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„Es thäte Noth, daß man noch ein neues Schloß, doppelt ſo groß wie das alte, und noch einen neuen Marſtall baute,“ er widerte Wilhelm,„für all das gierige Hofvolk, das freie Wohnung zund Pferdefutter verlangt!“
„Ich muß gehen und meinen Napport abliefern,“ bemerkte der Veutenant,„gehab' Dich wohl, Wilhelm, und ſei guten Muthes.“
Der Offieier ging in's Schloß und wandte ſich hier den der Generaladſutnntur eingeräumten Bureaux zu, wo er einen Rapport abzugeben und eine Meldung zu machen hatte. Als er das Schloß wieder verlaſſen wollte und, auf der Portalſchwelle ſtehen bleibend, ſeinen Mantel eben dichter um ſich ſchlug, um in das Wetter draußen hineinzuſchreiten, fühlte er eine Hand leiſe, beinahe wie zitternd, ſich auf ſeine Achſel legen; er blickte um und ſah im Schein der zwei auf der Rampe flammenden und im Winde hin znnd her flackernden Lichter in das Geſicht eines ältlichen Mannes, der aus großen Augen mit einem eigenthümlichen Blicke zu ihm aufſchaute, faſt wie hülfeflehend, wie ganz namenlos geängſtigt, in deſſen bleichen Zügen etwas unheimlich Geſpanntes lag und deſſen zitternde Stimme doch mit einer ſolchen Unbefangenheit und Heiter keit„Guten Abend, mein lieber Herr Menſing!“ ſprach, daß Nie mandem das Gezwungene des Tones hätte entgehen können; ein Kind hätte es wahrgenommen, wie ſehr ſich dieſer Mann Gewalt
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anthat, um ſo unbefangen zu ſprechen. 1 „Ah, Sie ſind es! Guten Abend, Herr Inſpector,“
antwortete der Officier dem Manne, der ſehr elegant in Frack, kurze, ſeidene Beinkleider und ſeidene Stümpfe gekleidet war, die dargeſtreckte, aus glänzend weißen Manſchetten hervorragende Hand ſchüttelnd.„aber um Himmelswillen, wie ſehen Sie denn aus, Sie blicken mich ja an, als ob Sie einen Geiſt ſähen, lieber Seitz... ſind Sie nicht wohl?“
„Wohl? gewiß ſehr wohl; weshalb meinen Sie, ich wäre nicht wohl? ich befinde mich à merveille, lieber Freund.
Der blaſſe und jetzt plötzlich ſcheu um ſich blickende ältliche Herr rief dies mit einem auffallenden Eifer und einem erzwunge⸗ men Lachen aus, daß es unheimlich anzuhören war.
„Hören Sie, lieber Seitz,“ ſagte der Lieutenant, ſeinen Arm unter den des Inſpectors ſchiebend,„gehen Sie in Ihre Wohnung zurück?“ „Das wollte ich eben wollen Sie mich begleiten?“
„Wenn Sie's erlauben, ja; wir ſind alte Freunde, denk' ich,
oder beſſer, Sie ſind immer voll Freundlichkeit und Güten gegen mich geweſen, und darum möchte ich mir jetzt herausnehmen, Ihnen eine kleine Strafpredigt zu halten; das mag von einem ſo jungen Menſchen, wie ich bin, einem ſo reſpectabeln Herrn wie Ihnen gegenüber, ſehr anfiandowidrig ſein... thut aber nichts, es geht nun einmal nicht anders; die Strafpredigt verdienen Sie, und es kann ſie Ihnen kein Anderer halten, denn kein Anderer hier oben kennt das Geheimniß, das Sie drückt, als ich...“
Die beiden Männer waren während dieſer Worte aus dem Schloßportal hinausgeſchritten und gingen auf dem Kieswege da vor links dem Nebengebäude zu, in welchem die Wohnung des. Schlohänſpertors Seitz lag.„
Bei den letzten Worten des Officiers aber war der Inſpector plötzlich, wie von einem elektriſchen Schlage berührt, ſtehen geblie ben... Menſing fühlte, daß eine Erſchütterung durch ſeine ganze Geſtalt ging, daß der Arm, der auf dem ſeinen lag, zittere.
„O mein Gott,“ ſagte er, wie nach Athem ringend,„Sie wiſſen— Sie, Menſing, Sie wiſen.. 2“ und wie mit einem Ausbruch von Läidenſc aft, aber mit angſtl ich gedämpfter Stimme
rief er Uänn.„Was— was ſagen Sie? As wiſſen Sie?“
Menſing ſchaute, betroffen von dieſer gewaltigen Aufregung des Mannes, in die Züge deſſelben, deren Ausdruck ihm die dun⸗ kelnde Nacht verbarg, aber die noch entſetzter und bleicher, als vorhin, auszuſehen ſchienen.
