Das leuchtete ihm ein.„Das iſt der Rede werth!“ ſagte er und ging fort. Und als er wieder kam, legte er die Hand über beide Augen, wie er zu thun pflegte, wenn er etwas reiflich Ueberdachtes ausſprechen wollte, und ſprach:„Mit dem ‚Berge' haſt Du Recht. Ich werde ihn errichten.“ Und ſo ſprach er nun Tag um Tag:„Der Berg iſt angefangen! Der Berg wächſt, der Berg erhebt ſich!“
Dies war ſein letztes Wort, als wir Abſchied nahmen. Ich verließ Paris, ehe das Buch fertig war, und war recht enttäuſcht, als ich einige Monate ſpäter in Deutſchland das Buch erhielt, und als angekündigten Berg darin nichts weiter fand, als die Freiheitshymnen aus Helgoland, welche er in die Mitte einge⸗ ſchoben. Das war freilich meine Meinung nicht geweſen, ſo wohl⸗ feil hatte ich mir den Berg nicht vorgeſtellt. Aber kleinlaut mußte ich mir doch auch eingeſtehen, daß man auf einen Künſtler nicht einwirken könne, wie auf einen bloßen Schriftſteller, und daß Heine auf dem letzten Grunde ſeiner innerſten Natur immer Künſtler ſei und bleibe, welcher nicht lehrſam ſich außern könne, ſondern immer eine Strömung der Leidenſchaft ſuche.
Sieben Jahre lang ſah ich ihn nicht wieder. Nach den Stürmen, welche er durch das Börne⸗Buch über ſich heraufbe⸗ ſchworen und welche ihm auch eine leichte körperliche Verwundung eintrugen in einem Zweikampfe mit Herrn Strauß, dem Gatten der von Heine verunglimpften Freundin Börne's, kam ein längerer Friede über ihn. Er neigte wieder vorzugsweiſe dem Verſe zu und künſtleriſchen Stoffen. Satiriſche Wendung erleichterte ihm den Uebergang. Er ſandte mir plötzlich den„Atta Troll“ nach Leipzig zum Abdrucke in der„Zeitung für die elegante Welt“, welche ich redigirte. Im ſchönſten Manuſcripte auf beſtem Brief⸗ papier. Seine Handſchrift war ſauber und erinnerte an eine Kaufmannshand, welche viel Allotria getrieben: bei ruhiger Ab⸗ ſchrift ganz kaufmänniſch feſt und nur in ſtarken Grundſtrichen über den geſchäftlichen Charakter hinausgehend, bei eiliger Zu⸗ ſchrift ohne dieſe Grundſtriche und in dünne Undeutlichkeit hin⸗ fahrend. Ueberhaupt war von ſeiner Familie ein poſitiver Kauf⸗ mannsreſt in ihm verblieben. Er war genau in Geldfragen, er berechnete Auflagen und Honorar ſehr pünktlich, er machte mit Behendigkeit Ueberſchläge, er ſpeculirte unter claſſenmäßiger Ein⸗ theilung und Abtheilung des Publicums auf das Leſe⸗ wie Kauf⸗ publieum, er that ſich was zu Gute auf literariſche Geſchäfts⸗ kenntniß. Die Leſer ſeiner endloſen Briefe an Campe werden das mit Seufzen bemerken. Aber nach allen Vorbereitungen der Ziffern war doch ein Windſtoß der öffentlichen Meinung, war irgend eine höhere Wendung der Dinge hinreichend, dieſen ganzen Ziffernbau wie ein Kartenhaus in ihm umzublaſen. Der Poet und der Gentleman ſprangen dann auf in ihm und ließen jeglichen Streit um Geldvortheile ohne Beachtung. Aehnlich war er auch im übrigen Privatleben. Seinen Zuſchnitt machte er ſparſam, wenn aber der Tag ein koſtſpieligeres Bedürfniß herbeiführte, wenn ein bittender Anſpruch ihn von Sorgen unbehelligt fand, oder wenn gar ſeine„kleine Frau“ einen Luxuswunſch verrieth, dann war er poetiſch freigebig.
Ebenſo war auch ſeinen mit feſter Hand niedergeſchriebenen Manuſcripten nicht bis an's Ende zu trauen. Das Ende heißt hier der Abdruck. Ehe der Abdruck vollendet war, regnete es Ab⸗ änderungen, und das endlich druckreife Manuſcript hatte bis dahin ſein ſauber gewaſchenes Antlitz total verloren. Der gewiſſenhafte Herausgeber ſeiner„Geſammelten Werke“, die ja bekanntlich erſt nach Heine's Tod erſchienen ſind, hat zum Schrecken poetiſcher Leſer dieſem Heine'ſchen Bedürfniſſe artiſtiſcher Correcturen Rechnung ge⸗ tragen und alle Varianten unter dem Texte angeführt. Hoffentlich nur für die erſte Auflage!
Die Cenſur begünſtigte dieſe Neigung Heine's zu Varianten, indem ſie ihn zu Aenderungen nöthigte. Der verſtorbene Hiſtoriker Wachomuth cenſirte den Atta Troll und entſetzte ſich pflichtgemäß
über zahlreiche Partien des ſatiriſchen Gedichts. Wachsmuth kennend und die Linie kennend, welche er einhalten mußte, ſchrieb ich immer Heine ſogleich nach Empfang eines neuen Heſtes: dies und dies wird geſtrichen werden, ſorge für Erſatz!— Und in kürzeſter Friſt erhielt ich einen neuen Text. Manchmal hatte ich Wachsmuth's niederdeutſchen Charakter, der mitunter ſtark humori⸗ ſtiſche Accente vertrug, irrthümlich unterſchätzt, und die Heine'ſche Variante iſt ungedruckt in meinen Händen geblieben. Ich hab' es auch glücklicherweiſe unterlaſſen, ſie dem Herausgeber der„Ge⸗ ſammelten Schriften“ mitzutheilen.
