Jahrgang 
10 (1868)
Seite
147
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am

Du willſt Urlaub? Das iſt ja bei Dir nicht vorgekom⸗ men, ſeid ich Dich kenne. Alſo bewilligt! Wozu willſt Du denn Urlaub? ſetzte der Hauptmann hinzu.

Es iſt eine merkwürdige Geſchichte, verſetzte Friehriiß lächelnd.Ich will in meine Heimathgegend zurück, aus der ich ſeit ſo⸗ langer Zeit fort bin und die ich kaum je wiederz uſohen dachte.

Und wozu?

Das Wozu iſt mir ſelber räthelhaft. Ich habe da einen kurzen Brief von dem Doctor Roſkmeyer bekommen, Herr Haupt⸗ mann erinnern ſich vielleicht des Namens...

Roſtmeyer... ich glaube, Du ſagteſt mir, daß der Mann Dein Wohlthäter geworden, daß er Dir möglich gemacht, die Unterofficiersſchule zu beſuchen...

Ganz recht, und derſelbe Herr Roſtmeyer ſchreibt mir nun, ich ſolle unverzüglich mich auf Haus Stromeck einſtellen und mit einigen Zeilen von ihm dort legitimiren; wolle mich ſprechen, ich werde das Weitere von ihr hören.

Die Frau von Thorbach? rief der Hauptmann lebhaft und die Farbe wechſelnd aus,Frau von Thorbach hat mit Dir zu ſprechen... und weshalb, worüber, das weißt Du nicht?

Ueber Friedrichs gutmüthige Züge flog ein helles Lachen.

Nein, ich weiß es nicht, ſagte er,ich könnte in aller Welt nur Eines denken, mag ſie mir zu ſagen hätte!

Nun und was? fragte haſtig der Hauptmann.

Friedrich ſah zu Boden und ſagte ein wenig ſtotternd:

Ich fürchte, Herr Hauptmann nehmen's ungnädig.

Heraus damit, Friedrich, Du brauchſt auch nicht ſo ſteif in dienſtlicher Haltung dazuſtehen, wir ſind aus einem Dorfe und außer Dienſt alte Freunde; alſo, was wollteſt Du ſagen?

Ich könnt' mir nur denken, daß die gnädige Frau von mir wiſſen wollte, wie es meinem Herrn Hauptmann ginge und ob er noch an ſie dächte.

Das wird das Letzte ſein, wofür ſie ſich intereſſirt, ſagte der Officier raſch und mit unwilli igem Tone ſich von ihm wendend.

Friedrich lächelte wieder.

Ich glaub's nicht, verſetzte er.Ich kann mir nicht denken, daß ſie ſich nich für ihren Gutsnachbar intereſſiren ſollte Ihr Gut und Stromeck liegen ja keine Stunde und einige Aufmerkſamkeit haben Sie doch gewiß ſür Ihre Landsmännin gehabt, als ſie im vorigen Winter hier war... ich meine, ich hätte davon gehört, ſetzte Friedrich wie forſchend⸗ hinzu.

Du davon gehört? fiel der Hauptmann ein.Poſſen, Du mußt wiſſen, daß Frau von Thorbach und ich geborene und ge⸗ ſchworene Feinde ſind.

Feinde? fragte Friedrich verwundert.

So iſt es. Kennſt Du die Geſchichte und Capuletti?

Zu Befehl, nein, Herr Hauptmann!

Nun, ſieh', zwiſchen deren Häuſern herrſcht ſchaft, die ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht fortſpann. es mit den Stromecks und uns Mechtelbecks.

Und deshalb haſſen Sie die ſchöne Dame, die ſo viel Be⸗ wunderer hat?

Der Officier ſchüttelte den Kopf. Ich haſſe ſie nicht, ich weiß nur, daß ſie mich als den Trä⸗ ger meines Namens haßt

Friedrich, dem die Dinge überhaupt leicht eine heitere Seite zu bieten lhhrnen, lächelte wieder.

Wenn Sie's nich ungnädig nehmen,Herr Hauptmann, ich glaub' es nicht!

Doch, doch, Friedrich, rief der Officier ſehr aufgeregt aus. Sieh', ujiſere Väter haßten ſich auf's Blut. Noch df ſeinem Todesbett? hat mein Vater mir geſagt, daß ihm der Baron Stromeck, der Frau von Thorbach Vater, das Leben vergiftet habe, daß er der einzige Menſch auf Erden ſei, den er haſſe, und daß er mir ſeinen Fluch gebe, wenn ich dies je vergeſſen könne, je eineGelegenheit, ihn zu rächen, ungenutzt vorübergehen laſſen werde.

Das war nicht ſehr chriſtlich, ſagte Friedrich,mir iſt's lieber, daß ich nimneſe etwas geerbt habe, noch erben werde, als

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von den Monkecchi

e eine Todfeind⸗ Und ſo iſt

ſolchen Haß gegen Jemand, der mir nichts gethan hat, oder gar

noch gegen ſeine hübſche Tochter erben zu ſollen!

die Frau von Thorbach⸗

auseinander⸗

Mag ſein, mein lieber Friedrich, punft kommt es nicht an. Die Dinge ſtehen einmal ſo.

Nun ja, ſagte Friedrich,dann wär's aber immer noch möglich, daß die ſchöne Dame mich fragen will, ob der Rittmeiſter vielleicht nicht bewogen werden könne, den Haß fahren zu laſſen; ſie ihrerſeits beſtände nicht ſo ſehr darauf.

