Jahrgang 
1 (1868)
Seite
16
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Körben und Stöcken, die bärtigen Mönche im Nachtrab, die ſchöne Herbſt beleuchtung über die Gebirgslandſchaften ausgegoſſen, wären ein prächtiges Motiv für einen Genremaler. Die Thiere werden ſo täglich zu Tauſenden geſammelt, und ſchwerbeladen kehren die frommen Väter Abends ins Kloſter zurück und liefern ihren Schatz demSchneckengarten ab, wo die Thiere gemäſtet werden. Es iſt dies ein großes Gartenbeet, welches mit etwa vier Fuß hohen Brettern eingefriedet iſt; an der innern Seite der Bretter iſt nebſtdem eine kleine Mauer von Sägeſpähnen errichtet, damit die Thiere nicht herauskriechen können. In dieſem Gelaß nun liegen die Schnecken zu Tauſenden übereinander und werden täglich mehrere Male gefüttert. 3

Unglaublich iſt die Gefräßigkeit, die in dieſen Wildgehegen herrſcht; die größten Körbe voll Salat und Kohl ſind im Nu verſchwunden, und ſo klein auch die Kinnladen der Thierchen ſind die Schnelligkeit, mit der ſie in Thätigkeit verſetzt werden, und die große Zahl der Freſſer verurſachen ein Geräuſch, das man ſchon auf einige Schritte Entfernung hört und welches Aehnlichkeit mit dem Knabbern der Kaninchen hat. Sobald die erſten Fröſte vor der Thür ſtehen, deckeln ſich die Schnecken ein, d. h. ſie ver⸗ ſchließen ihr Gehäuſe mit einer Klappe von kohlenſaurem Kalk, hinter welcher ſie in der klöſterlichen Stille den Winterſchlaf des Gerechten be⸗ gehen. Damit iſt denn auch der Augenblick gekommen, wo die Schnecken aus dem Paradieſe der Schneckengärten verſtoßen und in die Keller ge⸗ bracht werden, in welchen ſie, gleich den Cocons, auf Hürden ausgebreitet und zum Verſpeiſen je nach Bedarf heraufgeholt werden. Die Zuberei⸗ tung iſt ſehr complicirt und jedes Kloſter hat ſeine eigenen Recepte und Kräutermiſchungen. Immerhin aber beſteht die erſte Operation darin, daß ſie ſammt dem Deckel bei lebendigem Leibe(zur Strafe für Fraß und Völlerei) geſotten werden, bei welchem Anlaſſe 4 ein halb ſingendes, halb ziſchendes Geräuſch von ſich geben. Die Dich laſſen, trotz aller Ein⸗ ſprache der Naturwiſſenſchaften, den Schwan mit Singen verenden die Schnecke iſt doch auch nicht von ſchlechten Eltern, ſingt aber umſonſt: kein Poet hat ſie noch verherrlicht!

Neben den Klöſtern befaſſen ſich auch noch einzelne Privaten mit dem Schneckenfang gewerbsmäßig und treiben mit dieſen Thieren einen ziemlich bedeutenden Exporthandel, namentlich nach Italien, und wiederum ſind die Klöſter die Hauptabnehmer. Das intereſſante Thier macht oft recht große Reiſen, bis nach Süditalien; da es aber nur im Stadium des Winter ſchlafes verſendet werden kann, reiſt es ſo ziemlich wie die Mehrzahl britiſcher Touriſten ohne Nutzen und ohne Vergnügen. Dieſer Export⸗ handel hat ſeinen Sitz namentlich in der Oſtſchweiz, den Cantonen St. Gallen, Graubünden und Glarus. Die Thiere werden in ſtarken Fäſſern mit feſten eiſernen Reifen verſandt, was ſeinen guten Grund hat. Wenn ſie nämlich über die Alpenpäſſe hinüber und in das Land gelangt ſind, woein ſanfter Wind vom blauen Himmel weht, ſo entſtehen in den Herzen der Gefangenen Frühlingsahnungen; geht die Reiſe langſam, bleiben ſie längere Zeit in ſüdlichen Lagerhäuſern liegen, ſo ſprengen ſie ihre Deckel und der Freiheitsdrang erwacht. Wohl iſt eine einzelne Schnecke ſchwach, aber Ein⸗ tracht macht bekanntlich ſtark, und ſo iſt es denn, namentlich in den vor⸗ eiſenbahnlichen Zeiten, nicht ſelten vorgekommen, daß feſte Fäſſer von den aufrühreriſchen Burſchen geſprengt und eine Völkerwanderung vonSeclaven, die die Kette gebrochen, ſich über die italieniſchen Lande ergoß.

Zum Schluſſe noch eine culturhiſtoriſche Bemerkung: Die Schweiz iſt eines der religiös⸗toleranteſten Länder und von dem Geiſte, der einſt die Religionskriege hervorgerufen, ſind keine Spuren mehr vorhanden. Aber Eines iſt poſitiv: die Proteſtanten eſſen keine Schnecken und bekennen einen ausgeſprochenen Widerwillen gegen den Genuß dieſesunreinen Thieres!

