Jahrgang 
13 (1868)
Seite
198
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Ich komme, Dir meinen Bräutigam vorzuſtellen, Marianne! ſagte ſie mit großer Herzlichkeit. Ach, rief Marianne, auf den ſtattlichen Officier blickend,

das iſt einenlleberraſchung... und wie gut und lieb iſt es, daß

Sie ſo an mich denken und ſelbſt zu uns kommen; wie gerührt

bin ich, daß Sie ſoagaut ſind... e 8. 1.. 4 Gerührt darü auchſt Du nicht zu ſein, Marianne, Th

antwortete Frau von ch, mit dem jungen Mädchen die Küche durchſchreitend und dem Hauptmann überlaſſend, ſich mit dem Bauern in ein Zwiegeſpräch zu verſtrickenDu brauchſt mir nicht dafür zu danken; es iſt umgekehrt, ich muß Dir danken, denn mein Glück iſt ganz allein Dein Werk!

Mein Werk? Sie ſcherzen, gnädige Frau!

Nicht im Mindeſten... Aber wie käme ich dazu, Theil zu haben an...

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Ja, wie kamſt Du dazu? Du ſprachſt ein Wort, ein einziges, noch dazu unwahres Wort, und dies eine Wort war wie ein Zauber, der Geiſter beſchwor und ſchlummernde Dinge weckte und in Bewegung ſetzte... es iſt die merkwürdigſte Ver kettung, die ſich denken läßt, und am Ende dieſer Kette, als zwei glücklich verbundene Glieder, ſiehſt Du uns, meinen Bräutigam und mich aber was ſage ich, was ſpreche ich von einem Ende eine ordentlich geſchloſſene Kette darf kein Ende haben, das Ende muß ſich wieder an den Anfang ſchließen, und deshalb komme ich zu Dir... wie Du das erſte Worte geſprochen, mußt Du auch das letzte ſprechen, damit dieſer wunderliche Roman ſeinen Ab⸗ ſchluß erhalte... deshalb eben komme ich zu Dir und gehe nicht, bis Du das Wort geſprochen... aber ſetzen wir uns irgendwo, wo wir ungeſtört plaudern können..

Marianne führte die gnädige Frau quer durch die Küche und die offenſtehende Seitenthür zu der Bank hinter dem Hauſe.

Hier ſind wir ganz allein! ſagte ſie leiſe und ſehr beklommen.

Sag' mir, Marianne, begann hier Frau von Thorbach, weshalb ſchlägſt Du die Hand Friedrich's aus, der jetzt ein vor⸗ nehmer und reicher Herr iſt und...

Ach, das iſt es gerade, rief Marianne erbleichend aus, es iſt ja gar nicht möglich alle Welt würde ja ſagen, ich hätte mit meinem Vater zuſammen eine ganz ſchändliche, ganz ab⸗ ſcheuliche, ganz elende Speculation gemacht, um ihn zu bekommen!

Alſo, das iſt's allein? Du haſt ſonſt nichts wider ihn?

Was ſollt' ich wider ihn haben? Er iſt ſo gut... er war ſo ſanft und ſo gut gegen mich, wie ich gar nicht verdiente, gar nicht glaubte, daß ein Mann ſein könnte...

Und wenn ich Dir nun ſage, daß er Dich leidenſchaftlich liebt, daß er bodenlos unglücklich und wie ganz zerſchlagen iſt, weil Du ſeine Hand zurückgewieſen haſt; daß er darüber an die Veränderung ſeiner Lage gar nicht denkt und allem Gefühl von Glück unzugänglich iſt, welches ein Anderer an ſeiner Stelle empfinden würde...

Gerechter Gott... das... das iſt mir ſchrecklich, ganz ſchrecklich... aber ich kann doch nicht anders! brachte Marianne

mühſam hervor. Wenn Du mehr an das denkſt, was die Leute über Dich ſagen werden, als an ihn, dann kannſt Du nicht anders; das iſt

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richtig. Aber biſt Du denn ſolch eine Egoiſtin? Kannſt Du ſo

ruhig denken: wenn nur die Leute mir nichts vorwerfen, mag er *.

dann immerhin beſchimpft ſein?

Beſchimpft ſein? Er? Das verſteh' ich nicht!

Das iſt doch klar! ſiel Frau von Thorbach ein.Wenn Du jetzt nicht ſeine Frau wirſt, ſo werden die Leuts ſagen: da ſieht man's, als er Unterofficier war, da war ihm eine Tochter vom Herbotshof ganz recht, jetzt, wo er ein Baron geworden, läßt er ſie ſitzen; er iſt ein wortbrüchiger, meineidiger Menſch!

Mein Gott, rief Marianne aus,werden ſie das glauben?

Ganz ohne Zweifel! Und dann noch Eines, ſprach Frau von Thorbach weiter.Wenn ein junges Mädchen Einen in ſich verliebt macht, ſo muß ſie ihn auch ehrlich nehmen, ſonſt iſt

ſie eine herzloſe Kokette... Aber können Sie mir denn vorwerfen...? Gewiß, Marianne hab' ich Dir nicht eben geſagt, daß

Dein Wort die ſchlummernden Geiſter ganz allein geweckt habe, und unter dieſen Geiſtern iſt auch die ſchlummernde Leidenſchaft in ihm gemeint!

