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Brückenbaues abſolut ſtill. Das Können im Steinbrückenbau ſcheint in der That von den römiſchen Meiſtern vollſtändig er⸗ ledigt worden zu ſein.“
„Und all' das mühſelige Theoretiſiren über daſſelbe,“ fiel ich ein,„das beſonders in meinem doctrinliebenden Vaterlande mit Aufwand herrlicher Kräfte ſo breit und behaglich gepflegt wird, hat es um kein Haar breit weiter gebracht. Der Baumeiſter Trajan's, Apollodor, der die Donaubrücke bei Turnu⸗Severin, und der Ingenieur Theodorich's des Großen, der den Aquäduct von Spoleto baute, waren darin gerade ſo klug und kühn wie unſer beſter Techniker.“
„Nur durch Abminderung der Maſſen des Baues, die Con⸗ ſtruetion der Gerüſte,“ ergänzte Swinburne,„die Anwendung aller Hülfsmittel, welche die Mechanik der Neuzeit beim Funda— mentiren der Pfeiler und Heben der Laſten an die Hand giebt, kann ſich dieſer überhaupt des Namens eines Ingenieurs würdig machen. Wer ih dieſer Wiſſenſchaft nicht im Studium wie im Können vollſtändig auf der Höhe ſeiner Zeit ſteht, deſſen Wirken iſt eitel Verneinung und vom Uebel.“
„Und,“ fügte ich hier dazwiſchen,„eitel Vortheil und echteſte Nationalökonomie wär's, alle ſo beſchaffenen Techniker im Amte ſtracks mit vollem Gehalte zu penſioniren.“
Alles lachte, und Marochetti rief aus:„Nach Allem, was die Herren ſagen, ſcheint's dem Laien, als ſei die Eiſenbrücke der eigentliche Charakterausdruck, die eigentliche Hieroglyphe für den Geiſt des Verkehrs der Neuzeit. Doppelt ſtolz gehe ich nun an das Erzbild des Mannes, der als Piromis dieſes Geiſtes dieſe Hieroglyphen am ſchönſten zu ſchreiben verſteht!“
„Halt! halt!“ rief Stephenſon aus,„iſt mir's doch, wenn der Meiſter da allmorgendlich ſich müht, die eckigen Contouren meines altengliſchen Geſichts in einigen Einklang mit Schönheits⸗ linien zu bringen, als arbeite er nicht am Bilde des beſten Mannes in unſerem Fach in England.“ Und auf unſere abweiſenden Aeußerungen fuhr er fort:„Gerade im bedeutſamſten Augenblick des Baues der Britannia⸗Brücke, auf den die ganze Welt mit Spannung blickte, um deſſen glücklichen Verlauf ſie mich beneidete, habe ich mich im Herzen tief unter zwei Männern gefühlt, die ſie meine Rivalen zu nennen pflegt. Sie Alle wiſſen, daß nach einer durchaus neuen Baumethode die Röhren der Britannia⸗Brücke am Ufer zuſammengenietet, dann untergraben und bei der Ebbe mit Pontons unterfahren wurden, die, mit Eintritt der Fluth, ſie heben und zwiſchen die Pfeiler auf ihre Lager tragen ſollten. Bei weg⸗ ſinkender Fluth mußten dann die Röhren in den Pfeilern liegen bleiben und ſollten ſpäter mit hydrauliſchen Preſſen auf ihre beſtimmte Höhe, hundert und zehn Fuß über den Meeresſpiegel, gehoben werden. Dieſe Röhren ſind die ſchwerſte Maſſe, die jemals auf der Welt gleichzeitig und maßrichtig von Menſchenhand bewegt worden iſt. Die auf einmal auf dieſe Weiſe zu flößende Maſſe wog immer volle ſünfunddreißig tauſend Centner, war dabei lang und im höchſten Maße unbequem zu behandeln. Mißrieth die Flößung, kam die ungeheure Maſſe nicht, bei einem Fluthengange, correct bis auf den Zoll, auf die rechte Stelle in den Pfeilern zu liegen, ſo war der Schaden unabſehbar, das Gelingen des geſammten Werks in Frage geſtellt. Die ganze Arbeit, deren Zeitdauer ſich daher kategoriſch auf fünf bis ſechs Stunden beſchränkte, wurde noch dadurch complicirt, daß bei Eintritt der Fluth im Menai⸗ Canal eine rapide, mit dem Wachſen der Fluth ſteigende Strö⸗ mung entſteht, die das Dirigiren des mächtigen Objects auf den raſch dahinfließenden Gewäſſern zu einer Aufgabe machte, die großes Talent und höchſte techniſche Intelligenz und noch bedeutendere Beſonnenheit und Entſchloſſenheit erforderte. Unglücklicher Weiſe
zerſiel ſie noch überdies in drei gleich bedeutſame Theile, die drei
gleiche Capacitäten beanſpruchten. Eine derſelben mußte ſich jedes⸗ mal auf der ſchwimmenden Röhre und je eine an den mächtigen Ankerwinden ſich befinden, die, von den Üfern her, mit Ketten und Tauen das Flößen der Maſſe leiteten. Letztere hatten genau den Signalen des auf der Röhre befindlichen Ingenieurs Folge zu leiſten. Nicht gern wollte ich meinen beſten Zöglingen dieſe Aemter anvertrauen. Sie waren mir zu lieb dazu. Mißrieth die Löſung der großen Aufgabe, ſo gab ihnen die Welt Schuld
daran, und ihr techniſcher Ruf war vielleicht für immer compro⸗
mittirt. „„Ich war in Verlegenheit, die mir keine Nachtruhe mehr ließ. Ich fühlte mich gequält und zerſtreut in Augenblicken, die
