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Und hier möge auch dieſer kurze Bericht abbrechen. Die Todes⸗ feierlichkeiten, die in faſt allen Reſidenzen bei der Nachricht vom Tode Koſciuszko's begangen wurden, die Reden und Gedichte, mit denen ihn alle gebildeten Nationen verherrlichten, die Monumente, die ihm zu Krakau und zu Weſtpoint in Nordamerika errichtet wur⸗ den— ſie galten dem Helden und dem glühenden Patrioten,
während dieſer kurze Abriß aus ſeinem Leben den Dulder Koſciuszko, den edeln aufopfernden Freund, den Vater der Armen und ſein kindlich reines Herz in Exinnerung bringen ſollte.
Blätter
Eine Jubiläumsſcene. In Nr. 13 des vorigen Jahrgangs führte die Gartenlaube mit Hinweiſung auf das ſeltene Ehrenfeſt, welches der all gemein gefeierte Böckh am 15. März d. J. begehen durfte, ein Bild der Perſönlichkeit dieſes Mannes, beſonders nach der Seite ſeiner Bürgertugen⸗ den hin, ihren Leſern vor. Inzwiſchen iſt der würdige Greis aus unaus geſetzter, von den weittragendſten Erfolgen gekrönter Thätigkeit durch einen auften Tod geriſſen worden. Noch werden denen die Augen feucht, die ihm nahe geſtanden, wenn ſie des Heimgegangenen gedenken, und manches ſtille Opfer der Pietät wird ihm in den weiteſten Kreiſen durch ehrendes Andenken in warmem Herzſchlage dargebracht. Da tritt denn gerade jetzt mancher Vorfall aus dem reichen Leben des Mannes aus dem Dunkel der Vergangenheit mit plaſtiſcher Lebensfriſche wieder vor die Seele. So erinnert ſich Referent mit beſonderem Vergnügen folgender Epiſode.
Allgemeine Verehrung hatte den beſcheidenen Gelehrten genöthigt, am 15. März 1857, an welchem Tage Böckh fünfzig Jahre im Beſitze des Doctordiploms war, aus ſeiner Zurückgezogenheit herauszutreten und ſich die üblichen, ihm mit beſonderer Freudigkeit und aufrichtiger Hingebung dargsbrachten Huldigungen gefallen zu laſſen. Da durfte denn auch ein kleiner Kreis ſeiner unmittelbaren Schüler es ſich nicht nehmen laſſen, mit der ſchüchternen Gabe einer wiſſenſchaftlichen Abhandlung und wohlgeſetzten Rede ſich dem theuren Lehrer zu nahen. Es war zehn Uhr Morgens, als die Deputation, zu der auch Referent gehörte, das wohlbekannte Haus in der Linksſtraße, das Böckh bis zu ſeinem Tode bewohnt hat, mit untadel hafter weißer Cravatte und einem vor Stolz und Spannung an die Jünglingsbruſt pochenden Herzen betrat. Wir wurden in das Empfangs⸗ zimmer geführt, wo wir bereits eine kleine Schaar von Feſtgenoſſen in maleriſcher'Gruppirung verſammelt fanden. Mit liebenswürdiger Herzlich⸗ keit kam uns der Jubilar entgegen, und während der Sprecher ſeine wohl⸗ memorirte Rede vortrug, konnte ein feinerer Beobachter auf Böckh’s heute ungewöhnlich ernſten Zügen das ihm ſo wohl anſtehende ſchalkhafte Lächeln mehrmals auftauchen und wieder verſchwinden ſehen. Sicher hatte er er wartet, an einem Tage, wo er der ofſiciellen Reden gar viele zu hören und zu beantworten hatte, von dem mit ihm in täglichem Verkehre ſtehenden engeren Schülerkreiſe weniger pomphaft und langathmig begrüßt zu werden. Doch unſern guten Willen anerkennend, entgegnete er uns zwar kurz, aber in äußerſt freundlichen und mit attiſchem Salz ſtark gewürzten Worten, ließ uns indeß auch heraushören, daß es ihm Bedürfniß ſei, aus dem Rahmen des officiellen Ceremoniells, in welches ſein Weſen heute widerwillig hinein gezwängt war, wo es anging, herauszuſchlüpfen. Darum erklärte er uns auch mit liebenswürdiger Offenheit, daß er Luſt habe, vor dem Erſcheinen anderer Deputationen ſich in ſein Studirzimmer zurückzuziehen, um in der ſtillen Verborgenheit deſſelben der heute verpönten, aber von ihm leiden ſchaftlich verehrten Cigarre einige Augenblicke traulichen Beiſammenſeins zu widmen. Sprach's und verſchwand in dem angrenzenden Heiligthum, durch deſſen halboffene Thür wir, während uns Erfriſchungen gereicht wurden, den Jubilar nach einem halb angerauchten, in einer Guttaperchaſpitze ſtecken⸗ den Glimmſtengel greifen und ſich bald mit ſichtbarem Behagen in duften den Rauch einhüllen ſehen konnten, deſſen blaue Ringe ſchnell die letzte Spur officiellen Ernſtes von ſeiner Stirn zu jagen ſchienen.
