aeeͤͤͤ
—
n u mnnͤͤ
—
—
——
P 8
+—
1 —
Geſtalt und reichte kaum bis zum Knöchel.
8
0
ſes runzlige Geſicht in Lebensgröße am Thor und fragte mürriſch nach unſerem Begehr. Meine Mutter nannte den Namen, worauf wir etwas freundlicher eingelaſſen wurden. Die Dienerin, an⸗ ſcheinend der Inbegriff aller gräflichen Hausmacht, führte uns über die mit Unkraut und Gras überwachſenen Pflaſterſteine des Hofes nach der Rückſeite des Hauſes, wo ſie uns in einer feuchtkalten, mit Stein belegten offenen Vorhalle ſtehen ließ, um mit ein paar unverſtändlichen Worten wieder zu verſchwinden. Hier lagen Tiſche und Bänke und Stühle unordentlich übereinander. Der Garten und ſeine Geräthſchaften mußten wohl noch lange warten, bis der Frühling einzog in dies froſtige Haus und die winterlichen Herzen ſeiner Bewohner!
Ich werde den Eindruck nie vergeſſen, den das Erſcheinen der Gräfin, die uns eben hier zuerſt empfing, auf mich machte. Ich habe nie wieder eine ſo ariſtokratiſche Geſtalt in ſo ſchmutzig⸗ plebejiſchem Aufzuge oder, um mit den Aeſthetikern zu reden, nie wieder eine ſo vollendete Idee in ſo widerſprechender Form geſehen. Die Gräfin Kielmansegge war damals ſchon eine greiſe Frau— aber ungebrochen hatte dieſer ſtolze Nacken die Stürme überdauert, die Europa ſeit mehr als zwei Menſchenaltern durchzogen und auch ſie oftmals gewaltig erfaßt hatten. Eine Säule von ehedem ſtand ſie da, hoch und ſchlank, in dem ſichern Bewußtſein eines tadel⸗ los ariſtokratiſchen savoir vivre. Ihre feinen, regelmäßigen Züge verriethen meiner prüfenden Mutter ſchnell die letzten Spuren jener gefeierten Schönheit, auf welche einſt der erſte Napoleon bewundernd geblickt haben ſoll. Und konnten dieſe gemüthsloſen, kalten, blauen Augen, dieſe harten, marmornen Züge wirklich jenes innere Feuer verbergen, das in den Briefen an meine Mutter lebendig hervor⸗ trat, dann hatte ſie entweder eine außerordentliche Gewalt über den Spiegel ihrer Seele, oder ſie war einer der ſelbſt unter Männern ſeltenen Charaktere, bei denen jede Geberde, jedes Wort, jede That den Stempel einer innern Nothwendigkeit trägt, an denen jeder Zoll ein Wille, ein Charakter ‚iſt und die darum dem gewöhn⸗ lichen Sterblichen mit undurchdringlicher Kälte und Herzloſigkeit behaftet erſcheinen. Wenn aber einmal— was nur ſelten ge⸗ ſchah— das ſchlafende Feuer ſeine Hülle zerſprengte, dann bot ihr Antlitz den erſchreckendſten Ausdruck dar. Wie ein heimlicher Krater plötzlich eine friedliche Landſchaft mit Lavaſtrömen tränkt, wenn ſeine verhaltene Lohe emporſchießt, ſo flog alsdann über dieſe ſonſt regungsloſen Muskeln ein jähes, dämoniſches Feuer, ein Zucken und Wühlen und Arbeiten, das plötzlich wieder zu einem ſouverainen Lächeln erſtarrte.
Im grellſten Widerſpruch mit dieſem imponirenden Aeußern ſtand die Gewandung, in der ſie erſchien. Ihre hohe Stirn war faſt vollkommen bedeckt durch eine große Haube mit breiter eng⸗ anliegender Spitze. Ein Ueberrock vom ordinärſten baumwollnen Stoff, grau und ſchwarz gewürfelt, umgab ſchmucklos die ganze Alles dies rief un⸗ willkürlich den Gedanken an ein klöſterlich büßendes Weſen hervor, ein Gedanke, den die einſiedleriſche Lage dieſer Behauſung, die Dürftigkeit der ganzen fahrenden Habe und der änußerſt einfache Apparat der gräflichen Bedienung wahrlich nicht Lügen ſtrafte. Spleen, Weltüberdruß oder Geiz konnten nicht die Urſachen der außerordentlichen Verwahrloſung des Gutes und deren Eigen⸗ thümerin ſein; denn Spleen und Weltüberdruß paßten ſchlecht zu der allgemein bekannten Thatſache, daß die Gräfin ſehr oft zu Hofe ging, und zwar in ihrem oben geſchilderten Aufzuge, und an ihrer Freigebigkeit durften wenigſtens wir nicht zweifeln. Eine geheimnißvolle ſtarke Macht, ſtark genug für eine ſo ſtolze und früher ſo weltliche Dame, mußte alſo gebieteriſch über ihr ſchweben und ihr als Buße für weiß Gott welche Vergehen dieſe eigenthümliche Tracht und Abgelegenheit des Wohnſitzes auferlegen. In weſſen Händen ruhte ſolche Macht? Und was war die Veranlaſſung zu ſolcher Kaſteiung? Die Gräfin hat uns die Antwort darauf nie gegeben.
Die erſten Worte des Willkommens waren nicht ſo herzlich, wie wir nach der Gräfin Briefen hätten erwarten dürfen, aber immerhin warm genug für eine Greiſin von ſolchem Ausſehen.