Erſt im Frühjahre 1847 kam ich wieder nach Paris. Wie fand ich den Mann wieder, den ich als feiſten Abbé des Lebens⸗ cultus verlaſſen hatte! Nie werde ich den Eindruck vergeſſen, als er mir zum erſten Male wieder vor Augen kam. Ich war irr⸗
Uhr komme ich! In einem kleinen Hotel der Rue Daugivilliers beim Louvre hatte ich Unterkommen gefunden. Hotel und Straße ſind verſchwunden unter der Lichtmachung, welche Haußmann dem alten Paris angeordnet hat, damit der Luft, dem Lichte und den Kartätſchen eine freie Bahn eröffnet werde. Mein Zimmer hatte
der Kirche St. Germain l'Auxerrois, auf denſelben Platz, welcher
gung der Schweizer, geſehen hatte. Der Blick war frei bis zur Seine hinüber. Dort hielt ein Omnibus an. Ein kleiner Mann kroch langſam aus dem Wagenkaſten und taſtete mit einem dicken Stecke vorſichtig über den Platz herüber. Die Frühlingsſonne ſchien hell. Für dieſen Mann nicht hell genug. Er blieb mehr⸗ mals ſtehen, rückte den Kopf in den Nacken zurück und griff mit der Hand an ſein Auge. Mit den Fingern ſchob er ſein Augenlid in die Höhe, es hatze nicht mehr die ſelbſtſtändige Kraft, ſich auf⸗ zuſchlagen— der in zwei Paletots gehüllte Mann ſuchte die Auf⸗ ſchrift meines Hotels. Der blaſſe Mann war Heinrich Heine! Er trug ſein Leiden mit großer Standhaftigkeit, ja er ent⸗ wickelte kaltblütig die ſicheren Fortſchritte, die entſetzlichen Steigerungen und das ſchmerzhafte Ende deſſelben, und er entwickelte dieſe Zu⸗ kunft ganz in der grauſam witzigen Form, welche er in ſeinen Schriften den unangenehmſten Gegnern hatte angedeihen laſſen. „Gerechtigkeit muß walten!“ ſagte er mit zuckendem Lächeln,„und
meinen Kopfſchmerz und meine Verſtimmung ſo oöft meiner moraliſchen Unart zugeſchrieben habt. Ich war nie moraliſch. Es war ein ganz phyſiſcher Leidenskrebs, der mich immer gezwickt hat und nun zerfleiſcht.“
In dieſem Sinne hat er denn auch frühzeitig Teſtament gemacht. Seine Frau zu ſichern, die er auch deshalb ſchon längſt in geſetzlicher Ehe ordnen und zu ſammeln und ſeinen Nachlaß ſicher zu ſtellen, dafür hat er ſchon ein Jahrzehnt vor ſeinem Tode Sorge getragen. Die Frau war ihm für die lange Leidenszeit ein un⸗ ſchätzbarer Troſt. Dieſe ſorgloſe Franzöſin entwickelte die glückliche Gabe, an die drohende Zerſtörung ihres Henri nie eigentlich zu glauben. Ihr lebensheitres Gemüth hielt alle drohenden Symptome für vorübergehend; und gerade ſolche zuverſichtliche Lebenskraft war ein Segen für Heine. Dieſe Zuverſicht ließ ihn jede ruhige Stunde ausnützen, ſie tröſtete ihn über das Schickſal der Frau ſelber, ſie beglückte ihn auch im Elend.„So ſind die Engel!“ pflegte er zu ſagen,„ſie brauchen keine Hypotheken, ſie haben immer flüſſiges Vermögen.“
Dennoch war damals noch nicht die Zeit für ihn gekommen, über den Tod und religiöſe Todesgedanken zu ſprechen.„Das kommt erſt ſpäter)“ ſagte er,„und dann wollen wir uns mit Goethe's Clärchen benehmen, wie wir können.“— Er prophezeite ganz richtig: es dauerte noch gegen zehn Jahre, und erſt in ſeinen letzten Jahren ſchrieb er mir lange Briefe über religiöſen Glauben und ſein Verhältniß zu Gott, Kirche, Tod und Unſterb⸗ lichkeit, Briefe, welche mir leider verloren gegangen ſind.
von einer Kunſt, welche die franzöſiſche Regierung ſyſtematiſch betreibe.„Zu ſyſtematiſch, zu doctrinär, zu karg und eigenſinnig!“ ſagte er von Guizot, welcher damals den Ton angab und den geiſtlichen ſtarken Puritaner durchaus nicht zu verleugnen ver⸗ mochte. Heine reſpectirte ihn, hatte aber gar keine Sympathie für
thümlich in ſeiner Wohnung abgewieſen worden— er hielt ſeine Thür feſt verſchloſſen— und er hatte mir geſchrieben: um elf
die Ausſicht auf den freien Platz zwiſchen dem neuen Louvre und
in der Julirevolution den blutigſten Kampf, die tapfere Vertheidi⸗
Ihr ſeht jetzt, daß Ihr mir immer Unrecht gethan, wenn Ihr
ſich verbunden, ſeine Schriften zu
Damals— 1847— ſprach er noch gern von Politik, wie
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