Doch o wehl ſchon nach wenigen Augenblicken kündete wieder officielles Klingeln neue Gratulanten an. Kaum hatte der Jubilar das Corpus de- licti bei Seite und ſein Geſicht in die nöthigen feierlichen Falten gelegt, als ein freundliches Männchen mit pergamentnem, aber geiſtreichem Antlitz in's Zimmer ſprang und dem überraſchten Jubelgreis um den Hals fiel. Das war keine wohldurchdachte, auf Stelzfüßen daherſchreitende Rede, was da von den beweglichen Lippen des ſeltſamen Gratulanten floß, was er jedoch ſprach, das quoll aus einem warmen, bewegten Herzen und drang mit un widerſtehlicher Gewalt in die Seele. Das mußte eine leidenſchaftlich glühende Natur ſein und gerade in dieſem Augenblicke mußte der reiche Zündſtoff im Innern derſelben zu lichtheller Flamme auflodern. Und wer war der Mann mit dem Feuer des Jünglings und dem Antlitz des Greiſes? Wir erfuhren's ſogleich. Denn jetzt trat Böckh an des Fremden Hand zu uns und ſprach mit Nachdruck:
„Meine Herren, Ihnen, meinen jüngſten Schülern, kann ich nicht um⸗ hin, meinen älteſten Schüler vorzuſtellen; es iſt der Herr Generaldirector Beer.“ Faſt ſchien es, als wollte der Sprecher unſern ungeübten Blick erſt durch den Schleier der Ahnung oder des Zweifels auf die vor uns ſtehende große Perſönlichkeit lenken, da er uns dieſelbe nicht mit der landläufigen Bezeichnung„Generalmuſikdirector Meyerbeer“ vorführte. Nach einer kurzen Pauſe, in der er ſich an unſerm Staunen geweidet, fuhr er fort:„Ja, dieſem waren meine erſten tappenden Lehrverſuche gewidmet, als ich als junger Fant nach Abſolvirung meiner Studien nach Berlin kam. Ich unterrichtete ihn im Hauſe ſeiner Mutter im Griechiſchen.“
„Richtig,“ fiel Meyerbeer ein,„aber ich geſtehe erröthend, daß dieſer Fgefeierte Lehrer mit ſeinem erſten Schüler keine beſondere Ehre eingelegt hat. Die Wiſſenſchaft, die von ſeinem beredten Munde floß, fand bei mir icht den fruchtbarſten Boden.““ 3 „Weil derſelbe auf andere Weiſe cultivirt wurde,“ fiel ſcherzend Böckh ein,„denn allerdings wurde mir oft, wenn ich zu ihm ging, des Hauſes
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d Blüthen.
Pforte mit dem Donnerworte aufgethan:„Den Du ſucheſt, der ſitzt auf ſeiner Clauſe und componirt,“ was für mich immer ein Signal war, mich zurückzuziehen.“ 3 4
„Ja,“ ſagte Meyerbeer,„das war damals ſchon meine Paſſion.“
Noch flogen die Scherze anmuthig von Mund zu Mund, als die An⸗ kunft neuer Deputationen der reizenden Scene ein Ende machte. Uns aber hatte dieſelbe ein neues Blatt aus dem vielbewegten Leben des greiſen Ge⸗ lehrten geöffnet und mancherlei hochwogende Gedanken in unſerer Seele angeregt. Zwei hochgefeierte Männer hatten noch vor der Pforte ihres Ruhmes ſtehend engere Beziehungen zu einander gefunden und dieſelben in einem vielbewegten Leben zu dem unzerreißbaren Bande der Achtung und Freundſchaft ausgebildet, auf welches ſie jetzt an ihrem Lebensabend mit freudiger Genugthuung hinblicken durften. Hatten wohl zufällige, äußer liche Beziehungen in dieſem beiden Männern die natürlichen Gegenſätze von Chriſtenthum und Judenthum, von ſüddeutſchem und norddeutſchem Weſen, von ſtrenger, zerſetzender Wiſſenſchaft und frei ſchaffender Kunſt nicht allein auszugleichen, ſondern zu wahrer Harmonie der Seele umzugeſtalten ver mocht? Nein, innere geiſtige Factoren mußten thätig geweſen ſein, um dieſes wunderbare Zuſammenklingen zweier ſo verſchieden geformter Naturen zu bewirken. Beide Männer, jeder ein Stern erſter Größe in einem der beiden Fächer, in denen der deutſche Geiſt anerkanntermaßen andere Natio nen überragt, waren eben deutſche Männer. In ihnen lebte echt deutſche Geſinnung mit dem ganzen Reichthum ihres ernſten Strebens und ihrer ſinnigen Gemüthstiefe. Deutſches Weſen ſchienen Beide gerade dadurch, daß ſie zum Gegenſtand ihres Denkens und Schaffens das Ausland machten, zu bewußter Klarheit in ſich entfaltet zu haben. Deutſches Weſen alſo war es, in dem ſich der helleniſirende ſüddeutſche Gelehrte mit dem italieniſiren⸗ den und franzöſirenden norddeutſchen Künſtler zuſammengefunden hatte. Hätte unſer verſchleiertes Auge damals ein noch verdecktes Blatt der Ge ſchichte aufheben und über zehn wechſelvolle Jahre hinwegſchweifend die Morgenröthe deutſcher Einheit, die von beiden Männern nur der eine er lebt hat, ſchauen dürfen, dann würde die eben geſchilderte Scene eine noch viel höhere Weihe für das entzückte Seherauge gewonnen haben.
