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Erſcheinung ſowohl, wie ſeinen Geiſt, ſeine hervorragende Bildung, die ihn ja auch der Waffe zugeführt hatte, welche das ernſteſte wiſſenſchaftliche Streben bedingt, kein Mann, den man überſieht. Auch Frau von Thorbach hatte ihn nicht überſehen, den einzigen Mann, der ſich in ſo ſtolzer, kühler Entfernung von ihr hielt... mit einer Conſequenz, welche ſie endlich als eine ſie reizende, ſtachelnde Demüthigung empfand: ſie hätte ihn ſtrafen mögen da⸗ für, ihn zu ihren Füßen niedergezwungen ſehen mögen, ihn vor allen Andern was waren ihr im Grunde alle Andern, da dieſes ſtolze Haupt ſich nicht vor ihr beugen wollte— alle An⸗ dern ermüdeten, langweilten ſie, nur der Eine zog ihre Gedanken an und ſie ließ, wenn ihr Blick ihm begegnete, dieſen Blick mit einem ſo hochmüthig zornigen Ausdruck auf ihm ruhen, daß der Hauptmann darin nichts Anderes leſen konnte, als den Abglanz jener alten Flamme der Erbfeindſchaft, worin die Sproſſen der Häuſer Stromeck und Mechtelbeck erzogen waren. 4.
Friedrich war unterdeſſen in ſein Quartier geſchritten, um ſich reiſefertig zu machen. Nachdem er ſeinem Oberfeuerwerker ſeine Urlaubsreiſe angemeldet, begab er ſich zum Poſthofe, um die Fahr⸗ poſt zu benutzen, welche in den Nachmittagsſtunden nach der Ge⸗ gend ſeiner heimathlichen Bauernſchaft abging. Er hatte eine kleine Stunde von der letzten Station zu marſchiren, bevor er das Dorf, welches zunächſt ſein Ziel war, erreichte; die Gruppe Häuſer nämlich, welche um die Kirche, das Pfarrhaus, die Knaben⸗ und die Mädchenſchule herum lagen und das eigentliche Dorf bil⸗ deten, während die auf einem Umkreiſe von einer Stunde umher zerſtreuten Höfe die Bauernſchaft hießen. Es war Dämmerung, als Friedrich an der Knabenſchule vorüber in den Schaiten der grauen, alten Dorfkirche hineinſchritt; das Herz, wenn nicht gerade ſchwer, doch ernſt geſtimmt, mit einem Anflug von Rührung an den guten Schulmeiſter denkend, der ihn erzogen hatte, den er als ſeinen Vater betrachtete, der auch ſein treuer Vater geweſen war, mochten ihm auch boshafte Jungen, mit denen er die Schule be⸗ ſucht, oft genug vorgeworfen haben, er ſei ein Findelkind und heiße Schwelle, weil er Jemandem vor die Schwelle gelegt worden. Ihn hatle das immer wenig gekümmert, und wenn er auch zuweilen darüber zu brüten begonnen, hatte er ſich doch immer bald ge⸗ ſagt, daß es ihm verzweifelt wenig nützen könne, ſich darüber den Kopf zu zerbrechen, daß er mit ſeinem alten Pflegevater beſſer zufrieden ſein könne, als hundert Andere mit ihrem rechten, und daß er ehn nicht verlaſſen möchte, um Alles in der Welt nicht. Aber er hatte ihn endlich doch verlaſſen müſſen, denn mit ſechszehn Jahren war er fort, weit fortgeſchickt worden, um einen Soldaten aus ſich machen zu laſſen, und dann hatte der alte Mann endlich ihn verlaſſen; er war geſtorben, plötzlich, ohne daß Friedrich nur ihn wiedergeſehen, und jetzt mußte er irgendwo hier unter dem grünen Raſen im Schatten der alten Kirche liegen... Friedrich fühlte ein wenig ſein Gewiſſen bedrückt, daß er nicht ein einziges Mal gekommen, das Grab des Alten wenigſtens zu beſuchen.
In dieſer Stimmung betrat er das ſtattliche Dorfwirthshaus, in deſſen geräumiger Küche ein helles Heerdfeuer loderte und ſeinen Schein in den blanken Kupferkeſſeln und Meſſinggeräthen ſpiegelte, welche an den geweißten Wänden glänzten.
Er warf ſeinen Torniſter ab, ſetzte ſich in die Ecke hinter dem langen Tiſch und beſtellte bei der Wirthin, welche, hinter dem Feuer ſitzend, Salat ablas, ein Abendeſſen.
Land
Nr. 25.
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Bilder aus dem Schwarzwald. J. Das Höllenthal.
