Jahrgang 
1 (1868)
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1
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D .

S 0 d 36

tes Familie

Aluſtrir

1...

Das Jahr 1807 nahte ſich ſeinem Ende. Napoleon hatte durch einige neue blutige Schlachten, durch einige neue Ver⸗ gewaltigungen empörter Völker im Laufe deſſelben die Welt ſeinem großen Ziele, der Herrſchaft des ewigen Friedens, um mehrere Etappen näher gebracht. Er hatte in demſelben Gedanken, in ſeinem raſtloſen Drang, die Segnungen der Civiliſation zu ſichern ſo

ein ganz neues König

prieſen es die kaiſerlichen Hofrhetoren reich geſchaffen. In Ermangelung eines beſſeren hatte er ihm den Namen Weſtphalen gegeben. Die Hauptſtadt dieſesWeſt⸗ phalens war die alte Landgrafenreſidenz Caſſel geworden. Seine Provinzen waren aus aller Herren Ländern zuſammengeſchnitten; die Grenzen waren von der Willkür gezogen worden, und dieſelbe Willkür hatte einen hoffnungsvollen jungen Marineofficier als König deſſelben angeſtellt, dem der zuſammengeflickte Herrſcher⸗ mantel vortrefflich zu ſeinem krauſen Haar und ſeinem luſtigen Italienergeſichte ſtand. Der Hof desniedlichen Königs Jerôme reſidirte auf der Wilhelmshöhe, die nun die Napoleonshöhe hieß; hoch über dem Frontiſpiz des Schloſſes erhob ſich eine ſchlanke Fahnenſtange und daran felatterte die franzöſiſche Tricolore, mit dem neuen Wappen des neuen Königs eines neuen Reiches in der Mitte. Der junge Seemann ließ luſtig ſeine Flagge wehen, dem ſcharfen, kalten Nordwinde zum Trotz, der zornig über den Habichtswald herüberblies und ſie hin⸗ und herpeitſchte, als ob er ſie in Stücke Zerreißen wollte, aber vergebens; der Sturm, der ſie in Stücke zerriß, ſollte von einer andern Seite kommen.

Derſelbe ſcharfe Winterwind, der ſich ſo mit König Jerôme's Flagge raufte und an der Stange rüttelte, ohne ſie bezwingen zu können, ſpielte auch mit dem langen, grünen Reitermantel eines hohen, ſtarkgebauten jungen Mannes, welcher, die Allee von Caſſel herauf kommend, dem Schloſſe zuſchritt und zuweilen ſich wenden mußte, um die Enden ſeines Mantels, wenn der Wind ſie weit auseinander geweht hatte, wieder um ſich ſchlagen zu können. In ſolchen Augenblicken ſah man, daß er die hübſche grüne Uniform. ſ neu gebildeten weſtphäliſchen Regiments trug. unter

dem Mantelkragen verrieth ſich eine auf der linken Schulter liegende Epaulette; der junge Mann mußte alſo Lieutenant ſein. Er hatte ein hübſches, höchſt gewinnendes Geſicht,

V welches V weit davon entfernt war, Züge claſſiſcher

Schönheit zu zeigen; es won 1 731 liſch Schönheit 3 zeigen;

war mit ſeiner ſtark ausgebildeten Stirn, ſeinen breiten Wangen, ſeiner kurzen Naſe gewiß nicht danach angethan, zum Modell eines

1* Auf Grundlage mündlicher Mittheilungen und mit Benutzung einer 1

ublatt.

S 7 Wöchentlich 1 ½ bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr.

Der Schatz des Kurfürſten.

Hiſtoriſche Erzählung von Levin

S 8

Herausgeber Ernſt Keil. In Heften à 5 Ngr.

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Schücking. . Bildhauers zu dienen, aber es verrieth die volle Kraft und Friſche der Jugend. Die unter ſtarken Brauen ein wenig tief liegenden braunen Augen leuchteten von Intelligenz, von Jugendmuth und vielleicht auch Uebermuth; um die vollen rothen Lippen des Mundes lag ein Zug von großer Gutmüthigkeit, und Alles in Allem, auch der beſte Patriot konnte dies blühende, vom Sturm und der Anſtrengung des Kampfes mit ihm doppelt geröthete Geſicht nicht anſehen, ohne dieſemdeutſchen Jünglinge Uniform gut zu werden. Von dieſer franzöſiſchen Uniform konnte ja auch er wohl ſagen:Ach, es war nicht meine Wahl! wie es Tauſende mit ihm ſagten! V Von einem der Baumſtämme in ſeinem Wege leuchtete ihm ein großer weißer Anſchlagzettel entgegen, halb abgeriſſen, ſo daß unten die Fetzen des Papiers im Winde flatterten und gegen die Rinde des alten Baumes ſchlugen oben aber ſtand die Zahl 100,000 mit weithin ſichtbaren großen Ziffern darauf gedruckt.

in der franzöſiſchen

Hunderttauſend Franken! murmelte der junge Manu, flüchtig den Zettel mit den Augen ſtreifend und weiter ſchreitend. Ein Schuft würde für weniger zum Verräther! Wozu ſo viel?

Er ſchritt, als er in die Nähe des Schloſſes bis an das große Bowlinggreen gekommen, rechts ab, dem Gebäude des Mar⸗ ſtalls zu. Die Seitenthür zu demſelben ſtand weit offen und ließ in eine lange düſtere Perſpective blicken, aus der wie eine monotone Muſik der Schall von aufgeſtampften Hufen und das Auf- und Niederrollen der Halfterketten dazwiſchen das un⸗ geduldige Gewieher und Schlagen eines Pferdes, der zornige Aus⸗ ruf eines Stallknechts drangen. Dunkle Geſtalten, Männer in grauen Stalljacken, bewegten ſich im Mittel⸗ und Hintergrunde dieſer Perſpective, aber kaum ſichtbar mehr, denn in dem tiefen, langen Raum herrſchte bereits völlige Dämmerung. Ganz hinten wurde ſchon die erſte der in der Mitte des breiten Gangés hängenden Laternen angezündet.

Der Officier warf ſeinen Mantel zurück, als er in die be⸗ haglich warme Atmoſphäre eintrat, welche den Raum erfüllte.

Bei einem der Pferdeſtände, in welchem ein Stallbedienter beſchäftigt war, einem ſtattlichen Rappen die Abendſtreu unter⸗ zuwerfen, blieb er ſtehen.

Guten Abend, Wilhelm, ſagte er,ich komme aus der Stadt und bringe Dir einen Gruß von Deiner Mutter.

Ich danke Ihnen, Herr Lieutenant, antwortete der junge Mann, wie es ſchien, mißvergnügt.

Aufzeichnung des Herrn F. W. Hagedorn in Minden. D. Veuf