„Es kommt mir vor, als ob dieſer alte Seitz über all das, was der arme Menſch in der letzten Zeit hat erleben müſſen, ver⸗ rückt geworden wärel ſagte ſich der Officier, und den Arm des alten Herrn wieder ergreifend, antwortete er:„Ich weiß, was Ihnen im Stillen am Herzen nagt, lieber Inſpector. Es iſt nicht allei in, daß Sie, 8 alte, treue e der ſein Blut und ſei*
die unſer Aller Schickfal genommnen hat, funden kann
nicht allein... es liegt Ihnen noch etwas Anderes auf der e i „Mir liegt nichts, gar nichts auf der Seele!“ unterbrach
abermals ſtehen bleibend zund mit der leidenſchaftlichſten Erregun
der Ofſicier mit ruhiger Beſtimmtheit,
Hand geſtützt und ſeufzte wieder aus tiefſter Brn
lichen Handwerkers. Die
ſeines ganzen Weſens der Inſpector.„Menſing, ich bitte Sie, was ſollte mir auf der Seele liegen der König hat mich in meinem Amt, in vollen Würden und Einkommen gelaſſen und...“ „Nuxr gemach, rufen Sie nicht ſo laut, alter Herr,“ verſetzte „und kommen Sie weiter, damit wir 6 Ihrem ſtillen Zimmer gemüthlich und unbelauſcht von der Sache reden können!“— „Ja, ja, kommen Sie,“ fiel der Inſpectov jetzt leiſe aufathe mend, flüſternd ein, als ob eine innere Angſt ihm alle Kraft des
Widerſpruchs und des, Widerſtandes plötzlich gebrochen habe,„kom men Sie, Menſing, kommen Sie, laſſen Sie uns veden, reden⸗
davon o mein Gott, es bricht mir das Herz ab, wenn ich micht endlich einmal mit einem ehrlichen Menſchen davon reden lann.. von den guten alten Zeiten.“
Und ſo kangſam und ſchleppend, wie der Inſßector bisher ge ſchritten, ſo aufgeregt haſtig eilte er jetzt, den jungen Mann mit ſich fortziehend, davon, ſeiner Wohnung zu.
Die Wohnung des Inſpectors lag in einem anſehnlichen Nebengebäude, zu ebener Erde. Man trat aus dem Gange in das Wohnzimmer, dann in ein zweites dahinter liegendes; es war das Arbeitszimmer des Inſpectors. Obwohl dieſer, der inm ſeiner Jugend mit Landgraf Früüprich dem Zweiten in Paris und Italien gelebt, der als bevorzugter Diener mit ſeinem Kurfürſten, Wilhelm dem Erſten, in tägliche perſönliche Berührung lam, in ſeiner äußern Erſcheinung, in ſeinem ſorgfältigen gewählten Au zuge, in ſeinem ganzen Weſen den Hofmann zeigte, waren die Zimmer doch mit ganz bürgerlicher Beſcheidenheit, faſt Aermlichkeit eingerichtet. Aber der Ofen flackerte behaglich in dem Arbeits zimmer; eine mit einem Schirm verhüllte Lampe erleuchtete es; hinter dem Tiſch mit der Lampe breitete ein lederüberzogener Ruheſeſſel einladend ſeine Arme aus, kurz, der kleine Raum machte einen höchſt behaglichen Eindruck, und der Inſpector ſeufzte wie erleichtert auf, als er die Thür hintér ſich geſchloſſen und num matt ſich in ſeinen Seſſel fallen ließ.
Der Officier warf ſeinen Mantel ab und zog ſich einen Stuhl an den Tiſch, ſo daß er dicht neben den Inſpector zu ſitzen kam.
„Sehen Sie, lieber Seitz,“ ſagte er, indem er ſeine Hand auf den Arm des alten Mannes legte, der mit den großen, ein geſunkenen und feuchten blauen Augen die Lampe anſtaxrte, „ſehen Sie, ich wohne drunten in der Stadt bei der Frau⸗ Momberg, und zur Frau Momberg geht Ihre Tochter, um Nähen, Schneidern und was weiß ich Alles von ihr zu erlernen; znund weil nicht allein die Frau Momberg, ſondern auch die Eliſe wiſſen, daß ſie mir vertrauen können, ſo brauchen Sie ſich nicht zu verwundern, daß ich in das ganze Geheimniß eingeweiht bin...“
Der Inſpector Seitz hatte, während der Offieier ſo ſprach, ihm langſam ſein Geſicht zugewendet und ihn mit einem Blickh furchtbarer Spannung angeſehen.
„Die Eliſe... die Momberg... Chriſti unſeres Herrn willen, Momberg, die Eliſe wiſſen
„Nun, was ſollten ſie nicht?“ fiel Menſing erſtaunt ein. „Sie haben ja ſelber der Eliſe geſagt, daß der junge Menſch, den Eliſe als ihren Bräutigam betrachten durfte, jetzt, nichts mehr als ein Reitknecht iſt, Ihre Schwelle nicht mehr...
„Wie? der Wilhelm?“ fuhr Seitz auf,„und davon reden Sie? von dem?“
„Wovon anders. Sie haben geglanbi⸗ ſo handeln zu müſſen, und ſehen doch, daß Herz dabei bricht„und nun...
„Alſo das iſt Alles, das iſt das ganze Geheimniß, das Sie wiſſen?“ vief der Inſpettor mit einer Erleichterung aus, welche er gar nicht zu verbergen bemüht war.
Menſing ſah ihn Löchſt überraſcht und mit ſcharf prüfendem Blick an.
„So handelt es ſich um etwas Anderes, das Ihnen am Herzen nagt?“
Der alte Herr antwortete
Menſing, ich bitte Sie um Sie wollen nicht ſagen, daß die
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Seitz, als Vater Ihres einzigen Kindes
Schlimmeres, Seitz,
nicht; er hatten den Kopf auf die „Hören Sie, lieber Inſpector,“ fuhr der h. aemn fort, nich denke, Sie kennen mich. Sie iſſen auch, wer ich
wem ich meine Exiſtenz verdanke! ch bin derr Soh enens Prinzeſſin Marie, dir Sa alten Landgrafen, dem Sie Alles verdanken,
ſeitdèm er


