Jahrgang 
2 (1868)
Seite
22
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So denk auch ich, erwiderte Wilhelm,es war mein erſter Gedanke; wenn wir unſer Leben wagen, ſo thun wir es Einer um des Andern willen, und Gott, hoffe ich, wird uns deshalb in ſeinen Schutz nehmen. Aber um Eines bitte ich Dich, Eliſe. Und was iſt es? Sag' es meiner Mutter nicht!

Nein, verſetzte ſie.Es iſt nicht nöthig, daß auch ſie leide,

ſ wie ich meinen Vater leiden ſehe unter der Sache. Sieh, Wil⸗

helm, wenn ich ſo guten Muthes, ſo raſch entſchloſſen dabei bin,

ſo kommt es daher, weil ich jetzt endlich erfahre, was in all' der

Zeit ſo furchtbar ſchwer auf meinem armen Vater gelaſtet hat,

und weil ich nun ſehe, wie ihm die Laſt vom Herzen genommen

werden, wie ich ſelbſt dabei behülflich ſein kann! Darum.. 24 Still! flüſterte Wilhelm, ihren Arm ergreifend,da iſt

Jemand.. fort!

(Fortſetzung folgt.)

Ein denkwürdiger Beſuch. Fragment aus unſern Familienpapieren. Von Hans Blum.

Die Wiener Octoberrevolution war zu Ende. Langſam, aber mit entſetzlicher Gewißheit wurden die Ungeheuerlichkeiten in Deutſch⸗ land laut, die den Triumphzug des Siegers begleitet. Jede neue Zeitung brachte neue Gräuel, geſteigerte unmenſchliche Rachgier. Aber die That, die Alle mit einſtimmigem Schmerzensſchrei hin⸗ ausriefen in die Welt, die am längſten nachhallte und am tief⸗ ſten die Herzen ergriff dieſe That hatte auch uns am tiefſten verwundet. 3

In dieſen Tagen, am 18. November 1848, erhielt Bürger⸗ meiſter Klinger in Leipzig ein Schreiben folgenden Inhalts:

Wohlgeborner Herr, Hechgeehrter Herr Bürgermeiſter!

Geſtatten Sie auch mir, ich bitte herzlich, beifolgende Ein⸗ hundert Thaler für Robert Blum's Wittwe und Kinder Ihrer vor⸗ ſorgenden Theilnahme zu überſenden.

Sagen Sie der Wittwe, die jetzt der Liebling theilnehmender mitfühlender Menſchen iſt, daß, ſo lange ich lebe, mein Herz ihr angehört, ſo oft und ſo viel ſie eines Frauenherzens treue Freund⸗ ſchaft bedarf. Auch darum bitte ich Euer Wohlgeboren. Zu⸗ drängen werde ich mich nicht aber ſo oft Bedürfniſſe in dieſer Familie ſtattfinden ſollten, oder Wünſche, welche zu erfüllen ich im Stande wäre, ſo würde ich es als ein Glück und die höchſte Ehre anſehen, nicht übergangen zu werden. Ergebenſt erſuchend um Empfangs⸗Schein, habe ich die Ehre mit ausgezeichneter Hoch⸗ achtung zu unterſchreiben

Dresden, 16. November 1848.

Auguſte Charlotte Gräfin von Kielmansegge geb. von Schönberg.

Sorgen und Geſchäfte mancherlei Art: die Unterhandlungen mit dem ſächſiſchen Miniſterium über die Auslieferung von Vaters ſterblichen Ueberreſten, die ſich zerſchlugen; die Ordnung unſerer Vermögensverhältniſſe; endlich das in Broſchüren und ſelbſt in einer angeblichen Note Koſſuth's aufgetauchte Gerücht, daß mein Vater nicht erſchoſſen, ſondern in einer der öſterreichiſchen Feſtungen gefangen gehalten werde, ein Gerücht, das nach vielerlei Nachfor⸗ ſchungen und innern peinigenden Zweifeln auf immer zurückzu⸗ weiſen dies Alles war es, was die Antwort auf obigen Brief bis zum 2. Januar 1849 verzögerte. Schon nach ſechs Tagen lief die Erwiderung ein, den 8. Januar 1849 von Plauen bei Dresden, dem Landgute der Gräfin, datirt. Sie bezeichnete ſich darin als eine Dulderin, wie meine Mutter, und meinte, daß dadurch allein ſchon ihre Sympathie und gegenſeitige Unterſtützung vorgezeichnet ſei.Mit bittern Thränen, fährt ſie fort,hebt eine ſolche Bahn an, ſie endet aber mit dem Vellgefühl der un⸗ ausſprechlichſten Freude... dann ermahnt ſie ihretheure Freundin, denn ſo haben wir's ja verabredet, auszuharren, bis ſie ihrem Gattenſelig entgegentreten werde, und ſchließlich for⸗ dert ſie dieſelbe dringend auf, mit denlieben Kindern ihr einen Tag zu ſchenken, wobei Letzterewährend unſrer ernſtern Geſpräche auf einige Unterhaltung rechnen können.