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Aus Offenbach's Familienleben. Jacques Offenbach, der Componiſt ſo vieler überſprudelnd luſtiger, ja übermüthig⸗ſinnlicher Operetten, wie Orpheus in der Unterwelt,die ſchöne Helena und noch vieler anderer, durch deren Ertrag er jetzt zum reichen Mann geworden iſt, hat ein viel bewegtes Leben gehabt und lange mit Noth und Entbehrungen gekämpft. Schon mit ſieben Jahren kam er aus ſeiner Vaterſtadt Köln nach Paris, wo er hauptſächlich unter Halévy's Leitung Muſik ſtudirte und das Pariſer Leben von allen Seiten kennen lernte. Denn dazu hatte der junge Künſt ler, der in den vornehmen Cirkeln Concerte gab und als Virtuos glänzte, während er daheim in ſeiner kleinen, einſamen Kammer die härteſten Ent behrungen trug, reichliche Gelegenheit; zu Hauſe erging er ſich in philoſo phiſchen Reflexionen, während ihn die ewig wirbelnde Umgebung des Theaters und der Künſtlerkreiſe in den Strudel des Lebens hineinriſſen.

Die Sehnſucht nach dem Familienleben führte ihn zu einer frühen Ehe, zu der Verbindung mit einem ſchönen, guten und geiſtvollen Mädchen ſpaniſcher Herkunft, welches damals in Marſeille wohnte. Dieſer Schritt war ein Glück für Offenbach, er hatte ihn nie zu bereuen. Er gab ihm Halt im Leben, eine Stütze in der Noth, die Charakterfeſtigkeit und heiter⸗ ſchöne Laune in das Haus, den theilnahmsvollſten Freund in jeder ſchwie⸗ rigen Lage, den ſchönſten Lohn eines ſchaffenden Mannes: die verklärende Freude des Weibes über die Triumphe ihres Gatten. Offenbach iſt ein trefflicher Familienvater, der ſeine fünf Kinder mit der tiefſten Liebe um fängt und ſein ſchönſtes Glück in ihrem Kreiſe findet. Den Sinn für das Familienleben, den ſchönen Zug des Juden, hat er ſich trotz des vor ſeiner Heirath ausgeführten Uebertritts zum Chriſtenthume bewahrt, ſo daß Nie mand den Offenbach des Theaters in dem Hausvater Offenbach vermuthen

würde.

Wie lange hatte er ſchwer zu kämpfen und wie arm war er einſt! 1848 mußte er mit Weib und Kind Paris verlaſſen, da ſich dort Niemand um Muſik kümmerte und er in der Aufregung, welche daſelbſt herrſchte, keine Ruhe und Muße zum Arbeiten fand. So rreſſte er denn auf's Un⸗ gewiſſe mit den Seinen nach Köln; unterwegs im Waggon überreichte ihm plötzlich ſeine Frau, die liebevolle und muthige Herminie, eine volle Börſe und ſagte ruhig:Hier iſt Geld, Jacques, das ich mir erſpart habe; nimm es zu Dir, damit ich es nicht verliere!

Das Geld reichte freilich nicht lange aus, während die Tage anſcheinend ohne Ende dahin floſſen. Da erhielt Offenbach eine Einladung in Frank⸗ furt zu concertiren, aber als er dort ankam, war Frankfurt in Aufregung und keine Möglichkeit, ein Concert zu geben. Nun fuhr der arme Künſtler mit einem verzweifelten Entſchluſſe nach Homburg, verſuchte ſein Glück an der Spielbank, ſetzte ſeinen letzten Louisd'or und gewann eine für ſeine dama⸗ ligen Verhältniſſe bedeutende Summe, mit welcher er freudig nach Köln zu⸗ rückkehrte.

Als Offenbach noch nicht verheirathet war, rettete ihn auch einmal der glückliche Zufall vor dem Hunger. Er hatte als Künſtler in Paris viele bekannte Familien, in denen er ohne Umſtände um ſechs Uhr zur Eſſensſtunde erſcheinen und ſich einladen konnte. In ein ſolches Haus nun zum Diner zu gehen, entſchloß er ſich eines ſchönen Tages, als er die Entdeckung machte, daß ſeine Caſſe bis auf drei Franes zuſammengeſchmolzen war. Er trat in den Salon und fand den Herrn und die Dame im Begriff auszugehen, denn ſie waren anderswo eingeladen. Man bedauerte und lud Offenbach für jeden anderen beliebigen Tag ein. Der arme Teufel zwang ſich zu der größten Liebenswürdigkeit und ſchlug den Weg nach einem anderen bekann⸗ ten Hauſe ein; allein dieſe Familie wohnte etwas entfernt, und als Offen⸗ bach ankam, war das Diner zu Ende. Er mußte eine Stunde plaudern und ging dann, er wußte ſelbſt nicht wohin. Ganz niedergeſchmettert und von Hunger gequält, ſchritt er in der Paſſage de Panorama hin und her, da trat ein Herr auf ihn zu und ſprach:

Es freut mich, daß ich Sie treffe! Ihr Bruder war ſo freundlich, mir vor einiger Zeit in Bordeaux einen Louisd'or zu leihen; da ich nur kurze Zeit in Paris bleibe und nicht weiß, ob ich ihn treffe, ſo würde ich Sie bitten, das Geld in Empfang zu nehmen.

