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leiſe gehobene Locomotive mit fünf ſtark beſchädigten Wagen und erinnerte an den ſchlechten Weg, den wir erſt zur Hälfte hinter uns hatten. Indeß gelangten wir mit unſerem ſchweren Zug im ſchnellen Tempo glücklich über das im Winterſchlafe liegende Ge birge hinweg und nach Eger, hatten aber die Erfahrung gemacht, daß, wenn kein Umſchlag der Witterung ſtattfände, wir auf der Rückfahrt kein leichtes Spiel haben würden.
Leider beſtätigte der Telegraph nur zu bald fürchtungen durch die Mittheilung, daß auf's den etwa eine Meiſe von einander entfernten beiden Städtchen Auerbach und Falkenſtein Züge im Schnee ſtecken geblieben ſeien. Dies trieb zur Eile. An den waldigen Höhen Sachſens windet ſich die Bahn in weitem, ununterbrochenem Bogen hinauf und führt in künſtl lichen, aber höchſt maleriſchen, von graugranitnen Mauern eingefaßten Päſſen durch das Urgeſtein der Felſen maſſen, welche die Bergrücken ausmachen. Ein unerbittlich kalter Wind kam uns aus dieſen Felſengaſſen ſchneidend entgegen und brüllte zuletzt als wilder Sturm aus den links und rechts im Abendſchatten liegenden Waldſchluchten, ſo daß das Knacken und Praſſeln zu Boden geworfener Bäume in kurzen Pauſen ſchaurig an's Ohr ſchlug. Nur Schritt vor Schritt kämpften wir uns auf der bedeutenden Steigung die ſchlüpfrige Bahn hinauf zu dem zu erſtrebenden Brechpunkt, wo ein heftiger Fall uns dann von ſelbſt von der ſteilen Höhe hinabgleiten läßt und der Locomotivführer ſeine ganze Geſchicklichkeit und Beſonnenheit aufbieten muß, um den fortgeſetzten wachſenden Druck des ihn gewaltig ſchiebenden Zuges auszugleichen.
unſere Be Neue zwiſchen
Ein dichter, feuchtkalter Nebel verwandelte den ſinkenden Tag in des Auges umſonſt zu
eine mißfarbene Nacht, die der ſpähende Blick
durchdriggen verſuchte. Doch das Glück war noch mit uns; trotz Sturm und Reteptänpften wir uns auch durch die auf den Weg getriebenen Lohmeeniriſn und exreichten, wenn auch auf's Höchſte erſchöpft, Station Falkenſtein, wo wir zum Bleiben genöthigt wurden, weil die im Schuee feſtgefahrenen Züge noch nicht wieder flott zu bringen ge weſen waren und die Strecke nur eingleiſig iſt. Unterdeſſen war es wirkliche Nacht geworden, die ſiebente Abendſtunde rückte heran, und der am Perron haltende kleine Perſonenzug nach Eger, mit zwei ſtarken Locomotiven Leſpanmt, um die ſich immer mehr ſtei gernden Schwierigkeiten auf der bedrohten Bahn gut zu überwin den, gab eben das Signal zur Abfahrt, als plötzlich wie mit Donnerſchlag ein ſolches Höllenwetter losbrach, daß man meinte, der Engel der Berſtörung wolle den jüngſten Tag verkünden. Wie raſch auf einander ſe gende Salven aus ſchweren Geſchützen, ſchlug es donnernd durch die Lüfte und ſchleuderte kubikfußgroße, feſtge frorene Schneeſtücke empor; der bisherige Sturm ſchien uns dage gen ein ſanftes Säuſeln der Luft. In dieſem furchtbaren Wetter huſchte der Perſonenzug wie ein mächtiger S inn an uns vor über und flog in die dickſte Finſterniß hinaus, die mit einem Male wie eine zweite Nacht herabgefallen war. Aber kaum war das letzte Licht des flüchtigen Zuges verſchwund den, dem alle Augen ängſtlich nachſtnrten, als dnc ſchon ſeine Hillfsſignale wie er