„Ja, ja,“ ſagte der fürſtliche Rath zu Donaueſchingen, als hatten wir uns wenig auf's Bewundern verlegt, da wir nech
wir den weitern Reiſeplan beriethen,„wenn Sie da hinunterkom⸗ mnen über St. Blaſien nach Herriſchried und Rickenbach— das ſind die rechten Hotzenneſter!“
Am andern Morgen fuhren wir auch wieder von Donau⸗ eſchingen fort und dachten nicht weiter an die Hotzen; dagegen beſchäftigte uns die Anſchauung der Landſchaft, welche allmählich bedeutender zu werden begann. Einem Touriſten, der es gut mit ſich ſelber meint, ſoll es zwar überall gefallen, aber es kommt
Die kleine, runde Frau ließ es nicht an höflichem Beſtreben, mit dem Gaſte ein Geſpräch anzuknüpfen, fehlen, aber Friedrich war einſilbig. Er hatte ſich ſo gewandt, daß er durch's Fenſter in den dunkelnden Abend hinausſah, und die Gegenſtände, die er erkannte, die ihm ſo vertraut und bekannt waren und die alle merkwürdiger Weiſe noch ſo ganz auf dem alten Platze ſtanden und ganz ſo ausſahen, wie ſie vor Jahren gethan, verſenkten ihn in allerlei Gedanken und Träumereien.
Aus dieſen Träumereien wurde er erſt erweckt, als der Wirth und eine Magd eintraten und der Wirth ſich zu ihm an den Tiſch ſetzte, um ſeinen Abendtrunk einzunehmen. Dies erinnerte ihn erſt daran, daß er ebenfalls durſtig ſei.
„He, Vater Tillmann,“ ſagte er jetzt, ſeine Cigarrentaſche hervorziehend,„bis Eure Mutter Gertrud mit dem Abendeſſen fertig iſt, laßt Ihr auch mir wohl eine Flaſche von Eurem Ge⸗ tränk da zukommen. Und ein wenig Feuer gebt mir. Was macht Euer Scheckfohlen, iſt's noch am Leben? Euer biſſiger Köter, der Latſch, iſt mir noch nicht zwiſchen die Beine gefahren, ich ſchließe zu meiner Freude daraus, daß er den Weg alles Hunde⸗ fleiſches gegangen iſt.“
Der Wirth ſah den Fremden verwundert an und ſagte:„Sie
ſind hierorts gut bekannt, wie's ſcheint... Sie ſind... ach, doch nicht gar... gewiß, jetzt kenn' ich Sie ſchon... Sie ſind
der Friedrich, der...“
„Der Friedrich in eigener Perſon, Vater Tillmann, kannſt deshalb nur immer, wie ehemals, Du ſagen... die reitende Artillerie, mußt Du wiſſen, iſt zwar ein ſtolzes Corps, aber alte Freunde kennt man darum doch noch.“
„Schau her, der Friedrich, Mutter!“ rief ſroh Vater Till⸗ mann aus.
„Ei ja, und wie der groß und ſtark und ſtattlich geworden iſt!“ rief Mutter Gertrud, die Hände zuſammenſchlagend, dagegen, „ich hätte ihn wahrhaſtig nicht wieder erkannt, Du haſt ſolch' ein Auge für die Leute, Vater, Du vergißt Niemanden.“
„Und wie geht's denn noch im Dorfe?“ fragte Friedrich.
„Wie ſollt's gehen,“ antwortete Mutter Gertrud,„man ſchlägt ſich ſo eben durch.“
„Ei was,“ rief Vater Tillmann,„man ſchlägt ſich nicht durch, es geht ganz ordentlich zu und könnt' viel ſchlimmer ſein.“
„Ja, Peter, Du haſt ſolch' einen guten Muth, Dich ſicht nichts an, aber unſere ſchwarzbunte Kuh...“
„Laß jetzt den Friedrich mit der ſchwarzbunten Kuh unge⸗ ſchoren,“ ſagte Vater Tillmann,„er wird ja bald ſelbſt ſehen können, wie's im Dorfe ſteht, und mehr davon hören, denn jetzt bleibſt' doch eine Weile bei uns, oder wohl ganz... wie haſt es überlegt? Bleibſt beim Militär oder dankſt ab?“
„Abdanken?“ lachte Friedrich.„Und wozu ſollt' ich abdan⸗ ken? Der Rock aus zweierlei Tuch auf meinem Rücken hält mich nicht blos warm, er nährt mich auch. Wenn ich ihn ab⸗ legte, könnte ich nur gleich ein Bauerknecht werden. Haſt etwa einen nöthig und zählſt auf mich, alter Tillmann? Dann rechneſt Du falſch!“
„Nun, ich meine doch,“ verſetzte der alte Tillmann,„wenn Du die reiche Bauerntochter bekommſt, ſo könnteſt Du auch ſo leben, ohne die Hungerleiderei bei den Soldaten.“
(Fortſetzung folgt.)
und Leute.
Von Ludwig Steub.
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ihm doch ſchwer an, alle Vergleichungen fern zu halten. Bisher immer der letzten Wanderungen in anderen Gebirgen eingedenk waren. Auf dem hohen Rechberg und dem Hohenſtaufen war zwar, wie uns dünkte, viel Wald und Feld, aber ſonſt wenig Erhebliches zu ſehen,— den hohen Neuffen und den Hohenzollern hatte es verregnet,— die gewöhnliche Landſchaft an der Straße her ſchien nur gewöhnlichen Anforderungen genügend,— die kleinen württembergiſchen Städtchen mit ihren ungepflaſterten Straßen und
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