Was ſollte das bedeuten? fragte ſich, wer auch nur immer dieſe Zeilen zur Durchſicht erhielt. Wozu dieſe Antwort über⸗ haupt auf ein Schreiben, das mit der Dankſagung meiner Mutter recht wohl die ganze Angelegenheit hätte beſchließen können? Wozu jene myſtiſchen Andeutungen über Wiedervereinigung mit geliebten Todten nach dem Tode, oder gar früher? Der Schluß des Brie⸗ fes ließ wohl vermuthen, daß die Gräfin meiner Mutter Beſuch aus mehr als bloßer Freundſchaft oder Neugierde wünſchte. Aber was hatte ſie ihr in denernſtern Geſprächen anzuvertrauen?

Glaubte ſie etwa gar au das Märchen, daß der Vater noch lebe? Hatte ſie den Schlüſſel, ihr Räthſel zu löſen? Nur die Zeit konnte dieſe Fragen beantworten, und wahrſcheinlich am beſten ein Beſuch bei ihr ſelbſt.

Unterdeſſen war der Vorſchlag Karl Vogt's, daß wir Kinder in der Schweiz(Bern) zu erziehen ſeien Dank der Energie unſerer Mutter von den ſächſiſchen Behörden endlich nach zähem Widerſpruch genehmigt und die Zeit unſerer Abreiſe auf die erſten Tage des Mai feſtgeſetzt worden. Es galt alſo Abſchied zu nehmen

oon den Freunden des Vaters, von denen eine nicht geringe An⸗

zahl damals ihren Sitz auf dem Landtage in Dresden gefunden hatte. Was war natürlicher, als daß meine Mutter bei einer Reiſe nach Dresden zugleich eine Löſung jener Räthſel ſich zu verſchaffen ſuchte, welche die merkwürdige Frau auf ihrem Schloſſe im Plauen⸗ ſchen Grunde bei Dresden einem flüchtigen Blatte anzuvertrauen ſich offenbar ſcheute?

Sie ſchrieb daher am 17. April an die Gräfin, ſie werde am 20. mit dem Frühzuge in Dresden eintreffen und ſich, wenn die Gräfin nicht gerade abweſend wäre, die Ehre eines Beſuches gönnen. Andern Tags ſchon kam folgende Antwort:

Theure Freundin! In dieſem Augenblick... erhalte ich Ihre Zeilen, ſende ſogleich einen reitenden Boten nach der Poſt, damit meine Antwort noch die Eiſenbahn erreiche. Kommen Sie, kommen Sie, Alle, mein Herz hat Naum für Alle und für Alles. Schenken Sie mir die ganze Zeit, Mittags, Abends, die ganze Zeit... Ihre treue Freundin in Plauen A. K.

Auch das Couvert trug die Spuren der Haſt und der ängſt⸗ lichen Sorge der Gräfin, ſich dieſen Beſuch um keinen Preis entgehen zu laſſen. Dort hatte ſie eigenhändig bemerkt, daß der Brief durch einen Expreſſennoch heute beſtellt werde.

Der 20. war ein recht unfreundlicher Apriltag. Regen und Sturm luden nicht gerade dazu ein, uns Kinder früher als ge⸗ wöhnlich zu wecken. Wir fuhren daher erſt mit dem Zwölfuhrzug und ſtiegen im Hotel L....... g ab, das wir ſtets bei einem Aufenthalte in Dresden bezogen hatten. Wenige Monate vorher, bei Gelegenheit der Unterhandlungen mit dem ſächſiſchen Miniſterium über die Auslieferung von Vaters Leiche, war meine Mutter hier geweſen; um ſo mehr mußte ihr der Wechſel in der Perſon des

Wirthes auffallen, der ſich bei der freundlichen Theilnahme des

frühern Beſitzers ſehr fühlbar machte. Indeſſen Zeit zu Fragen

war nicht gegeben der Hotelwagen, der uns zur Gräfin bringen ſollte, war vorgefahren.

In einer halben Stunde batten wir die erſten Häuſer von Plauen erreicht. Einen Steinwurf weiter, rechts von der Landſtraße, tauchte ein gelbangeſtrichenes, einſtöckiges, vielfenſteriges Haus auf, das wohl nur bei einer ſo höflichen Bevölkerung, wie der Sachſens, ſich

den ſtolzen Namendas Schloß erobern konnte. Als der Wagen

vor dem Hausthor hielt, deſſen angrenzendes Spalier in einen ge⸗ räumigen Hofraum blicken ließ, war der Totaleindruck der gräflichen Behauſung, ſoweit ſie ſich von außen beurtheilen ließ, nichts weni⸗

ger als einladend. Alle Fenſter des Hauſes waren durch ver⸗

ſchoſſene grün-gelbliche Läden dicht verſchloſſen und die paar im Erdgeſchoß dem Lichte zugänglichen dicht verhangen.

Als der Wagen davoneilte, ſtanden wir frierend in dem rauhen Winde vor dem Thore, das ſich dem Klingeln der Mutter nicht öffnen wollte, bis endlich am Parterrefenſter haſtig ein runz⸗ liges Geſicht hinter dem Vorhang hervorhuſchte und dann ebenſo plötzlich wieder verſchwand. Erſt geraume Zeit ſpäter erſchien die⸗

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