ſterbende ſchwache Laute in's Ohr klangen. In zwei Minuten hatte ich Befehl, Hülfe zu leiſten. Ein Druck der Hand, und hinaus ſtürmte ich in den grauſen Wirrwarr,
Schneewand auf Schneewand thürmte ſich uns ent gegen, um durchrannt
und von den Rädern zermalmt zu werden, und bald ſtand ich keuchend am feſtgefahrenen Zuge, über den ſich unaufhöxrlich ganze Wogen aufgewühlten Schnees gleich der Meeresbrandung ſtürzten und wälzten. Die Zugkette des letzten Wagens wurde ſchnell gefaßt, und mit aller Kraft der ſtarken, auf's Höchſte ange ſpannten Maſchine begann ich die hintere Hälfte des Zuges,
Perſonenwagen mit einigen halb verzweifelten Paſſagieren, aus dem verderblichen weißen Leichentuche hervorzu ziehen und nach dem Bahnhof zurückzuſchaffen Glücklich gelang es, und ein zweites Mal ging es hinaus, um die zurückgebl iebenen Wagen und„Maſchinen zu holen. Wieder wurden die weißen Mauern durch den Stoß d des Rieſenpferdes zerſtört, und wieder näherte ich ni dem faſt im Schnee verſchwundenen Zuge, als ein Ruck, ein darauf folgender erſchütternder Stoß und dann ein verd whächeiges Wirbeln der Räder um ſich ſelbſt mich belehrten, daß der Tender entgleiſt, aus den Schienen geworfen und ich nun ſelbſt ein der Hülfe bedürftiger Menſch geworden war. Dieſe ſuchend tappte ich an den Wagen hin, an welchen ſich die Zugmannſchaft beharrlich gegen die Gefahr ſtemmte und ben mehrfach auf's Spiel
ein paar kleine
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ſetzte, um den Zug mit den beiden Maſchinen laſſen. Die dem Sturm entgegengeſetzte Seite deſſelben war noch einigermaßen gangbar. Ich fand hier bereite Arme, und es wurde ſofort verſucht den entgleiſten Tender wieder auf die Schienen zu winden, aber der heftige Anprall des Schneeſturms vernichtete dieſen Verſuch im Keime. Wer ſich nicht an den Laufbrettern der Wagen oder an ſonſtigen feſten Gegenſtänden anklamkmerte, wurde ſofort zu Boden geworfen und im Schnee begſcen, der ſich ringsuinher haushoch aufthürmte. Ein gegenſeitiges Verſtändniß war unmöglich geworden. Das Toſen der Elemente übertönte die menſchliche Stimme und ein ununterbrochener feiner Regen nadelſpitzer Eis⸗ kryſtalle ſchlug ſchmerzend in's Geſicht und erlaubte nur ſelten die Augen zu öffnen. Schiffbrüchigen
nicht zu ver
ähnlich, die in dem ſchwankenden Boote ihre einzige Rettung erblicken, erkletterten wir, vom Froſte ge ſchüttelt, den im Zuge befindlichen Poſtwagen, unſere Hoffnung, und ſchürten auf's Neue das Feuer des darin befindlichen kleinen Ofens, der auch bald eine wohlthuende Wärme ſpendete, welche nicht blos die am Körper feſtgefrorenen Kleider, ſondern auch unſere menſch lichen Gefühle wieder aufthauen ließ, die ſich vor Allem in einem ſeit Mittag ungeſtillten Hunger bemerkbar machten. Dieſem geſellte ſich aber auch bald ein weit heftigerer Durſt zu, den wir vergebens durch zerlaſſenen Schnee zu ſtillen ſuchten. Todtmüde ſtreckten wir uns endlich auf den Boden, der nur für die