Geh⸗ und höre, was ſie Dir ſagen will; ich bitte mir nur aus, daß D Du meinen Namen nicht in ihrer Gegewan nennſt.

Zu Befehl, Herr Hanpunahrn.

Und wenn Du zurückkommſt, ſo melde Dich ſofort.

Ich werde dem Herrn Hauptmann ſogleich berichten, ob die Vorausſetzung von dem grimmen Haſſe richt tig iſt, verſetzte Friedrich wieder lächelnd.aber lieber wäre mir, ſtatt des Verbots, Ihren annen zu nennen, eine kleine Inſtruction, was ich ſagen ſoll, wenn ſie mich geradezu nach Ihnen fragt... und, ſetzte Friedrich, aus dem ſcherzenden Tone, den er ſich bis jetzt erlaubt hatte, herausgehend hinzu, denn der Officier zog ſeine Stirnfalte kraus,und eine kleine Inſtruction, wie ich mich denn überhaupt zu betragen habe; ich habe noch in meinem ganzen Leben nicht mit einer vornehmen Dame geſprochen und es iſt mir ein wenig beklommen dabei zu Muthe, um es aufrichtig zu geſtehen.

Wie Du Dich betragen ſollſt?... nun, wie ein tapferer Soldat; Du kannſt etwas weniger ſteif und reglementmäßig da⸗ ſtehen, als Du jetzt thuſt, und reden kannſt Du, wie Du mit mir redeſt, wenn wir nicht im Dienſt ſind, ſondern als zwei gute Cameraden aus einem Kirchſpiel, die in des Königs Nock faſt mitſammen aufgewachſen ſind, zuſammen plaudern. Das wird ihr am beten gefallen. Die Mütze mußt Du abnehmen, ich denb, das weißt Du ſelber⸗ und nun ſieh, wie Du Dich aus der Affaire ziehſt und Deinem Corps Ehre machſt. Alſo, geh' und

höre, was ſie Dir zu ſagen hat; wir werden ja ſehen, was es iſt!

aber auf Deinen Stand⸗

Friedrich legte die Hand an die Mütze und machte Rechts⸗ umkehrt. Als er gegangen, ſprang der Officier auf und rannte in auffallender Erregung in ſeinem Zimmer auf und ab.

Das Geſpräch mit Friedrich hatte in ſeinem Herzen grauſam den wunden Fleck, die thörichte, aber nicht zu bezwingende Leiden⸗ ſchaft für die einzige Fraul in der Welt, die er nicht hätte lieben ſollen, berührt. Sein Vater hatte ihn im Haſſe wider den Namen Stromeck auferzogen. Dann war der Vater geſtorben und hatte ſein Beſitzthum ſehr verſchuldet hinterlaſſen. Der junge von Mech⸗

telbeck war, während die Vormünder die Schuld abzutragen ſorg⸗ dene in der fernen Reſidenz in Militärſchulen für enan Wef auferzogen; ſeine Mutter war mit ihm in die Reſidenz gezogen und lebte noch dort; er ſelbſt, mit Leib und Seele Soldnn⸗ dabei mit einem eiſernen Fleiße begabt, hatte ſich raſch befördert geſehen, aber über ſeinem Intereſſe für den Dienſt gänzlich ſein Stamm⸗ gut vernachläſſigt, das er unter guter Hut wußte und, in ſeinen Bedürfniſſen anſpruchlos, wie er war, ſich ungeſtört aus der Ver⸗ wirrung loswickeln ließ, in welcher ſein Vater es hinterlaſſen.

So kam es, daß er Agathe von Stromeck, die jetzt die junge Wittwe eines vor einigen Jahren geſtorbenen Legationsrathes von Thorbach war, weder als Knabe noch ſpäter je geſehen. Erſt als ſeine füngſte Befördeuung ihn in die Nrovinch de hondr iſtadt brachte, in welcher ſie d den Winter verlebte, ſah er ſie; ſchon der Gedanke, daß er dieſe Frau haſſen ſolle, ließ ſein Auge mit doppeltem Intereſſe auf ihr ruhen, und dabei entdeckte dies Auge eine ſolche Anmuth, einen ſolchen Neiz, etwas ſo Verführeriſches in der hübſchen, leb⸗ haften, vielumworbenen Fun, daß ſein ganzes Herz den Blicken nachflog. Aber ach, er war ja nicht der, welcher ſich unter die Werber, die Frau von Thorbach umringten, dräugen durfte! Der Gedanke, bei ihr auf den unverhohlenen Ausdruck der Geſinnungen, welche ſie gegen ihn hegen mußte, zu ſtoßen, war etwas ſo Schmerz⸗ liches, daß ſeine ſcheue Natur ſich nicht zu dem Entſchluß aufraffte, es auf die Erfahrung ankommen zu laſſen, nicht zu dem Verſuch, ob jene Geſinnungen nicht zu überwinden ſeien. Dazu war Frau von Thorbach ja ſtets ſo umringt, eine Schaar von Bewunderern umgab ſie; Frau von Thorbach war re ich, ſehr reich, es war nicht möglich, ſich ihr zu nähern, ohne einen Schein auf ſich zu lader wider den der Stolz des Hauptmanns von Mechtelbeck ſich hoch aufbäumte und empörte... und ſo kam es, daß er ihr

fremd und fern geblieben, daß er der einzige Mann in der Ge⸗

ſellſch haft geblieben, der Frau von Thorbach nicht huldigte. Der Hauptmann von Mechtelbeck aber war durch ſeine äuß