Natürlich nahm er es mit Vergnügen und eilte zum nächſten Reſtaurant, um zu eſſen. Heute erzählt Offenbach dieſe Anekdoten lächelnd, denn jetzt kann er eben lächeln. Sein gaſtfreies Haus er wohnt in der Rue Lafitte, un⸗ weit Rothſchild iſt jeden Freitag Abend allen Bekannten geöffnet und zum Diner findet ſich auch jede Woche einmal ein Kreis von Bekannten ein. Offenbach's Salon hat viel Anregendes, iſt dabei aber ſtreng bürgerlich; das Theater iſt nie darin vertreten, da Herminie Offenbach ihrer Töchter wegen dieſe Schranke mit Entſchiedenheit aufrecht hielt.

Sonntags iſt Familiendiner, denn die Familie der Hausfrau iſt groß genug, um den Speiſeſaal und Salon zu füllen. Und welches Leben, wenn die lebhafte ſpaniſche Familie und die Kinder beiſammen ſind man hört ſein eigenes Wort nicht, was den Hausherrn aber nicht abhält, in ſeinem Zimmer ruhig fortzuarbeiten. Er kann componiren während des größten Lärmes, ja während ſein jüngſtes Kind, ein reizender blonder Knabe, auf dem Schreibtiſch und eine kleine Tochter auf des Vaters Knieen ſitzt.

So ſchafft er von Morgens ſieben Uhr bis eilf, dann frühſtückt er im Café Riche, welche Gelegenheit er dazu benutzt, um mit ſeinen Dichtern die Sujets zu beſprechen, Aenderungen der Verſe und Scenen anzuordnen, mit Verlegern, Theaterdirectoren und Sängern zu unterhandeln, mit Redac⸗ teuren und Kritikern zu plaudern und den Lebensbedarf an Pariſer Neuig⸗ keiten einzunehmen. Dann geht er zu einer Probe in's Theater, arbeitet vor dem Diner wieder einige Stunden, beſucht die Theater, wo man ſeine Stücke aufführt, und Nachts arbeitet er, wenn es nothwendig iſt, wieder.

In dieſer Weiſe iſt Offenbach's Haus in Paris und ſeine reizende Villa Orphée am Meeresſtrande in Etretat der anſtrengendſten Arbeit und dem häuslichen Glücke gewidmet; hier herrſchen nur die guten Genien, nicht die tollen, luſtigen Kobolde, welche in ſeinen Stücken hauſen

An*** Du lebſt und wenn auch nicht für mich, Ich weiß, Du biſt; ſoll mir dies nicht genügen? Trink' ich der Roſe Duft, die ſich Dem Tag' erſchließt, nicht auch in vollen Zügen? Des Frühlings Morgenſonnenſtrahl, Iſt er nicht mein, weil er auch Andern ſcheinet? Du biſt mein Frühlingsmorgenſtrahl, Von deſſen Glanz mein Aug' geblendet weinet. Wie ich ein Bild von Künſtlerhand Bewund're ohne Wünſchen und Verlangen, So laß mein Herz nur unverwandt An Deiner Seele Himmelsſchönheit hangen.

M. v. T.

Berichtigung. In einer Privatnotiz iſt dem Verfaſſer des kleinen PhantaſiegebildesDas Donauweibchen in Prag(Nr. 49, 1867) die Be⸗ richtigung zugegangen, daß man damals in dem ffürſtlichen Palais die Sonntagskinder in Scene ſetzte und dasDonauweibchen obgleich dieſe Annahme ziemlich verbreitet nicht Wenzel Müller zugeſchrieben werden darf, ſondern dem weniger bekannten Ferdinand Kauer. Die in der Skizze erzählten Einzelheiten dürften ſich alſo auf dieSonntags⸗ kinder oder eine andere Oper Müller's beziehen. Der Verf.

Inhalt: Der Schatz des Kurfürſten. ſtein. Mit Illuſtration. Alte Städte und altes Bürgerthum. Heine. Von Heinrich Laube. I. Abbildung und Portrait. An*rr Berichtigung.

Blätter und Blüthen: Eine Jubiläumsſcene.

Verantwortlicher Redacteur Ernſt Keil in Leipzig. Verlag von Ernſt Keil in Leipzig. Druck von

Hiſtoriſche Erzählung von Le g 1. Nürnberg im Norden. Der alte Feldherr in Solothurn.

vin Schücking. Nach dem Maskenballe. Von Moritz Buſch. I. Erinnerungen an Heinrich

Nach Mittheilungen eines Zeitgenoſſen. Von R. O. Ziegler. Mit Kleinſtes Wildpret in der Schweiz. Aus Offenbach's Familienleben.

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Alexander Wiede in Leip

Gedicht von Rud. Löwen⸗

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