Dr. F.
Kleinſtes Wildpret in der Schweiz. In einem Lande, wie die Schweiz, wo ſchon die Formation des Bodens und die landwirthſchaftlichen Verhältniſſe dem Wildſtande ungünſtig ſind und zudem die Waidluſt eine ſehr verbreitete iſt— faſt jeder Schweizer iſt ja Schütze— kann von großem Wildreichthume keine Rede ſein. Wenn wir die Hochjagd ausneh men, mit der ſich faſt nur die berufsmäßigen Gemsjäger im Hochgebirge be⸗ faſſen, wird dem ſchweizeriſchen Nimrod wenig geboten, und die Zeit dürfte nicht mehr ſo fern ſein, wo der Haſe ebenſo ſpurlos verſchwindet, wie der Steinbock auf unſern Alpen ausgerottet iſt. Ein Wildpret aber, freilich der kleinſten Art, iſt in der Schweiz noch im Ueberfluß vorhanden, wird im Herbſte in Keſſeljagden erbeutet, in Wildgärten gezogen und bildet ſelbſt einen ziemlich ſchwunghaften Exportartikel: die Weinbergſchnecke.
Dieſes kleine Schalthier war ſchon den Römern als feiner Leckerbiſſen bekannt und wurde von ihnen ſo geſchätzt, daß ſie eigene Maſtanſtalten für daſſelbe errichteten. Der große Eiweißgehalt dieſer Schneckenart macht ſie zu einem ſehr nahrhaften Gerichte, und in früheren Zeiten wurde die ſoge nannte„Schneckenbrühe“ bei allen möglichen Schwächezuſtänden, namentlich in der Schwindſucht, viel von den Aerzten verordnet. Als eigentliches Nahrungsmittel wird dagegen dies Thier nur in katholiſchen Ländern au Faſttagen verſpeiſt. Der katholiſche Ritus, der in dieſer Beziehung weniger ſtreng iſt, als der griechiſche, erlaubt nämlich an den Faſttagen den Genuß des Fleiſches der kaltblükigen Thiere, der Fiſche, Fröſche und Schnecken, und auch dasjenige der Fiſchotter, weil ſie ſich ſelbſt ausſchließlich von kaltblüti gen Thieren ernährt(I).
Da nun zu den alle Wochen wiederkehrenden Faſttagen(Freitag und Samstag) im Winter, namentlich vom Sonntag Oeculi bis Oſtern, noch viele außerordentliche Tage des Fleiſchverbotes kommen, ſo hat die Wein bergſchnecke in ſolchen Ländern eine hohe religiös⸗culinariſche Bedeutung, ganz beſonders aber in den Klöſtern, wo der Sinn für die Freuden der Tafel von jeher ſehr ausgebildet war. Namentlich ſind es die Väter Capu ziner, welche die Jagd, Zucht und Zubereitung der Schnecken zu ihrer Specialität mächen. Gleich den Auſtern werden die Schnecken nur in den Monaten mit verſpeiſt. Das Einſammeln geſchieht im Herbſt und das eigentliche Jagdterrain ſind die Gebirge von zwei⸗ bis viertauſend Fuß Höhe. Das Kloſter ſendet im Auguſt und September täglich einige Laienbrüder mit Querſäcken aus, die als Oberjägermeiſter den Fang leiten und als Treiber die liebe Schuljugend aus den Gebirgsdörfern requiriren. Vorzüglich geeignete Jagdtage ſind ſolche nach warmem Regen, der die Thiere aus ihren Schlupfwinkeln herauslockt. Für die liebe Schuljugend ſind ſolche Gebirgstouren Feſttage; wie viel angenehmer dies Waidwerk, als das Einmaleins in der dumpfigen Schulſtube, der kleinen Geſchenke gar nicht zu gedenken, die ihnen die frommen Väter jedesmal zurücklaſſen. So iſt denn jedesmal ein großes Halloh in den Dorfſchulen, wenn der Schnecken⸗ Heerbann erlaſſen wird, und der Auszug des lärmenden jungen Volkes mit
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