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„Nun, den Mond!“ erwiderte Wild,„denn er hat doch
eigentlich die Britannia⸗Röhren zwiſchen die Pfeiler getragen.“*
„Sehr richtig,“ rief Stephenſon lachend,„daran habe ich wirklich noch nicht gedacht.“
Wir lachten verſtehend mit. Nur die Damen ſahen ſich etwas befremdet an.
„Mein Gott,“ ſagte die kleine reizende Frau an meiner Seite mit gelangweiltem Lächeln, die ſchweren goldblonden Locken zurückſchüttelnd,„nun werden die Herren auch noch myſteriös. Hatten wir denn uns bisher nicht ſchon genug bei dieſem Diner an Tödtungen und Verletzungen auf Eiſenbahnen, Blechrohren von Millionen und Millionen Pfunden und was dergleichen Zierlichkeiten mehr waren, zu erquicken?“—
„Ja, liebe Amy,“ ſagte Miß Stephenſon, ſich mit freund⸗ licher Ironie in den gutmüthigen alten Zügen erhebend,„das iſt ſo an meines Bruders Tafelrunde. Sehr ausgezeichnet, ſehr reſpectabel, ſehr nützlich, aber ich beneide dabei oft meine Angora dort auf dem Fauteuil.“
Die. Damen ließen uns mit dieſer verdienten derben Lection, einiger Beſchämung und den Flaſchen allein, die rüſtig auf ſilbernen Wägelchen auf der Tafel herum zu rollen begannen.
Bald fiel das Geſpräch auf das Wunder des Tages, die Yacht„Amerika“, auf der ihr Erbauer, der anweſende Amerikaner Stevenſon, die zauberſchnelle Reiſe von zehn Tagen über den atlantiſchen Ocean gemacht und die ſoeben, bei dem großen „Yacht Race“ zu Plymouth, alle die beflügelten Segler des engliſchen Yachtelubs glänzend geſchlagen hatte.
Dieſer Sieg der Amerikaner hatte in den höheren Kreiſen Londons faſt den Eindruck eines Nationalunfalls gemacht, und das außerordentliche, ganz unengliſche Feuer, welches auch das Geſpräch in unſerem Kreiſe zu beleben begann, zeugte davon, wie innig das Leben des Meeres in das des großen Inſelvolkes verwebt iſt. Ein„ſchnelles Schiff“, ein„nobles Boot“, bei dieſen Worten belebt ſich das Auge des arbeitsmüdeſten Dockträgers ebenſo gut, wie das des blaſirten jungen Nobleman, den der Nuf„eine ſchöne Frau“ nicht einmal mehr aufblicken läßt.
Man wird ſich alſo denken können, daß der Erbauer oder Beſitzer eines ganz ungewöhnlich ſchnellen Schiffs, mehrere Tage länger als der größte Künſtler und Virtuos, der beneidete Held des Tages in den Londoner Kreiſen der„oberen Zehntauſend“ ſein kann.
Aber wo das große Publicum zujauchzt und gafft, da beſitzen und genießen dieſe Glücklichen, und ſo gehörte, beſonders im Anfange der fünfziger Jahre, der Beſitz einer ſchnellen Yacht unbedingt zum Luſtre eines Nobleman comme il faut, und in einer jener queren Launen, an denen die engliſche Geſellſchaft ſo reich iſt, führt bei dieſem freien, großen Volke den thatenreichen Leiſtenden, aber Emporgekommenen, nur ſelavi⸗ ſche Nachahmung der Sitten derer, die nichts thun und leiſten, zur Geltung! Beim geſchäftigſten Volke der Erde gilt„nichts zu thun zu haben“ noch als erſtes Attribut des„wahren Gentleman“.