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wohl die bedeutungsvollſten meines ganzen Lebens waren. Nun wohl! Vier Tage vor Eintritt der Springfluth, die unſere Röhren⸗
koloſſe auf den Rücken nehmen ſollte, erſchienen meine beiden ſo⸗⸗
genannten Rivalen, Englands erſte Techniker, Iſambert Brunel
und William Fairbairn, bei mir und boten ſich an— nach dem Winke meiner Hand— ihres Rivalen Hand— die Arbeiten
an den Ufern zu leiten, meine Ehre durch ihre gewaltige Mit⸗ wirkung vor jedem Unfalle zu ſchützen.“—
Der Meiſter ſchwieg tiefbewegt einen Augenblick,— er er⸗ ſchien mir größer jetzt, wo er, ſtolze Demuth in den ſtarken Zügen, ſchweigend auf ſeinen Teller niederſah, als neulich zwiſchen den Rieſenpranken der Sphinx vor ſeinem Wunderwerke.— Er ſelbſt unterbrach die Stille, indem er weiter erzählte:„Ich war am Morgen, der um zehn Uhr den Eintritt der verhängnißvollen Fluth bringen ſollte, vor Tagesanbruch unten am Ufer des Menaicanals. Es war ſtürmiſch, ich hörte die hohe Brandung durch die Nacht brauſen. Weithin brannten auf beiden Ufern die Wachtfeuer und Fackeln, bei denen die Nacht über gearbeitet wurde. Mir lag es ſchwer auf der Seele. Ich begriff jetzt erſt das mir bis dahin Unfaßbare, daß Telford, als man die Gerüſte unter den Ketten ſeiner Hängebrücke wegſchlug, ſich betend in das Brückenhäuschen, deſſen Läden er hatte ſchließen laſſen, zurückgezogen hatte.— Da rief mich eine helle Stimme durch die Nacht an: All right! All goes well! Good morning!’* und ich erkannte Brunel, der ſchon vom Werkplatz ſeiner Kapſtans kam. Ich bin nicht poetiſch, aber ich muß geſtehen, der handfeſte, kleine, große engliſche Ingenieur erſchien mir in dieſem Momente wie ein lichter Engel!“
Wir lachten, die wir Brunel kannten, Stephenſon lachte mit und fuhr dann heiter fort:
„Der Augenblick kam, wo die Fluth eintrat. Ich ſtand auf der zuerſt zu flößenden Röhre, die ſeit Jahr und Tag, ſeitdem die Arbeit an ihnen begonnen wurde, bergfeſt auf ihren Werk⸗ lagern ruhte, volle zwei Millionen Pfund ſchwer. Todtenſtille auf beiden Ufern, mit ihren Hunderten von Arbeitern, die, Hand am Griff, vor ihren Ankerwinden ſtanden, mit Tauſenden zugeſtrömter Zuſchauer. Ich ſah Fairbairn wie einen Punkt am Angleſea⸗Ufer auf ſeinem Gerüſt ſtehen, unter mir, am Hauptkapſtan des Walesufers, ſtand Brunel, die klugen Augen nach mir heraufgerichtet— Alle todtenſtill— nur die ſteigende Fluth brodelte um die Pontons, in deren gewaltigem Zimmerwerk und Rippen es knackte, knurrte und polterte, je mächtiger das Waſſer ſie gegen die große Laſt, die ſie heben ſollten, preßte.
„Endlich wurde auch dies Praſſeln ſtill— ſie mußten ihre volle Laſt haben— ich ſah nach der Uhr und den Waſſermaſſen — die Fluth war faſt auf ihrer Höhe— die Eiſenmaſſe rührte ſich nicht— mir ſtand das Herz faſt ſtill— da plötzlich fühlte ich, wie es wie ein Zittern durch die koloſſalen Röhren unter meinen Füßen lief— der eiſerne feſte Boden wich— und im ſelben Momente ſah ich, wie die Gerüſte ſich gegen uns verſchoben. Die Arbeitsmannſchaften brachen unaufhaltſam in unermeßliche Cheers aus, die aus tauſend Kehlen weit und breit an den Ufern widerhallten.— Die ungeheure Röhre ſchwamm!! Raſch packte die Pontons die Fluth— ich gab meine Signale. Meine großen Rivalen folgten dem Wink meiner Hand! Die Fluth ſpritzte an den angeſtrafften Tauen und Ketten thurmhoch empor, oder brodelte über die erſchlafft in's Waſſer ſinkenden mit einer Präciſion, als belebe ein einziger Wille die Hunderte von Männern hüben und drüben.
„Ich will Sie nicht mit der Erzählung davon ermüden, es iſt bekannt, wie die Röhre ohne Unfall und mit bewunderungs⸗ würdiger Genauigkeit, trotz Sturm und Stromſchnelle, zwiſchen die Pfeiler trieb und die ſinkende Fluth, ſie auf ihren Lagern liegen laſſend, luſtig die dason gelöſten Pontons mit fortnahm, während ich mit Entzücken das Knirſchen hörte, mit dem der Koloß ſich ſicher auf die Steinunterlage bettete. Aber Sie werden ver⸗ ſtehen, daß ich mich nie ſo gehoben und ſo klein zugleich gefühlt habe, wie damals, als meine Rivalen zu mir auf die Röhre kletterten und mir die Hand drückten.“
Der Meiſter ſchwieg,— die Stille begann peinlich zu werden, als Wild plötzlich anhub:„Meiſter, haben Sie ſich denn auch gehörig bei Ihrem Hauptarbeiter bedankt, ohne den die Röhren noch heute im Uferſande lägen?“
„Wen meinen Sie?“ frug Stephenſon erſtaunt.
* Alles in Ordnung! Alles geht gut! Guten Morgen!
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