Es ſchien eine unmuthige Laune ſich ihrer augenblicklich bemächtigt
zu haben. Sie ſchritt uns wortlos voran und öffnete auf der rechten Seite der Vorhalle eine Thür, durch die ſie uns eintreten hieß. Wir befanden uns nun in einem kleinen Zimmer mit Dtünchten Wänden und höchſt ärmlichem Meublement. zeſes Zimmer,“ begann die Gräfin,„wird von meiner
23
0—
Nichte bewohnt, wenn ſie mich beſucht. Indeſſen, bitte, nehmen Sie Platz. Ich bedaure außerordentlich, Sie nicht ſchon heute Morgen am Bahnhofe getroffen zu haben.“
„Sie waren ſo freundlich uns abholen zu wollen, Frau Gräfin. Wir konnten leider nicht früher abreiſen,“ ſagte meine Mutter.„Vielleicht ließen Sie unſertwegen Ihre Equipage umſonſt nach Dresden fahren?“.
„Equipage?“ fragte die Gräfin verwundert, und der Unmuth von vorhin machte einem flüchtigen Lächeln Platz.„Equipage?“ fuhr ſie fort, ohne eine Frage meiner erſtaunten Mutter ab⸗ zuwarten.„Glauben Sie, daß ich meine Wege nach der Stadt zu Wagen mache? Ich gehe immer zu Fuß. Nun, betrüben Sie ſich nicht. Ich habe meinen Aufenthalt in Dresden benützt, den jungen Herren hier ein kleines Andenken für die Schweiz zu beſorgen.“
Später kam nicht mehr die Rede auf dies Andenken.
„Wo gedenken Sie ſich in Dresden aufzuhalten?“
„Im Hotel L....... g.“
„Alſo ſind Sie da eingekehrt?“
„Ja, ich war dort durch einen neuen Wirth unangenehm überraſcht.“
„Alſo gefällt es Ihnen nicht? Nun, ich weiß nicht, ob Sie und Ihre Kinder Anſpruch machen;— oben habe ich zwar Raum und Betten genug, aber zum Empfang für Gäſte nicht geordnet.— Wenn Sie mit Ihrem Töchterchen Platz genug in dieſem Bette finden und die beiden jungen Herren in einem Bett in der anſtoßenden Kammer, ſo bleiben Sie bei mir über Nacht.“
„Da wir jedenfalls morgen wieder nach Leipzig zurück müſſen, werden wir kaum auf ſo kurze Zeit die Ordnung Ihres Hauſes ſtören dürfen.“
„Fühlen Sie ſich doch hier zu Hauſe, werthe Frau; andern Tags begleite ich Sie nach Dresden, vor Ihrer Abreiſe thun Sie mir den Gefallen mit mir in Stadt N...... g, meinem Abſteigequartier, zu ſpeiſen, und heute Abend wollen wir in Plauen, alſo ganz in der Nähe, ſoupiren.“
Nachdem noch die Gräfin verſprochen, aus dem Gaſthof in Plauen Jemand zur Beſorgung unſerer Wäſche nach unſerem Hotel abzuſenden, bot ſie uns eine Erfriſchung. Wir baten um ein Glas Milch und ergingen uns dann längere Zeit in dem höchſt unheimlichen Park der Gräfin, an deſſen Grenze das düſtere Waſſer der Weißeritz vorüberrauſchte.—
Unterdeſſen war die Dunkelheit vollſtändig hereingebrochen und die Gräfin, wie ſie ging und ſtand, geleitete uns, nachdem unſer Schweſterchen ſchlafen gegangen war, nach dem Gaſthof in Plauen. Gleich am Eingang deſſelben ſtießen wir in der Perſon des Wirthes auf ein bekanntes Geſicht. Es war der meiner Mutter durch frühere Beſuche in Dresden bekannte Be⸗ ſitzer des Hotel L...... g in Dresden, unſerem Abſteige⸗ quartier. Allein der Ausdruck des beiderſeitigen Wiederſehens war ein ſehr verſchiedener. Während meine Mutter ihre Freude nicht verhehlte, konnte der Wirth die höchſte Beſtürzung nicht ver⸗ bergen, als er ſah, daß wir die ihm angemelbeten Gäſte der Gräfin Kielmansegge ſeien, und als die Gräſin uns Jungen die Treppe hinaufführte und uns fragte, ob wir den Herrn kännten, hatte der Wirth ſelbſt Zeit genug, der Mutter auf's Eindring⸗ lichſte zu bedeuten, daß er dafür ſorgen werde, noch dieſen Abend in Betreff der Gräfin mit ihr zu ſprechen. Als der Wirth die Suppe ſervirte, bat ihn die Gräfin, ſogleich Jemand wegen unſerer Wäſche in die Stadt zu ſenden.
Der Wirth kam, als er den erſten Gaug auftrug, wieder herauf und meldete, daß er für den Weg allerdings Jemand aus dem Dorfe gefunden habe, der Burſche aber etwas ſchwer von Begriffen ſei und die Gräfin daher geſtatten möge, daß Frau Blum, theils wegen ſeiner Inſtruction, theils wegen der Aus⸗ fertigung ſeiner Legitimation, ſich einen Augenblick hinunter bemühe.
Wenn der arme Burſche gewußt hätte, was droben über ihn behauptet wurde, er würde ohne Zweifel den Wirth wegen Injurie verklagt haben, denn ein paar Secunden reichten aus, ihn voll⸗ ſtändig für ſeinen Gang auszurüſten. Kaum war aber der Wirth mit der Mutter allein, als er ausrief:„Vor Allem, wie kommen Sie mit der Frau zuſammen?“ G
Meine Mutter erzählte es ihm.* ⸗„SDas iſt Alles ein feinangelegtes, rafſinirtes Spiel!“ ſetzte er in großer Aufregung hinzu.„Zuerſt ſendet ſie Ihnen hundert
2.