Auch unſer edler Wirth beſaß daher, wie ſchon oben erwähnt, eines jener elfenhaften Gebilde der Schiffsbaukunſt, deren Tendenz es iſt, durch immer größere Vervollkommnung der Linien der Schiffskörper, immer richtigeres Gleichgewicht der Beſegelung, die höchſtmögliche Geſchwindigkeit der Fahrt, den höchſten Gehorſam des Steuerruders zu erreichen. Sie fliegen wie Seefalken aus von den an den Küſten liegenden Schlöſſern der Reichen, ſie entzücken das Auge des Seemanns durch unübertreffliche Haltung ihres Windwerks, ſie gleiten wie Goldfiſche mit glänzendem, ſchlankem Kupferbauche durch die ſpiegelglatten Gewäſſer, graziös vor der leichteſten Briſe geneigt; ſie wippen wie Sturmvögel ſicher und leicht, als ob ſie kaum die Kämme der Wogen berührten, über Berg und Thal des aufgewühlten Oceans! Ihre innere Einrich⸗ tung iſt die Miniature der ſtolzen Schlöſſer ihrer Beſitzer. Die ſchöne Lady vermißt auf ihrer Elfennußſchale weder die Biblio⸗ thek, noch das Badezimmer, noch das Piano in Kiliputergeſtalt, und wenn, bei hoher See, welche die kleinen Schiffe natürlich ge⸗ waltig umherwirft, die Balance verloren wird, ſo iſt durch drei⸗ fache türliſche Teppiche und maroquingepolſterte Wände der Cajüte dafür geſorgt, daß ſelbſt ein jäher Fall die zarten Glieder nicht verletze.
Der Ort, wo ſich dieſe Edelweſen unter den Schiffen am liebſten zu verſammeln pflegen, iſt auch der eleganteſte Theil der engliſchen Küſte, der, von deren Höhen aus die Königin gern dem
* Nämlich die Springfluth, die ihrerſeits durch die Anziehungskraft
des Mondes erregt wird.
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ſpielenden und doch ſo heiße Leidenſchaſten erregenden Wettflug derſelben zuſieht, oder es zu Zeiten auch wohl erleben muß, daß, bei friſchem Winde, wenn ſie, in hohem Intereſſe am ſchönen Schauſpiel, denſelben am Bord ihrer ſchnellen Dampfyacht„Victoria and Albert“ begleitet, eine dieſer„Beauties“ zwar ehrerbietig die bunte Flagge vor dem königlichen Schiffe ſenkend, doch ohne Erbarmen ihm leichtbeſchwingt vorüber⸗ und vorausfliegt.
Unter die„Schönſten der Schönen“ gehörte aber unſeres ed⸗ len Wirthes Yacht, an der alle Theorie und Praxis der Schiffsbau⸗ kunſt ihre geheimſten„Kniffe“ erſchöpft zu haben meinte.
Wenige Tage vor unſerem Abende war eines jener zauberi⸗ ſchen Seeſtücke, ein Yachtwettſegeln, vor der Inſel Wight in natura gemalt worden.
Die edlen Lords an Bord ihrer goldglänzenden, zierlichen Libellen, Waſſerſchwalben, Nixen, Sylphen, Möven ec. waren nicht wenig erſtaunt geweſen, als ſich, zwar ſeitab der Reihe der edeln zum Tjoſt aufmarſchirenden Ritter, aber offenbar ſtreitbereit, ein ſchlichter, unſcheinbarer,„ſeegewaſchener“ Kämpe, mit niederem, dunk⸗ lem Bord, weit zurückliegendem, an die Betakelung der Schebecken der Berberei erinnerndem, ſtarkem, hohem Spierenwerke und un⸗ gewöhnlich breiten Raaen, geſtellt hatte. Als der Kanonenſchuß zur Abfahrt der Wettſegler gefallen war, dieſe im Nu ihre weißen Schwingen entfaltet hatten und davongeflattert waren, hatte das unſcheinbare Schiff eines ſeiner großen Segel nach dem andern gemächlich von den Raaen geſchüttelt, ſich ſtark auf die Seite ge⸗ neigt und war ſchneller und ſchneller, zwiſchen den ſchönen Yachten dahin, durch das Waſſer geglitten. Es hatte ſich ſchon in der erſten Reihe befunden, ehe noch ſein ganzes„Tuch“ entfaltet war, plötzlich aber hatte es auch„die letzte Faſer“, wie die Seeleute ſagen, ausgebreitet und war nach dem Umſegeln der Inſel, den andern Nachten faſt um eine Seemeile voraus, ihnen ſchon wieder entgegen gekommen. Dabei hatte es, zum unſäglichen Aerger der ſtolzen britiſchen NYachtritter, das amerikaniſche Sternenbanner entfaltet.