Hälfte der Leute aus reichte, indeß die losgelaſſenen Elemente noch mit aller Wuth tobten und uns mit Dank empfinden ließen, daß wir dies ſchützende Aſyl erlangt hatten. Doch bald ſchickte die mit Hochgenuß empfundene Wärme ein neues Ungemach herab, indem ſie den über und an den Wänden des Wagens liegenden Schnee zum Schmelzen brachte und das Schneewaſſer ſich in Folge deſſen mit aller Macht durch die Ritzen und Oeffnungen drängte und unſer Lager völlig über⸗ ſchwemmte. Nathlos Da entſchloſſen ſich mehrere zu wagen, um eine nur
ſahen wir uns an. der Rüſtigſten, das Unmöglichſcheinende ein paar hundert Schritt entfernt liegende Schäferei zu erreichen, obwohl es eine traurige Gewißheit war, daß, wenn ſie de Weg dahin verfehlten, der feindliche Schnee ihr Grab ſein würd verſuchten unterdeſſen, ſo lange als irgend möglich, das Frreer der Maſchinen zu unterhalten, wenigſtens bei zweien, die dritte war vollſtändig verweht und uns einen Weg zu ihr zu bahnen, wollte unſern wenigen Kräften nicht gelingen. Unſere Hoffnung beruhte in dem Gedanken, wenn mit dem anbrechenden Tag auch die Schneearbeiter eintrafen, durch die Feuerkraft unſerer Roſſe ſelbſt thätig in unſer Geſchick eingreifen zu können.
Wir
Bis dahin war es aber hoch lange Zeit, denn die zehnte Stunde war erſt vorüber und der ungeſtillte Hunger und der
durch das Schneewaſſer auf's Höchſte geſteigerte Durſt vergrößerten das Maß der Leiden. Auf dem Bahnhofe zu Falkenſtein war mittler⸗ weile Alles aufgeboten worden, uns Hülfe zu ſenden, allein Nie⸗ mand wagte ſich in die Schreckensnacht hinaus und die Arbeiter, welche einen Pfad auswerfen ſollten, hatten ſich davon gemacht. Schließlich war es jedoch dem braven Stationsvorſtand gelungen, noch drei muthige Samariter zu gewinnen, mit welchen er ſich auf den Weg machte, um ſich über unſer Schickſal Gewißheit zu ver⸗
ſchaffen. Nach mehrſtündigen fürchterlichen Anſtrengungen, häufig im Schnee unterſinkend, ermöglichten ſie es, den nur zehn Minu ten langen Weg zurückzulegen und zu uns zu gelangen. Mit
unausſprechlicher Freude begrüßten wir früh gegen drei Uhr die mit wollnen Decken, Brod und ſtärkendem Wein bepackten wackern. Männer, die uns wie rettende Engel erſchienen und die bereits die Hoffnung aufgegeben hatten, uns noch am Leben zu treffen. Wir
fühlten uns neu gekräftigt, aber die Zweifel über das Loos der nach der Schäferei Geflüchteten ließen uns keine Ruhe. Wie wir ſpäter hörten, waren indeß auch ſie, Einer den Andern gefaßt haltend, der Gefahr entronnen, wenn gleich zwei von ihnen durch den Sturm von der über den Einſchnitt geſpannten zwanzig Fuß hohen Brücke herabgeſchleudert wurden. Nur ſchweren
Herzens ließen wir unſere neuen Freunde, denen der Sturm nach dem Bahnhof zu glücklicher Weiſe in den Rücken kam, wieder um kehren, da man ſicher um ihr Schickſal ebenſo beſorgt geworden war wie um das unſrige. Langſam wich indeſſen die verhängnißvolle Nacht dem ungeduldig erſehnten Tage, dem 1. Februar, der uns dann und wann einen Blick durch die Schneewolken thun ließ, die uns wie geſpenſtiſche Schwadronen umkreiſten. Aber was