Marianne ſchüttelte den Kopf und ſah vor ſich hin.Nein, nein, ſagte ſie,daran bin ich nicht ſchuld. Aber wenn er wirklich für wortbrüchig und meineidig gehalten würde... wenn das die Folge wäre...

Es wird die Folge ſein!

Dann hätte ich freilich die Schuld. O, rathen Sie mir, liebe gnädige Frau, ich bin ſo grenzenlos unglücklich, Sie glauben es gar nicht!

Frau von Thorbach legte lächelnd ihre Hand auf die Mariannens.

Ich rathe Dir ja... rathe auf's Eifrigſte und Wärmſte... und wenn Du Dich unglücklich fühlſt, ſo giebt es ja das vor⸗ trefflicſſte Mittel, dem ein Ende zu machen. Du ſprichſt: Ja, und Du wirſt ſehen, wie bald eine ſo aufrichtige Liebe, wie die

Friedrich's, Dich glücklich macht. Redet denn nichts in Deinem

Herzen für ihn?

Ach, das iſt's ja gerade, daß er mir gar zu gut gefällt und ich Niemanden auf Erden möchte, als gerade ihn, und nun Sie ſagen, daß auch er ſo unglücklich ſei... nun mein' ich, ich könnt, gar nicht mehr leben ohne ihn!

Frau von Thorbach legte ihren Arm um die Schulter des in ein herzbrechendes Schluchzen verfallenden jungen Mädchens.

Dann iſt's doch klar, daß Euch Beiden nichts Anderes übrig bleibt, als Euer beiderſeitiges bodenloſes Unglück zuſammenzulegen, rief ſie lachend aus.Und das ſollt Ihr gleich thun. Komm' mit, Friedrich iſt drüben im Wagen geblieben und harrt in tödtlicher Spannung auf uns... komm', komm'!

Frau von Thorbach zog Mariannen fort. Aber ſie hatten nicht bis zum Wagen zu gehen. Friedrich hatte ihn verlaſſen und ſtand im Obſtgarten an einen Baum gelehnt; als ſie um die Ecke des Hauſes kamen, eilte er ſtürmiſch auf ſie zu.

Friedrich, rief Frau von Thorbach lachend aus,bei Ihnen kann man nicht ſagen: Wer das Glück hat, führt die Braut heim, ſondern: Wer die Braut hat, führt ein ganzes Häuflein Unglück heim. Da nehmen Sie's und umarmen es, Ihr Häuflein Unglück, da es doch nun einmal Ihre Braut iſt!

Zwei Tage

Anfang Februar dieſes Jahres brachten die Zeitungen unter andern Nachrichten auch die, daß die Eiſenbahnlinie von Herlas⸗ grün, einer kleinen Station bei Reichenbach im ſächſiſchen Voigt⸗ lande, nach Eger in Böhmen durch anhaltende Schneefälle und Schneewehen unfahrbar geworden ſei; eine Nachricht, die an und

für ſich nichts Ungewöhnliches geweſen iſt und jeden Winter vor⸗

kommt. Denn nicht blos im Norden, ſogar im Süden, in Spa⸗ nien und Italien, gelingt es wohl Sturm und Schnee im Verxein, die flüchtigen Renner aufzuhalten, die uns Zeit und Raum ver⸗ rückt haben.

Als daher die erſten telegraphiſchen Nachrichten von dieſen eingetretenen Verkehrsſtockungen auf der obenerwahnten Linie im Bahnhof zu Reichenbach eintrafen, überraſchten ſie eigentlich nur inſofern, als wir in dieſem Winter noch keine größere,

Aus dem Leben eines

im Schnee.

Locomotivenführers.

tagelange Störung gehabt hatten. Deshalb trat ich auch am 31. Januar früh vier Uhr die Fahrt von Reichenbach nach Eger mit einer gewiſſen Neugierde an, beſonders da ein widerwärtiges, garſtiges Wetter das Möglichſte verſprach. Lang anhaltende, dichte Schneefälle hatten vorgearbeitet und eine zwei bis drei Fuß hohe,

weiße, lockere Decke über das Voigtland ausgebreitet, die bei den beiden hochgelegenen Orten Auerbach und Falkenſtein dieſe Höhe

noch um ein Beträchtliches überſtieg. Heftige Windſtöße jagten und trieben darüber hin, warfen Hügel und Wände auf und ver⸗ änderten im Handumdrehen die Oberfläche durch ihr launiges

Spiel. Mühſam, aber unaufgehalten durchkämpfte die ſtarke Laſt⸗

zugsmaſchine die zahlreichen, im Augenblicke entſtandenen kleinen Wehen bis Auerbach; hier ſtand noch querfeldein die durch Schnee

und Eis Tags vorher am Eingange des Bahnhofs aus dem Ge⸗

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