Der Aerger hatte ſich bald in glühende Begierden verwandelt. Die Intelligenz brannte, hinter die Hexenkünſte des Amerikaners zu kommen, der Reichthum, das Schiff zu beſitzen.
So war es gekommen, daß auch Stephenſon, ſeiner lieb⸗ lichen„Waſſernixe“ untreu werdend, ſich unter den Bewerbern um das eigenthümliche, intereſſante, techniſche Weſen befunden hatte.
Jetzt, als man darauf in unſerem Kreiſe, in dem der herr⸗ lichſte Port ſchon die Herzen erſchloſſen hatte, zu ſprechen kam, äußerte er:„Ich würde das Schiff auseinander genommen und die Linien und Verhältniſſe deſſelben ſtudirt haben, wenn ich das Glück gehabt hätte, es zu erwerben.“
„Das wäre ſchade geweſen,“ erwiderte der Amerikaner darauf, den gerötheten Kopf in dem Rocking chair, den ihm Stephenſon liebenswürdig hatte bringen laſſen, zurücklegend und die Aſche von ſeiner Cigarre blaſend,„denn Sie würden nichts Neues ge⸗ funden haben. Kann ich's doch kaum vor mir ſelbſt verantworten, mir für das Schiff ſo hohe Preiſe bieten zu laſſen, da das Ge⸗ heimniß ſeiner Segelkraft ſo einfach iſt.“—
Er machte eine Pauſe— Niemand wagte um deren Mit⸗ theilung zu bitten; doch lauſchte Alles, in athemloſer Spannung, die ſich erſt löſte, als er behaglich fortfuhr:
„Der Körper Ihrer Nacht, mein edler Wirth, iſt beſſer geformt, als der der meinen, und ſie würde vorm Winde auch beſſer ſegeln, wenn er ſchräg genug nach hinten im Waſſer läge; dann zerſpaltet das viele, ſehr elegante, ſehr ſeemänniſche, aber — unnütze— Tauwerk, das Sie hinter den Segeln haben, den Wind, und nimmt ihm den derben Prall gegen die Leinwand. Ihre Bords ſind zu hoch, das giebt falſchen Windfang! Es iſt wahr, Sie haben faſt immer ein trockenes Deck, und, Gott weiß, wie dagegen mein Boot am Winde immer halb unter Waſſer liegt! Was ſind wir gewaſchen worden bei der Ueberfahrt von Amerika herüber, aber— gleichviel— wir ſegelten ſchnell.
„Die Hauptſache aber, und das iſt eigentlich mein Geheimniß, liegt im Stoff und im Schnitte der Segel. Leinwand, trockene Leinwand, weiße, ſchöne Leinwand für noble Nachtſegel iſt ein reines Sieb, durch das der Wind halb hindurch pfeift. Und die runde Schwellung Eurer Tücher ſieht ſchöner aus— als ſie gut iſt, Vierfacher, feſter, geſteppter Cattun, ſtraff geſpannt wie ein Brett, mit ſcharf angeholten Schoten und Braſſen,— das iſt das wahre Segel, da thut die Luft ihre Schuldigkeit daran, da könnt Ihr am Winde hinſegeln— auf Haaresbreite.—“


